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Jan Christophersen – Ein anständiger Mensch

Anstand, was heißt das schon? In diesen Tagen, in denen Unwahrheiten, Poltereien und Verächtlichmachung der Gegner schon politisch vorgelebt werden, hat es eine vermeintlich altmodische Tugend schwer. Doch Steen Friis hält die Fahne des Anstandes hoch. Wie eine Mischung aus Axel Hacke, Asfa Wossen-Asserate und Richard David Precht wirkt dieser Friis, der mit Büchern und Talkshowauftritten sein Geld gemacht hat. Längst hat er große Berühmtheit erlangt und ist vielgefragter Gast in den Medien. Sein Lebensthema dabei stets: Der Anstand und das, was sich gehört. Beziehungsweise das, was sich nicht gehört.

Unzählige Sachbücher und Ratgeber hat er zu diesem Thema verfasst. Entstanden sind sie alle auf einer kleinen dänischen Insel, auf die sich Friis zum Schreiben zurückzieht. Ein ausgebautes Ferienhaus als Schreibklause, das Meer gleich vor der Haustür und kein Internetanschluss. Mehr braucht Friis nicht, um produktiv zu sein.

Mit der Idylle auf der Insel ist es aber schon zu Beginn des Buchs nicht weit her. Denn Gäste haben sich angekündigt. Ein befreundetes Paar kommt Friis und seine Ehefrau besuchen. Er IT-Administrator, sie Friis‘ Agentin. Zusammen wollen die beiden Paare ein paar schöne Tage auf der Insel verbringen. Natur und hyggelige frokost, da seufzen Skandinavien-Liebhaber*innen beglückt auf. Doch so idyllisch, wie sich die Szenerie anfangs ausnimmt, ist es dann natürlich nicht. Denn Friis Frau offenbart ihm, dass sie sich zum anderen Mann hingezogen fühlt. Und auch Friis‘ Agentin und er pflegen ein Verhältnis, das nicht unbedingt anständig zu nennen ist. Bei einem abendlichen Pilz-Essen eskaliert dann die Lage – und zwar gehörig.

Die Frage nach Anstand und Moral

Jan Christophersens Roman erinnerte mich von der Anlage stark an Ian McEwans Kindeswohl. Hier wie da steht ein Mensch im mittleren Lebensalter im Mittelpunkt, den der offen ausgesprochene Wunsch des Ehepartners nach amouröser Abwechslung mit einem anderen Partner völlig aus der Bahn wirft. Ein weiterer Berührungspunkt ist die Frage nach Moral und Ethik, die beiden Büchern zugrunde liegt. Was darf man, was ist gerechtfertigt? Wo sind die Grenzen des Anstands erreicht? Wo McEwans Roman eine tiefenscharfe Auslotung der moralischen Fragen, die im Laufe der Handlung aufgeworfen werden, gelingt, schafft dies Christophersen in seinem Buch nur bedingt. Zwar wird die Frage nach Anstand und dessen Grenzen angeschnitten, wirklich angegangen wird sie nicht. Stattdessen legt Christophersen Wert auf das Vorantreiben der Handlung.

Man freut sich auf einen Abend bei Essen, der Yasmina-Reza-haft eskaliert, doch dann bricht diese Schilderung wieder recht hastig ab, um dann einige Zeit später in Hamburg fortgesetzt zu werden. Gerade von dieser Konfrontation der Paare hätte ich mir viel erhofft. Einsichten in die emotionale Seelenlage der Protagonist*innen, überraschende Geheimnisse, die sich offenbaren, umschwingende Sympathien und Antipathien. Stattdessen flüchtet sich Steen nach der finalen Konfrontation wie ein pubertärer Trotzkopf ins Bettchen und verrammelt die Türe seines Schlafgemachs.

Nicht ganz ausgeschöpftes Potential

Dieser Abend und der gesamte Aufenthalt auf der Insel hätte in meinen Augen deutlich mehr Potential zu dramatischer und philosophischer Ausgestaltung besessen. Stattdessen spielt das letzte Drittel des Romans wieder in Hamburg und bricht damit die Einheit von Zeit und Ort, die Christophersen vorher aufgebaut hat. Auch die Möglichkeiten des unzuverlässigen Erzählers, die Christophersen ab und an aufblitzen lässt, schöpft er nicht wirklich aus. Um sich wirklich nachhaltig in meinem Kopf zu verankern fehlt diesem Buch in meinen Augen die Tiefe. Statt die ethischen Fragen und die Hintergründe der vier beteiligten Personen facettenreich zu beleuchten, verlegt er sich auf die Schilderung von Äußerlichkeiten. Diese gelingen ihm auch besonders in Bezug auf die Schilderung der Natur auf der dänischen Insel ganz hervorragend. Aber mehr bietet dieses sprachlich solide Roman in meinen Augen nicht. Kann man auf alle Fälle lesen, gelungener ist in meinen Augen nach wie vor Ian McEwans Kindeswohl.


Weitere Besprechungen des Buchs findet sich beim Kulturjournal von Fräulein Julia und bei Hauke Harder vom Leseschatz.

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Peter Høeg – Der Susan Effekt

The Great Danish Family

Susan Svendsen ist eine mehr als ungewöhnliche Frau: sie ist Experimental-Physikerin, hat eine Vorliebe für das physikalisch korrekte Kochen und Backen und spielt die Hauptrolle in Peter Høegs neuem Roman Der Susan-Effekt.
http://www.hanser-literaturverlage.de/buch/der-susan-effekt/978-3-446-24904-2/
Nach seinem Welterfolg Fräulein Smillas Gespür für Schnee handelt es sich nun bei seinem neuen Roman wieder um eine Mischung aus Thriller und philosophischem Roman, der eine starke Frauenfigur in den Fokus stellt. Der titelgebende Susan-Effekt wurde dabei von Susans wissenschaftlicher Ziehmutter Andrea Fink entdeckt, die erstmals ein Phänomen klassifizierte, das Susan umgibt: sämtliche Menschen in Susans Umgebung geben im Gespräch mit ihr nämlich das Innerste preis, ähnlich wie bei einem Wahrheitsserum. Und dieser Effekt ist es auch, der die Dänische Regierung brennend interessiert, da er Susan für eine ganz bestimmte Mission prädestiniert. Sie soll sich auf die Suche nach verschwundenen Dokumenten der sogenannten Zukunftskommission machen. Wie Susan langsam herauszufinden beginnt, hat diese Kommission nämlich vor Jahrzehnten zahllose Prognosen und Vorhersagen gemacht, die nahezu komplett so eintraten. Doch während Susan mit Hilfe ihrer hochkriminellen Great Danish Familiy den Dokumenten und Mitgliedern auf die Spur zu kommen versucht, sterben die Mitglieder der Zukunftskommission hintereinander.
Peter Høeg hat einen Roman geschrieben, der Elemente eines Thrillers mit physikalischen Erklärungen und philosophischen Betrachtungen paart. Seine Heldin Susan Svendsen ist dabei eine Alleskönnerin, die mit dem Kuhfuß in ihrer Tasche genauso umzugehen weiß wie mit Männern oder kalibrierten Herden.
Diese fast übermenschlich anmutendende Heldin strapaziert mit ihren ellelangen Ausführungen zu physikalischen Phänomenen und Ähnlichem die Geduld des Leser das ein um das andere Mal. Dann gibt es aber auch wieder Passagen, die zum Nachdenken anregen oder innehalten lassen.
Realismus ist Peter Høegs Sache aber nicht: was Susan angeht, das gelingt ihr. Sie entgeht professionellen Killern, schafft es, im Getriebe der Macht zu bestehen und sogar die Croissants im Backofen gehen bei ihr auf. Glaubwürdig ist an Der Susan-Effekt nahezu nichts.
Das Showdown-Ende in bester James-Bond-Manier lässt den Roman, der Potential zu etwas Ungewöhnlichem gehabt hätte, leider dann doch sehr konventional und fast ein wenig enttäuschend enden.
Generell liegt das Problem des Buchs in seinem Bogen, den Høeg zunächst sehr groß anlegt (die Zukunftskommission, Morde an den Mitgliedern, die Lebensgeschichte von Susans Familie, die Leichen im Keller der dänischen Politik, etc.), dann aber nicht konsequent auserzählt. Stränge laufen ins Leere und für den Budenzauber, den er betreibt, endet das Ganze dann höchst profan.
Ein Lob an dieser Stelle gebührt der Lesung durch Sandra Schwittau. Die ungekürzte Lesung wird von der Schauspielerin mit Nüchternheit, manchmal auch sanfter Ironie oder knallharter Strenge vorgetragen. Sie verleiht Susan Svendsen eine schroffe, markante Stimme. Eine gute Wahl für das neun CDs und über elf Stunden umfassende Werk des dänischen Starautoren!

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Anna Grue – Die guten Frauen von Christianssund

Der kahlköpfige Detektiv

Der dänische Krimi scheint in diesem Herbst Hochkonjunktur zu haben: Das neue Werk von Jussi Adler-Olsen erschien, Jesper Stein startete mit seinem Ermittler eine neue Krimireihe und auch Anna Grue lässt einen Ermittler auf das kleine Land los (übersetzt von Ulrich Sonnenberg).

In der von ihr ersonnenen Stadt Christianssund lebt und arbeitet der kahlköpfige Kreative Dan in einer Werbefirma. In eine depressiven Phase, die er gerade durchlebt, platzt die Info eines Leichenfundes just in Dans Firma. Als Insider hilft er seinem guten Freund, dem Kommissar Flemming Torp, bei den Ermittlungen und wird so zum Detektiv wider Willen.

Obwohl die Erzählung von Anna Grue nicht mit unangenehmen Details geizt, gelingt es der Autorin, das Flair einer hellen und typisch skandinavischen IKEA/Midsommmer-Atmosphäre über ihren Roman zu legen. In Die guten Frauen von Christianssund erzählt sie in der Tradition der skandinavischen Krimiliteratur nicht nur vom Verbrechen, sondern verknüpft das Ganze mit einer großen Prise Sozialkritik.

Mit Dan Sommerdahl steht ein Ermittler im Mittelpunkt, der trotz seiner Depression eigentlich durch das Raster des typischen skandinavischen Ermittlers rasselt: intaktes Sozialleben, attraktives Aussehen und eine Portion Humor – eher ungewöhnlich in einer Welt voller geschiedener und alkoholabhängiger Ermittler. Und so ist Die guten Frauen von Christianssund der Auftakt einer mehrbändigen Reihe (der zweite Band Der Judaskuss erscheint schon bald), der auch für Leser von Donna Leon oder Martin Walker geeignet sein dürfte!

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