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Vorschaufieber Herbst 2026

Das Jahr geht seiner Höhe entgegen – und die Verlagsprogramme schon jetzt dem Jahresende. Denn sukzessive veröffentlichen alle Häuser wieder ihre halbjährlichen Vorschauen für die zweite Jahreshälfte, die ich mir wie üblich vorgenommen habe, um sie hinsichtlich besonders verheißungsvoller Titel zu sichten.

Dabei fällt auch ein bedenklicher Trend auf.

So stellen viele kleiner Häuser ihr Tun ein (siehe beispielsweise das Literaturprogramm des österreichischen Leykam-Verlags oder das des feinen Berenberg-Verlags, der am 31.03. diesen Jahres seine Geschäftstätigkeit einstellte) und verlieren die von ihnen geförderten Autor*innen, wie es beispielsweise bei Adania Shibli und Anne Serre ist, die nun bei anderen Verlagen ein Zuhause gefunden haben. Auch andere kleine Häuser wie etwa Steidl erleben dies. Zuerst hat man mit viel Herzblut und Geduld Autorinnen wie Annika Büsing oder Louise Kennedy entdeckt und gefördert, nur um diese nun an größere Häuser zu verlieren. Andere kleine Verlage wie etwa der Polar-Verlag reduzieren ihre Veröffentlichungsfrequenz um die Hälfte, sodass hier nur noch alle zwei Monate ein neues Buch erscheint.

Das sind bedenkliche Entwicklungen eines schrumpfenden Markts, der aber auch tolle Nachrichten bereithält.
Diese kommen unter anderem aus der bayerischen Landeshauptstadt. So meldet sich der unabhängige Münchner Liebeskind-Verlag nach zwei Jahren Pause nun wieder mit einem verheißungsvollen Programm zurück. Angesichts des so starken und immer wieder überraschenden Programm des Hauses zwischen Western, Nature Writing und Noir eine tolle Neuigkeit, die hoffentlich mit viel Interesse und Käufen vergolten wird.

Noch mehr Verheißungsvolles aus großen wie kleinen Verlagshäusern versammelt so das Vorschaufieber, wie gewohnt aufgeteilt in mehrere Kategorien.
Die Links in den aufgeführten Buchtitel führen wie immer auf die Verlagsseiten, die weiterführende Infos zu den vorgestellten Titeln enthalten.

Ich wünsche gutes Stöbern und vor allem gute Inspiration!

National

Philipp OehmkePapenburg (Piper). Sarah Wipauer – Fehlende Gespenster (Residenz-Verlag). Annika Büsing – Magisch (S. Fischer). Valeria Gordeev – Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle (S. Fischer). Sabrina Janesch – Territorium (Rowohlt).

Lutz SeilerDas tickende Herz (Suhrkamp). Eva MenasseAlleinruhelage (Kiepenheuer & Witsch). Julia von Lucadou – Zeiten erhöhter Gefahr (Hanser Berlin). Luca KieserSimsalabim, Simon Brenner (Blessing). Christina WalkerVerteidigung eines Gartens (Residenz-Verlag).

Yael Inokai – Die Auster (Hanser). Dana VowinckelAnton und Alma (Suhrkamp). Franziska zu Reventlow – Ellen (Suhrkamp). Mirko BonnéKanzlerkino (Schöffling). Norbert ScheuerHolunderholz (C. H. Beck).

International

Patrick Ryan – Buckeye (Aus dem Amerikanischen von Thomas Überhoff. park x ullstein). Melania G. Mazzucco – Vita (Aus dem Italienischen von Katrin Fleischanderl. Folio). Louise KennedyRed (Aus dem Englisch von Hans Christian Oeser und Claudia Glenewinkel. Claassen). Adania ShibliTäuschung (Aus dem Hebräischen von Günther Orth. Hanser). Bert Natter –Am Ende des Kriegs (Aus dem Niederländischen von Andreas Gressmann und Rainer Kersten. Berlin-Verlag).

Sierra Greer – Annie Robot (Aus dem Englischen von Stefanie Schöfer. Liebeskind). George Moore – Albert Nobbs (Aus dem Englischen von Stefan Weidle. Pendragon). Valeria LuiselliAnfang, Mitte, Ende (Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit. Rowohlt). Anne SerreEin Leopardenhut (Aus dem Französischen von Patricia Klobusiczky. Nagel & Kimche). George SaundersNachtwache (Aus dem Englischen von Frank Heibert. Luchterhand).

Lauren Groff – Raufbold (Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs. Claassen). Banu Mushtaq – Meistens bleibt ja die Frau zu Hause (Aus dem Indischen von Katrin Binder. Kjona). Vincent Delecroix – Schiffbruch (Aus dem Französischen von Claudia Marquardt. Luchterhand). Juliet Grames – Die Verlorenen von Santa Chionia (Aus dem Englischen von Catherine Hornung, Katrin Fleischanderl. Folio). Anna Mallamo – Dinge, die im Dunkeln liegen (Aus dem Italienischen von Jan Schönherr. Eichborn).

Keiichirō Hirano – Ein letztes Mal Mensch (Aus dem Japanischen von Katja Busson. Suhrkamp). John LanchesterDas habe ich wegen dir getan (Aus dem Englischen von Dorothee Merkel. Klett-Cotta). Tash Aw – Der Süden (Aus dem Englischen von Pociao, Roberto de de Hollanda. Luchterhand). Alexander Baron – Der Tagedieb (Aus dem Englischen von Holger Hanowell. Reclam). Ko Hyewon – Die Nachtapotheke (Aus dem Koreanischen von Sebastian Bring. Aufbau).

Krimi

Kevin Barry – Das Herz im Winter (Liebeskind). Lou Berney – Crooks (Aus dem Englischen von Oliver Hoffmann. Harper Collins). Wolfgang Schorlau – Das kalte Werk (Kiepenheuer & Witsch). Belinda Bauer – Das Ding der Unmöglichkeit (Aus dem Englischen von Conny Lösch. Kunstmann). Ivy PochodaEkstase (Aus dem Englischen von Stefan Lux. Suhrkamp).

Lyrik-Corner: Caspar David Friedrich, Gedichte von Frauen & Romantik

Machen wir uns nichts vor. Selbst wenn mit Louise Glück mal wieder eine Lyrikerin den Literatur-Nobelpreis gewonnen hat: das Geschäft mit der Lyrik ist schwyrik. Gedichte und Poesie haben es auf dem Buchmarkt nicht leicht, in Büchereien und Buchhandlungen fristen Gedichte oftmals ein Schattendasein, wenn sie überhaupt angeboten werden. Allerdings brauche ich nicht mit dem Finger auf andere zu zeigen. Auch in der Buch-Haltung ist Lyrik so gut wie gar nicht präsent. Deshalb feiert hier der Lyrik-Corner Premiere. Ein loses Format, in dem aktuelle Erscheinungen aus dem Bereich Lyrik besprochen werden sollen. Den Auftakt macht ein Doppel aus dem Reclam-Verlag.

Frauen | Lyrik

Ein Buch mit stolzem Umfang ist der Band Frauen | Lyrik. Dieser wurde im Auftrag der Wüstenrot-Stiftung von Anna Bers herausgegeben. In diesem Buch lassen sich über 500 Gedichte von Frauen und/oder über Frauen entdecken. Gedichte, deren Zeitraum von den Merseburger Zaubersprüchen über die lateinische Lyrik Hildegard von Bingens bis in unsere Tage reicht. Dichterinnen wie Safiye Can, Sabine Scho oder Ursula Krechel finden sich mit Werken aus unserer Epoche im Buch.

Man kann dieses Mammutwerk natürlich als Kompendium über mehrer Jahrhundert weiblicher Lyrik rezipieren. Frauen | Lyrik kann man ebenso als notwendiges Korrektiv zum männlich geprägten Kanon lesen. Man kann aber, eingeladen durch die vierteilige Gliederung des Buchs, die weibliche Lyrikgeschichte in all ihren Facetten entdecken. Denn das Buch vereint archetypische weibliche Dichtung, kanonisierte Gedichte, besonders emanzipatorische Werke, aber auch Gedichte von Männern, die sich in ihrer Lyrik die Perspektive von Frauen zueigen gemacht haben.

So entsteht in der Gesamtheit in vielfältiges, widersprüchliches und hochinteressantes Bild. Gedichte, die eine zeittypische Verehrung Adolf Hitlers im Dritten Reich zeigen. Poeme, die vom Kampf gegen tradierte Rollenbilder erzählen. Aber auch Gedichte, die zunächst wenig zugänglich und reichlich kryptisch erscheinen. Hierfür sei besonders das Nachwort des Buchs empfohlen, das solche Gedichte einordnet und kurze Biographien der Autor*innen gibt.

Wäre ich Deutschlehrer, dieses Gedichtesammlung wäre zumindest in Teilen ein Muss in meinem Unterricht. Hier lassen sich Autor*innen entdecken, von denen man bislang selten gehört hat. Formenreiche und archetypische Gedichte, die zeigen, dass sich weibliches Schreiben und Dichten nie hinter dem der Männer verstecken musste. Oder kurzum: ein spannender Streifzug durch die weibliche Lyrik – und ein wohltuendes Gegengewicht zu den herkömmlichen Lyrik-Kanons.

Caspar David Friedrich trifft Dichter der Romantik

Gibt es einen deutscheren Maler als Caspar David Friedrich? Mit seinen Bilder von Wäldern, Wanderern und Naturszenen hat er die Seele der Deutschen maßgeblich geprägt. Einzelne Bilder des 1774 in Greifswald geborenen Künstler haben einen geradezu ikonographischen Wert, beispielsweise sein Wanderer über dem Nebelmeer oder seine Ansichten der Kreidefelsen von Rügen. Auch meine Deutschlehrerin nutzte zur Einführung in die Epoche der Romantik ein Gemälde Caspar David Friedrichs, nämlich das Werk Frau am Fenster. Sinnig lassen sich über dieses Gemälde die zentralen Signa jener Epoche deutscher Dichtung herleiten. Die Sehnsucht nach der Ferne, die Hinwendung zur Natur. Das Wandern, die Suche nach dem Locus amoenus. Posthorn, Kutschfahrt und Entgrenzung. Das alles steckt nicht nur in den poetischen Werken jener Zeit, sondern eben auch in den Werken des Greifswalder Malers.

Wie stark die gegenseitige Beeinflussung von Malerei und Text tatsächlich ist, das zeigt der von Michael Grus herausgegeben Band Caspar David Friedrich trifft Dichter der Romantik. In ihm werden die Werke Caspar David Friedrichs Gedichte von Joseph von Eichendorff, Bettina von Arnim, Novalis oder Karoline von Günderrode gegenübergestellt. Faszinierend die Wechselwirkung zwischen Bildern und Texte, die geradezu gegenseitig in Dialog zu treten scheinen. Geordnet nach Themenkreisen wie Meer, Gebirge, Fremde oder Wandel der Zeit ergibt sich hier eine Werkschau der Kunst Friedrichs und ein repräsentativer Querschnitt der Poesie der Romantik.

Auch ein hinführendes Vorwort, dass das Leben Caspar David Friedrichs zeigt und einordnet, bereichert die Monographie. Ein Band zum Blättern und Staunen, der Kunst und Poesie auf das vortrefflichste vereint. Ein kenntnisreiches Vorwort und ein Verzeichnis der Werke rundet diesen Buch ab. So ist Lyrik alles andere als schwyrik.


  • Frauen | Lyrik
  • Herausgegeben von Anna Bers
  • ISBN: 978-3-15-011305-9 (Reclam)
  • 879 Seiten. Preis: 28,00 €
  • Caspar David Friedrich trifft Dichter der Romantik
  • Herausgegeben von Michael Grus
  • ISBN: 978-3-15-011310-3 (Reclam)
  • 144 Seiten. Preis: 20,00 €

Sommer-Lektüretipps

Schon wieder August und keine Ahnung, was ihr lesen sollt? Ich bin hier ein paar meiner letzten Lektüren durchgegangen und empfehle euch diese Titel für den Sommer. Die Klicks auf die Cover führen zu weitergehenden Informationen. Viel Spaß!

Für Klassikerfans

Charlotte Bronte – Jane Eyre

Charlotte Bronte - Jane Eyre (Cover)

Durch Zufall gelangte ich beim Stöbern in der Schnäppchen-Ecke einer lokalen Augsburger Buchhandlung an diesen britischen Klassiker: Jane Eyre von Charlotte Brontë. Ein echter Klassiker der englischen Literatur – und das völlig zurecht, wie ich nach der Lektüre meine. Diese von der Ich-Erzählerin Jane Eyre geschilderte Geschichte hat auch über 170 Jahre nach ihrem Erscheinen nichts von ihrer Wucht eingebüßt. Die Geschichte einer starken Frau, ein Schauermärchen, ein Bildungsroman – und hier in einer tollen Neuübersetzung von Andrea Ott (wieder) zu entdecken. Ein schönes Buch und mit einer Lauflänge von knapp 600 Seiten wie gemacht für Schmökerstunden am Strand.

Für hitzige Gemüter

Victor Jestin – Hitze

Victor Jestin - Hitze (Cover)

Wer es nicht ganz so umfangreich mag, für den wäre vielleicht Victor Jestins Buch einen Blick wert. In Hitze schildert er eine Geschichte von großer Wucht. Léonard verbringt mit seiner Familie die Ferien auf einem Campinggelände am Meer. Die Teenager feiern, es gibt Alkohol und Karaoke. Doch Léonard fühlt sich nicht wohl. Als er nachts dem unfreiwilligen Suizid eines Freundes beiwohnt und beschließt, ihm nicht zu helfen, sondern die Leiche zu vergraben, setzt er Dinge in Bewegung, an denen er besser nicht gerührt hätte. Das sinnentleerte Dasein eines Campingurlaubs, die Teenagerzeit, Hormone, Knutschen und eine Stimmung, die wie eine schwüle Hitze über dem ganzen kurzen Büchlein steht. Ein Debüt mit Wucht, ein Sommer-Pageturner der abgründigen Sorte (übersetzt von Sina de Malafosse).

Für Beziehungsmenschen

Nick Hornby

Nick Hornby - Niemand hat gesagt, dass du ausziehen sollst (Cover)

Kann man einen Menschen lieben, der für den Brexit gestimmt hat? Diese und andere Fragen verhandelt der Brite Nick Hornby in seinem Buch Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst. Der Titel passt leider nicht halb so gut wie das Original: The state of the union. Denn genau darum gehts. Die zwei Hälften des einst vereinten Paars treffen sich zu zehn Pubbesuchen. Der Anlass hierfür: sie warten im Pub auf ihren Termin bei einer Paartherapeutin. In den Dialogen vor der Therapie entfaltet sich langsam eine Ehe in zehn Gesprächen. Diese zeugen von der Zerissenheit jener Ehe, ihrer Widersprüche, Verbindungen und nicht zuletzt auch von der Zerissenheit eines ganzen Landes. Ein schnelles, drehbuchartiges Buch, in dem sich jeder und jede wiederfindet, die schon einmal eine Beziehung geführt hat. An Hornbys frühere Bücher reicht das nicht heran, dennoch ein schneller Lesespaß für eine Zugreise oder einen Nachmittag am Strand.

Für Abenteuerlustige

Kenneth Bonert – Der Anfang einer Zukunft

Kenneth Bonert - Der Anfang einer Zukunft (Cover)

Mit Der Löwensucher hatte Kenneth Bonert in Deutschland seinen Durchbruch. Ganz so dick wie die Familiensaga mit ihren 800 Seiten ist Der Anfang einer Zukunft nun nicht. Aber der über 600 Seiten dicke Roman spielt erneut in Südafrika, dem Wohnort Bonerts. Darin erzählt er aus Sicht des 16-jährigen Martin Helger. Dieser wird in Gestalt der Amerikanerin Annie mitten hinein in den Freiheitskampf um Nelson Mandela und den ANC gezogen. Denn wir befinden uns an der Schwelle der 80er zu den 90er Jahren und die Stimmung im Land brodelt. Die Gefährlichkeit der Situation bekommt auch Martin eindrucksvoll am eigenen Leib zu spüren. Denn jemand hat noch eine Rechnung mit Martins Familie offen. Das ist überraschend erzählend, mitreißend und einfach unterhaltsam. Die Übersetzung dieses facettenreichen Schmökers besorgte Stefanie Schäfer.

Für alle Literaturgourmets

Graham Swift – Da sind wir

Graham Swift - Da sind wir (Cover)

Wenn es um gehobene Lektüre mit Anspruch geht, dann ist Graham Swift eine sichere Bank. Egal ob Wasserland oder Ein Festtag, der Brite hat in noch jedem Buch abgeliefert, das ich bislang las. Nun also Da sind wir. Darin erzählt er von zwei Freunden. Der eine Conférencie. Der andere Zauberer. Gemeinschaftlich steigen sie im englischen Seebad Brighton in den 50ern zu wahren Stars auf und sind echte Publikumsmagneten. Doch das Gefüge der beiden gerät ins Wanken, als die Assistentin des Zauberes zu den beiden stößt. Das Gleichgewicht zwischen den Freunden ist merklich erschüttert. Und dann verschärft sich die Krisis. Und der Zauberer verschwindet plötzlich von der Bühne. Ein verknapptes, reduziertes Werk Graham Swifts, das seine Kunst zu erzählen anschaulich illustriert. Übersetzt von Susanne Höbel.

Für Krimifans

William Boyle – Einsame Zeugin

William Boyle - Einsame Zeugin (Cover)

Der kleine Polar-Verlag versammelt ja einige Perlen in seinem literarischen Krimiprogramm, die bei Mainstream-Verlagen wohl untergehen würden. William Boyle ist solch ein Fall. Er schreibt über Menschen der unteren Mittelschicht und die kleinen Gangster, die man hier so findet. Er siedelt seine Geschichten gerne um das New Yorker Stadtviertel Gravesend herum an. Dort spielt auch Eine wahre Freundin. Darin erzählt er von Amy Falconetti, die für die örtliche Kirche die Kommunion zu Alten und Kranken bringt. Ein wenig spektakuläres Leben, das sich durch eine wenig durchdachte Reaktion Amys schlagartig ändert. Als ein junger Mann erstochen wird, nimmt sie die Tatwaffe an sich und erpresst nun den Mörder. Damit entspinnen sich Dynamiken, die sich Amy vorher sicherlich nicht ausgemalt hat. Ein schwarzhumoriger, schneller und milieusicherer Krimi von William Boyle, der von Andrea Stumpf übersetzt wurde.

Für Naturkundige und solche, die es werden wollen

Jutta Person – Esel (Reihe Naturkunden)

Jutta Person - Esel (Cover)

Was macht den Esel zu einem in Fabeln so beliebten Tier? Woher stammt er, welche Sorten gibt es und was will der Esel? Das versucht Jutta Person in ihrem Band Esel aus der Reihe Naturkunden zu ergründen. Wer die Reihe kennt, der weiß was einen erwartet. Ein toll gestaltetes Buch mit farbig illustrierten Karten, guter Schriftsatz und eine wirklich haptische Freude, gehalten im stilvollen Eselgrau. In dieses Buch macht man gerne ein Eselsohr. Und woher der Begriff rührt, das weiß man nach der Lektüre von Jutta Persons Buch dann auch. In diesem Sinne tolle Lektüre für die Ferien, aus der man auch etwas mitnimmt.

Tom Hillenbrand – Qube

Tom Hillenbrand ist einer der spannendesten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart. Egal ob Kulinarik-Krimi (die Xavier-Kieffer-Reihe), historischen Abenteuerroman (Der Kaffeedieb) oder Sci-Fi-Thriller. In allen Sparten erstaunlich originell und stilsicher erzählt der Journalist seine Geschichten und schafft es, immer glaubwürdige Kosmen zu schildern. Sein neues Buch macht da keine Ausnahme. Mit Qube geht es zurück in die Zukunft, die er schon in Drohnenland und Hologrammatica beschrieb.


Wir schreiben das Jahr 2091. Dank der Hologrammtechnik sieht alles auf den ersten Blick tadellos aus. Fassaden und Innenräume lassen sich in Sekundenschnelle je nach Geschmack gestalten. Der Klimawandel hat zur Verödung ganzer Landstriche und Regionen geführt. Das Weltall ist von den unendlichen Weiten zum unendlichen Ressourcenlager degradiert worden. Wer reich genug ist, kann sein Gehirn digitalisieren und sich dann in jeden beliebigen Wirtskörper transferieren lassen. Diese schöne neue Welt hat, wie schon zuvor in Hologrammatica beschrieben, allerdings ihre Abgründe.

Auf diese Abgründe ist auch der Enthüllungsjournalist Calvary Doyle gestoßen. Seine Recherchen kann er allerdings nicht mehr vollenden. Denn durch einen Kopfschuss wäre er um ein Haar ums Leben gekommen. Doch die Kugel verfehlt die wichtigsten Bereiche in Doyles Hirn um Haaresbreite. Dank der Quant-Technologie kann sich Doyle in einen neuen Körper laden. Die Erinnerung an die entscheidenden Tage und damit die entscheidenden Erkenntnisse seiner Recherche sind allerdings verloren.

Der Fall des Journalisten lässt bei der UNANPAI-Behörde die Alarmglocken schrillen. Denn die Behörde überwacht alles, das mit Künstlicher Intelligenz zu tun hat. Deren Direktor setzt Fran Bitter auf den Fall des fast ermordeten Enthüllungsjournalisten an. Womit hat sich dieser beschäftigt und wer will diese Erkenntnisse unter Verschluss halten? Fran Bitter beginnt mit den Ermittlungen, die sie von der Erde bis zu den äußersten Grenzen des Erdorbitgürtels führen. Offenbar hat jemand aus der Hologrammtica noch einige Rechnungen offen…

Von der Erde bis ins All

Tom Hillenbrand beweist mit Qube einmal mehr, was Literatur kann. Komplett neue Welten erfinden, eine mögliche Zukunft realistisch beschreiben und unsere Realität einfach ein oder zwei Einstellungen weiterdrehen. Ihm gelingt eine Weltenschöpfung, die so plausibel wie erschreckend ist. Geschlechter und Körper haben keine Definitionsmacht mehr, vielmehr ist alles in dieser mit Hologrammen überkleisterten Welt Schein. Mit Fran Bittner stellt Hillenbrand ein*e faszinierende, genderfluide Held*in den den Mittelpunkt. Je nachdem in welchen Körper sie sich bei ihren Ermittlungen hochlädt, ist sie mal Mann, mal Frau. Eine faszinierende Leseerfahrung.

Und auch ansonsten kann Hillenbrands Hologrammatica-Universum weiterhin überzeugen. Im Vergleich zu Band 1 weitet er die Welt und die Komplexität seines Plots noch einmal aus. So sind es im Großteil des Buchs vier Erzählstränge, die parallel nebeneinander herlaufen. Erst zum Ende hin verweben sich die Erzählfäden und ergeben das Gesamtbild. Das kann bei manchem Leser schon phasenweise für etwas Verwirrung sorgen, besonders, wenn man den Vorgängerband nicht gelesen hatte. Abhilfe schafft bei der Vielzahl des technischen Vokabulars aber auch ein angehängtes Glossar.

Wer Science-Fiction skeptisch gegenübersteht, könnte mit diesem trotzdem glücklich werden. Auch ich selbst, der ich in diesem Genre normalerweise alles andere als zuhause bin, wurde hier gut unterhalten. Vor allem, weil das Buch im Kern immer noch ein Krimi ist. Die Handlung wird mit geschickt gesetzten Cliffhangern immer wieder vorangetrieben und weist einige erzählerische Volten auf. Die Kreativität und Schöpfungsfreude Hillenbrand ist mehr als beachtlich, dank der man auch den etwas klischeehaft geratenen Bösewicht gerne verzeicht. Am Ende steht mit Qube eine wirklich packendes Leseerlebnis, das ich hiermit gerne weiterempfehle!


  • Tom Hillenbrand – QUBE
  • ISBN 978-3-462-05440-8 (KiWi)
  • 560 Seiten. Preis: 12,00 €

Ruth Lillegraven – Sichel

Literatur geht ihre ganz eigenen Wege – und das gilt auch für ihre Vermittlung. Viele Bücher hätte ich nicht entdeckt, wäre ich nicht ziellos durch Buchhandlungen gewandert oder hätte mich ebenso ziellos durch Blogs geklickt oder durch Rezensionen gelesen. Serendipität nennt es der Fachmann, beglückende Zufallsfunde nenne ich es.

Auch Ruth Lillegravens Buch Sichel wanderte auf verschlungenen Pfaden auf meinen Lesestapel. Es war auf der Frankfurter Buchmesse, wo ich dem sogenannten Kaffeslabberas beiwohnen durfte. Sechs norwegische Autor*innen stellten sich und ihre Werke vor. Eine dieser Autorinnen war Ruth Lillegraven. Ganz bescheiden und zurückhaltend sprach sie von ihrem Schreiben, ihrer Poetik und dergleichen mehr.

In der Runde fiel sie mit ihrem Auftritt neben so bekannten Autorinnen wie Asne Seierstad oder dem Showman Simon Stranger nicht sehr stark auf. Aber mein Interesse war geweckt. Worüber schrieb sie? Wie liest sich ihre Prosa? Was sind ihre Themen?

Am Ende der Veranstaltung bekam jeder der teilnehmenden Blogger*innen eine Tüte mit einige zufällig zusammengestellten Werken der Kaffeslabberas-Teilnehmer*innen in die Hand gedrückt. Und in meiner Tüte: Sichel von Ruth Lillegraven. Stand mir hier wieder so ein Zufallsfund und literarischer Treffer bevor? Die Antwort lautet eindeutig ja.

Lyrik oder Roman?

Bereits die Gattungsfrage von Lillegravens Werk ist hochspannend. Denn in meinen Augen entzieht sich Lillegravens Buch ein jeder Einordnung. Am ehesten würde ich es der Lyrik zuschlagen. Dann gibt es aber auch eine Geschichte, die sich wie in einem Roman langsam vor den Augen der Leser*innen entfaltet. Diese führt ins Jahr 1877 zurück, wo wir Endre kennenlernen.

Der ist ein junger Bauer, der den heimischen Hof in Norwegen bewirtschaftet. Er verliebt sich in Abalone, heiratet und ist eigentlich dazu ausersehen, die nächste Generation zu begründen, für die der Hof Auskommen liefert. Doch dann erkrankt Endre an der Gicht und ist dazu verdammt, in der heimischen Stube zu liegen. Nur Bücher aus dem fernen Amerika werden zur Möglichkeit, der Enge der Stube und seinem geplagten Körper zu entfliehen. Und diese Möglichkeit nutzt er ausgiebig und findet auch in der Sprache Heimat.

Um ihre Geschichte zu erzählen, nutzt Lillegraven (auch formal sehr spannend) die ganzen Gestaltungsmöglichkeiten der Lyrik. So sind manche Passagen in Pfeilform gestaltet, andere Gedichte gleichen Klecksen, die sanft auf die Seite hingetupft werden. In mehrere Teile aufgeteilt erzählt Lillegraven ihre Geschichte, die der Verlag Edition Rugerup als Langgedicht betitelt.

Überzeugend in allen Belangen

Doch nicht nur die Gestaltung von Lillegravens Geschichte besticht. Auch die Art und Weise, wie sie erzählt ist großartig. Denn wenn jemand die Kunst beherrscht, zwischen den Zeilen zu erzählen und mit wenig Worten viel Atmosphäre heraufzubeschwören, dann ist das Ruth Lillegraven.

Wie sie dieses einfache Bauernleben einfängt, die Vorstellungswelt der damaligen Zeit, den Lebenshorizont der Menschen, dann ist das mehr als beachtlich. Sie schafft es präzise (oder das was ich dafür halte), die Tradition der oral history der Bauern abzubilden. Wie dort in der Stube Märchen und Legenden geschildert werden, wie das Erlebte der Generationen zuvor die eigene Welt prägt, das vermittelt Ruth Lillegraven auf faszinierende Art und Weise.

Ihre Gedichte sind mal ganz still und ruhig, dann wieder von einer ergreifenden Schönheit und sehr eindringlich. Sie weiß um das Vergängliche – und das spürt man in ihrer Prosa.

Dass dem so ist, ist natürlich nicht nur Ruth Lillegraven geschuldet. Denn auch ihr Übersetzer Klaus Anders macht einen fantastischen Job. Für mich als Laie ist Lyrik-Übertragung sowieso die Königsdisziplin der Übersetzung. Denn die Metrik und Sprachbilder einer Sprache in eine andere einigermaßen unfallfrei zu überführen, das ist schon selbst ein wahres Kunstwerk. Und Anders gelingt das mit seiner Übertragung aus dem Neunorwegischen ganz hervorragend.

Auch im Deutschen funktioniert diese sanfte, reduzierte und zielgenaue Lyrik eindrucksvoll, die Spielereien mit dem Satz und Typographien gehen auf. So macht Lyrik Spaß und ist für mich eine echte Entdeckung.


Ich weiß um die Schwierigkeit von Lyrik und ihrer Vermittlung – auch ich vernachlässige sie hier auf dem Blog sträflich. Aber hiermit möchte ich wenigstens einmal den Versuch unternehmen, um diesem Buch etwas mehr Bekanntheit zuteil werden zu lassen. Denn Ruth Lillegravens Buch Sichel hat es mehr als verdient. Das sah auch die Jury für der Hotlist so, die dieses Buch als eines der besten aus unabhängigen Verlagen nominierte. Zu recht wie ich finde, denn Sichel ist ein wirklich poetisches kleines Kunstwerk.