Tag Archives: Kurzkritik

Drei Kurze (Kritiken)

Schon länger gab es in dieser Kategorie keinen neuen Beitrag mehr. Nun also Nachschub mit drei Büchern, die mich in völlig unterschiedliche Regionen der Welt führten. Durch den Klick auf die Cover gelangt man wie immer zur den Verlagspräsenzen der Bücher.

Chigozie Obioma – Das Weinen der Vögel

Chigozie Obioma - Das Weinen der Vögel (Cover)

Einen ganz besonderen Erzähler präsentiert der Nigerianer Chigozie Obioma in seinem Roman Das Weinen der Vögel. Hier erzählt kein Mensch, sondern ein Schutzgeist, ein Chi. Dieser hält vor dem Gericht der Geister sein Plädoyer für die Unschuld seines Klienten. Denn dieser hat schwere Schuld auf sich geladen, wie wir schon zu Beginn des Romans erfahren. Allmählich erzählt der redegewandte Schutzgeist die Lebengeschichte des nigerianischen Hühnerzüchters Chinonso. Einst in Liebe zu einer gesellschaftlich höherstehenden Frau entbrannt, setzte diese Liebe eine verhängnisvolle Ereigniskette in Gang.

Der Wunsch nach Bildung und sozialem Aufstieg trieb Chinsonso um, der seiner Angebeteten auf Augenhöhe begegnen wollte. Sozial ausgegrenzt warf er sein gesamtes Vermögen in die Wagschale, um auf Zypern zu studieren. Doch ohne zu viel vorweg nehmen zu wollen – sein Streben nach sozialem Aufstieg nahm kein gutes Ende. Und so sind wir dabei, wie der Chi sein Plädoyer hält, eng verwurzelt in der mündlichen Erzähltradition Nigerias und der Theologie der Igbu.

Ein Buch, das durch seine außergewöhnliche Erzählinstanz besticht und das von einem Schicksal erzählt, das exemplarisch für viele andere steht. Erzählkunst, die für den Booker Prize 2019 nominiert und jüngst mit dem Internationalen Literaturpreis 2020 ausgezeichnet wurde (übersetzt von Nicolai von Schweder-Schreiner)

Agnete Friis – Der Sommer mit Ellen

Alles andere als ein typischer Sommerroman ist das Buch Der Sommer mit Ellen von Agnete Friis. 2018 als bester dänischer Roman des Jahres nominiert kann man das spannende Buch nun in der deutschen Übersetzung von Thorsten Alms entdecken.

Sommer in der Provinz von Jütland 2018. Da entstehen Bilder in Kopf, von wogendem Weizen, Fahrradfahrten durch die heißen Nachmittage zum nächsten See. Wache Nächte, strahlender Himmel und Tage, die nie zu enden scheinen. Eben ganz so, wie es das Cover dieses Romans suggeriert. Aber dem ist hier mitnichten so. Vielmehr gleicht dieser Sommer, den Agnete Friis in ihrem Roman schildert, der drückenden Schwüle kurz vor einem Gewitter. Vor vierzig Jahren verlebte Jakob Errbo einen Sommer in der jütländischen Provinz, der ein prägender werden sollte. Er lernte Ellen kennen, die zunächst in einer benachbarten Kommune und dann auf dem Bauernhof seiner Familie lebte. Die Schwester seines Freundes verschwand. Ein Mord ereignete sich. Und nun ist Jakob auf Bitten seiner Onkel vierzig Jahre später zurück auf dem Hof. Die Onkel wollen wissen – was mit Ellen passiert ist. Und Jakob macht sich auf die Suche nach der Wahrheit, die Jahrzehnte verborgen blieb.

Düster, dräuend, hypnotisch, machmal etwas zu gewollt, aber insgesamt wirklich gekonnt. Agnete Friis liefert in Der Sommer mit Ellen einen Anti-Sommerroman ab, der die Brüchigkeit der eigenen Erinnerung thematisiert.

Sasha Filipenko – Rote Kreuze

Diogenes wagt den Blick nach Osten. Nachdem früher die russischsprachige Belletristik fester Bestandteil des Verlags war, geriet sie in letzter Zeit etwas aus dem Fokus. Nun hat man mit Sasha Filipenko wieder einen jungen weißrussischen Autor unter Vertrag genommen. Dieser erzählt in Rote Kreuze zwei sich – kreuzende – Lebensgeschichten (übersetzt von Ruth Altenhofer).

Da ist zum Einen die des jungen Vaters Alexander, der eine Wohnung in einem weitestgehend leerstehenden Haus bezieht. Nachdem im Treppenhaus und an anderen Stellen rote Kreuze auftauchen, macht Alexander zum Anderen die Bekanntschaft mit der Frau, die für die Kreuze verantwortlich ist. Es handelt sich um Tatjana Alexejewna. Die Erinnerungen der hochbetagten Dame drohen dem Vergessen anheim zu fallen. Die Demenz greift um sich – und so erzählt dem zunächst noch recht widerwilligen Alexander ihre Lebensgeschichte. Und diese ist nicht anders als spektakulär zu nennen. Schließlich hat Tatjana einen Großteil des vergangenen Jahrhunderts erlebt.

Leider ist diese Fülle an Erlebtem auch ein Problem dieses Textes. Denn um sich sorgfältig diesem Jahrhundertleben mit all seinen Bildern und Schrecken zu widmen, ist mehr als nur eine oberflächliche Erzählung über gerade einmal 288 Seiten notwendig. Alle Wegmarken ihres Lebens touchiert Filipenko nur, ohne ihnen den gebührenden Raum zum Wirken zu geben. So bleibt am Ende leider ein etwas gehetztes und eben auch – oberflächliches – Buch, von dem ich mir mehr Tiefe gewünscht hätte. Gewiss, keine schlechte Lektüre – aber eben auch kein Buch, das mir länger im Gedächtnis bleiben wird.

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Kurz & knackig – Drei Bücher im Juni

Schon lange her, mein letzter Beitrag mit Kurztipps. Deshalb hier wieder einmal drei Romane, fix besprochen und notiert:

Mathijs Deen – Unter Menschen

Ein Bauer, einsam nach dem Tod seiner Eltern. Eine Frau, die sich auf seine Zeitungsannonce hin meldet. Zwei unterschiedliche Ziele, mit denen sie sich zunächst begegnen. Das ist die Ausgangslage in Mathijs Deen Roman Unter den Menschen (Deutsch von Andreas Ecke).

Deen erzählt vom Bauer Jan und Wilm, die es eigentlich weniger auf Jan denn auf seinen großen Bauernhof und das umgebende Grundstück direkt am Meer abgesehen hat. Man muss Deen dankbar sein, dass er dieses Setting nicht in eine kitschige Rom-Com-Richtung dreht. Stattdessen dominieren bei ihm herbe Natur- und Menschenbeschreibungen. Es will nicht so richtig passen – aber vielleicht könnte es auch gerade deswegen vielleicht klappen? Unter Menschen erinnert manchmal an die spröde Melancholie eines Robert Seethalers und weist einige sehr gut gesetzte Pointen auf. Auf gerade einmal 190 Seiten schaut man Jan und Wilm bei ihren Annäherungen zu und fühlt sich unweigerlich an die alte Frage erinnert: Können zwei halbe Menschen vielleicht zusammen ein Ganzes ergeben?

Erschienen ist der herb-poetische Roman im Mare-Verlag (mehr Informationen gibts bei einem Klick aufs Cover)

Nicola Karlsson – Licht über dem Wedding

Der Wedding scheint in diesem Frühjahr eine besondere Faszination auf Schriftsteller*innen auszuüben. Neben Regina Scheer, die feststellt Gott wohnt im Wedding, ist es nun auch Nicola Karlsson, die ein Licht über dem Wedding ausgemacht haben will.

Von jenem Licht bemerkt man im Buch allerdings wenig. Denn wie ein literarischer Graufilter wirkt alles, das Karlsson in ihrem Roman beschreibt. Einem Puppenhaus gleich beobachtet sie drei ganz unterschiedliche Figuren, die in einem Berliner Hochhaus eben im Wedding wohnen. Da ist Agnes, ihr Vater Wolf, der ein schweres Alkoholproblem hat. Und Hannah, die ein Modeblog betreibt; man könnte auch von einer Influencerin sprechen. All diese Figuren, ihre Kämpfe, Begegnungen und Abgründe bringt uns Karlsson nun nahe. Nur viel Licht, das gibt es nicht. Eher kleine Sonnenstrahlen, die aufgrund der deprimierenden Umgebung dann schnell ins Auge stechen.

Muss man mögen, diesen Blick auf depravierende Lebenssituation. Dafür wird hier endlich mal ein Milieu fernab von den üblichen Akademiker/RomCom/Prenzlberg-Milieus geschildert. Nur ein wenig mehr sprachliches Vermögen hätte ich mir gewünscht. Wenn schon drei Figuren im Mittelpunkt des Buchs stehen, warum dann nicht alle drei mit eigener Sprache und Eigenheiten herausarbeiten und ausstatten?

James Gordon Farrell – Troubles

In diesem Hotel möchte man wahrlich nicht wohnen – darüber lesen aber umso mehr. Denn James Gordon Farrell lässt in seinem Roman Troubles im fiktiven Hotel Majestic eine Horde ganz besonderer Gäste aufeinanderprallen, während um sie herum der irische Unabhängigkeitskampf tobt.

Man kennt das ja – einmal etwas unklar miteinander kommuniziert, und schon ist man verlobt. Diese Erfahrung muss auch der Major Brendan Archer machen, der sich als Kriegsheimkehrer 1919 mit der Tochter eines Hotelbesitzers verlobt sieht. Ganz ein Mann von Ehre, reist er in das Hotel, um dort die Angelegenheit zu klären. Doch das Hotel gibt den Major so schnell nicht mehr frei. Das ganze Haus zerfällt zusehends, das Personal ist skurril, Katzen haben sich ganze Etagen schon zurückerobert. Aber irgendwie kommt der Major und auch wir Leser nicht los vom Majestic.

Troubles ist ein ganz großer Lesespaß, der jetzt in der preisgünstigen Matthes&Seitz-Paperback-Reihe erschienen ist. Das Buch ist Teil einer Trilogie über das untergehende Britische Empire – und eines der wenigen Werke von James Gordon Farrell, der nach der Vollendung der Trilogie mit gerade einmal 44 Jahren starb. Sehr tragisch, denn man möchte gleich noch deutlich mehr Farrell’sche Titel nach dem Ende der Lektüre lesen . Hochkomisch, niemals bloßstellend, elegant, traurig, toll von Manfred Kempf-Allié übersetzt – ein großartiges Buch!

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Kurz und gut

Frank Schirrmacher – Die Stunden der Welt

Eine Neuauflage ist der Titel Die Stunden der Welt des mittlerweile schon verstorbenen FAZ-Herausgebers Frank Schirrmacher. Ursprünglich erschien dieses Buch im Jahr 1996, nun hat sich der Blessing-Verlag des Buchs angenommen und spendiert eine Neuauflage (die auf alle Fälle gerechtfertigt ist, um das schon einmal vorwegzunehmen).

Im Buch ergründet Schirrmacher den Mythos fünf prägender Dichter, die an der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert stehen – namentlich handelt es sich um Hugo von Hofmannsthal, Georg Trakl, Gottfried Benn, Stefan George und Rainer Maria Rilke. Namen, die dem geneigten Leser spätestens aus der Schulzeit ein Begriff sein sollten. Schirrmachers Buch ermöglicht einen neuen Blick und Zugang zum Werk der fünf Dichter und zeigt, wie diese sich gegenseitig beeinflussten und wie ihr Wirken die Literatur revolutionierte und für poetische Weiterentwicklungen sorgte. Kein ganz einfach zu lesendes Werk des Feuilletondoyens, aber ein sehr lohnendes Buch, wenn man sich für deutsche Lyrik und diese einschneidende Epoche der Literaturgeschichte interessiert.

 

 

Christoph Poschenrieder – Kind ohne Namen

In seinem neuen Roman versucht sich Christoph Poschenrieder an einer Nacherzählung der Flüchtlingskrise und der damit verbundenen gesellschaftlichen Veränderungen, in nuce auf eine Dorfgemeinschaft heruntergebrochen. Dies verschneidet er mit einer Neuinszenierung von Jeremias Gotthelfs Biedermeier-Novelle Die schwarze Spinne. Was sich etwas krude ausnimmt, ist es dann in der Bearbeitung von Poschenrieder auch tatsächlich. Er erzählt aus der Perspektive von Xenia, die ein Kind unter ihrem Herzen trägt und deshalb in ihr Heimatdorf zurückkehrt, um dort bei ihrer Mutter Zuflucht zu suchen. Währenddessen sind einige Flüchtlinge im Dorf untergebracht worden und das Dorfklima verkommt zusehends. Öl ins Feuer gegossen wird in dieser Situation durch einen Burgherren, der weitreichenden Einfluss besitzt und seine Wehrsportgruppen in den örtlichen Wäldern exerzieren lässt. Dieser geht mit Xenias Mutter einen folgenreichen Pakt ein (hat man Die schwarze Spinne bereits gelesen, wird man wissen, was im Zentrum des Handels steht).

Leider eines der schwächeren Bücher aus der Feder Poschenrieders. Die Behandlung der Flüchtlingskrise und das Update der Schwarzen Spinne alleine hätten gut funktioniert, das von ihm angemischte Amalgam mag sich für mein Empfinden leider nicht verbinden und stößt sich immer wieder gegenseitig ab.

 

 

Christiane Halter-Oppelt (Hrsg.) – Rock my home

Im Buch der deutschen Journalistin Christiane Halter-Oppelt geben Musiker Auskunft über ihr Zuhause und zeigen, wie sie eingerichtet sind. So erhält man als Musik- und/oder Einrichtungsfan Einblick hinter die Haustüren von Stars wie Moby, Cher, Frank Sinatra oder Lilly Allen. Das Ganze funktioniert so: großflächige Fotos aus dem jeweiligen Zuhause werden ergänzt von einem Essay über den Werdegang der Musiker. Am Ende gibt es dann noch einzelne Einrichtungselemente, die besonders herausgehoben werden und deren Bezugsquellen genannt werden. Für Einrichtungsästheten mit dem entsprechenden Geldbeutel sicher einen Blick wert. Ansonsten ist bietet dieses Cooffeetable-Buch wirklich schön fotografierte Aufnahmen von ganz unterschiedlichen Wohnzimmern, vom puristischen Stil bis hin zum ausladendenden Barock ist bei den Musiker so gut wie alles vertreten. So erschließt Halter-Oppelts Buch schlauerweise gleich zwei Zielgruppen: Musikerfans und Einrichtungsfans. Sehr gelungen und von guter Qualität!

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Kurz und gut

Gael Faye- Kleines Land

Was passiert, wenn man den Ort seiner Kindheit hinter sich lassen musste und in einem anderen Land erwachsen wird? Davon erzählt Gael Fayes Debüt Kleines Land. Sein Protagonist Gabriel, genannt Gaby, wächst in Burundi mit seiner Schwester auf. Sein Vater ist Franzose, seine Mutter stammt aus Burundi und gehört der Ethnie der Tutsi an. Die unbeschwerte Kindheit endet aber recht bald, als nach einem Militärputsch die Auseinandersetzungen von Hutu und Tutsi zunehmen und schließlich in einem brutalen Bürgerkrieg münden. Nach der Flucht aus diesem sich selbst zerstörenden Land lässt Gaby die Erinnerung allerdings nicht los und er beschließt, noch einmal nach Burundi zurückzukehren.

Ein Buch, das ordentlich beginnt und dann immer faszinierender und besser wird, ehe es in einen packenden Schluss mündet. Faye erzählt bildstark und sehr farbig. Literatur über Afrika und dessen Menschen und Länder fristet in unserem literarischen Bewusstsein doch eher ein Nischendasein, umso schöner, dass uns hier ein junger frankophoner Autor in die wechselvolle Geschichte Burundis eintauchen lässt. (Übersetzung von Brigitte Große und Andrea Alvermann)

 

Hari Kunzru – White Tears

Hari Kunzru erschafft mit White Tears einen reizvollen Bastard aus Musikgeschichte, magischem Realismus und amerikanischer Gesellschaftsanalyse. Ähnlich wie Grégoire Hervier in Vintage ist es bei Kunzru auch die Musik, die einen Strudel aus Tod und Verderben auslösen wird. Dabei beginnt bei Kunzru eigentlich alles recht unscheinbar, und zwar mit der Freundschaft von Seth und Carter. Jene freunden sich auf dem Campus an und halten ihre Freundschaft auch nach dem Studium aufrecht. Ein von ihnen aufgenommenes und verfremdetes Musikstück wird dann allerdings zum Wendepunkt, an dem sich ihre Freundschaft und schon bald ihre Leben scheiden. Denn dieses Musikstück führt zu einem schweren Angriff auf Carter – und Seth beschließt, dem von ihnen produzierten Musikstück auf den Grund zu gehen. (Übersetzung von Nicolai von Schweder-Schreiner)

Kunzru schickt seinen Helden auf einen düsteren Trip in den (musikalischen) Süden der USA. Dabei stößt er an die Wurzeln von Rassismus, Blues und kultureller Aneignung vor. Ein Buch, das sich einer Einordnung konsequent entzieht, und das durch seine flirrende Art zu den eindrücklichsten und originellsten Büchern dieses Bücherherbstes gezählt werden darf.

 

Sarah Perry – Die Schlange von Essex

In ein unbekanntes England entführt die Autorin Sarah Perry in ihrem wirklich wunderbar gestalteten Buch Die Schlange von Essex. Ihre Geschichte spielt im ländlichen Essex gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Während sich zu dieser Zeit Sherlock Holmes bereits durch ein rasch wandelndes und von der Industrialisierung gekennzeichnetes England ermittelt, herrscht bei Perry noch höchste Entschleunigung. Ihre Heldin ist Cora Seaborne zieht sich aus Land nach Essex zurück, nachdem ihr Mann verstorben ist. Dort kollidiert sie mit dem ansässigen Pfarrer, der einen Gegenpol zu Cora bildet. Denn die Leidenschaft der jungen Frau gilt den Naturwissenschaften und dem Kampf um Selbstbestimmung. Punkte, die zu Konfrontationen mit William Ransome, so der Name des Pfarrers, führen. Doch lauert unter allem Streit auch eine starke Anziehungskraft zwischen beiden Parteien. (Übersetzung von Eva Bonné)

Leider konnte der von Sarah Perry entfachte Funke bei mir nicht überspringen. Über allen eigenwilligen Figuren vergisst Perry für meinen Geschmack etwas zu sehr, die Handlung zu strukturieren und voranzutreiben. Stattdessen dominiert das Figurenensensemble, was bei mir für einige Lesedurchhänger sorgte. Mehr Esprit und Agilität hätten dieser Schlange gut getan!

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Kurz und Kompakt

Rebecca Hunt – Everland

Sie erzählt in ihrem Buch von zwei Antarktisexpeditionen, eine davon im Jahr 1913, die andere im Jahr 2012. Mit welchen Schwierigkeiten beide Teams zu kämpfen hatten und welche unerwarteten Probleme bei diesen Expeditionen auftauchten, davon berichtet die Autorin und springt dabei in kurzen Kapiteln immer zwischen den beiden Teams hin und her.

Das Problem, das ich allerdings mit Everland hatte, war, dass es Rebecca Hunt für mein Empfinden nicht schafft, aus dem Stoff eine packende Erzählung und tiefergehende Charaktere zu entwickeln. weder im 20. Jahrhundert noch in der Neuzeit sind ihre Forscher und Abenteurer viel mehr als Namen und Behauptungen. Das ist vor allem schade, da die Grenzerfahrungen im ewigen Eis eigentlich viel Raum für derartige schriftstellerische Unternehmungen böten. Wie man es besser macht, das hat für mich Dan Simmons mit Terror vorgemacht – hier wird aus den existenziellen Trips für mein Empfinden viel zu wenig gemacht (was auch gut daran gelegen haben kann, dass diese sommerlichen Temperaturen mich gerade weniger ins Ewige Eis locken konnten).

 

 

Tore Renberg – Wir sehen uns morgen

Der norwegische Autor Tore Renberg kreist in seinem über 700 Seiten starken Roman um ein Figurenensemble, das in Renbergs Heimatstadt Stavanger beheimatet ist. Da gibt es einen Vater mit Spielschulden, einen jugendlichen Ausbrecher, in den gleich zwei Mädchen verliebt sind, Möchtegern-Gangster und viele Personen mehr.

Drei Tage im September bilden den Rahmen des Buches; innerhalb dieser drei Tage springt der Norweger beständig von Figur zu Figur und knüpft so Fäden zwischen den ProtagonistInnen, dass am Ende ein starkes Beziehungsgeflecht entsteht.

Man muss sich wirklich auf Tore Renbergs Kosmos einlassen – seine Gestalten haben alle ihre Probleme, die Sprache ist derb und grob, die ständigen Anglizismen erfordern Durchhaltevermögen. Und dennoch gelingt dem Autor bei aller Düsternis eine klare Beschreibung und Skizzierung seiner Protagonisten, sodass sie Tiefe und Glaubwürdigkeit erhalten. Wer bereit ist, sich in dieses Geflecht zu verstricken und direkte Sprache über 700 Seiten auszuhalten, der bekommt ein Buch serviert, welches man im Gegensatz zu vielen nordischen Krimis nicht so schnell vergisst.

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