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Amor Towles – Lincoln Highway

Vier Jungen ohne Väter, eine Reise in zehn Tage. Dazwischen ein Bogen aus Geschichten, Schicksalen und antiken Mythen. Mit Lincoln Highway gelingt Amor Towles ein Gegenentwurf zu seinem vorhergehenden Roman Ein Gentleman in Moskau – und ein Buch mit fast klassikerhaften Zügen und dem Zeug zum Bestseller.


„Das ist der Lincoln Highway“, erklärte Billy und fuhr an der schwarzen Linie entlang. „Er ist 1912 erfunden worden und nach Abraham Lincoln benannt, die erste Straße, die Amerika von Osten nach Westen durchquert.“

Billy setzte die Fingerspitze auf den Anfang am Atlantik und fuhr an der Linie entlang.

„Der Lincoln Highway fängt in New York am Times Square an und geht bis zum Lincoln Park, San Francisco, der dreitausenddreihundert Meilen weiter westlich liegt. Und er führt durch Central City, das ist nur zwanzig Meilen von unserem Haus entfernt.“

Amor Towles – Lincoln Highway, S. 32 f.

Saß Graf Rostov, der Held von Amor Towles letzten Roman Ein Gentleman in Moskau im Hotel Metropol fest und verbüßte seine lebenslange Haft in statischer Verdammtheit, so ist in Lincoln Highway nun alles beständig in Bewegung. Es beginnt schon mit einer Autofahrt zu Beginn des Romans, der noch viele weitere Kilometer folgen werden.

Von Nebraska bis San Francisco (eigentlich)

Nach einem unglücklichen Zufall, der zum Tod eines anderen Jungen führte, befand sich Emmet in der Besserungsanstalt Salina, die er nun im Juni des Jahres 1954 als 18-Jähriger verlässt. Auf der elterlichen Farm in Nebraska wartet allerdings nur sein Bruder in Begleitung eines benachbarten Farmers – und ein Banker, der Emmett über die Schulden seines verstorbenen Vaters unterrichtet.

Amor Towles - Lincoln Highway (Cover)

Auf der elterlichen Farm hält Emmett nach seiner Vorgeschichte nicht mehr viel – besonders als sein kleiner, hochintelligenter Bruder Billy zehn Postkarten enthüllt, die ihnen ihre Mutter einst schrieb und die Stationen des Lincoln Highways markieren. Billy vermutet seine Mutter in San Francisco, weswegen die Brüder in zehn Tagen von Nebraska gen Westen reisen wollen. Der Studebaker, den Emmetts Vater seinem Sohn vererbte, steht bereit und so könnte es eigentlich losgehen. Doch statt eines brüderlichen Roadtrips durch die Weiten der USA kommt alles ganz anders.

Denn kurz nach der Ankunft auf der heimischen Farm klopft es an der Tür und es stehen zwei weitere Insassen der Besserungsanstalt von Salina vor Emmetts Haustür. Woolly und der Ich-Erzähler Duchess erweisen Emmett die Ehre, nachdem sie als blinde Passagiere im Kofferraum des Direktorenwagens gereist sind. Sie haben ganz andere Reisepläne als Emmett, denn sie wollen nach New York, um an ein Erbe von Woolly zu gelangen. Und so beginnt eine Reise, die sich völlig unvorhergesehen entwickelt und die immer wieder mannigfaltige Überraschungen und Begegnungen bereithalten soll.

Stets in Bewegung

Ob im Studebaker oder als blinde Passagiere in Zügen, ob vertikal in Aufzügen oder horizontal auf Seen oder Straßen – beständig drängen die Figuren in diesem Roman voran, jagen Idealen, verschollenen Familienmitgliedern oder dem großen Geld hinterher, stets begleitet von antiken Vorbildern, die Billy im Kompendium von Helden, Abenteurern und anderen unerschrockenen Reisenden des Professors Abernathe entdeckt und seinen Reisegefährten nahebringt.

Das erinnert in seiner überstürzenden Hast und der vorwärtsdrängenden Bewegung an Klassiker der Reiseliteratur wie Jules Vernes In achtzig Tagen um die Welt, wenngleich es hier nur zehn Tage sind, die das Handlungsgeschehen bestimmen (und immer wieder als Leitmotiv in verschiedensten Abwandlungen auftauchen, von Hausregeln und Countdowns bis hin zu den Zehn Geboten, die das Personal des Romans immer wieder bricht)

Zwischen all diese Bewegungen und Reisen setzt Amor Towles mitreißende Begegnungen, die von reisenden Hobos und Illusionisten bis zu doppelzüngigen (und reichlich gefährlichen) Predigern reichen, was an einen anderen Klassiker erinnert, nämlich Mark Twains Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Das lässt trotz der Länge von fast 580 Seiten keine Langweile aufkommen, da durch die Struktur eines Countdowns, die Vielfalt der Figuren und den immensen Geschichts- und Schicksalsbogen Abwechslung ebenso wie Dramatik gegeben ist.

Weit mehr als ein schlichter Road Novel

Diese Vielfalt ist es, die Lincoln Highway auch ein Gefühl von Zeitlosigkeit verleiht, wenngleich der Handlungsrahmen des Buchs ja eigentlich mit zehn Tagen im Juni 1954 sehr eng gesteckt ist. Diese Enge weiß Amor Towles aber maximal für sich zu nutzen und erzeugt durch seine Schilderungen von Tramps und Reisenden das Bild eines nostalgischen Amerikas, das aber nie in platten Americana-Kitsch abkippt. Stets ist doch auch das Gefühl des Verlusts, des Platzens von Illusionen und des Schmerzes präsent, der besonders am Ende des Romans zum Vorschein kommt und der das Buch zu weit mehr als einem gewöhnlichen Road-Novel macht.

Auch maximiert er durch diese Vielfalt an Schicksalen das Identifikationspotenzial, das dem Buch innewohnt. Acht ebenso heterogene wie plausibel geschilderte Figuren aus ganz unterschiedlichen Gesellschaftsschichten sind es, denen man in Lincoln Highway begegnen kann und deren Schicksale und Geschichten zur Identifikation einladen. Das macht das Buch maximal anschlussfähig und sollte für viele begeisterte Leserinnen und Leser sorgen, weshalb ich Towles Buch durchaus einen ähnlichen Erfolg zutraue, wie er ihm schon in den USA beschieden war. Dort stand das Buch an der Spitze der Bestsellerlisten und verkaufte sich innerhalb weniger Monate millionenfach.

Zeitdruck bei der Übersetzung?

Schade nur, dass die Übersetzung von Susanne Höbel ins Deutsche mit der Güte von Towles Werk nicht so ganz mithalten kann. An einigen Stellen wirkt es so, als sei nicht allzu viel Zeit für gründliches Arbeiten geblieben. Die Protagonisten begrüßen sich des Öfteren mit einem „Hallo da“, was im Englischen als „Hello there“ gang und gäbe sein mag, im Deutschen allerdings etwas merkwürdig klingt und eher ein „Hallo zusammen“ oder „Hallo miteinander“ wäre.

Auch wirkt es wenig idiomatisch, wenn Emmets Bruder Billy auf Seite 405 Folgendes erklärt: „Im Jahr 49 BC war Cäsar Gouverneur von Gallien“. Before Christ hätte man hier durchaus als „vor Christus“ übersetzen können, statt den englischen Terminus stehen zu lassen. Auch andere Formulierung wirken ab und an etwas befremdlich, sodass sich der Eindruck von Übersetzungshektik in der deutschen Version manifestiert. Das ist schade, da Susanne Höbel ja ansonsten Romane wirklich gelungen ins Deutsche zu übertragen weiß.

Fazit

So bleibt festzuhalten, dass Lincoln Highway das Zeug zum Klassiker hat. Amor Towles bietet darin neben überzeugendem Erzählhandwerk eine Vielzahl an Figuren und Schicksalen auf, die die Leser*innen für sich einnehmen dürften. Er zeigt in der Tradition von Mark Twain Hobos, Dynastiesprößlinge, Farmerkinder und falsche Prediger, die sich alle auf der Suche befinden und denen allesamt Unrast und ein steter Bewegungsdrang zueigen ist. Das macht aus Lincoln Highway ein nimmermüdes Lesevergnügen, bei dem es zu keinem Zeitpunkt zu Stillstand oder gar Langeweile kommt. Es ist ein Road Novel, es ist mehr als ein Road Novel, es ist eines der Bücher, das die Bestsellerlisten erobern dürfte und auch über das kurzlebige Novitätengeschäft hinaus das Zeug zum Longseller hat.


  • Amor Towles – Lincoln Highway
  • Aus dem Englischen von Susanne Höbel
  • ISBN 978-3-446-27400-6 (Hanser)
  • 576 Seiten. Preis: 26,00 €
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Christian Kracht – Eurotrash

Das Spiel mit den Erwartungen und der medialen Öffentlichkeit beherrscht wohl kein Autor momentan so gut wie Christian Kracht. Egal ob Imperium, Die Toten oder nun eben Eurotrash. Sobald ein neuer Roman des neben Martin Suter wohl bekanntesten Schweizer Autors erscheint, gibt es kein Halten mehr. Lobeshymnen, Verrisse, energisch geführte Debatten in allen großen Feuilletons. Bei seinem neuen Buch ist das nicht anders. Gehypt seit der Ankündigung von Eurotrash in der Vorschau des Kiepenheuer-Witsch-Verlags erreichte die Spannung nun Anfang März ihren Höhepunkt. Obwohl mit einer Sperrfrist versehen, brachen fast alle großen Medien diese Frist unisono. Kracht-Porträts, ein viel kommentiertes Interview und Rezensionen, die von himmelhoch jauchzend bis zum Vollverriss alles umfassten. Kurzzeitig konnte man wieder das nostalgische Gefühl von einer wirklichen Diskussion und Literaturpräsenz in der Öffentlichkeit bekommen, wie sie früher noch häufiger war.

Apropos früher: die Nostalgie schien in der ganzen Debatte auch eine große Rolle zu spielen. Schließlich handelt es sich bei Christian Kracht ja um einen der wichtigsten Vertreter der in den 90er-Jahre zur Blüte gelangten Popliteratur. Und während außer Benjamin von Stuckrad-Barre die meisten damals gefeierten Autor*innen eher aus der öffentlichn Aufmerksamkeit verschwunden sind (empfehlenswert in diesem Zusammenhang auch die Frühjahrs-Literaturbeilage der Augsburger Allgemeinen, die sich mit der Pop-Literatur beschäftigt), ist Kracht eben immer noch präsent. Und nun ist Eurotrash nicht irgendein neues Buch, sondern die Fortsetzung von Faserland, jenem Werk, das archetypisch für die 90er und die Gattung der Popliteratur ist. Oder zumindest steht es in Zusammenhang mit diesem vor 25 Jahren erschienenen Werk, wie uns der Autor denken machen will. Und das nicht nur in puncto Rechtschreibung, die sich längst überkommener Regeln beugt.

Das Ende von Faserland, der Beginn von Eurotrash

Das letzte Wort von Faserland ist zugleich der Anfang von Eurotrash. Und so hebt das Werk mit folgender Sentenz an:

Also, ich mußte wieder auf ein paar Tage nach Zürich. Meine Mutter wollte mich dringend sprechen. Sie hatte angerufen, ich solle doch bitte mal rasch kommen, es war ganz unheimlich gewesen. Und aus Nervosität darüber hatte ich mich das gesamte verlängerte Wochenende über so unwohl gefühlt, daß ich unter starker Verstopfung litt. Dazu muß ich sagen, daß ich vor einem Vierteljahrhundert eine Geschichte geschrieben hatte, die ich aus irgendeinem Grund, der mir nun leider nicht mehr einfällt, Faserland genannte hatte. Es endet in Zürich, sozusagen mitten auf dem Zürichsee, relativ traumatisch.

Christian Kracht – Faserland, S. 11

Und da ist es wieder, jenes aufsehenerregende Debüt namens Faserland, das der Erzähler hier schon im ersten Absatz nennt. Auch ansonsten enthalten diese ersten Sätze schon alles, was im Folgenden wichtig werden wird. Die Mutter als zentrale Figur des Romans, das Reisen, die Schweiz als Handlungsort, die Verdauungsprobleme. Alles ist angelegt in diesen wenigen Sätzen, die die Anknüpfungspunkte an Krachts Debüt herstellen. Doch ist Eurotrash die Fortsetzung von Faserland? Und ist der Erzähler hier überhaupt Christian Kracht, auch wenn er behauptet, Faserland geschrieben zu haben?

Wahrheit und Fiktion

Eurotrash ist ein vertracktes Spiel mit Wahrheit und Fiktion. So erzählt Kracht von seiner Mutter, mit der er sich auf einen Roadtrip durch die Schweiz begibt. Schnell wird noch ein Bankdepot aufgelöst, die Franken in einer billigen Plastiktüte deponiert und schon kann es losgehen. Die Mutter neigt zu boshaftem Witz, übermäßigem Alkoholkonsum und einer steten Rastlosigkeit. Das Porträt, das der Erzähler von dieser Frau zeichnet, ist alles andere als schmeichelhaft, um es vorsichtig auszudrücken. Und doch widmet Kracht dieses Buch explizit seiner Frau, Tochter, Schwester und eben Mutter.

Christian Kracht - Eurotrash (Cover)

Und auch ansonsten bedient sich Kracht munter an der eigenen Familienbiographie, de er aber immer wieder bricht und ins Groteske umbiegt. Er erzählt von den Verstrickungen seiner Vorfahren in den Nationalsozialismus, von Luxusverwahrlosung, vom Aufstieg des eigenen Vaters im Springerkonzern. Gleicht man das Erzählte mit der Realität ab, finden sich immer wieder Kongruenzen, dann aber auch wieder Fantasmen und Übertreibungen. Was ist wahr, was erdacht? Was gelogen, was gut erzählt? Ist Christian Kracht Christian Kracht, auch wenn er sich im Roman sogar selbst so nennt? Eurotrash führt aufs Glatteis und nimmt viel von der Lesefreude, wäre man nur auf die Überpüfung der Realien bedacht.

Denn dieser rasant geschilderte Roadtrip im Taxi führt von Zürich nach Bern und Montreux, auf Berge, in Kommunen und in die Abgründe der eigenen Vergangenheit. Immer wieder sieht der Erzähler Kracht Nazis am Werk und erinnert damit stark an Bov Bjergs letztjährigen buchpreisnominierten Roman Serpentinen. Ist dort ein Vater mit seinem Sohn im Auto in der Berglandschaft der Schwäbischen Alb unterwegs, ist es hier eben der Sohn mit der Mutter in der Schweiz, die allerdings standesgemäß im Taxi reisen. Generell scheint in der (Schweizer) Gegenwartsliteratur der motorisierte innerfamiliäre Roadtrip zum probaten erzählerischen Mittel geworden zu sein. Man denke etwa auch nur an Tom Kummers Von schlechten Eltern.

Trügerische Sicherheiten

Doch weiter im Text mit Krachts Roman. Dieser beschränkt sich nicht nur auf die Erzählung dieses stellenweise fast surreal anmutenden Roadtrips. Auch in der Erzählung selbst sind einige kurze Erzählminiaturen eingebaut. Immer wieder verlangt seine Mutter zur Ablenkungen Geschichten, die ihr der Sohn erzählen soll, etwa dann, wenn beide in einer Seilbahn festsitzen. Dann fabuliert der Christian Kracht beispielsweise von einer ins Totalitäre gekippte Schweiz. Grotesk, manchmal nur hingeschludert sind diese Erzählungen, die eine weitere mögliche Ebene in Eurotrash hineinbringen. Nicht umsonst ist auch das Grab von Jorge Luis Borges im Roman von zentraler Bedeutung. Oftmals fühlt man sich auch hier in einem Spiegelkabinett der Realitäten und Wahrheiten.

Christian Kracht treibt ein hintergründiges Spiel mit uns Leser*innen und mit unseren Erwartungen. Und heizt damit wieder Spekulationen und Deutungen an – die dann im Feuilleton wieder aufgegriffen werden. So zeigt sich einmal mehr seine Raffinesse und seine Fähigkeiten im Spiel mit der Öffentlichkeit. Er beherrscht die Kunst, den Diskurs zu dominieren und sich dabei einer klaren Einordnung zu entziehen. Das ist eine wohltuender Gegenentwurf zu all den Autor*innen da draußen, die sich ständig selbst produzieren, ihr Schreiben erklären, jeglichen Mut zum Ambivalenten vermissen lassen.

Und auch die literarische Ebene von Eurotrash überzeugt neben all den Nebelkerzen, die Kracht so zündet. Der Blick des Erzählers ist genau, weicht auch vor Peinlichem oder Unschönem nicht zurück und treibt die Handlung rasant voran. Der Blick auf die Schweiz ist ganz eigen und changiert zwischen Heimat- und Antiheimatliteratur. Und auch die Frage nach Autofiktion oder reiner Fiktion verhandelt das Buch klug. Eines der wohl interessantesten Bücher in diesem Frühjahr, über das man vortrefflich streiten kann und das sich (genau wie sein Titel) einer eindeutigen Lesart gekonnt entzieht. Wahrlich geschickt gemacht von Christian Kracht!


  • Christian Kracht – Eurotrash
  • ISBN 978-3-462-05083-7 (KiWi)
  • 224 Seiten. Preis: 22,00 €
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On the road

Jacques Poulin – Volkswagen Blues

Unter dem Motto All together Now ging am Sonntag die als Special Edition betitelte Frankfurter Buchmesse zuende. Eine Buchmesse, die anders war als alle zuvor erlebten. Keine Besucher, keine Aussteller in den Hallen, gerade mal in der Festhalle zeichnete die ARD das Begegnungsformat der Blauen Couch auf. Ansonsten ein unübersichtliches, chaotisches Programm, bei dem Verlage, Zeitungen, Messe und Autor*innen alle über diverse eigene Kanäle kommunizierten. Interviews, gefilmte oder gestreamte Lesungen, Zoom-Meetings. Ein Angebot, das mich etwas ratlos zurückließ und bei dem mit einer gebündelten Darstellung oder einer gemeinsamen Plattform sicher eine bessere Auffindbarkeit und Übersichtlichkeit zur Folge gehabt hätte. Aber es ist, was es ist.

Auch der Auftritt des diesjährigen Gastlandes Kanada auf der Frankfurter Buchmesse entfiel und wurde ins nächste Jahr verschoben. Eine etwas ungünstige Lösung, da viele Verlage nun schon freie Programmplätze für Kanada freigeräumt hatten. Inwieweit sich dise verlegerische Aufmerksamkeit für die kanadischen Autor*innen übertragen lässt, bleibt abzuwarten.

Auch auf dem Blog habe ich unter dem Motto #kandaerlesen schon einige Perlen aus den Programmen der Verlage in diesem Bücherherbst gesammelt. Ein weiterer Roman, der nun zu entdecken ist, ist Jacques Poulins Volkswagen Blues. Ein Buch, das laut dem Hanser-Verlag in Kanada Kultstatus genießt.

Ein seltsames Paar

Es ist ein äußerst seltsames Paar, das da in Poulins Roman zusammenfindet. Er, der Schriftsteller Jack Waterman, auf der Suche nach seinem Bruder. Und sie, Pitsémine, genannt Große Heuschrecke. Eine junge Frau mit indigenen Wurzeln, die von ihrer jungen Katze begleitet wird.

Dise beiden treffen auf den ersten Seiten des Romans aufeinander – und tun sich für den Rest des Romans zusammen. Denn Pitsémine stellt sich mit ihrem logischen Verstand und ihrem Aplomb als die passende Ergänzung für Jack und seine Mission heraus. Denn dieser hat durch Zufall eine Karte seines Bruders entdeckt. Jener Bruder, den Jack seit Dutzenden von Jahren nicht mehr gesehen hat. Doch nun ist es doch an der Zeit, dass man diesen Spuren nachgeht, so beschließt es Jack.

Zusammen mit Pitsémine und dem Kater namens Chop Suey begibt er sich auf eine Schnitzeljagd, die sie vom Norden Kanadas bis nach St. Louis und entlang des Oregon Trails in den Westen der USA führen wird. Eine turbulente Schnitzeljagd beginnt. Und damit auch ein Roadtrip durch ein Amerika, das wie aus einer anderen Welt scheint.

Aus der Zeit gefallen

Volkswagen Blues erschien 1984 in Kanada. Das Alter merkt man dem Roman auch an, der völlig aus der Zeit gefallen wirkt. Da tut sich ein widersprüchliches Pärchen zusammen, da fährt man im VW Bulli mitsamt durchrostenden Bodenblech durch ein Kanada und eine USA, die unserer heutigen Lebenswelt nicht ferner sein könnte. Love, Peace and Happiness. Der Geist der Hippiebewegung durchweht diesen Roman. Und natürlich muss der Roman auch dort enden, wo schon Scott McKenzie das Paradies aller Hippies besang: San Francisco.

Jacques Poulin - Volkswagen Blues (Cover)

Man begegnet sich respektvoll, ist neugierig aufeinander und kennt keine gesellschaftlichen Barrieren. Die soziale Wirklichkeit in diesem Roman ist größtenteils eine, die mit Blick auf die heutigen Zustände in Amerika völlig absurd wirkt. In diesem Sinne ist Volkwagen Blues für mich auch ein Stück bittersüße Nostalgie, da hier eine Welt gefeiert wird, die noch in Ordnung ist, wenngleich Poulin auch die Gräuel an der indigenen Bevölkerung nicht verschweigt und während der Reise thematisiert.

Generell verfestigte sich aber für mich der Eindruck einer nostalgischen Lektüre. Fernab von sozialen Spaltungen, ökologischen Sorgen und materiellem Auskommen reist man da einfach mal ein paar tausend Kilometer quer durch die kanadische und amerikanische Landschaft und macht sich keine gesteigerten Sorgen um die eigene Existenz.

Höchster Akt der Anarchie sind Diebstähle von Büchern aus Bibliotheken oder Buchhandlungen, die die lesehungrige Pitsémine begeht. Ansonsten ist dieses Buch geradezu unschuldig, was auch seinen Status als Kultroman in Kanada erklären könnte.

Fazit

Zu einem Kultroman in Deutschland wird es zwar nicht reichen. Aber Volkswagen Blues nimmt doch mit auf eine toll erzählte Reise quer durch Kanada und Amerika und ist somit die ideale Möglichkeit einer „Lehnstuhlreise“. Ein leichtes Buch, das das Fernweh und die Sehnsucht nach einer anderen Zeit befeuert. Und das ein wirklich seltsames Paar in den Mittelpunkt rückt, das in diesem Bücherherbst zu den skurrilsten Paarungen der Literatur zählen dürfte. Von Jan Schönherr wurde der Roman aus dem Französischen ins Deutsche übertragen und ist damit eine schönes Beispiel für #kanadaerlesen.


  • Jacques Poulin – Volkswagen Blues
  • Aus dem Französischen von Jan Schönherr
  • ISBN 978-3-446-26761-9 (Hanser)
  • 256 Seiten. Preis: 23,00 €

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Roadtrip mit Huhn und Hund

Jasmin Schreiber – Marianengraben

Die Trauer und der Verlust, sie haben ja immer etwas Schweres. In der Behandlung des Themas schwingt zumeist viel Gravitas mit. Bedrückte Mienen, Anteilnahme, gesenkte Stimmen. Der Tod als grausiger Schnitter und Sensenmann, die Beerdigung als Trauerspiel. So war es und so ist es zumeist.

Dass dieses Thema langsam etwas aus der tabuisierten Zone geholt wird, ist vermehrt feststellbar. Bestatter, die Bücher über ihren Broterwerb und ihre Erfahrungen schreiben (zuletzt etwas Eric Wrede in The End, Heyne) oder Forscherinnen, die sich mit dem Tod auseinandersetzen (Sue BlackAlles was bleibt, Dumont) bevölkern neuerdings die Buchlandschaft. Sogar der Tod selbst wird zum Protagonisten und Erzähler, wenn man an eines der erfolgreichsten Jugendbücher der letzten Zeit denkt, nämlich Markus Zusaks Die Bücherdiebin.

Ein Enttabuisierung dieser Themen ist vermehrt zu beobachten – und auch Jasmin Schreiber leistet in ihrem Debütroman Marianengraben einen Beitrag, um den Umgang mit Verlust und Trauer zu normalisieren.

Schreiber arbeitet als ehrenamtliche Sterbebegleiterin und bloggt auch über dieses Thema. Sie beschäftigt sich besonders mit Kindern, die jung sterben, sogenannte Sternenkinder. Daneben veröffentlicht sie literarische Miniaturen auf ihrem Blog La vie vagabonde, wofür sie im Jahr 2018 als Bloggerin des Jahres ausgezeichnet wurde. Viele ihrer Texte berühren und treiben den Lesern Tränen in die Augen, so die Begründung der Jury für die Auszeichnung Schreibers. Eine Aussage, die ich nach der beendeten Lektüre ihres Romans bestätigen kann. Aber der Reihe nach.

Eine Depression, tief wie der Marianengraben

Die Geschichte, die Jasmin Schreiber in ihrem Buch erzählt, ist die von Paula. Eigentlich studiert Paula Biologie und könnte das unbeschwerte Student*innenleben genießen. Doch in Paula herrscht nur Schwere und Trauer. Denn ihr geliebter Bruder Tim ist verstorben. Beim Schwimmen im Urlaub ist er ungekommen – und seitdem ist für Paula nichts mehr wie zuvor. Sie steckt in einer tiefen Depression, so tief wie der Marianengraben, wie sie selbst bemerkt. Denn der Graben ist mit einer Tiefe von über 11.000 Metern ein gutes Symbol ihrer Trauer. Zudem war ihr Bruder ein großer Fan der Meere und ihrer Bewohner – weswegen Paula nun in Erinnerung an ihren Bruder ihren eigenen Marianengraben bewohnt.

Im Lauf des Buchs beginnen wir mit Paula aus diesem Graben aufzusteigen. Allmählich löst sich der Druck, der auf ihr lastet. Dies resultiert aus einer absurd-komischen Begegnung. Denn als Paula nachts auf dem Friedhof einsteigt, um ungestört am Grab ihres Bruders zu trauern, bemerkt sie in unmittelbarer Nachbarschaft einen alten Herren. Dieser müht sich gerade, die Urne einer Frau auszubuddeln. Paula beschließt ihm zu helfen und bildet in der Folge mit Helmut, so der Name des Urnendiebs, ein reichlich ungewöhnliches Tandem. Denn Helmut möchte die Asche von Helga, seiner Exfrau, in den Bergen verstreuen. Paula beschließt, ihm zu helfen, und so begeben sich die beiden auf einen skurrilen Roadtrip. In Helmuts Wohnmobil geht es durch Deutschland gen Berge, und das im Schneckentempo. Zahllose Pinkelpausen, ein Schäferhund namens Judy und ein Huhn namens Lutz inklusive.

Von der Trauer und dem Umgang mit ihr

Wie sich aus meiner kurzen Zusammenfassung der Handlung schon entnehmen lässt, ist es auch die Komik und das Absurde, dem bei Jasmin Schreiber eine große Bedeutung zukommt. Wie im thematisch ähnlich gelagerten Rückwärtswalzer von Vea Kaiser aus dem letzten Jahr geht es auch hier um die letzte Ruhe, die einer Leiche auf rechtlich fragwürdigen Wegen verschafft werden soll. Auch Dirk Pope mit seinem für den Jugendliteraturpreis nominierten Roman Abgefahren über den Leichtransport der eigenen Mutter wäre in dieser Reihe zu nennen, in der auch Marianengraben steht.

Vom Tonfall und vom Setting gehört Schreibers Debüt für mich ebenfalls in die Kategorie Jugendbuch. Der Roadtrip und der Blick in die jugendliche Psyche Paulas sind gelungen. Der Humor wird gut mit der Trauer verbunden, der Verlust mit dem Aufbruch, der Tod mit der Freiheit. So deckt das Buch viele Facetten ab, ohne zu sehr in eine Richtung das Übergewicht zu bekommen und ist auch durchaus für Jugendliche geeignet (eine Nominierung zum Deutschen Jugendliteraturpreis würde ich hier durchaus in Betracht ziehen).

Leichte Unstimmigkeiten

Allerdings: alles ist noch nicht ganz glatt, rund, stimmig. Eine Biologiestudentin, die sich mit allen möglichen maritimen, neuronalen und sonstigen biologischen Eigenschaften von Mensch und Tier auskennt, dann aber nicht weiß, „wer, was oder wo Bozen“ ist (S. 152), das ließ mich stutzen. Solcherlei Inkonsistenzen in der Figurengestaltung bleiben allerdings die Ausnahme.

Auch konnte ich folgendem Bild nicht viel abgewinnen:

Doch in mir gab es nichts zu schöpfen, ich saß im Marianengraben mit einer kleinen Suppenkelle und sollte damit all das Wasser und den Schmerz aus mir herausholen, damit es mir besser ginge, ich sollte alles hochholen und zur Betrachtung ausbreiten und zeigen. Doch das funktionierte nicht. Ich saß elftausend Meter weit unten der der Druck war so hoch, dass von außen sofort wieder alles in mich einströmte, sobald ich ein bisschen abschöpfte.

Schreiber, Jasmin: Marianengraben, S. 15

Schlägt man im Duden unter dem Verb (ab)schöpfen nach, so sagt das Buch Folgendes: schöpfen = (etwas oben Befindliches schöpfend von etwas) herunternehmen.

Da sich Paula in diesem Bild allerdings unter Wasser befindet und der Druck von abertausenden Tonnen Wasser auf ihr lastet, kann sie ja schlecht etwas abschöpfen. Dies würde funktionieren, wenn sie in einem Boot säße oder eine sonstige Oberfläche in der Nähe wäre. Aber unter Wasser schöpft es sich schlecht. So ist das hier ein Bild, das für mich nicht funkioniert.

Dann gibt es aber auch wieder unglaublich eindringliche Szene und Bilder, die im Kopf bleiben. Sicher, alles an Schreibers Buch ist noch nicht rund, Ecken und Kanten, an denen man sich stoßen kann, sind durchaus vorhanden. Sprachlich ist auch noch etwas Luft nach oben. Aber bei einem Debütroman darf das meiner Meinung nach auch so sein.

Fazit

Mit Marianengraben gelingt Jasmin Schreiber ein gut ausbalanciertes Buch, das unverkrampft von Tod und Trauer erzählt. Schreibers Buch rührte mich zu Tränen, ohne rührselig zu sein, und spendet Trost. Im besten Sinne gelingt der Debütantin ein All-Age-Roman, der den Tod und das Trauern in den Mittelpunkt stellt und zeigt einen ungewöhnlichen Verarbeitungsprozess. Jasmin Schreiber ist mit diesem Buch ein großer Erfolg zu wünschen.

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Reif Larsen – Die Karte meiner Träume

Der erste Roman und gleich einmal ein nahezu vollumfänglich gelungenes Spitzenbuch. Dieser beeindruckende Husarenstreich gelingt dem Amerikaner Reif Larsen mit seinem Debüt Die Karte meiner Träume. Ein Buch, das zeigt, was Literatur zu leisten im Stande ist, wenn man sich ihrer ganzen Fülle bedient und sie ernst nimmt.


Es ist die letzte Seite dieses ebenso schönen wie verspielten Buchs, auf der sich die Losung des Romans versteckt hat. Inmitten eines großflächigen Gemäldes prangt die Postulat Alles ist Fiktion. Das lässt sich für Larsens Debütroman auch umdrehen, der den Beweis antritt, dass Fiktion alles sein kann. Fiktion kann Geschichten erzählen, andere Welten errichten und den Lesenden völlig seiner Umwelt entziehen. Mir erging es so im Laufe der Lektüre, die so bunt, so mitreißend, so clever konstruiert und so umwerfend gelungen ist, das ich ihr postwendend einen Platz in meinem ohnehin schon knapp bemessenen Buchregal freigeräumt habe. Hier lässt sich nämlich wieder der Zauber gut gemachter Geschichten erleben, den gelungene Bücher verströmen.

Solche gut gemachten Geschichten beinhalten ja immer einen Helden oder eine Heldin, der die Geschichte trägt und sich im besten Falle über das Buch hinaus im Kopf der Lesenden verankert. Larsen gelingt dies mühelos, indem er den Ich-Erzähler Tecumseh Sparrow Spivet ersinnt. Dieser Zwölfjährige ist ein mehr als außergewöhnliches Kind. Das beginnt schon beim Vornamen, den er mit seinen männlichen, ursprünglich aus Finnland stammenden Vorfahren teilt. Den Beinamen verdankt er der Legende, dass im Moment seiner Geburt ein Spatz gegen die Scheibe seines Elternhauses prallte und starb. Ebenso ungewöhnlich wie T. S.‘ Namensgebung ist die ganze Familie Spivet, die sich unter dem Dach des Farmhauses in Montana versammelt.

Eine sonderliche Familie

Da ist T.S. Spivets Schwester Gracie, mit der Tecumseh so gar nichts anfangen kann. Ähnlich schwierig ist die Beziehung des hochbegabten Jungen zu seiner Mutter, die er nur Dr. Clair nennt. Sie hat sich der Erforschung des Tigermönchs gewidmet. Doch zum Leidwesen der Koleopterologin konnte auch sie bislang noch keinen Beweis erbringen, dass jene Käferart tatsächlich existiert. Während sich T. S. ihr aufgrund der Forschernatur wenigstens etwas verbunden fühlt, kann er mit seinem Vater rein gar nichts anfangen. Dieser geht dem Tagewerk eines Farmers nach und wäre doch so gerne auch ein Cowboy aus alten Tagen.

Und da ist dann zuletzt – beziehungsweise eigentlich schon nicht mehr – Layton, der Bruder von T. S.. Jener Bruder starb bei einem Unfall mit einer Flinte in einem Stall des Farmhauses. Der genaue Tathergang liegt im Dunklen, niemand in der Familie thematisiert dieses Unglück näher.

Diese Familie, die dem gängigen Bild einer harmonisches und miteinander (re)agierenden Gefüges so gar nicht entspricht, sie ist die Heimstatt von T. S. Seine Leidenschaft für Karten und fürs Kartographieren, sie wirkt in dieser Umgebung so fremd, wie er sich selbst im Familienverbund führt. Und doch löst diese Leidenschaft große Ereignisse aus, die von einem Telefonanruf in Gang gesetzt werden, der T. S. auf den ersten Seiten des Buchs ereilt.

Ein Anruf aus dem Smithsonian

Dieser Anruf kommt aus Washington, genauer gesagt aus der Smithsonian Institution. Dort, in dieser bedeutenden Forschungseinrichtung, ist man auf T. S. Spivet aufmerksam geworden. Ein Forscher hat nämlich die Karten und wissenschaftlichen Darstellungen des Zwölfjährigen unter Vorspiegelung falscher Tatsachen eingereicht. Und dort, in der Forschungseinrichtung, die schon Größen wie Bohr oder Einstein besuchten, hat man nun entschieden: man möchte T. S. eine Ehrung in Form der Baird-Medaille zuerkennen. Doch dafür muss Tecumseh nach Washington reisen. Von Montana aus wirklich eine halbe Weltreise, selbst wenn man ein begnadeter Kartograph ist, aber weder Auto noch Führerschein besitzt.

Und so setzt sich die Handlung in Gang, die eine in drei Teile untergliederte Reise ist. Einmal quer durch den Norden bis in den Westen der USA. Auf diesen Roadtrip wagt sich Tecumseh ganz alleine, begleitet nur von seiner Kartographen-Ausrüstung, einem präparierten Spatzenskelett und dem Tagebuch seiner Mutter. Wird es Tecumseh gelingen, die Täuschung aufrechtzuerhalten und an die Baird-Medaille zu gelangen, obwohl alle von einem erwachsenen Preisträger ausgehen? Aus dieser Frage generiert das Buch einen Spannungsbogen, der von Tecumsehs Roadtrip unterstützt wird. Immer ist etwas in Bewegung, innerlich oder äußerlich, selbst wenn T.S. tagelang im selben Abteil eines Union-Pacific-Zugs sitzt.

Wie Reif Larsen diesen inneren und äußeren Roadtrip gestaltet, durchkomponiert und nachvollziehbar rhythmisiert, das ist große Kunst. Mal passiert fast nichts, wenn T. S. im Tagebuch seiner Mutter versinkt und erstaunliche Entdeckungen macht. Dann wird die Prosa ruhig, melancholisch. Dann treibt wiederum alles nach vorne, die Ereignisse überschlagen sich, und auch die Kommentierung des Geschehens am Rand des Buchs nimmt zu. In diesen Einwürfen meldet sich T. S. mit Gedanken und Anekdoten immer wieder zu Wort, zeichnet, um seine Überlegungen zu illustrieren. Das ist clever gemacht und wunderschön gestaltet. So entsteht auch ein Dialog im Buch selbst, Abschweifungen, Ergänzungen, verblüffende Theorien und wild überbordende Arabesken ergänzen die „normale“ Handlung.

Inhalt, Sprache, Metaebenen – es passt

Eine Figur nur über die Sprache zu gestalten, auf Äußerlichkeiten kaum einzugehen, sie nach der alten Weisheit Show, don’t tell zu zeichnen, das schaffen in dieser Intensität nicht viele junge Autoren. Reif Larsen gehört dazu – und wurde auch von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié sehr stimmig ins Deutsche übertragen.

Wie Larsen Tecumseh nie beschreibt, sondern ihn einfach erzählen lässt, wodurch ein ungemein facettenreiches und stimmiges Bild eines hochbegabten, aber auch problembeladenen Jungen entsteht, das ist große Kunst. Zudem gelingt es auch, zahlreiche ambivalente Figuren und Situationen entstehen zu lassen, die eine Fülle von Interpretationen zulassen. Auch ich habe mich gerne auf diese Deutungsmöglichkeiten eingelassen. So habe ich in Die Karte meiner Träume ein großes Buch der Trauer und der Trauerverarbeitung entdeckt.

Die Katastrophe um Layton und die Flinte wird zunächst ja immer nur peripher berührt. Doch die alte Binsenweisheit, dass man auf einer Reise, egal wie weit sie führen mag, am Ende doch immer wieder nur bei sich ankommt, sie bestätigt sich auch hier. So steht am Ende für mich auch nicht die mögliche Baird-Medaille oder die Ankunft Tecumsehs in Washington als Ergebnis, sondern die Trauerverarbeitung, die während T. S.‘ Reise geschieht. Am Ende zeigt sich, was damals in jenem Stall wirklich passierte. Hier wird Trauer plastisch und erfahrbar, von den kleinsten, scheinbar nebensächlichen Details, bis zum großen Ganzen.

Am Ende mag die Konstruktion etwas ächzen und stöhnen. Aber nichtsdestotrotz ist hier ein Autor zu entdecken, der seine Buchlosung, dass alles Fiktion sei, ernst nimmt. Eine begeisternde, toll gestaltete und geschriebene Lektüre, die auch ein Jahrzehnt nach ihrem Erscheinen kein Gran an Qualität eingebüßt hat. Inhalt, Sprache, Deutungsmöglichkeiten, Metaebenen – hier werden all diese Versprechen nahezu vollständig eingelöst, die mir gute Literatur gibt. Ein beeindruckender Erstling, der mich begeistert zurückgelassen hat.


Bildquellen: Smithsonian Institut: Von David Bjorgen – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=523621

Buchseite und Cover: S.Fischer-Verlag

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