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Roadtrip mit Huhn und Hund

Jasmin Schreiber – Marianengraben

Die Trauer und der Verlust, sie haben ja immer etwas Schweres. In der Behandlung des Themas schwingt zumeist viel Gravitas mit. Bedrückte Mienen, Anteilnahme, gesenkte Stimmen. Der Tod als grausiger Schnitter und Sensenmann, die Beerdigung als Trauerspiel. So war es und so ist es zumeist.

Dass dieses Thema langsam etwas aus der tabuisierten Zone geholt wird, ist vermehrt feststellbar. Bestatter, die Bücher über ihren Broterwerb und ihre Erfahrungen schreiben (zuletzt etwas Eric Wrede in The End, Heyne) oder Forscherinnen, die sich mit dem Tod auseinandersetzen (Sue BlackAlles was bleibt, Dumont) bevölkern neuerdings die Buchlandschaft. Sogar der Tod selbst wird zum Protagonisten und Erzähler, wenn man an eines der erfolgreichsten Jugendbücher der letzten Zeit denkt, nämlich Markus Zusaks Die Bücherdiebin.

Ein Enttabuisierung dieser Themen ist vermehrt zu beobachten – und auch Jasmin Schreiber leistet in ihrem Debütroman Marianengraben einen Beitrag, um den Umgang mit Verlust und Trauer zu normalisieren.

Schreiber arbeitet als ehrenamtliche Sterbebegleiterin und bloggt auch über dieses Thema. Sie beschäftigt sich besonders mit Kindern, die jung sterben, sogenannte Sternenkinder. Daneben veröffentlicht sie literarische Miniaturen auf ihrem Blog La vie vagabonde, wofür sie im Jahr 2018 als Bloggerin des Jahres ausgezeichnet wurde. Viele ihrer Texte berühren und treiben den Lesern Tränen in die Augen, so die Begründung der Jury für die Auszeichnung Schreibers. Eine Aussage, die ich nach der beendeten Lektüre ihres Romans bestätigen kann. Aber der Reihe nach.

Eine Depression, tief wie der Marianengraben

Die Geschichte, die Jasmin Schreiber in ihrem Buch erzählt, ist die von Paula. Eigentlich studiert Paula Biologie und könnte das unbeschwerte Student*innenleben genießen. Doch in Paula herrscht nur Schwere und Trauer. Denn ihr geliebter Bruder Tim ist verstorben. Beim Schwimmen im Urlaub ist er ungekommen – und seitdem ist für Paula nichts mehr wie zuvor. Sie steckt in einer tiefen Depression, so tief wie der Marianengraben, wie sie selbst bemerkt. Denn der Graben ist mit einer Tiefe von über 11.000 Metern ein gutes Symbol ihrer Trauer. Zudem war ihr Bruder ein großer Fan der Meere und ihrer Bewohner – weswegen Paula nun in Erinnerung an ihren Bruder ihren eigenen Marianengraben bewohnt.

Im Lauf des Buchs beginnen wir mit Paula aus diesem Graben aufzusteigen. Allmählich löst sich der Druck, der auf ihr lastet. Dies resultiert aus einer absurd-komischen Begegnung. Denn als Paula nachts auf dem Friedhof einsteigt, um ungestört am Grab ihres Bruders zu trauern, bemerkt sie in unmittelbarer Nachbarschaft einen alten Herren. Dieser müht sich gerade, die Urne einer Frau auszubuddeln. Paula beschließt ihm zu helfen und bildet in der Folge mit Helmut, so der Name des Urnendiebs, ein reichlich ungewöhnliches Tandem. Denn Helmut möchte die Asche von Helga, seiner Exfrau, in den Bergen verstreuen. Paula beschließt, ihm zu helfen, und so begeben sich die beiden auf einen skurrilen Roadtrip. In Helmuts Wohnmobil geht es durch Deutschland gen Berge, und das im Schneckentempo. Zahllose Pinkelpausen, ein Schäferhund namens Judy und ein Huhn namens Lutz inklusive.

Von der Trauer und dem Umgang mit ihr

Wie sich aus meiner kurzen Zusammenfassung der Handlung schon entnehmen lässt, ist es auch die Komik und das Absurde, dem bei Jasmin Schreiber eine große Bedeutung zukommt. Wie im thematisch ähnlich gelagerten Rückwärtswalzer von Vea Kaiser aus dem letzten Jahr geht es auch hier um die letzte Ruhe, die einer Leiche auf rechtlich fragwürdigen Wegen verschafft werden soll. Auch Dirk Pope mit seinem für den Jugendliteraturpreis nominierten Roman Abgefahren über den Leichtransport der eigenen Mutter wäre in dieser Reihe zu nennen, in der auch Marianengraben steht.

Vom Tonfall und vom Setting gehört Schreibers Debüt für mich ebenfalls in die Kategorie Jugendbuch. Der Roadtrip und der Blick in die jugendliche Psyche Paulas sind gelungen. Der Humor wird gut mit der Trauer verbunden, der Verlust mit dem Aufbruch, der Tod mit der Freiheit. So deckt das Buch viele Facetten ab, ohne zu sehr in eine Richtung das Übergewicht zu bekommen und ist auch durchaus für Jugendliche geeignet (eine Nominierung zum Deutschen Jugendliteraturpreis würde ich hier durchaus in Betracht ziehen).

Leichte Unstimmigkeiten

Allerdings: alles ist noch nicht ganz glatt, rund, stimmig. Eine Biologiestudentin, die sich mit allen möglichen maritimen, neuronalen und sonstigen biologischen Eigenschaften von Mensch und Tier auskennt, dann aber nicht weiß, „wer, was oder wo Bozen“ ist (S. 152), das ließ mich stutzen. Solcherlei Inkonsistenzen in der Figurengestaltung bleiben allerdings die Ausnahme.

Auch konnte ich folgendem Bild nicht viel abgewinnen:

Doch in mir gab es nichts zu schöpfen, ich saß im Marianengraben mit einer kleinen Suppenkelle und sollte damit all das Wasser und den Schmerz aus mir herausholen, damit es mir besser ginge, ich sollte alles hochholen und zur Betrachtung ausbreiten und zeigen. Doch das funktionierte nicht. Ich saß elftausend Meter weit unten der der Druck war so hoch, dass von außen sofort wieder alles in mich einströmte, sobald ich ein bisschen abschöpfte.

Schreiber, Jasmin: Marianengraben, S. 15

Schlägt man im Duden unter dem Verb (ab)schöpfen nach, so sagt das Buch Folgendes: schöpfen = (etwas oben Befindliches schöpfend von etwas) herunternehmen.

Da sich Paula in diesem Bild allerdings unter Wasser befindet und der Druck von abertausenden Tonnen Wasser auf ihr lastet, kann sie ja schlecht etwas abschöpfen. Dies würde funktionieren, wenn sie in einem Boot säße oder eine sonstige Oberfläche in der Nähe wäre. Aber unter Wasser schöpft es sich schlecht. So ist das hier ein Bild, das für mich nicht funkioniert.

Dann gibt es aber auch wieder unglaublich eindringliche Szene und Bilder, die im Kopf bleiben. Sicher, alles an Schreibers Buch ist noch nicht rund, Ecken und Kanten, an denen man sich stoßen kann, sind durchaus vorhanden. Sprachlich ist auch noch etwas Luft nach oben. Aber bei einem Debütroman darf das meiner Meinung nach auch so sein.

Fazit

Mit Marianengraben gelingt Jasmin Schreiber ein gut ausbalanciertes Buch, das unverkrampft von Tod und Trauer erzählt. Schreibers Buch rührte mich zu Tränen, ohne rührselig zu sein, und spendet Trost. Im besten Sinne gelingt der Debütantin ein All-Age-Roman, der den Tod und das Trauern in den Mittelpunkt stellt und zeigt einen ungewöhnlichen Verarbeitungsprozess. Jasmin Schreiber ist mit diesem Buch ein großer Erfolg zu wünschen.

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Reif Larsen – Die Karte meiner Träume

Der erste Roman und gleich einmal ein nahezu vollumfänglich gelungenes Spitzenbuch. Dieser beeindruckende Husarenstreich gelingt dem Amerikaner Reif Larsen mit seinem Debüt Die Karte meiner Träume. Ein Buch, das zeigt, was Literatur zu leisten im Stande ist, wenn man sich ihrer ganzen Fülle bedient und sie ernst nimmt.


Es ist die letzte Seite dieses ebenso schönen wie verspielten Buchs, auf der sich die Losung des Romans versteckt hat. Inmitten eines großflächigen Gemäldes prangt die Postulat Alles ist Fiktion. Das lässt sich für Larsens Debütroman auch umdrehen, der den Beweis antritt, dass Fiktion alles sein kann. Fiktion kann Geschichten erzählen, andere Welten errichten und den Lesenden völlig seiner Umwelt entziehen. Mir erging es so im Laufe der Lektüre, die so bunt, so mitreißend, so clever konstruiert und so umwerfend gelungen ist, das ich ihr postwendend einen Platz in meinem ohnehin schon knapp bemessenen Buchregal freigeräumt habe. Hier lässt sich nämlich wieder der Zauber gut gemachter Geschichten erleben, den gelungene Bücher verströmen.

Solche gut gemachten Geschichten beinhalten ja immer einen Helden oder eine Heldin, der die Geschichte trägt und sich im besten Falle über das Buch hinaus im Kopf der Lesenden verankert. Larsen gelingt dies mühelos, indem er den Ich-Erzähler Tecumseh Sparrow Spivet ersinnt. Dieser Zwölfjährige ist ein mehr als außergewöhnliches Kind. Das beginnt schon beim Vornamen, den er mit seinen männlichen, ursprünglich aus Finnland stammenden Vorfahren teilt. Den Beinamen verdankt er der Legende, dass im Moment seiner Geburt ein Spatz gegen die Scheibe seines Elternhauses prallte und starb. Ebenso ungewöhnlich wie T. S.‘ Namensgebung ist die ganze Familie Spivet, die sich unter dem Dach des Farmhauses in Montana versammelt.

Eine sonderliche Familie

Da ist T.S. Spivets Schwester Gracie, mit der Tecumseh so gar nichts anfangen kann. Ähnlich schwierig ist die Beziehung des hochbegabten Jungen zu seiner Mutter, die er nur Dr. Clair nennt. Sie hat sich der Erforschung des Tigermönchs gewidmet. Doch zum Leidwesen der Koleopterologin konnte auch sie bislang noch keinen Beweis erbringen, dass jene Käferart tatsächlich existiert. Während sich T. S. ihr aufgrund der Forschernatur wenigstens etwas verbunden fühlt, kann er mit seinem Vater rein gar nichts anfangen. Dieser geht dem Tagewerk eines Farmers nach und wäre doch so gerne auch ein Cowboy aus alten Tagen.

Und da ist dann zuletzt – beziehungsweise eigentlich schon nicht mehr – Layton, der Bruder von T. S.. Jener Bruder starb bei einem Unfall mit einer Flinte in einem Stall des Farmhauses. Der genaue Tathergang liegt im Dunklen, niemand in der Familie thematisiert dieses Unglück näher.

Diese Familie, die dem gängigen Bild einer harmonisches und miteinander (re)agierenden Gefüges so gar nicht entspricht, sie ist die Heimstatt von T. S. Seine Leidenschaft für Karten und fürs Kartographieren, sie wirkt in dieser Umgebung so fremd, wie er sich selbst im Familienverbund führt. Und doch löst diese Leidenschaft große Ereignisse aus, die von einem Telefonanruf in Gang gesetzt werden, der T. S. auf den ersten Seiten des Buchs ereilt.

Ein Anruf aus dem Smithsonian

Dieser Anruf kommt aus Washington, genauer gesagt aus der Smithsonian Institution. Dort, in dieser bedeutenden Forschungseinrichtung, ist man auf T. S. Spivet aufmerksam geworden. Ein Forscher hat nämlich die Karten und wissenschaftlichen Darstellungen des Zwölfjährigen unter Vorspiegelung falscher Tatsachen eingereicht. Und dort, in der Forschungseinrichtung, die schon Größen wie Bohr oder Einstein besuchten, hat man nun entschieden: man möchte T. S. eine Ehrung in Form der Baird-Medaille zuerkennen. Doch dafür muss Tecumseh nach Washington reisen. Von Montana aus wirklich eine halbe Weltreise, selbst wenn man ein begnadeter Kartograph ist, aber weder Auto noch Führerschein besitzt.

Und so setzt sich die Handlung in Gang, die eine in drei Teile untergliederte Reise ist. Einmal quer durch den Norden bis in den Westen der USA. Auf diesen Roadtrip wagt sich Tecumseh ganz alleine, begleitet nur von seiner Kartographen-Ausrüstung, einem präparierten Spatzenskelett und dem Tagebuch seiner Mutter. Wird es Tecumseh gelingen, die Täuschung aufrechtzuerhalten und an die Baird-Medaille zu gelangen, obwohl alle von einem erwachsenen Preisträger ausgehen? Aus dieser Frage generiert das Buch einen Spannungsbogen, der von Tecumsehs Roadtrip unterstützt wird. Immer ist etwas in Bewegung, innerlich oder äußerlich, selbst wenn T.S. tagelang im selben Abteil eines Union-Pacific-Zugs sitzt.

Wie Reif Larsen diesen inneren und äußeren Roadtrip gestaltet, durchkomponiert und nachvollziehbar rhythmisiert, das ist große Kunst. Mal passiert fast nichts, wenn T. S. im Tagebuch seiner Mutter versinkt und erstaunliche Entdeckungen macht. Dann wird die Prosa ruhig, melancholisch. Dann treibt wiederum alles nach vorne, die Ereignisse überschlagen sich, und auch die Kommentierung des Geschehens am Rand des Buchs nimmt zu. In diesen Einwürfen meldet sich T. S. mit Gedanken und Anekdoten immer wieder zu Wort, zeichnet, um seine Überlegungen zu illustrieren. Das ist clever gemacht und wunderschön gestaltet. So entsteht auch ein Dialog im Buch selbst, Abschweifungen, Ergänzungen, verblüffende Theorien und wild überbordende Arabesken ergänzen die „normale“ Handlung.

Inhalt, Sprache, Metaebenen – es passt

Eine Figur nur über die Sprache zu gestalten, auf Äußerlichkeiten kaum einzugehen, sie nach der alten Weisheit Show, don’t tell zu zeichnen, das schaffen in dieser Intensität nicht viele junge Autoren. Reif Larsen gehört dazu – und wurde auch von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié sehr stimmig ins Deutsche übertragen.

Wie Larsen Tecumseh nie beschreibt, sondern ihn einfach erzählen lässt, wodurch ein ungemein facettenreiches und stimmiges Bild eines hochbegabten, aber auch problembeladenen Jungen entsteht, das ist große Kunst. Zudem gelingt es auch, zahlreiche ambivalente Figuren und Situationen entstehen zu lassen, die eine Fülle von Interpretationen zulassen. Auch ich habe mich gerne auf diese Deutungsmöglichkeiten eingelassen. So habe ich in Die Karte meiner Träume ein großes Buch der Trauer und der Trauerverarbeitung entdeckt.

Die Katastrophe um Layton und die Flinte wird zunächst ja immer nur peripher berührt. Doch die alte Binsenweisheit, dass man auf einer Reise, egal wie weit sie führen mag, am Ende doch immer wieder nur bei sich ankommt, sie bestätigt sich auch hier. So steht am Ende für mich auch nicht die mögliche Baird-Medaille oder die Ankunft Tecumsehs in Washington als Ergebnis, sondern die Trauerverarbeitung, die während T. S.‘ Reise geschieht. Am Ende zeigt sich, was damals in jenem Stall wirklich passierte. Hier wird Trauer plastisch und erfahrbar, von den kleinsten, scheinbar nebensächlichen Details, bis zum großen Ganzen.

Am Ende mag die Konstruktion etwas ächzen und stöhnen. Aber nichtsdestotrotz ist hier ein Autor zu entdecken, der seine Buchlosung, dass alles Fiktion sei, ernst nimmt. Eine begeisternde, toll gestaltete und geschriebene Lektüre, die auch ein Jahrzehnt nach ihrem Erscheinen kein Gran an Qualität eingebüßt hat. Inhalt, Sprache, Deutungsmöglichkeiten, Metaebenen – hier werden all diese Versprechen nahezu vollständig eingelöst, die mir gute Literatur gibt. Ein beeindruckender Erstling, der mich begeistert zurückgelassen hat.


Bildquellen: Smithsonian Institut: Von David Bjorgen – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=523621

Buchseite und Cover: S.Fischer-Verlag

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Valeria Luiselli – Archiv der verlorenen Kinder

In seiner kürzlich in der taz erschienen Rezension zu Colson Whiteheads Roman Die Nickelboys stellte Johannes Franzen fest, dass man mögliche Vorbehalte gegen Protestliteratur oder politische Literatur aufgeben sollte, wenn sie so gut gemacht seien, wie dies bei Whitehead der Fall ist.

Colson Whiteheads „Die Nickel Boys“ ist ein politischer Roman, der die Probleme politischer Literatur nach Möglichkeit vermeidet – ein Beispiel dafür, wie eine gelungene engagierte Literatur heute aussehen könnte, die nicht nur agitiert, sondern auch hohen ästhetischen Ansprüchen genügen kann.

Johannes Franzen über Colson Whiteheads „Die Nickelboys“

An diese Worte aus Franzens Rezension musste ich während der Lektüre von Valeria Luisellis Archiv der verlorenen Kinder denken. Denn ihr Buch ist für mich ebenfalls ein ganz klarer Fall politischer Literatur – und zwar der der guten Sorte. Ein Buch, das ein Anliegen hat, das aber darüber hinaus auch nicht vergisst, auch auf der literarisch-ästhetischen Ebene zu überzeugen.

Von New York nach Mexiko – und umgekehrt

Luiselli erzählt auf faszinierende Art und Weise von zwei gegenläufigen Ereignissen, die aktueller nicht sein könnten. An der mexikanisch-amerikanischen Grenze werden Tausende von Kindern aufgegriffen, die von ihren Eltern in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft gen Norden geschickt wurden. Durch Wüsten und auf Zügen schlagen sich die Kinder durch, um dann von der Grenzpolizei aufgegriffen und in den Süden zurückgeschickt zu werden.

Von diesen Kinderdeportationen hat auch die Erzählerin des zweiten Erzählstrangs gehört. Zusammen mit ihrem Mann und ihren Kindern will sie von New York aus in den Süden der USA reisen. Die Erzählerin hat das Schicksal der Flüchtlingskinder im Hinterkopf, ihr Mann das der Apachen. Beide suchen sie im Süden nach Material für Reportagen und Dokumentationen. Sie sehen sich selber als Dokumentarist (der Mann) und als Dokumentarin (die Erzählerin), die mit Klängen Geschichten erzählen. Sie lassen das sichtbar werden, was sonst verborgen bleibt – so auch die Geschichte der jungen Migranten, die es niemals nach Amerika schaffen. Mit ihren beiden Kindern machen sie sich im Auto auf den Weg aus New York in Arizona. So bewegen sich beide Parteien unaufhörlich aufeinander zu.

Mauerbau zu Mexiko, Flucht, Vertreibung, Flüchtlingsschicksale – möglicherweise werden viele Leser*innen an dieser Stelle schon abwinken, zu überpräsent (und wahrscheinlich auch zu ermüdend) mögen diese Schlagworte wirken, ohne die man Valeria Luisellis Erzählung nicht lesen kann. Es wäre allerdings ein Fehler, keinen genauen Blick auf dieses Buch zu werfen. Denn hier passiert auf literarischer Ebene Erstaunliches.

Elegien für verlorene Kinder

Dabei beginnt man am besten schon einmal mit dem Titel. Archiv der verlorenen Kinder – was soll das sein? Der Titel spiegelt einen Kunstgriff der Autorin wieder. Denn im Gepäck hat die Erzählerin für den weiten Weg von New York nach Arizona nicht nur Hörbücher, sondern auch ein Archiv in Form von sieben Schachteln im Kofferraum. In denen hat jedes Familienmitglied (die bis auf eine Ausnahme völlig ohne Namen bleiben) Stauraum für die Reise bekommen. Eines der Bücher, das in den Kisten lagert, ist das Werk Elegien für verlorene Kinder der (fiktiven Autorin) Ella Camposanto.

In den Elegien beschreibt die Autorin das Schicksal von Flüchtlingskindern, die mithilfe des Zugs, La Bestia genannt, von Mexiko nach Amerika zu gelangen versuchen. Die Erzählerin liest in diesen Elegien, nimmt sie auch auf Band auf und liest sie ihren Kindern vor. Je weiter die Familie in den Süden vordringt, desto mehr überlagern sich die eigene Reise und die Elegien. Fiktive und erlebte Schicksale verschwimmen immer mehr, bis am Ende kaum mehr unterscheidbar ist: was entspringt Camposantos Elegien, was haben die Kinder tatsächlich erlebt?

Amerikanisch-Mexikanische Grenze [By Dicklyon – Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=76151119]

Diese kunstvolle Vermischung der Ebenen erzielt Luiselli auch durch einen weiteren erzählerischen Kniff. Mehrmals wechselt die Autorin die Erzählperspektive. Auch so wird es zunehmend schwierig, die Schicksale der Kinder der Erzählerin von denen der Flüchtlingskinder aus Mexiko zu separieren. Oder im Sinne des Romans zu sprechen: die Grenzen werden zunehmend durchlässig und verschwinden schlussendlich gar.

Die Schicksale der Kinder vermischen sich zudem auch mit dem der Apachen, die ein weiteres Hauptmotiv bilden.

Flucht, Vertreibung und Geronimo

Der Ehemann der Erzählerin ist von der Historie des Indianerstammes fasziniert. Immer wieder erzählt er seinen Familienmitgliedern von den Schicksalen des Stammes, insbesondere dem von ihrem Häuptling Geronimo. Dieser wurde mitsamt seines Stammes aus den angestammten Gründen vertrieben und nahm den Kampf gegen die Besatzer auf. Bis zu seinem Tod sollten Geronimo und seine Apachen nie mehr heimisch werden.

Nur noch in allzu schnell verlöschenden Echos ist diese Geschichte der Apachen noch vernehmbar. Der Mann der Erzählerin ist bemüht, diese einzufangen – aber auch hier zeigt sich, dass Migration und Vertreibung nur verlorene Menschen hervorbringen, deren Schicksal kaum in Erinnerung bleibt und viel zu schnell verloren geht.

Das Anliegen von Valeria Luiselli schwebt immer klar sichtbar über dem Roman – was diesem aber keinesfalls zum Nachteil gereicht. Durch die clevere Verwendung von Motiven und literarischen Stilmitteln gerät ihr Buch niemals plump und eindimensional. Mit großer Kunstfertigkeit webt sie Töne, Klänge und Sprache in die Schriftlichkeit eines Romans ein. Sie strukturiert den Text durch die sieben Schachteln als Hauptmotiv.

Zudem gelingt ihr mithilfe eines wunderbaren Kniffs, der hier natürlich nicht verraten werden soll, am Ende die ganze Reise, die die Familie hinter sich gebracht hat, den Leser*innen noch einmal vor Augen zu führen. Das ist clever gemacht und zeigt, dass sich Text- und Handlungsebene hier ebenbürtig begegnen.

Ein Buch von großer literarischer Kunstfertigkeit

Wie durchdacht und anspielungsreich Archiv der verlorenen Kinder eigentlich ist, das zeigt auch das Nachwort. In den verschiedenen Elegien hat Valeria Luiselli diverse literarische Anspielungen eingearbeitet (die mir kaum aufgefallen sind, wie ich gestehen muss). So spielen Autor*innen wie Susan Sontag, Dante, Marcel Schwob, Ezra Pound oder Virginia Woolf eine große Rolle. Wie alles zusammenhängt und was sich Luiselli bei der Montage ihres Buchs gedacht hat, das erklärt sie gut nachvollziehbar und schaffte zumindest in meinem Fall noch einige Aha-Effekte. Ein großes Lob sei an dieser Stelle auch an die Übersetzerin Brigitte Jakobeit ausgesprochen, die den Roman ins Deutsche übertragen hat.

Archiv der verlorenen Kinder ist ein mehr als eindrückliches Werk mit einer Botschaft, die niemals moralinsauer wirkt. Ein großartig geschriebenes Buch, das ein Roadtrip, die Innenansicht einer Familie, ein wütender Kommentar auf die aktuelle Migrationspolitik der USA, ein Buch mit Anliegen und eine Hommage an Klänge ist. Das alles und noch mehr steckt im Roman von Valeria Luiselli. Literatur mit Haltung und Mission von allererster Güte.

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Eyre Price – Roadkill

Blutige Musik-Schnitzeljagd

Roadkill von Eyre Price

Wenn man die Orte betrachtet, durch die Daniel Erickson hetzt, wird sich selbst musikalisch eher unbewanderten Zeitgenossen klar, woher in „Road Kill“ der Wind weht: New Orleans, Nashville, Detroit, Memphis sind Stationen, die der Protagonist in Eyre Price Roman im Laufe seiner Schnitzeljagd besucht – und das kommt so:

Nachdem er sich in der Glücksspielstadt verzockt hat, hat sich Daniel bei einem russischen Gangster Geld geliehen. Eine schlechte Idee, wie sich herausstellt, denn der Russe will wieder an sein Geld und deshalb schickt er ihm ein ungleiches Killer-Duo auf den Hals. Und zu allem Übermaß muss Daniel Erickson feststellen, als er das geliehene Geld aus seinem Safe begleichen will, dass sein gesamtes Vermögen aus dem Tresor verschwunden ist. Das einzige, was ihm geblieben ist, ist eine CD mit Bluessongs, die offenbar die Hinweise zu einer Schnitzeljagd darstellen.

Durchgeknallt, durchgeknallter – Road Kill

Eyre Price ist ein Roman gelungen, der als Thriller zwar nicht sonderlich gut funktioniert, als niedergeschriebenes Stück Musikhistorie aber erstaunlich gut klappt. Mit deftigen Splatterelementen und überzogenen Figuren versetzt serviert er dem Leser eine blutige Musik-Schnitzeljagd, bei der er niemanden schont. Das psychotische Gangsterpärchen metzelt sich fröhlich durch die USA, während Daniel von Hinweis zu Hinweis hetzt und versucht, die Songs, die ihm an den einzelnen Stationen hinterlassen werden, zu entschlüsseln.

Die Gestalten, die den Roman von Price bevölkern, sind zwar durchgängig Pappkameraden, aber als Hommage an den Blues und seine Spielarten ist „Road Kill“ durchaus lesens- bzw. hörenswert.

Denn per QR-Code lassen sich die Songs, die Daniel im Buch den Weg weisen, zusätzlich anhören und sind somit die Bonustracks des Buches.

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