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Anja Gmeinwieser – Wir Königinnen

Zwei Frauen, ein Laster und jede Menge Kühe. In ihrem Debütroman Wir Königinnen erzählt Anja Gmeinwieser von einem ungewöhnlichen Roadtrip bis an die Grenze zur Türkei.


So gehetzt und unruhig wie die namenlose Erzählerin in Anja Gmeinwiesers Debüt war zuletzt wohl nur Marie unterwegs, die Heldin von Katharina Köllers Wild wuchern, die gleich zu Beginn des Buchs überhastet auf einen Berg hinaufrannte.

Auch der namenlosen Frau in Gmeinwiesers Roman begegnen wir beim Aufstieg auf einem Berg irgendwo in Norditalien. Mit Genuss oder Sport hat dieser Bergersteigung bei ihr allerdings nichts zu tun. Vielmehr quält sich die Frau in der größten Hitze ohne ausreichendes Trinken auf den Berg und kollabiert fast am Gipfel. Warum sie es tut, was sie im Innersten antreibt, das erfährt erst einmal nicht, man merkt nur, dass da etwas ist, dass sie vorwärtstreibt und in Unruhe versetzt.

Die Protagonistin ohne Namen, sie ist getrieben — und die Prosa ist es auch. Um ihre Geschichte auszukleiden, wählt Anja Gmeinwieser nämlich einen höchst fiebrig-energiegeladenen Erzählton, der mal ratlos, mal fast hyperaktiv scheint und der seine Figuren fast wie mit einer doppelten Ladung Koffein auflädt.

Auftritt mit Schuss

Bestes Beispiel ist dieser kurze Ausschnitt, der die zweite Erzählfigur in das Geschehen hineinkatapultiert, oder besser gesagt: hineinschießt:

Oben halte ich inne, bücke mich, schnüre meine Schuhe neu. Drehe mich etwas um im Aufstehen. Auf der Kuppe gegenüber zeichnet sich die Silhouette des Menschen gegen die hellgrauen Wolken ab. Ich hätte mich früher umdrehen sollen. Ich gehe schnell weiter, und fast sofort höre ich aus der Richtung der Person einen Schuss. Ich fahre herum. Noch immer steht da die Person, die geschossen hat, die auf mich geschossen hat.
Warte! Hat sie wirklich geschossen? An der Silhouette nicht, was darauf hinweist. Sie hat nicht geschossen. Sie hat geschossen. Hat sie nicht, warum sollte sie. Vielleicht Einbildung oder mein Trommelfell, vielleicht ein Scherz, vielleicht hat etwas die Schallmauer durchbrochen, vielleicht ist ein Stück Fels aufgeschlagen.

Anja Gmeinwieser – Wir Königinnen, S. 27

Die Frau, die hier mit dem sprichwörtlichen Knall ins Geschehen eingreift, ist die LKW-Fahrerin Anna. Sie ist für einen Tiertransport mit zahlreichen Kühen verantwortlich, die in die Türkei gebracht werden wollen.

Weiter, immer weiter

Anja Gmeinwieser - Wir Königinnen (Cover)

Was mit einem alles andere als harmonischen Kennenlernen der beiden Frauen beginnt, wird dann zu einem gemeinsamen Roadtrip, da sich die spontane Mitnahme der geschwächten Wanderin als immer dauerhaftere Angelegenheit erweist.

So geht es vom Piemont durch halb Europa, immer im Ton der Rastlosigkeit, bei dem das Verarbeiten kaum mit dem Wahrnehmen Schritt halten kann, geschweige denn einmal einen Punkt zum Verweilen findet, auch orthografisch.

…, auch hier ein Verkaufsschild, diesmal auch auf Englisch, for sale — weiter — kleine Dörfer stehen mit eingezogenem Bauch zwischen Hand und Straße, sie wirken lebendiger hier unten, alles intakt, die Farben satter — Markisen ohne Löcher — Schirme vor Restaurants und Tafeln, auf denen Pizza steht, die Kreide so frisch, dass ich es glaube — weiter — eine Bushaltestelle — die Gedanken hängen dem Gesehenen immer hinterher, das Sehen läuft am Fließband — mein Denken gleicht dem Versuch, auf einer zu schnellen Rolltreppe gegen die Fahrtrichtung zu laufen — irgendwann trägt mich das Sehen wieder fort — weiter — hupend überholt uns das erste Auto, das ich seit Tagen sehe — am Eingang der ersten Ortschaft ein Hund, er springt auf, als er den Laster sieht, du siehst, er bellt, ein schnappendes Maul im geblichen Fellgesicht ….

Anja Gmeinwieser – Wir Königinnen, S. 67 f.

Und so stürmen die Gedanken und Eindrücke auf die Erzählerin ein, während die beiden Frauen mit dem Transporter Kilometer um Kilometer fressen und sich dabei langsam näherkommen. Doch kann eine Geschichte, die so stürmisch begann, auch ein gutes Ende finden?

Rastlosigkeit allerorten

Anja Gmeinwiesers Debüt erzählt von der Rastlosigkeit, die auf den Straßen Europas herrscht und vor allem von der Rastlosigkeit, die im Inneren ihrer Heldin herrscht. Sich verständlich machen und dem Gegenüber mitteilen, das ist eine Fertigkeit, die die beiden Frauen erst langsam erlernen müssen.

Zwischen Google Translator, Pidgin-Englisch, leidenden Kühen im Laster und dem Rückzug ins Innere changiert das Miteinander der beiden Frauen, das zugleich auch zwei unangepasste Frauen zeigt, die sich ihren Platz im Leben erobern mussten oder es gerade tun.

Mit einer vorwärtsdrängenden, tastenden Sprache gibt Gmeinwieser der Unsicherheit Raum und zeigt, wie die Frauen zwischen Liebesbedürfnis und Sorge für die Kühe im Hinteren des LKWs changieren, sich gegenseitig mitteilen wollen und dann doch wieder Distanz benötigen. Bezeichnend auch das Finale des Romans im großen Dazwischen, als der Viehtransporter dann zusammen mit vielen anderen LKWs vor der türkischen Grenze im Nirgendwo ausharren muss, ehe die Einreise in das Land erlaubt wird. Damit lässt sich auch dieser Teil der Reise als Metapher für das zu findende Miteinander der Frauen gelesen werden.
Es ist vieles Dazwischen und Ungefähr in diesem Roman, dessen Sprache ebenso ruppig wie der ungeplante Roadtrip selbst ist.

Fazit

Mag die gezeichnete Kuh auf dem salbeifarbenen Cover auch den Eindruck von Niedlichkeit vermitteln, so umfährt Anja Gmeinwieser diesen Eindruck im Inneren großräumig. Was verbindet uns, wie können wir uns anderen öffnen und mitteilen — und will man das immer? Wir Königinnen ist ein überraschend herber und sprachlich besonderer Roman, mit dem Anja Gmeinwieser hier die literarische Bühne betritt.


  • Anja Gmeinwieser – Wir Königinnen
  • ISBN 978-3-8270-1528-0 (Berlin Verlag)
  • 219 Seiten. Preis: 24,00 €

Marina Schwabe – Rift

Ich war noch niemals in New York – Janko und Zuzanna auch nicht. Im Gegensatz zu mir wollen die Geschwister das aber unbedingt ändern und machen sich in Marina Schwabes Debüt Rift gemeinsam auf den Weg, um von dort aus einen Roadtrip durch die USA zu unternehmen.
Was sich auf den ersten Blick nach Unbeschwertheit im Land der unbegrenzten Möglichkeit anfühlt, hat einen ernsten Hintergrund. Denn Janko hat nicht mehr lange zu leben, aber den großen Wunsch, einmal in seinem so endlichen Leben den Pazifik zu sehen. Und so machen sich die Geschwister mit beschränkten Mitteln auf den Weg, damit er wenigstens einmal in seinem kurzen Leben des Meeres ansichtig wird.


Mit fünfzehn Dollar Tagesbudget einmal quer durch die USA? Der Plan der Geschwister Zuzanna und Janko klingt herausfordernd. Aber von den Wagnissen des Alltags lassen sich die beiden jungen Menschen nicht abhalten und fliegen nach New York, um dort ihren Roadtrip zu beginnen, der sie einmal wie einst die Pioniere einmal von Ost nach West durch das Land führen wird.

Da man mit 15 Dollar gerade in den Zeiten der Inflation in einer Großstadt wie New York nicht weit kommt, verlegen sich die Geschwister auf radikale Sparmaßnahmen. So haben sie schon im Vorfeld eine Liste mit günstigen Hostels erstellt. Als sich diese gleich zu Beginn des Roadtrips als wenig praxistauglich erweist, verlegen sich Zuzanna und Janko auf das Prinzip Couchsurfing.

Immer wieder werden sie im Laufe ihres Trips bei fremden Menschen unterkommen, um kurzzeitig mit diesen unter einem Dach zu leben, wie sie es erstmals in New York erproben.

Den Pazifik sehen und sterben

Marina Schwabe - Rift (Cover)

Während der schwerkranke Janko viel Ruhe braucht, durchstreift seine Schwester New York, wandert durch die Straßen Manhattans oder das Metropolitan Museum of Modern Art. Zwar unternimmt man auch gemeinsam Dinge wie die Fahrt mit einer Fähre, die immer schwächer werdende Konstitution lässt sich aber nicht verleugnen, und so ist der Roadtrip der beiden zugleich von einem Gefühl der Dringlichkeit wie auch einem der Entschleunigung gekennzeichnet.

Über Upstate New York, Illinois, Wyoming und Idaho geht es immer weiter für die beiden auf ihrem Roadtrip Richtung Ostküste, bei dem es das Schicksal trotz aller Unbarmherzigkeit auch gut mit ihnen meint. Mal treffen sie eine Familie, die ihnen ein Auto für die Reise überlässt, mal fördert eine ungeplante Übernachtung in einem Motel einen überraschenden Fund zutage, der sie einiger Sorgen auf der Reise enthebt.

Immer weiter geht es für die beiden voran auf ihrer Reise, bei der sie eine USA fernab von Hochglanzbildern, Politikjournalismus und Reportagestrecken erleben. So besuchen die beiden in Utah die Salzseen, um dort das von Robert Smithson erschaffene Kunstwerk Spiral Jetty zu sehen, eine mittlerweile begehbare Spirale, die der Künstler in den Salzseen dort geschaffen hat.

Zwischen Salzseen und Vulkanen

Im Bundestaat Washington entscheiden sich Zuzanna und Janko, mit einem Guide eine Wanderung auf die Aschefelder des Mount St. Helens zu unternehmen. Entstanden ist der Vulkan durch die Tektonik zweier aufeinanderstoßender Erdplatten, die sich immer weiter aufeinander zuschieben und so eine ganze Kette von Bergen geschaffen haben, bei denen der Mount St. Helens das wohl explosivste Ergebnis dieses Aufpralls ist.

Damit stellt der Vulkan das genaue Gegenteil zu einem Rift dar, der Marina Schwabes Buch den Titel gibt. In der Geologie bezeichnet ein Rift das tektonische Auseinanderklaffen zweier Platten, durch das Risse entstehen.

Während die Geschwister nun den beschwerlichen Weg auf den Vulkan antreten, werden auch die Risse zwischen ihnen deutlicher. Jankos Konstitution verschlechtert sich zusehends, der Abschied von ihrem Bruder rückt ebenso wie das Ende ihrer Reise immer näher – und auch die Natur zeigt sich ambivalent.
In die Schönheit der Weite des Landes mischt sich auch hier das Wissen um die Brüchigkeit der Idylle. Der Salzsee in Utah trocknet weiter aus, Waldbrände in Kalifornien verunmöglichen den Gang vor die Haustür. Die Zeichen mehren sich, dass Mensch und Natur endlich sind.

Das arbeitet die 187 in Berlin geborene Autorin in ihrem Buch deutlich heraus, indem sie ganz eng bei der Ich-Erzählerin Zuzanna und Janko bleibt. Die Frage der medizinischen Betreuung oder eines weiteren Umfelds um die beiden Geschwister wird im Roman so gut wie ausgeklammert, stattdessen liegt ihr Hauptaugenmerkt auf dem Roadtrip mit seinen sozialen Dynamiken zwischen Nähe und Distanz, Verbindung und Rift.

Damit erinnert Rift auch etwas an Richard Fords Roman Valentinstag, in dem dieser seinen Helden Frank Bascombe auf einen Roadtrip mit seinem schwerkranken Sohn in einem Camper schickte, der diese im Gegensatz zu Schwabes Geschwistern aber zum Mount Rushmore führte.

Fazit

Deutlich weniger dialoglastig und anspielungsreich als Ford konzentriert sich Marina Schwabe auf den nahenden Abschied und den genauen Blick der Geschwister aufeinander.

Ihr gelingt mit Rift ein berührender Roadtrip, der von Abschied und der Brüchigkeit unserer Existenz erzählt – und der auf abgenutzte USA-Klischees verzichtet und stattdessen ganz eng bei ihren Geschwistern bleibt, deren Lebenswege auch von einem Rift gekennzeichnet sein wird.


  • Marina Schwabe – Rift
  • ISBN 978-3-96999-492-4 (Steidl)
  • 160 Seiten. Preis: 24,00 €

Nicolás Ferraro – Ambar

Roadtrip, Coming of Age und Gangsterballade. Das alles mischt der Argentinier Nicolás Ferraro in seinem Thriller Ambar zusammen, in dem er eine junge Teenagerin zusammen mit ihrem Vater, einem Auftragsmörder, quer durch Argentinien schickt. Nun liegt das Buch in der Übersetzung von Kirsten Brandt im Pendragon-Verlag vor.


Meine Kindheit ist ein unvollendetes Tattoo, weil irgendjemand beim Stechen ständig das Design verändert hat. Oder ich habe beschlossen, es nicht weiter stechen zu lassen, weil ich den Schmerz nicht mehr ertrage.

Nicolás Ferraro – Ambar, S. 230

Das Tattoo, es ist ein Leitmotiv, das sich durch den ganzen Roman des argentinischen Autors und Bibliothekars Nicolás Ferraro zieht. So ziert ein Tattoo mit der Inschrift ÁMBAR den Unterarm von Ambars Vater, der sich die Erinnerung an seine Tochter unter Schmerzen auf seinen Körper hat schreiben lassen. Im Gegensatz zu anderen tätowierten Männer sind es aber auch zahlreiche Narben, die seine Haut zieren, denn Ámbars ist nicht wie andere Väter. Ámbars Vater ist ein Killer.

Die Tochter eines Killers

Ruhe, ein stabiles Zuhause oder Schule, das alles gibt es für seine Tochter nicht, denn mit seiner Tochter an seiner Seite ist ihr Vater unterwegs durch ganz Argentinien. Für seine Aufträge reist er in Autos umher, bringt Menschen um und ist auf der Flucht. Seit Kindesbeinen an sind so die Erinnerungen von Ámbar an ihren Vater von Wunden und der damit verbundenen Gewalt geprägt.

Als ich zwölf war, hat Papá mir beigebracht, Kugeln zu entfernen und Wunden zu nähen. Mit dreizehn habe ich schießen gelernt und ein paar Monate später, wie man ein Auto kurzschließt.

Nicolás Ferraro – Ámbar, S. 8

Doch auch Ámbar hat Ziele, die sich in Form eines Tattoos ausdrücken. Denn darauf spart das Mädchen schon seit langer Zeit, während es mit seinem Vater durch Argentinien zieht und immer wieder die Identität wechselt, mal Alejandra heißt oder auf den Tarnnamen Delfina hört und ihren Vater bei seiner Arbeit unterstützt, indem sie Orte und Menschen ausspioniert oder seine erlittenen Wunden versorgt.

Unterwegs durch Argentinien

Nicolás Ferraro - Ámbar (Cover)

Doch nun ist alles anders. Denn jemand möchte Ámbars Vater tot sehen. Dieser dreht allerdings den Spieß um und macht Jagd auf die Menschen, die seinen Tod wollen. Und so beginnt ein Roadtrip, der von Gewalt. immer neuen Identitäten und Schauplätzen geprägt ist, während das Mädchen und ihr Vater auf der Reise über ihren Musikgeschmack streiten und eigentlich nur aus der Geschichte herauswollen, in die sie geraten sind. Doch dabei rückt eine Frage immer weiter in Ámbars Fokus: kann sie ihrem Vater überhaupt trauen?

Ámbar kennzeichnet eine Mischung aus Elementen eines klassischen Road Novels, die manchmal schon fast spaltterhaften Gewalt vor allem im letzten Teil des Buchs sowie dem Grundmotiv eines Coming of Age-Romans, in dem sich Ámbar zum ersten Mal verliebt und eigentlich andere Ziele hat, als das Überleben ihres Vaters zu sichern. Es ist ein Roman, der an seiner disparaten Motivlage scheitern könnte, es aber nicht tut. Denn all diese Elemente fügen sich sehr gut zusammen und lassen den Roman immer weiter vorantreiben, während Ámbars Vater nacheinander alle Verdächtigen auf seiner Liste abklappert, um seinen Gegnern näher zu kommen.

Und auch wenn sich die Schauplätze Argentinien und Chile nicht ganz die gleichen sind, so ist doch auch die Ähnlich zu María José Ferradas Roman Kramp unübersehbar. War es bei ihr ein Handelsvertreter, der zur Zeit der Pinochet-Diktatur mit seiner Tochter auf Reisen durch das Land ging, ist Ámbar gewissermaßen die große Schwester zu diesem Roman. Auch hier dominiert die Reise eines Vaters mit seiner Tochter und deren Erwachsenwerden den Roman, wenngleich Nicolás Ferraros Erzählung genrebedingt deutlich gewalthaltiger und ohne große politische Bezüge daherkommt.

Fazit

Ein dunkler Roadtrip und das spannungsgeladene Verhältnis einer Tochter zu ihrem Vater stehen im Mittelpunkt dieses Romans, der sich aus ganz verschiedenen Genres und Stilistiken speist und doch zu einem wohlgetakteten und pulsierenden Noir findet. Mit Nicolás Ferraros mit dem Premio Hammett ausgezeichneten Kriminalroman ist dem Pendragon-Verlag eine interessante Entdeckung gelungen, deren eher an ein Jugendbuch erinnernde Aufmachung fast ein wenig am Charakter des Buchs vorbeigeht. Das Erscheinen von Ámbar auf der Krimizeit-Bestenliste des Jahres würde mich nicht verblüffen.


  • Nicolás Ferraro – Ámbar
  • Aus dem Spanischen von Kirsten Brandt
  • ISBN 978-3-86532-901-1
  • 312 Seiten. Preis: 22,00 €

Annika Büsing – Koller

Erzählte Annika Büsing in ihrem Debüt Nordstadt eine widerborstige Romanze am Beckenrand eines Hallenbads, so schickt sie in ihrem zweiten Roman Koller zwei junge Männer auf einen Roadtrip von Leipzig bis ins Ahrtal.


„Ich bin Koller“, hattest du gesagt, als hinter den Bäumen die Sonne unterging.

Auf dem Bild an der Wand sahst du aus wie der, der du gewesen warst, bevor dir jemand deinen Spitznamen gabe. Während ich dich betrachtete, standst du plötzlich hinter mir.

„Das war an der Ostsee“, sagtest du.

Dein Atem streifte meinen Nacken. Wir sahen beide auf das Bild an der Wand. Ein glücklicher, junger Mann, lachend auf einem Gartenstuhl in einer Pose zwischen Zurücklehnen und Aufstehen. Ich drehte mich zu dir um. Du küsstest mich. Ich kann das nur hart und klar, doch dein Kuss war weich und trüb. Er ließ keine klaren Absichten erkennen, er floss über vor Gefühl. Mit dem Daumen strichst du über die Falte zwischen meinen Augen. Dann zimmerten wir ein Frühstück hin: Eier, Brot, eine Kanne Kaffee. Du sahst verschlafen aus, trugst noch immer das T-Shirt vom Abend zuvor.

„Ich muss dich mal was Ernsthaftes fragen“, sagtest du kauend. „Wie dringend willst du ans Meer?“.

„Sehr dringend“, sagte ich.

„Dann sollten wir das angehen“, sagtest du. „Meiner Oma, die, von der ich dir erzählt habe, gehört ein Haus in Klütz. Wir können dahin, wenn du willst.“

Annika Büsing – Koller, S. 14 f.

Gesagt, getan. so schnell kann es gehen. Am Nachmittag zuvor haben sich Chris und Kolja alias Koller noch in einem Park in Leipzig kennengelernt, am nächsten Tag soll es schon auf eine Fahrt an die Ostsee gehen. Doch so leicht, wie der Plan auf den ersten Seiten von Annika Büsings neuem Roman erscheint, so leicht ist es dann doch nicht.

Von Leipzig nach Klütz (eigentlich)

Annika Büsing - Koller (Cover)

Das beginnt schon mit dem Reisevehikel, einem nahezu prähistorischen Polo II mit vier Gängen, vierzig PS und einer losen Beifahrertür. Mit diesem Gefährt soll es nach Klütz gehen, doch schon am ersten Tag des Roadtrips geht es für Chris und Koller statt in den Norden erst einmal in den Südwesten der Bundesrepublik. Denn Koller steckt voller Überraschungen. So hat er nicht nur eine Partnerin namens Ella, auch eine Schwester namens Birte gibt es. Diese lebt in einer Wohngruppe für Menschen mit Behinderung in Ludwigsburg, wohin sich die beiden Männer nun als erstes aufmachen.

Doch nicht nur mit der Enthüllung der Existenz einer Schwester überrascht Koller Chris vollkommen. Auch ist Koller Vater eines vierjährigen Kindes, das bei seinen Großeltern wohnt, und das ausgerechnet im Ahrtal, das zum Zeitpunkt der Handlung im Sommer 2021 überschwemmt wurde und nun kaum betretbar ist.

So machen sich Chris und Koller nach der Stippvisite bei seiner Schwester auf, Kollers Kind dort im Ahrtal zu besuchen und sich zu versichern, dass es Hannah gutgeht. Es wird nicht das letzte überraschende Moment dieses Roadtrips sein, dessen Ziel und Umfang zu Beginn des Romans noch ganz überschaubar erschien.

Ein Roadtrip in sieben Tagen

Doch so verschlungen wie die Wege des Lebens der Protagonisten in Annika Büsings Geschichte sind eben auch die Wege, auf denen die beiden Männer wandeln beziehungsweise mit dem schrottreifen Auto zuckeln. Da führt der Weg zum Ziel dann eben auch einmal über einen Forstweg oder endet in einer Verfolgungsjagd.

All das inszeniert Annika Büsing im biblischen Schöpfungszeitraum der sieben Tagen. Neben der manchmal etwas springenden Chronologie der Tage fügt sie noch kursiv gesetzte Kurzbiografien von drei indirekt an der Handlung beteiligten Frauen ein, die durch ihre kurz angerissenen Lebensgeschichten einen etwas klareren Blick auf Chris und Koller erlauben. So werden die biografischen Hintergründe und Beziehungen der beiden jungen Männer klarer und zeigen die Erfahrungen und Brüche im Leben, die sie erfahren haben.

Annika Büsing gelingt wieder ein komprimierter und schneller Roman mit ebenso schnellen Dialogen und kurzen, aber in markantem Sound gesetzten Sätzen, die die Handlung vorwärtstreiben. Kennenlernen im Park, erstaunliche Enthüllungen aus dem Leben Kollers, Abstecher von Leipzig nach Ludwigsburg, ins Ahrtal und nach Klütz – und das alles in gerade einmal gut 170 Seiten. Annika Büsing verliert hier keine Zeit und drückt aufs erzählerische Gaspedal

Lebenswelten junger Erwachsener

Mit Koller erweist sie sich nach Nordstadt wieder einmal als genaue Beobachterin der Lebenswelten junger Erwachsener, in der nicht mehr alleine binäres Geschlechterdenken die Wahl des Partners beeinflusst und in der noch vieles möglich erscheint.

Ihr gelingt eine queere Lovestory und ein Roadtrip, der natürlich in der Tradition von Tschick steht, und das nicht nur, weil beide Titel auf der onomatopoeischen Vereinfachung der Vornamen der jeweiligen Protagonisten gründen. Der Aufbruch im Sommer mit einem schrottreifen Auto, das schrittweise Eintauchen in die Tiefe ihrer Charaktere, prägende Liebesgeschichten und der Geist von Aufbruch und Abenteuern, der beiden Werken zueigen ist. All das lässt eine gewisse thematische und stilistische Nähe der beiden Roadtrip-Romane erkennen.

Wo man in niedrigeren Klassenstufen Wolfgang Herrndorfs zeitgenössischen Klassiker liest, da kann in höheren Klassenstufen der Lektüreabgleich mit Koller sicherlich reizvolle Unterrichtsstunden und Diskussionen ergeben. Am spannendsten wäre es sicherlich, würde Annika Büsing selbst gleich eine solche Stunde gestalten, ist sie doch als Autorin und gleichzeit Deutsch- und Religionslehrerin an einem Gymnasium in Bochum eigentlich die perfekte Wahl für einen solchen Abgleich beider Werke und der Erfahrungswelt der Schüler*innen.

Fazit

Hier in Koller erweist sie sich abermals als ebenso gute Beobachterin wie Beschreibende der Leben junger Menschen. War es in Nordstadt die Enge des Schwimmbads, das sie für eine konzentrierte Liebesgeschichte als Kammerspiel nutzte, so setzt sie nun in ihrem zweiten Roman auf das genaue Gegenteil und erzählt von Entgrenzung, Weite und den nahezu unbegrenzt scheinenden Möglichkeiten eines Roadtrips in der Tradition von Wolfgang Herrndorfs Tschick.

Ihr gelingt ein überraschender, schneller Roman zur Zeit der Ahrtalflut und des Coronasommers 2021, der zwei junge Männer immerhin sieben Tage ihres Lebens begleitet und das in einer ebenso prägnanten wie treffenden Sprache. Rau, aber ehrlich. So fühlt sich dieser Roadnovel mit Chris und Koller an.


Eine weitere Meinung zu Koller gibt es im Gespräch auf Deutschlandfunk Kultur mit Rainer Moritz, er schlug Annika Büsings Debüt Nordstadt im vergangenen Jahr für den Bayerischen Buchpreis vor. Zwar erhielt das Buch diese Auszeichnung nicht, dafür wurde Annika Büsing mit dem Literaturpreis Ruhr und dem Mara Cassens-Preis ausgezeichnet.


  • Annika Büsing – Koller
  • ISBN 978-3-96999-196-1 (Steidl)
  • 176 Seiten. Preis: 20,00 €

Amor Towles – Lincoln Highway

Vier Jungen ohne Väter, eine Reise in zehn Tage. Dazwischen ein Bogen aus Geschichten, Schicksalen und antiken Mythen. Mit Lincoln Highway gelingt Amor Towles ein Gegenentwurf zu seinem vorhergehenden Roman Ein Gentleman in Moskau – und ein Buch mit fast klassikerhaften Zügen und dem Zeug zum Bestseller.


„Das ist der Lincoln Highway“, erklärte Billy und fuhr an der schwarzen Linie entlang. „Er ist 1912 erfunden worden und nach Abraham Lincoln benannt, die erste Straße, die Amerika von Osten nach Westen durchquert.“

Billy setzte die Fingerspitze auf den Anfang am Atlantik und fuhr an der Linie entlang.

„Der Lincoln Highway fängt in New York am Times Square an und geht bis zum Lincoln Park, San Francisco, der dreitausenddreihundert Meilen weiter westlich liegt. Und er führt durch Central City, das ist nur zwanzig Meilen von unserem Haus entfernt.“

Amor Towles – Lincoln Highway, S. 32 f.

Saß Graf Rostov, der Held von Amor Towles letzten Roman Ein Gentleman in Moskau im Hotel Metropol fest und verbüßte seine lebenslange Haft in statischer Verdammtheit, so ist in Lincoln Highway nun alles beständig in Bewegung. Es beginnt schon mit einer Autofahrt zu Beginn des Romans, der noch viele weitere Kilometer folgen werden.

Von Nebraska bis San Francisco (eigentlich)

Nach einem unglücklichen Zufall, der zum Tod eines anderen Jungen führte, befand sich Emmet in der Besserungsanstalt Salina, die er nun im Juni des Jahres 1954 als 18-Jähriger verlässt. Auf der elterlichen Farm in Nebraska wartet allerdings nur sein Bruder in Begleitung eines benachbarten Farmers – und ein Banker, der Emmett über die Schulden seines verstorbenen Vaters unterrichtet.

Amor Towles - Lincoln Highway (Cover)

Auf der elterlichen Farm hält Emmett nach seiner Vorgeschichte nicht mehr viel – besonders als sein kleiner, hochintelligenter Bruder Billy zehn Postkarten enthüllt, die ihnen ihre Mutter einst schrieb und die Stationen des Lincoln Highways markieren. Billy vermutet seine Mutter in San Francisco, weswegen die Brüder in zehn Tagen von Nebraska gen Westen reisen wollen. Der Studebaker, den Emmetts Vater seinem Sohn vererbte, steht bereit und so könnte es eigentlich losgehen. Doch statt eines brüderlichen Roadtrips durch die Weiten der USA kommt alles ganz anders.

Denn kurz nach der Ankunft auf der heimischen Farm klopft es an der Tür und es stehen zwei weitere Insassen der Besserungsanstalt von Salina vor Emmetts Haustür. Woolly und der Ich-Erzähler Duchess erweisen Emmett die Ehre, nachdem sie als blinde Passagiere im Kofferraum des Direktorenwagens gereist sind. Sie haben ganz andere Reisepläne als Emmett, denn sie wollen nach New York, um an ein Erbe von Woolly zu gelangen. Und so beginnt eine Reise, die sich völlig unvorhergesehen entwickelt und die immer wieder mannigfaltige Überraschungen und Begegnungen bereithalten soll.

Stets in Bewegung

Ob im Studebaker oder als blinde Passagiere in Zügen, ob vertikal in Aufzügen oder horizontal auf Seen oder Straßen – beständig drängen die Figuren in diesem Roman voran, jagen Idealen, verschollenen Familienmitgliedern oder dem großen Geld hinterher, stets begleitet von antiken Vorbildern, die Billy im Kompendium von Helden, Abenteurern und anderen unerschrockenen Reisenden des Professors Abernathe entdeckt und seinen Reisegefährten nahebringt.

Das erinnert in seiner überstürzenden Hast und der vorwärtsdrängenden Bewegung an Klassiker der Reiseliteratur wie Jules Vernes In achtzig Tagen um die Welt, wenngleich es hier nur zehn Tage sind, die das Handlungsgeschehen bestimmen (und immer wieder als Leitmotiv in verschiedensten Abwandlungen auftauchen, von Hausregeln und Countdowns bis hin zu den Zehn Geboten, die das Personal des Romans immer wieder bricht)

Zwischen all diese Bewegungen und Reisen setzt Amor Towles mitreißende Begegnungen, die von reisenden Hobos und Illusionisten bis zu doppelzüngigen (und reichlich gefährlichen) Predigern reichen, was an einen anderen Klassiker erinnert, nämlich Mark Twains Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Das lässt trotz der Länge von fast 580 Seiten keine Langweile aufkommen, da durch die Struktur eines Countdowns, die Vielfalt der Figuren und den immensen Geschichts- und Schicksalsbogen Abwechslung ebenso wie Dramatik gegeben ist.

Weit mehr als ein schlichter Road Novel

Diese Vielfalt ist es, die Lincoln Highway auch ein Gefühl von Zeitlosigkeit verleiht, wenngleich der Handlungsrahmen des Buchs ja eigentlich mit zehn Tagen im Juni 1954 sehr eng gesteckt ist. Diese Enge weiß Amor Towles aber maximal für sich zu nutzen und erzeugt durch seine Schilderungen von Tramps und Reisenden das Bild eines nostalgischen Amerikas, das aber nie in platten Americana-Kitsch abkippt. Stets ist doch auch das Gefühl des Verlusts, des Platzens von Illusionen und des Schmerzes präsent, der besonders am Ende des Romans zum Vorschein kommt und der das Buch zu weit mehr als einem gewöhnlichen Road-Novel macht.

Auch maximiert er durch diese Vielfalt an Schicksalen das Identifikationspotenzial, das dem Buch innewohnt. Acht ebenso heterogene wie plausibel geschilderte Figuren aus ganz unterschiedlichen Gesellschaftsschichten sind es, denen man in Lincoln Highway begegnen kann und deren Schicksale und Geschichten zur Identifikation einladen. Das macht das Buch maximal anschlussfähig und sollte für viele begeisterte Leserinnen und Leser sorgen, weshalb ich Towles Buch durchaus einen ähnlichen Erfolg zutraue, wie er ihm schon in den USA beschieden war. Dort stand das Buch an der Spitze der Bestsellerlisten und verkaufte sich innerhalb weniger Monate millionenfach.

Zeitdruck bei der Übersetzung?

Schade nur, dass die Übersetzung von Susanne Höbel ins Deutsche mit der Güte von Towles Werk nicht so ganz mithalten kann. An einigen Stellen wirkt es so, als sei nicht allzu viel Zeit für gründliches Arbeiten geblieben. Die Protagonisten begrüßen sich des Öfteren mit einem „Hallo da“, was im Englischen als „Hello there“ gang und gäbe sein mag, im Deutschen allerdings etwas merkwürdig klingt und eher ein „Hallo zusammen“ oder „Hallo miteinander“ wäre.

Auch wirkt es wenig idiomatisch, wenn Emmets Bruder Billy auf Seite 405 Folgendes erklärt: „Im Jahr 49 BC war Cäsar Gouverneur von Gallien“. Before Christ hätte man hier durchaus als „vor Christus“ übersetzen können, statt den englischen Terminus stehen zu lassen. Auch andere Formulierung wirken ab und an etwas befremdlich, sodass sich der Eindruck von Übersetzungshektik in der deutschen Version manifestiert. Das ist schade, da Susanne Höbel ja ansonsten Romane wirklich gelungen ins Deutsche zu übertragen weiß.

Fazit

So bleibt festzuhalten, dass Lincoln Highway das Zeug zum Klassiker hat. Amor Towles bietet darin neben überzeugendem Erzählhandwerk eine Vielzahl an Figuren und Schicksalen auf, die die Leser*innen für sich einnehmen dürften. Er zeigt in der Tradition von Mark Twain Hobos, Dynastiesprößlinge, Farmerkinder und falsche Prediger, die sich alle auf der Suche befinden und denen allesamt Unrast und ein steter Bewegungsdrang zueigen ist. Das macht aus Lincoln Highway ein nimmermüdes Lesevergnügen, bei dem es zu keinem Zeitpunkt zu Stillstand oder gar Langeweile kommt. Es ist ein Road Novel, es ist mehr als ein Road Novel, es ist eines der Bücher, das die Bestsellerlisten erobern dürfte und auch über das kurzlebige Novitätengeschäft hinaus das Zeug zum Longseller hat.


  • Amor Towles – Lincoln Highway
  • Aus dem Englischen von Susanne Höbel
  • ISBN 978-3-446-27400-6 (Hanser)
  • 576 Seiten. Preis: 26,00 €