Lauren Groff – Die weite Wildnis

Mit Die weite Wildnis fügt Lauren Groff ihrer Riege großartiger Frauenfiguren eine weitere unvergessliche Figur hinzu, die sie im Kampf gegen die Natur zeigt. Das Mädchen Zett flieht aus einem Fort der englischer Siedler in die amerikanischen Wildnis- und entwickelt schier übermenschliche Kräfte im Kampf gegen Hunger, Naturgewalten und Tiere. Wilde, archaische Literatur von eindringlicher Schönheit – und ein Gegenentwurf zur verklärenden Siedler-Romantik.


Lauren Groff ist ein Phänomen. Buch um Buch legt sie Erzählungen vor, die durch die Genauigkeit der darin entworfenen Welten wie auch die Gestaltung ihrer Figuren überzeugen. Zuletzt beschrieb sie in Matrix kraftvoll das Leben der Nonne wider Willen, die als uneheliche Schwester der Eleanor von Aquitanien in ein Kloster verbannt dieses als Bastion gegen die übergriffige Männlichkeit ausbaute.

Nun, gerade einmal ein Jahr später gibt es Neues von der Autorin zu lesen. Für Die weite Wildnis schreitet Groff etwas in der Zeit voran und wechselt für den Schauplatz ihres Romans von England zurück nach Amerika, wo der Großteil ihrer bisherigen Romane spielt.

Es ist der Weg über den Atlantik, den auch die junge Lamentatio, nun Zett getauft, zu Beginn des siebzehnten Jahrhunderts angetreten hat. Zusammen mit ihrer Herrin und deren Mann, dem lokalen Pfarrer, ist sie aus der englischen Heimat nach einer traumatisierenden Schiffsreise in der Neuen Welt am River James angekommen. Doch so verheißungsvoll, wie sich ihre Herrin das Leben dort ausgemalt hat, ist es mitnichten. Kälte, Entbehrung, Hunger kennzeichnen das Leben der Siedler dort irgendwo im späteren Bundesstaat Virginia. Und dann sind da auch noch die indigenen Einwohner der Region, der Stamm der Powhatan, mit dem die Siedler in einem mehr als angespannten Verhältnis leben, um es diplomatisch auszudrücken.

Ein Mädchen flieht in die Wildnis

Lauren Groff - Die weite Wildnis (Cover)

Groffs Roman setzt mit der Flucht der jungen Zett aus dem Fort ein. Wie es dazu kam, welche Erfahrungen das Mädchen bereits machen musste, all das entfaltet sich erst im Lauf ihrer Flucht aus dem Fort. Zunächst ist da einfach der schier wahnsinnig machende Hunger und die Kälte, die die waghalsige Flucht aus dem Fort als lohnenswerte Alternative erscheinen lassen. Ohne große Kenntnisse zum Überleben in der Natur entwickelt Zett schon bald einen überragenden Sinn für Gefahren und die notwendigen Schritte, die es braucht, ihrem Körper und Geist den Fortbestand zu sichern.

Manchmal geradezu halluzinierend vor Hunger ist sie, wenn sie die Wälder und Flüsse dort in der Wildnis durchstreift. Begegnungen wie die mit einem Einsiedler, der schon ganz tief in den Abgrund des Wahnsinns geblickt hat, Bären, Hagelattacken oder Jäger der indigenen Stämme fordern eine findige Überlebensstrategie der jungen Frau, die Lauren Groff als ebenso geschicktes wie verzweifeltes, hungriges wie widerständiges Mädchen zeichnet, das sich manchmal dem Tode nahe durch die Wälder schleppt.

Wo das Überleben in der Natur heute für viele als Grenzerfahrung des eigenen Selbst dient und als Austesten der eigenen Grenzen zelebriert wird, ist es für Zett eine schiere Notwendigkeit, bei der dem ihr oftmals nicht einmal Ekel bleibt, um sich Nahrung zuzuführen, die irgendwie ihren eigenen Fortbestand sichert.

Der Kampf gegen und mit der Natur

Großartig gelingt es Groff, die Kämpfe gegen den eigenen Körper, das Ringen um mentale Stabilität und die dazwischen aufblitzende Schönheit der unberührten Natur dort in der Weite Amerikas zu schildern. Die weite Wildnis ist ein Survival-Thriller, eine Beschwörung der Schönheit der Schöpfung, die mit dem Vordringen der Siedler schon bald ihr Ende finden sollte – und das Porträt einer Frau, die im Kampf gegen und mit der Natur Kräfte entwickelt, die nur staunen lassen.

Wer diesen Roman liest, erhält einen ungeschönten Eindruck, wie es damals war, als die ersten englischen Siedler ihren Fuß auf amerikanischen Boden setzten. Lauren Groff schreibt mit einem großen Talent, was die Schilderung dieser und der hinter sich gelassenen Welt in England angeht. Das ist dunkel, düster, erinnert manchmal an eine weibliche Variante von The Revenant, ist aber auch erhebend und schön, etwa wenn sie von Bären und Bienen, Sonnenstrahlen und der Behaglichkeit einer Erdhöhle erzählt (einmal mehr toll übersetzt von Stefanie Jacobs).

Fazit

Gut gemachtes und hervorragend erzähltes Breitwandpanorama eines Überlebenskampfes – und ein Blick auf ein Amerika, dessen unberührte Natur in der Beschreibung Lauren Groffs nur staunen lässt. Auch mit Die weite Wildnis baut Lauren Groff ihren Erzählerinnenthron noch ein ganzes Stück höher. Ein schonungsloser Blick auf die Anfangstage der Siedlerbewegung, den ich für seine literarische Kunstfertigkeit nur bewundern kann!


  • Lauren Groff – Die weite Wildnis
  • Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs
  • ISBN 978-3-546-10035-9 (Claassen)
  • 288 Seiten. Preis: 25,00 €
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Literaturgarten
5 Monate zuvor

Nun habe ich das Buch gestern Abend beendet und bin wahrlich begeistert über die Schreib-Kunst der Autorin . Es ist eine Kunst in über zweihundert Seiten die verzweifelte Wanderung eines völlig erschöpften Kindes in immer wieder neuen Facetten zu beschreiben . Scharfsinnig , empathisch – man hofft auf ein Treffen mit helfenden Mitmenschen . Doch da ist nur die wilde Natur für das Kind da . Ungerührt grausam und unerbittlich hält sie das Mädchen am Leben . Immer gerade noch so viel Leben , dass es zum Sterben noch nicht reicht . Ich bin erschüttert , traurig und fröhlich über… Weiterlesen »

Julia
Julia
6 Monate zuvor

Das erinnert mich ein bisschen an „The Hunger – Die letzte Reise“ von Alma Katsu. Kennst Du das? Ach, vermutlich hab ich es bei Dir überhaupt erst endeckt 🙂 Ist es denn aber realistisch? Oder so absurd wie „Der Gesang der Flusskrebse“? Ich bin bei diesen „Die Natur ist so großartig und nur meine Protagonistin erkennt das“-Büchern immer etwas skeptisch…