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Carys Davies – West

Wann habt ihr das letzte Mal für eine Sache gebrannt? Eine Sache, für die ihr alles stehen und liegen gelassen habt? Eine Sache, die es euch wert war, alle Annehmlichkeiten hinter euch zu lassen? Eine Sache, die andere abgetan haben und euch belächelt haben?

Selbst nach einigem Nachdenken komme ich auf kein Anliegen oder kein Ding, für die ich so gebrannt hätte oder es mir vorstellen könnte. Ganz anders da der Maultierzüchter Cy Bellmann. Er ist nach der Lektüre eines Zeitungsartikel völlig entflammt. Im Westen der USA, dem großen unbekannten Land, wurden gigantische Knochen entdeckt, so heißt es. Diese Meldung lässt Bellmann keine Ruhe, und so begibt er sich auf eine Reise, auf der er alles hinter sich lässt, was ihm einmal etwas bedeutet hat.

Unterwegs gen Westen

Sie ihn dir genau an, Bess, diesen einfältigen Menschen, meinen Bruder John Cyrus Bellman. Einen größeren Dummkopf wirst du nie wieder zu Gesicht kriegen. Wenn man mich fragt, zählt er ab heute zu den Verlorenen und Verrückten. Erwarte nicht, ihn jemals wiederzusehen, und wink ihm bloß nicht hinterher, sonst glaubt er am Ende noch, du wolltest ihm deine besten Wünsche mit auf die Reise geben. Und jetzt komm ins Haus, mein Kind, mach die Tür hinter dir zu und vergiss ihn.

Davies, Carys: West, S. 9

In der Folge strickt Carys Davies eine Novelle, die Bellmann bei seinem Zug in den Westen beobachtet. Unterstützung bekommt er bei seiner Reise von einem jungen Indianer, der den etwas irreführenden Titel Alte Frau aus der Ferne trägt. Diese beiden reisen unbeeindruckt von Schnee, Hitze, Dürre und sonstige Unbill immer weiter gen Westen.

Derweil harrt seine Tochter Bess daheim aus, die Cy Bellmann der Obhut seiner Schwester überantwortet hat. Doch diese Obhut ist mehr als trügerisch. Denn nicht nur Bellman sieht sich Gefahren ausgesetzt – auch Bess daheim ist bedroht. Und so schafft es Carys Davies, immer wieder zwischen diesen beiden Strängen hin- und herzuwechseln, um sie in einem filmreifen Duell münden zu lassen.

Die Aussparungen ergeben das Bild

West ist ein Buch, das mit Aussparungen arbeitet. Wie im Zeitraffer fasst sie die Reise Bellmans zusammen, die Jahreszeiten folgen rasch aufeinander. Auch Bess‘ Geschichte wird eher in Schlaglichtern denn in einer wirklichen Sequenz erzählt. Wer ein Breitwandpanorama und süffig erzählte amerikanische Entdeckergeschichte lesen möchte, der wird West nicht wirklich bestrickend finden. Für solche Leser*innen empfehle ich lieber das grandiose Butcher’s Crossing von John Williams.

Hier gehören die Aussparungen auch zum erzählerischen Konzept, die den Leser*innen viel Raum für die eigene Fantasie lassen. Auch sprachlich ist West eher reduziert – die blumigen und bunten Panoramen, die das Cover verspricht, löst das Buch so nicht ein. Carys Davies ist eher eine Freundin von nüchterner Klarheit (Übersetzung durch Eva Bonné)

Auch gelingt es der Britin nicht wirklich, die Motivation ihres Helden für die Reise nachvollziehbar zu schildern. Sie ist damit aber auch in guter Gesellschaft. Auch anderen Aufbruchsromanen wie Stefan aus dem Siepens Das Seil oder Lukas BärfußHagard ist dieses Problem zu eigen. Kann man eine solche innere Flamme, die einen zu extremen Taten treibt, nachvollziehbar und literarisch adäquat schildern?

West gelingt es auf alle Fälle nicht, das steht für mich fest. Dass eine einzige kleine Randnotiz in einer Zeitung Bellmans Reise auslöst, das wirkt im Gesamtkontext des Buchs etwas unglaubwürdig und überzogen. Eine Reisemotivation, die sich aus Knochenfunden speist? Um das glaubwürdig zu belegen, blickt Carys Davies zu wenig in ihre Figuren hinein.

Fazit

Doch auch so unterhielt mich West gut, das für mich wirklich eher eine Novelle denn ein Roman ist. Ein Buch, das einen DER amerikanischen Urmythen anhand eines Einzelschicksals noch einmal beleuchtet. Begeisterungsstürme konnte das Buch aufgrund der oben geschilderten Mängel nicht auslösen, aber eine schöne Lektüre für Zwischendurch ist das Buch allemal!


Weitere Besprechungen des Buchs von Carys Davies gibt es unter anderem bei letusreadsomebooks, Esthers Bücher und Hauke Harders Leseschatz.

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Antonin Varenne – Die sieben Leben des Arthur Bowman

Von Birma in den Wilden Westen

Von Birma über England bis in den Wilden Westen – der Franzose Antonin Varenne hat sich mit seinem neuen Roman etwas vorgenommen. Nach dem ersten auf Deutsch publizierten Roman Fakire erscheint nun in neuem Verlag die zweite deutsche Übersetzung mit dem Titel Die sieben Leben des Arthur Bowman.

Jener Bowman ist ein knallharter Söldner und Menschenschinder, der weder sich noch andere Menschen schont. Im Auftrag der Ostindienkompanie befehligt er andere Söldner in Birma, ehe es zu einer Katastrophe kommt. Sein Trupp wird gefangen genommen und gefoltert. Nach seinem Martyrium entflieht er nach London, das seinerzeit unter einer ungeahnten Hitze ächzt.
Bowman sucht im Alkohol Vergessen und verdingt sich als Konstabler. Er patroulliert durch die hitzegefluteten Straßen, bis ihn eine Nachricht außer seinem Trott reißt. In der Kanalisation Londons wurde ein Toter gefunden – gefoltert und mit ähnlichen Narben versehen wie Bowman. Dieser ist sich sicher dass ein ehemaliges Mitglied seiner Söldnertruppe hinter dem Mord stehen muss.
Und so macht er sich auf, seine ehemaligen Kollegen aufzuspüren und dem Mörder das Handwerk zu legen. Doch dieser Plan soll ihn bis nach Amerika in die weiten Ebenen führen, wo Siedler auf ihr Glück hoffen und Bowmans mörderischer Mitsöldner abgetaucht zu sein scheint.

Der Handlungsbogen von Varennes Roman ist durchaus ambitioniert. Mit der Figur des Arthur Bowman hat er einen kantigen und streitbaren Charakter ersonnen, der nicht unbedingt Herzen für sich einnimmt. Bowman ist brutal, säuft und ist eigentlich ein vollkommenes Wrack. Umso beeindruckender die Suche nach dem Mörder, die Bowman vor ungeahnte Herausforderungen stellt und ihn über sich hinauswachsen lassen.
Das Setting, vom schwülen Birma übers hitzige London bis nach Amerika, das von Hoffnung geradezu beseelt scheint, ist Varenne hervorragend gelungen. Auch die Person des Arthur Bowman bleibt dem Leser noch länger im Gedächtnis haften.
Abgesehen von der ein oder anderen kleinen Unstimmigkeit ein origineller Mix aus Western, historischem Roman und Serienkiller-Topos.

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James Lee Burke – Regengötter

Ein staubiger Western

Diesen Ziegelstein von einem Buch muss man vorsichtig absetzen – wenn man zu heftig auf eine Tischoberfläche oder Ähnliches wirft wäre es nicht unwahrscheinlich, dass Staub und Sand aus diesem Buch herausrieseln. In Regengötter verleiht der Krimigroßmeister James Lee Burke dem staubigen Grenzland zwischen Mexiko und Amerika nämlich eine großartige literarische Würdigung.
Im deutschen Sprachraum nahezu vergessen zählt James Lee Burke eigentlich mit seinen diversen Krimiserien zu einem der größten lebenden Spannungsautoren aus dem anglophonen Bereich. Mit Regengötter (übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Daniel Müller) scheint es jetzt, als gelänge dem Autoren im reifen Alter von 79 Jahren noch einmal so etwas wie ein Comeback.

Im Staub zwischen Mexiko und Amerika

Mit dem Krimi Regengötter gelang es Burke den Krimipreis des Jahres 2014 zu erringen. Darin erzählt er vom 80-jährigen Sheriff Hackberry Holland, einem sturen und schmerzgeplagten Cowboy, dessen Gerechtigkeitsempfinden und dessen dicker Schädel ihn oftmals in Bedrängnis bringen.
Hinter einer alten Kirche wurden in Grenzland nämlich neun mit einem Bulldozer verscharrte Leichen von asiatischen Frauen gefunden – obwohl das FBI und das ICE den Fall zu gerne an sich reißen würden, gibt Holland nicht nach und klemmt sich zusammen mit seiner Mitarbeiterin Pam Tibbs hinter die Fährte der Leichen. Schnell führen seine Ermittlungen ihn in gefährliche Verbrecherkreise und nicht nur Hackberry muss um sein Leben fürchten. Denn ein skrupelloser Psychopath steht dem Sheriff entgegen und die Begegnung mit ihm könnte seine letzte sein …
Stellenweise erinnerte mich die Erzählweise James Lee Burkes stark an seinen Kollegen Cormac MacCarthy und seinen Meilenstein Kein Land für alte Männer. Stoische Charaktere, eine dräuende Stimmung – was braucht es mehr für einen Neo-Western?
Regengötter ist ein mächtiges Buch, sowohl in inhaltlicher als auch umfangstechnischer Sicht. Auf über 670 Seiten entfesselt der Großautor sein staubiges Panorama, lässt Killer, Crystal-Meth-Dealer und Biker durch die ungastliche Landschaft hetzen und vergisst darüberhinaus nie die Spannung.
Wer Sheriff Hackberry Holland nun liebgewonnen hat, der darf sich schon auf die Fortsetzung Glut und Asche freuen, die im Herbst diesen Jahres erneut bei Heyne Hardcore publiziert werden wird.

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Bruce Holbert – Einsame Tiere

Der letzte Sheriff

Schon das großartig gestaltete Cover des Romans Einsame Tiere von Bruce Holbert macht klar – der Western ist nicht tot. Im Programm des Münchner Liebeskind-Verlags wird die Tradition des literarischen Western dankenswerterweise noch hoch gehalten. Autoren wie Pete Dexter, Thomas Willmann oder Donald Ray Pollock interpretieren das alte Genre auf immer neue und faszinierende Weise. Mit Bruce Holbert ist nun ein Debütant ins Programm aufgenommen worden, der zum Einen hervorragend ins Portfolio passt und zum Zweiten neben all diesen anderen Autoren auch noch eine ganz eigene Facette zum Western-Topos dazugibt.

Ein Sheriff, eine Mission

Russell Strawl, meist nur bei seinem Nachnamen gerufen, ist ein alternder Sheriff, der ebenso karg und kantig wie die Natur im Nordwesten Amerikas ist, wo dieser Roman spielt.
Von der Arthritis geplagt aber mit einem scharfen Gehör ausgezeichnet hat er sich eigentlich aufs Altenteil zurückgezogen. Ein Leben voller Höhen und Tiefen mit zahlreichen Fehlern liegt hinter ihm, doch fürs Bereuen oder Verzeihen ist Strawl viel zu stur.
Seine alten Tage könnte er nun damit verbringen, sich alte Feinde vom Leib zu halten und die Natur zu durchstreifen, doch dann kommt alles anders. Der aktuelle Sheriff heuert Strawl für seine letzte Mission an. Im Indianerreservat wurden mit unglaublicher Bestialität Menschen ermordet und skurril drapiert. Keiner kennt das Gebiet und seine Bewohner so gut wie Strawl und so lässt er sich zu seinem letzten Einsatz überreden.
Zusammen mit seinem Ziehsohn Elijah, einem bibelfesten und mit der Gabe der Prophetie gesegneten Jungen, sattelt er die Pferde und zieht los, um den Mörder in den Weiten des Westens zu stellen.

Ein Neo-Western

Holberts Debüt könnte eigentlich nicht klassischer sein – ein Mann auf seiner letzten Mission, Pferde, Gewehre, Indianer  und endlose, karge Weiten. Die Naturbeschreibungen und Szenen, in denen Strawl die Indianerreservate durchstreift und auf der Lauer liegt, zählen zu den stärksten des Buches. Dennoch würde ich das Buch eher unter dem Label Neo-Western subsumieren, denn allzu klassisch bleibt Holbert nicht lange. Die Moderne kündigt sich schon mehr als deutlich auch im Nordwestern Amerikas an – schließlich spielt der Roman bereits in den 30ern des letzten Jahrhunderts. Immer wieder fahren Autos durchs Bild – der Fortschritt ist nicht mehr aufzuhalten, auch nicht in Strawls Welt.
Doch nicht nur die schiere Moderne macht aus dem Western einen Neo-Western, in meinen Augen sorgt für allem die Verschmelzung der Elemente des Westerns mit denen eines rituellen Serienkillers für neue Impulse.
Dieses Amalgam funktioniert einwandfrei, auch wenn sich hier zugleich der in meinen Augen schwächste Punkt des Buches offenbart.
Die Identität des brutalen Killers, der seine Opfer quält und ausstaffiert war mir schon nach nicht einmal der Hälfte des Buches sehr klar, hier schafft es Holbert nicht, mit dem Mörder hinter dem Berg zu halten.
Eine Schwäche, die den Autoren mit dem von mir hochgeschätzten Joe R. Lansdale verbindet. Zugunsten der unglaublichen Atmosphäre wird hier immer ein bisschen an der Verschleierung des Mörders gespart. Solange diese allerdings so gelungen ist wie in Einsame Tiere bin ich gerne bereit dies in Kauf zu nehmen.

Gelungene Übertragung

Ein großes Lob ist an dieser Stelle auch (wieder) einmal dem Übersetzer Peter Torberg auszusprechen, dem es gelingt, die sprachmächtige Prosa Bruce Holberts gelungen ins Deutsche zu übertragen. Er findet den richtigen Ton für die archaische Erzählung und gibt Holbert auch im Deutschen eine unverwechselbare Sprache.
Insgesamt ein packender und bildgesättigter Western, der einmal mehr zeigt, welche klassische dieses Genre besitzen kann, wenngleich es oft als groschenromanhaft gescmäht wird. Einmal mehr zeigt der Liebeskind-Verlag, wie prall dieses Genre mit Leben gefüllt werden kann!

 

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John Williams – Butcher’s Crossing

Zurück zur Natur

Nach dem großartigen Stoner, DER Wiederentdeckung des Jahres 2012 hat sich nun der Deutsche Taschenbuchverlag eines weiteren Werkes John Williams angenommen. Butcher’s Crossing erscheint von Bernhard Robben makellos ins Deutsche übertragen als Hardcover und erhebt Jean Jaques Rousseaus Diktum „Zurück zur Natur“ zum Leitmotiv.

Der Roman erzählt von Andrews, einem jungen Studenten an einer Elite-Universität, der dieser gleich zu Beginn des Buchs den Rücken kehrt und in die amerikanische Einöde aufbricht. Er begibt sich ins titelgebende „Butcher’s Crossing“, einem kleinen Wildwest-Dörfchen inmitten der Ödnis. Dort will er der Büffeljagd nachgehen und rekrutiert sich ein Team aus erfahrenen Jägern. Einer dieser Jäger berichtet nämlich von einer sagenhaften Büffelherde, die er in den Bergen Colorados gesehen haben will. Andrews finanziert das wahnwitzige Vorhaben und gemeinsam brechen die vier Männer auf, um die Büffel zu erlegen und ihr Fell anschließend gewinnbringend zu veräußern.

Das Leben – ein großer Kampf

Doch wer John Williams Stoner gelesen hat weiß, dass seine Charaktere in den Büchern immer gegen Widerstände und Wirrnisse ankämpfen müssen. In Butcher’s Crossing ist dies die Natur, die den Glücksrittern eindrucksvoll in die Parade fährt. Gekonnt beschreibt Williams Metzeleien und den Überlebenskampf gegen die Elemente. Das Blutbad, das die Männer unter den Büffeln anrichten vermag der Autor genauso eindrucksvoll zu beschreiben wie die Überlebenskämpfe, als Schneefall im Tal Leib und Leben bedroht.

Butcher’s Crossing ist voller bitterer Erkenntnis und zeigt eindringlich, wie schnell der Wandel der Zeit Opfer von den Menschen verlangt. Am Ende muss auch Andrews erkennen, dass man zwar gescheiter, aber auch gescheitert sein kann. John Williams ist auch mit „Butcher’s Crossing“ ein großartiger Roman gelungen, für dessen Veröffentlichung man dem Deutschen Taschenbuchverlag danken sollte!

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