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Dario Ferrari – Die Pause ist vorbei

Der Corriere della Sera nennt Dario Ferraris Roman den „schönsten italienischen Roman seit Langem“ — und man könnte nach der Lektüre hinzufügen, wohl auch den witzigsten Roman seit langem.
Denn in Die Pause ist vorbei erzählt Ferrari vom Irrsinn des akademischen Betriebs und einem Tagedieb, der sich ganz bequem in ebendiesem Betrieb durchmogelt, ehe ihn die akademische Arbeit überraschenderweise doch noch ereilt.

Selten wohnte man dem Irrlichtern durch die Gelehrtenrepublik so gerne bei.


Früher sprach man noch vom Bummelstudenten, der über Jahre teilweise mehr das Leben als wirkliche Fächer studierte. Spätestens mit der Bologna-Reform schien er aber eigentlich so gut wie ausgestorben.
Eine Verschulung des universitären Systems, Creditpunkte für Kurse und Prüfungen, Bachelor und Master: was nach einer Vereinheitlichung des akademischen Betriebs und der Steigerung der Effizienz klang, es sorgte auf der anderen Seite auch für steigenden Leistungsdruck und einer Beschleunigung der universitären Laufbahn hin zu einer schnelleren Eingliederung in den Arbeitsmarkt, ohne vielfach gewechselte Studienfächer mit entsprechend langen Studienzeiten.

Liest man nun Dario Ferraris Roman Die Pause ist vorbei, dann scheint wieder viel von diesem Bummelstudententum auf, das die nach der ältesten Universität Europas benannte Reform ja austreiben wollte und das fast ausgemerzt schien.

Ein Bummelstudent in Pisa

Dario Ferrari - Die Pause ist vorbei (Cover)

Doch schon 110 Kilometer von Bologna hat es in Form von Marcello Gori überlebt. Dieser lebt im kleinen Städtchen Viareggio, das an der Küste des Ligurischen Meers gelegen ist. Wie auch der Autor selbst ist Marcello Gori ein Kind der Stadt und hat keine Pläne, daran auf absehbare Zeit daran etwas zu ändern.

Zwar ist er als Student an der nahegelegenen Universität in Pisa eingeschrieben, ein gesteigertes Interesse an einem Studium und dem Erwerb von Wissen hat er allerdings nicht. Stattdessen hat er das Slackertum perfektioniert, um nicht gar von Faulheit zu sprechen.

Er lebt als Untermieter bei seiner Mutter und pendelt nur ab und an zur Uni, an der er sich — wie generell im Leben — bislang mit minimalem Aufwand und größtmöglichen Ertrag durchgemogelt hat. Prüfungen, akademische Arbeiten, für Marcello Gori ist das Mittelmaß und das bestmögliche Verhältnis aus Aufwand und Ertrag das Ziel.

Wenig Ansprüche an das Leben

An akademischen Usancen hat er erkennbar kein Interesse, viel lieber hängt er mit seinen Freunden ab, stürzt sich auch mit Anfang dreißig noch auf die Tanzfläche der lokalen Disko, um mit den Kumpels zu alten Indiehits aus seiner Jugend herumzuhüpfen.
Mit ein paar schwarz bezahlten Nebenjobs hält sich der für das Fach Italianistik eingeschriebene Tagedieb mehr schlecht als recht über Wasser, sonderliche Ansprüche an sich oder das Leben hat er aber eh nicht, seine Freundin bleibt aus selbst für ihn rätselhaften Gründen an seiner Seite und ist für ihn da. Insofern hat er sich mehr als bequem eingerichtet in diesem Leben.

Doch dann findet auch er überraschend in den akademischen Betriebs, der er sonst mit Verachtung straft. Zu seiner eigenen Überraschung erringt er einen Platz als Promotionsstudent bei der Universitätskoryphäe, Professore Sacrosancti und sollte als künftiger Doktor nun mit den Arbeiten an seiner Promotion zu beginnen.

Nachdem er — wenig überraschend — mit keinem brauchbaren Thema für eine akademische Arbeit aufwarten kann, jubelt ihm der Professor dann ein Thema unter, das sich als wahres Himmelfahrtskommando erweisen wird.

„Sie raten also, mich auf einen einzigen Autor zu konzentrieren?“
„Wenn Sie mich so direkt fragen, dann ja. Am besten auf einen italienischen Autor aus der zweiten Reihe. Werden Sie zum weltweit führenden Experten für, sagen wir, Igino Tarchetti. Oder für Guido da Verona.“
Wer verdammt noch mal ist Guido da Verona?
„Okay. Ich denke drüber nach.“
„Bevor Sie das tun, möchte ich Ihnen einen Vorschlag machen. Oder genauer: Ich gebe Ihnen einen Tipp. Kennen Sie Tito Sella?“
Mal ernsthaft: Wer wäre schon so dämlich und würde behaupten, den Namen Tito Sella zu kennen, wenn er nicht einen einzigen Titel des Autors nennen könnte? Also ich bestimmt nicht.
„Selbstverständlich“, antworte ich.
„Das freut mich. Im Übrigen stammt er genau wie Sie aus Viareggio. Nicht jeder kennt ihn, da er nie die ihm gebührende Anerkennung erfahren hat. Er war immer unzeitgemäß, wenn Sie verstehen, was ich meine.“
Nun bin ich schon so weit aufs Glatteis geraten, dass nur eins bleibt: Ich gebe vor, sogar seine unausgesprochenen Andeutungen zu verstehen, und grinse wie ein Alteingeweihter.

Dario Ferrari – Die Pause ist vorbei, S. 42

Der schreibende Terrorist

Denn bei dem weithin unbekannten Literaten Tito Sella handelt es sich weniger um einen Literaten, als primär um einen Terroristen, der lange Zeit im Gefängnis saß, wie Marcello bei ersten Recherchen feststellen muss. Zudem ist die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Sella nicht weit gediehen, sodass Marcello nun zum ersten Mal wirklich arbeiten muss — oder es besser sollte.

Die Pause ist vorbei ist eine ganz hervorragende Satire auf den akademischen Betrieb, in dem viel zu oft Eitelkeiten und die Zitate der „richtigen“ Wissenschaftlern in Fußnoten statt echte Kompetenz und Erkenntnis zu beruflichem Erfolg führen.
Die privaten Kleinkriege, die Professoren führen und dabei ihre Student*innen instrumentalisieren, die Frage ob der Einladung der richtigen Personen für einen Kongress oder die Wichtigkeit der korrekten Zitation, die dem ahnungslosen Marcello von seinen strebsamen Akademikerfreunden nahegebracht werden: Dario Ferrari versteht es, mit Augenzwinkern und Überzeichnung aus Perspektive von Marcello auf den aus einen Augen ein ums andere Mal absurd erscheinenden akademischen Betrieb zu blicken.

Gleichzeitig ist sein Roman auch das bestechende Porträt eines Mannes, der erst langsam in eine andere Gangart fernab des bequemen Trabs durch das Leben findet. Nicht umsonst lässt Dario Ferrari seinen Helden mit Urvater alle Slacker, Tagediebe und Bummelstudenten beschäftigen, nämlich Gontscharows Held Oblomow.

Marcello Gori wirkt wie dessen Wiedergänger aus der Toskana, dessen Tun und Treiben man ausnehmend gerne folgt und dabei sogar Einblick in die Jahre erhält, als die Roten Brigaden und andere Terrororganisationen das Land mit Schrecken überzogen. Clever eingebaut verschafft dieser historische Rückgriff Ferraris Buch damit eine zweite Ebene und lässt somit eines gar nicht aufkommen, das in Marcello Goris Leben selbst zuhauf existiert, nämlich Langeweile.

Fazit

Die Pause ist vorbei ist ein großartiges, höchst unterhaltsames und humorvolles Werk, das unter Beweis stellt, wie lustig der akademische Betrieb sein kann, wenn man aus dem richtigen Augenwinkel darauf blickt. Ein wunderbares Buch auch für Nicht-Akademiker und solche, die es wieder werden wollen!


  • Dario Ferrari – Die Pause ist vorbei
  • Aus dem Italienischen von Christiane Pöhlmann
  • ISBN 978-3-8031-3384-7 (Wagenbach)
  • 352 Seiten. Preis: 26,00 €

Achim Stegmüller – Der Prozess der Modernisierung

Es gibt näherliegende Orte, um über die Bauernkriege zu forschen, als der Ort, an dem in Achim Stegmüllers Roman Der Prozess der Modernisierung alles seinen Ausgang nimmt. Ausgerechnet in Japan wird der Erzähler von einem Professor mit der Aufgabe betraut, Forschungsansätze für eine Konferenz über das Thema zu entwickeln.
Das Ergebnis des Ganzen ist eine Art Flaneurroman, mit dem sich der Erzähler durch Zeit und Raum bewegt.


„Die juristische Fakultät plant ein Symposium: Europa auf dem Weg zu den Menschenrechten. 500 Jahre Bauernkriege. Es gibt verschiedene Titel- und Konzeptvorschläge. Wir anderen Fakultäten sind eingeladen, uns zu beteiligen, je größer und bedeutender das Symposium, desto besser für die Universität, desto besser die Aussichten auf Förderungen.
Im jetzigen Stadium geht es um die konzeptuellen Grundlagen. Ich erwäge, dass auch wir uns beteiligen. Ich möchte, dass du für die eventuelle Organisation und Durchführung einer solchen Konferenz vorbereitet sein wirst.“
Dann ging er durch den langen Gang davon. Alles wird dunkel.

Achim Stegmüller – Der Prozess der Modernisierung, S. 8

Er, der den Erzähler in Achim Stegmüllers Roman auf den ersten Seiten so überfällt, ist Professor Kobayashi. Dieser lehrt an der Universität von Kyoto und hat den Erzähler seiner befreundeten deutschen Kollegin abgenommen, damit dieser vielleicht in der Ferne zur Vollendung seiner akademischen Arbeit fände.

Tatsächlich verbringt der Erzähler, der mit seinem Auto Achim Stegmüller die Tätigkeit an der Universität in Kyoto teilt, seine Tage mit Deutschunterricht für semiinteressierte Student*innen, die in seinen Kursen Creditpunkte sammeln sollen. Der Forschungsauftrag für den Professor verheißt da Abwechslung im universitären Alltag der Lehre, da es nun an die Forschung geht.

Obschon die Universitätsbibliothek mit ihren Beständen zum Thema des Bauernkriegs im fernen Deutschland besticht, treten der Erzähler und sein Professor alsbald selbst die Reise nach Deutschland an, um vor Ort zu Thomas Müntzer, den 1525 entstandenen Zwölf Artikeln von Memmingen und der Kunst des in die Bauernkriege involvierten Tilmann Riemenschneider nahe Würzburg zu recherchieren.

Würzburg, Kyoto, Münnerstadt

Achim Stegmüller - Der Prozess der Modernisierung (Cover)

Was folgt, ist ein Text, der Elemente des Flaneurromans mit denen des Campusromans verschmilzt. Während sich Wendy, die Kollegin des Erzählers, vor Ort in eine Fehde mit der Universität für mehr berufliche Gleichberechtigung und Anerkennung stürzt und auch den Erzähler gerne an ihrer Seite sähe, entweicht dieser lieber mit seinem Professor, um sich auf eine Tour d’Horizon durch Deutschland zu machen.

Somit stehen statt Wendys Kämpfen mit dem Universitätsapparat in Japan für den Erzähler erst einmal die historischen Kämpfen der Bauernhaufen in Europa an. Gemeinsam folgen Professor und Famulus den Spuren, die diese Bauernheere beziehungsweise Haufen in der Geschichte und Landschaft hinterlassen haben.

Der Erzähler wandelt so auf den Spuren der zentralen Protagonisten der Bauernkriege, bricht auf ins unterfränkische Münnerstadt, wo sich der sogenannte Magdalenenretabel, ein vom Künstler Tilmann Riemenschneider erschaffener Altar mit der Himmelfahrt Mariens befindet. Schwimmen in sommerlichen Seen, Diskussionen mit Professor Kobayashi und ein Ausflug nach Frankenhausen schließen sich an.

Dort in Thüringen war der heute etwas in Vergessenheit geratene Thomas Müntzer mit seinem Heer von Aufständischen von den Truppen des Fürstenheers erst geschlagen und dann enthauptet worden. Der Umgang mit der Figur Thomas Müntzers in der ehemaligen DDR spielt dabei ebenso eine Rolle wie die Kunst Bruegels und den Wechselbeziehungen zwischen der Historie und der Gegenwart des Erzählers, der sich in ganz eigenen Kämpfen wiederfindet.

Locker verknüpft Achim Stegmüller dabei Gedanken und Geschichte, Kunst und Kyotoer Universitätskämpfe zu einem schwebenden Text, der eine Brücke schlägt zwischen den einstigen Ereignissen, als die „Haufen“ durch die Lande zogen und der Gegenwart, in der er mit Professor Kobayashi ebenfalls die Orte bereist, die damals die Geschichte des Landes beeinflussten.

Fazit

Der Prozess der Modernisierung ist ein Roman, der sich ebenso wie sein Titel einer eindeutigen Kategorisierung entzieht. Mit Schauplätzen in Japan wie auch in Deutschland, einer Handlung in der Gegenwart, die der Zeit vor 500 Jahren nachspürt und einem durch die Gedanken und Historie flanierenden Erzähler gelingt ihm ein interessantes Stück Literatur, dass trotz einiger Unsauberkeiten im Lektorat (etwa bei eigentümlichen Schreibweisen wie peux a peux oder synkron) einen ganz eigenen Rhythmus und Ton entfaltet und damit besticht.

Mit Achim Stegmüllers Roman gelingt dem unabhängigen Gans-Verlag ein interessantes Buch, dem man fast eine Veröffentlichung im letzten Jahr gewünscht hätte, in dem das öffentliche Interesse für sein Thema eingedenk des fünfhundertjährigen Jubiläums der Bauernkriege und der Zwölf Artikel von Memmingen erstarkte.

Nichtsdestotrotz funktioniert sein Buch ja auch unabhängig von solchen Jubiläen und ist einen Blick und vor allem eine Lektüre wert!


  • Achim Stegmüller – Der Prozess der Modernisierung
  • ISBN 978-3-946392-83-5 (Gans Verlag)
  • 180 Seiten. Preis: 22,00 €

Lydia Lewitsch – Der Fall Miriam Behrmann

Man könnte den in diesem Jahr allgegenwärtigen Franz Kafka paraphrasieren, um mit seinem berühmten Romananfang aus dem Prozess auch diese Besprechung von Lydia Lewitschs Der Fall Miriam Behrmann einzuleiten: Jemand musste Miriam B. verleumdet haben, denn ohne dass sie etwas Böses getan hätte, wurde sie eines Morgens verhaftet.

Zwar kommt es im Roman zu keiner wirklich Verhaftung der Philosophieprofessorin, dennoch erinnert viel in Lewitschs Roman an die surrealen Umstände, denen sich auch Kafkas Protagonist Josef K. gegenübersieht. Denn der Professorin droht die Entfernung aus dem Staatsdienst – ein unerhörter Vorgang, der in den Annalen von Behrmanns Arbeitsstelle, der fiktiven Wiener Maximilians-Universität, noch nie vorgekommen ist. Und das alles nur, weil hier ein Disput über unterschiedliche Arbeitsmoral eskaliert ist?


Psychischer Missbrauch – es ist ein gravierender Vorwurf, der gegen die Professorin Miriam Behrmann im Raum steht. Vorgebracht hat ihn ihre Doktorandin Selina, deren Promotion Behrmann betreut. Nun tagt ein akademisches Entscheidungsgremium, das in zwei Stunden final über die Causa Behrmann befinden soll.

Diesen Zeitraum nutzt Lydia Lewitsch nun für eine ganze Menge Rückblenden, die das Leben Miriam Behrmanns, ihren akademischen Werdegang und die erhobenen Vorwürfe oder Anklagepunkte in einer in einer radikal subjektiven Erzählweise aufrollen. Dafür bedient sich die Autorin einer fast an einen Bewusstseinsstrom erinnernden Erzähltechnik, in der sich biografische Miniaturen, Academia, schriftliche Stellungnahmen und einige Handlungssplitter miteinander verbinden. So setzt sich langsam ein Bild der ganzen Lage und der Figur Miriam Behrmann zusammen, die nun vor der finalen Entscheidung ihr Gewissen erforscht.

Leistung und Druck

Übersteigerter Druck, der an psychisches Mobbing grenzt, so lautet der zentrale Vorwurf, den die promovierende Selina ihrer Chefin vorwirft. Weitere Stimmen aus dem akademischen Mittelbau nehmen Stellung zum Arbeitsethos und den Zuständen an Miriams Lehrstuhl – und mittendrin die Beklagte, die in Nachrichten an ihren Anwalt wiederum ihre Sicht der Dinge darstellt und sich keiner wirklichen Schuld bewusst ist.

Lydia Lewitsch - Der Fall Miriam Behrmann (Cover)

Denn Leistung und Verlässlichkeit sind Standards, die der Philosophieprofessorin seit ihrer eigenen Studienzeit in Princeton am Herzen liegen. So erwarten die Geldgeber und die Unileitung Exzellenz von der Arbeit, die auch international auf das Renommee der universitären Forschung und Lehre einzahlt – und Miriam gibt diese Erwartungshaltung auch an ihre Studierenden weiter.

Der folgliche Clash mit Selina, die neben der wissenschaftlichen Arbeit auch politisches Engagement als Teil ihrer Arbeit und ihres Lebens begreift, löst jenen Konflikt aus, den Lydia Lewitsch hier in atemloser, fast impressionistischer Manier nachzeichnet und dabei ganz unterschiedliche Themen wie migrantische Herkunft, Auswüchse des akademischen Wettbewerbs und das exemplarische Miteinander in ihrer Fachschaft berührt.

Universitäre und gesellschaftliche Debatten

Damit passt Der Fall Miriam Behrmann hervorragend in die Zeit. Nicht nur, weil die Dynamiken um die mögliche Entlassung der Professorin mit offenen Briefen, Untersuchungskommissionen und der Bedeutung von Befindlichkeiten an den Ablauf vieler Debatten erinnern. Ob die Ausladung einer Professorin als mögliche Cancel Culture, Gendern, die Positionen im Israel-Palästina-Konflikt mitsamt besetzter Hörsäle oder überhaupt das Richtige und Falsche in unserer komplexen Weltlage: vieles in Der Fall Miriam Behrmann lässt sich wie ein Strukturmuster auf nahezu alle anderen universitären Diskursen übertragen. Genauso wie diese Debatten von den universitären Echokammern auf die Gesellschaft ausstrahlen, ist es auch die große Frage des Arbeitsethos, die weit über Lewitschs Plot und Roman hinausweist.

Vor allem kommt der Roman zur rechten Zeit, als hierzulande immer mehr eben über die jene Zeit debattiert wird. Wie viel Zeit für Arbeit, wie viel Zeit für Freizeit ist angemessen und ist eine Vier-Tage-Woche die Lösung oder sollten wir mehr arbeiten und unser Arbeitsethos überdenken? Die Work-Life-Balance als großes Metathema unserer Gegenwart wird auch in Der Fall Miriam Behrmann verhandelt. Im Konflikt der unterschiedlichen Generationen mit der Universitätsprofessorin auf der einen Seite und der nachfolgenden Generation Z in Form von Selina auf der anderen Seite prallen die unterschiedlichen Vorstellungen, Lebensansätze und Ideale aufeinander.

Fazit

Das alles macht Lydia Lewitschs Roman zu einem sehr aktuellen Roman, der sowohl durch die Themensetzung als auch die stakkatohafte Erzählweise besticht.

Ob das erzählerische Konzept mit seiner Verschränkung biographischer Hintergründe, zeitgeistlicher Debatten und universitärem Innenblick in Verbindung mit dem flirrenden Gedankenstrom vollends aufgeht, da bin ich mir nach der Lektüre dieses Debüts nicht ganz sicher.

Was ich aber weiß ist, dass Der Fall Miriam Behrmann ein Campusroman, ein Zeitgeistroman und das Porträt einer ambitionierten Forscherin ist, deren Philosophie und Erleben die Leser*innen fordert, aber auch mit Einsichten in den universitären Lehrbetrieb und die Gedanken einer rastlosen Denkerin belohnt.


  • Lydia Lewitsch – Der Fall Miriam Behrmann
  • ISBN 978-3-627-00317-3 (Frankfurter Verlagsanstalt)
  • 256 Seiten- Preis: 24,00 €

R. F. Kuang – Babel

Es klingt zugegebenermaßen nach einer wilden Mischung: Babel ist ein Fantasyroman, angesiedelt in einem alternativen Oxford der 1830er Jahre, der sich hauptsächlich mit Sprache, Kolonialismus und Übersetzen beschäftigt. Was in der reinen thematischen Zusammenfassung noch recht disparat klingen mag, entfaltet im Falle von R. F. Kuangs Buch eine große Faszination, die auf mich den gleichen Reiz ausübte wie im Roman das Silber auf das gesamte britische Empire .


Sprache und Übersetzen als zugrundeliegende Themen eines Fantasyromans einer Amerikanerin, der in Oxford, also dem Herzen britischer Gelehrsamkeit spielt? Dass das funktioniert, stellt die Rebecca F. Kuang in ihrem Roman Babel eindrücklich unter Beweis. Denn sie weiß, wovon sie schreibt, was auch ein Blick in ihre eigene Biografie zeigt. Denn die Autorin arbeitet neben ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin auch als Übersetzerin, hat an der Universität von Oxford einen Soziologie-Master im Fach zeitgenössischer Chinastudien erworben, besitzt noch dazu einen Philologie-Master in Chinastudien, den sie an er Universität von Cambridge erlangt hat.

Viele dieser beruflichen und studierten Themenfelder finden sich in ihrem Roman, der im seuchengeplagten Kanton in den 1830er Jahren seinen Ausgang nimmt. Hier wird ein Junge kurz vor dessen Tod vom englischen Professor Lovell gerettet, der ihn mithilfe eines mysteriösen Silberbarrens anders als die restliche Familie vor dem Tod bewahren kann. Er nimmt den Jungen als sein Mündel an und reist gemeinsam mit seiner Haushälterin Mrs Piper zurück nach in sein Herrenhaus in Hampstead nahe London. Dort soll der Junge, der sich auf der Überfahrt in seine künftige Heimat das Alias Robin Swift zu seinem neuen Namen erwählt hat, eine grundlegende Ausbildung erhalten.

Gewissenhaft bereitet ihn der britische Professor auf eine besondere Karriere vor – denn für ihn ist ein ganz besonderer Ausbildungsplatz vorgesehen. Er soll in Oxford Sprachen und Übersetzungskunst studieren, um später der Gilde der Übersetzer im legendären Bauwerk Babel beizutreten. Dort übersetzen und übertragen viele studierte Arbeitskräfte und Professoren Texte aus der ganzen Welt, korrespondieren und leisten damit wichtige Arbeit für das Fundament des britischen Empires, das auf der Kraft des Silbers beruht.

Silber, die Kraft des britischen Empires

Denn durch die Kraft der unterschiedlichen Sprache werden Silberbarren mit Energie aufgeladen, die wiederum das koloniale Weltreich Großbritanniens am Laufen hält. Übersetzungen und Herleitungen von Begriffen sind es, die ins Silber hineingraviert diesem seine unnachahmliche Kraft verleihen. Eine Kraft, die an allen möglichen und unmöglichen Stellen der Städte Anwendung findet. Laternen leuchten heller, Gärten blühen ausgiebiger und der Unrat in den Abwasserrohren wird durch die Einwebung von Silberadern schneller abtransportiert.

Sie standen gemeinsam am Fenster. Während er den Blick über Oxford streifen ließ, hatte Robin den Eindruck, dass die ganze Stadt einer exakt konstruierten Spieluhr ähnelte, die sich ausschließlich auf Zahnräder aus Silber verließ, um so zu funktionieren; wenn das Silber jemals versiegen sollte, wenn die Resonanzstäbe zerfallen sollten, dann würde ganz Oxford kreischend zum Stillstand kommen. Die Glockentürme würden verstummen, die Droschken würden mitten auf der Straße stehenbleiben, und die Bürgerinnen und Bürger würden erstarren, ihre Gliedmaßen mitten in der Bewegung eingefroren, ihre Münder offen, das nächste Wort unausgesprochen.

R. F. Kuang – Babel, S. 282

Es ist wahrlich ein komplexes Räderwerk der Technik und vor allem der Macht, dem auch Robin später einmal dienen soll. Als chinesischstämmiger Brite kommt ihm im Zusammenwirken von Sprache und Silber nämlich eine ganz besondere Bedeutung zu. Denn als er in Oxford sein Studium antritt, findet er sich in der Gesellschaft anderer Studierender, die ebenso wie Robin aus Kolonien oder weit entfernten Gegenden stammen. Vor allem deren Muttersprachen sind es, die sie für die Babbler (so eine nimmermüde Verballhornung der Spracharbeiter im Übersetzungsturm) so interessant machen, schließlich sind diese bislang noch kaum erschlossen. Viel Potential für neue Übersetzungen auf den Silberbarren also, mit denen auch Robin und Co das Fortbestehen des britischen Empires sichern sollen.

Doch wie der junge Student im Lauf dieser Mischung aus Fantasy, Campusroman und Kolonialismuskritik namens Babel feststellen muss: die Mehrsprachigkeit und sein Studium hat nicht nur Vorteile. Denn es ist keineswegs gesichert, dass die Arbeit an den Übersetzungswerken dem hehren Ziel der Völkerverständigung dient. Wie er nach einem zufälligen Treffen mit Mitgliedern des geheimen Hermes-Bundes feststellen muss, kann Übersetzung kann auch ein Akt der Ausbeutung sein. Doch für welche Seite wird sich Robin entscheiden?

Das Räderwerk der Macht

Babel beleuchtet ausgiebig die Macht der Sprache und der kulturellen Hegemonie, die im Falle von Rebecca F. Kuangs Roman durch die Kraft des Silbers symbolisiert wird. So beruht die Macht des Empires auf den mit Übersetzungen gravierten Silberbarren, die das Reich durch Ausbeutung anderer Länder gewinnt. Konzentriert ist die Macht und Wirkung des Silbers ganz auf die Kapitale London, in der sich wiederum alle Macht in den Kreisen der Eliten und Mächtigen verdichtet. Ein großes System der Ungerechtigkeit, das durch die Arbeit in Babel weiter gefestigt und am Laufen gehalten wird.

R. F. Kuang - Babel (Cover)

Und auch wenn die Welt von Babel auf den ersten Blick eine fantastische sein mag, so sind die Parallelen zu historischen Wegmarken in der Geschichte des British Empire groß. Die Opiumkriege, die industrielle Revolution, die zur Verarmung der Weber führt, Ludditen und Maschinenstürmer – und die davon unbeirrte Ordnung der reichen Eliten oben und armer Bevölkerung unten, einem nach Macht und Größe strebendem Weltreich und die damit einhergehende Ausbeutung des restlichen Teils der Welt. All das führt Babel eindrücklich vor Augen.

Zu den größten Verdienste Rebecca F. Kuangs zählt dabei, dass ihr die Verbindung aus kritischem Denken und Unterhaltung so mühelos gelingt. Sozial-, Kapitalismus- und Kolonialismuskritik, Elementen aus Bildungsroman, Dark Academia, Coming of Age, Frantz Fanon und Bibelzitate und ein ganzes Proseminar an Übersetzungstheorie: es steckt alles drin, was diesen Roman zudem in vielen aktuellen Diskursen und Trends verankert (was auch ein Stück weit den immensen Erfolg des Buchs weltweit erklärt).

Auf keiner Seite bricht Babel an seiner Last zusammen, im Gegenteil. Ebenso luftig und filigran wie die Bauwerke in den Gassen Oxfords, die Robin und die anderen durchstreifen, so ist auch dieser Roman. Ein unterhaltsamer Roman mit Mehrwert, der die Vergleiche zu Joanne K. Rowlings Harry Potter aufgrund der ähnlich liebevoll beschriebenen Schul- beziehungsweise Universitätswelt evoziert.

Eine Hymne auf das Übersetzen

Und nicht zuletzt, sondern vor allem ist Babel auch eine Hymne auf das Übersetzen, die Mehrsprachigkeit und die Kraft des Worts (weshalb auch die beiden formidablen Übersetzerinnen Heide Franck und Alexandra Jordan an dieser Stelle unbedingt Erwähnung finden müssen, die Babel im Deutschen neugeschöpft haben).

Kuang schafft ein Grundverständnis für die Komplexität und Schwierigkeiten von Übersetzungen, die ja immer Neuschöpfungen und Nachbildungen anderer Sprachen und Texte sind – bis hin zur Frage, ob es so etwas wie eine „reine“ Übersetzung überhaupt geben kann.

Immer ist die Übertragung und das Übersetzen Thema – was sich nicht nur in der Theorie oder der Namenswahl Robin Swifts äußert, der ähnlich wie Jonathan Swifts Schöpfung Gulliver bei dessen Reisen permanent zwischen Sprachen und Heimaten hin und herwechselt, sondern auch die Handlung vorantreibt.

Seine Überfahrt aus China nach London und später einmal retour, sein Schwanken zwischen der Welt des Turms von Babel und der Welt der revolutionären Anhänger des Hermes-Bundes, seine Ausgrenzung in der britischen Gesellschaft aufgrund des Äußeren, die alternative Freundschaft mit seinen ebenfalls ausgegrenzten Mitstudent*innen, die Bewertung anderer Figuren – stets ist dieser Roman in Bewegung, nimmt Robin unterschiedliche Positionen ein, entwickelt sich und schwankt in seinen Loyalitäten. Auch das ist es, was Babel trotz der immensen Lauflänge von über 700 Seiten so unterhaltsam und kurzweilig macht.

Fazit

So möchte ich eine große Empfehlung für diesen vielschichtigen, fantasievollen, unterhaltsamen wie kritischen Roman aussprechen, der in ein Oxford reisen lässt, das auf den ersten Blick zwar silberdurchwirkt und glänzend wirken mag, aber seine wahre Seiten erst spät zeigt. Rebecca F. Kuang gelingt es, die Leser*innen vollumfänglich in eine andere Welt abtauchen zu lassen, deren Bezüge zur Gegenwart aber unübersehbar sind. Babel hinterfragt unsere Ordnung, feiert das Übersetzen und die Widerstandskraft des Einzelnen. Besser noch als jeder Silberbarren!


  • R. F. Kuang – Babel
  • Aus dem Englischen von Heide Franck und Alexandra Jordan
  • ISBN 978-3-8479-0143-3 (Eichborn)
  • 736 Seiten. Preis: 26,00 €

Honorée Fanonne Jeffers – Die Liebeslieder von W.E.B. Du Bois

Was für ein Ziegelstein von einem Buch. Honorée Fanonne Jeffers spannt in ihrem Debütroman Die Liebeslieder von W.E.B. Du Bois einen ganz weiten Bogen, um von Schwarzem Leben in Amerika zu erzählen. Von der Zeit der indigenen Bevölkerung bis hinein in die Gegenwart reicht ihr Erzählkosmos, der eine junge schwarze Studentin in den Mittelpunkt stellt, in deren familiären Wurzeln sich die ganze Geschichte des Schwarzen Amerika abbildet. Es ist ein Erzählbogen, der bei aller Ambition auch ein wenig überspannt ist.


Chicasetta, das liegt im tiefsten Georgia. Georgia, das wohl so stark wie kaum ein anderer amerikanischer Bundestaat für die blutige Geschichte der Sklaverei steht, kamen doch hier zumeist aus Afrika stammende Sklaven tausendfach durch die grausame Ausbeutung auf Baumwollplantagen und an anderen Stellen ums Leben.

Eben dort in den Südstaaten lebt die Verwandtschaft von Ailey Pearl Garfield, die ihre Mutter zusammen mit den drei Kindern jeden Sommer besucht. Im Juni oder Juli packen die Garfields das Auto, um aus Connecticut die Mason-Dixon-Linie zu überqueren und in den Süden zu fahren. Dort, bei ihrem Onkel Root, verleben die Kinder und Erwachsenen sorglose Tage.

Die Geschichte Chicasettas und die der Sklaverei

Honorée Fanonne Jeffers - Die Liebeslieder von W.E.B. Du Bois (Cover)

Doch je älter Ailey wird, umso differenzierter wird das Bild, das sie von Chicasetta und der wechselvollen Geschichte des Süden der USA erhält. Von der Highschool bis zum Studium verfolgt Honorée Fanonne Jeffers in diesem Bildungsroman den Weg von Ailey, der schlussendlich bis zum Promotion als Geschichtsstudierende führt – ein Weg, der für eine Schwarze alles andere als leicht ist.

Im Zuge dieser Bildungskarriere taucht Ailey immer tiefer in die Geschichte Chicasettas und ihrer eigenen schwarzen Familie ein. Stärkste Inspirationsquelle ist dabei ihr Onkel Root, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts geboren wurde und der die wechselvolle amerikanische Geschichte und die Nachwirkungen des Systems der Sklaverei am eigenen Leib miterlebt hat. Er hat einst am Routledge College die Bekanntschaft mit dem Denker W.E.B. Du Bois gemacht – eine Begegnung, die ihn sein ganzes Leben beeinflusst hat und seine Weltsicht entscheidend prägte.

Das Denken W.E.B. Du Bois

Jener schwarze Denker und Theoretiker, der bei uns so gut wie unbekannt ist (wenngleich seine Studie Along the color line über seinen Besuch des nationalsozialistischen Deutschlands 1936 im vergangenen Jahr bei C. H. Beck wieder zugänglich gemacht wurde), ist mit seinem intellektuellen Ansatz für ein anderes Miteinander von Schwarz und Weiß eine der entscheidenden Figuren, deren Denkschule und Theoriewerk die Generationen prägt, vom Zeitzeugen Onkel Root bis hin zu der 1973 geborenen Ailey.

Während sie sich verliebt, Mitglied in einer Verbindung auf dem Campus werden möchte, sich in Affären stürzt und am eigenen Leib den immer noch grassierenden Rassismus sowohl im Süden als auch im Norden erfährt, bleibt sie doch auch unbeirrt auf ihrem Weg, das Schwarze Erbe und die Verstrickungen von Sklaverei und Rassismus auf lokaler und familiärer Ebene aufzuarbeiten. Während sie sich in diese Geschichte einarbeitet, sind es von Beginn des Romans an immer wieder als Song betitelte Zwischenspiele, die die elf Kapitel der Familiengeschichte Ailey Pearl Garfields unterbrechen.

Songs mit Schwarzer Geschichte

In diesen Songs geht Honorée Fanonne Jeffers ganz weit zurück in der Geschichte der USA, um die Geschichte von Schwarzem Leben in den USA zu erzählen. So setzt das Buch zur Zeit der indigenen Ureinwohner ein, als Stämme wie die Cherokee oder die Creek noch unbehelligt auf ihrem Land leben konnten. Sie zeichnet in den bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhundert zurückreichenden Episoden nach, wie Siedler und mit ihnen auch das System der Sklaverei langsam die indigene Bevölkerung verdrängten und wie sich die aus Afrika verschleppten Menschen im grausamen Sklavensystem der Südstaaten wiederfanden.

Die lose miteinander verknüpften Songs bilden Stück für Stück Stammbäume und Ahnenlinien ab, wobei der Erzählton von Honorée Fanonne Jeffers an manchen Stellen schon einen fast biblischen Klang bekommt, wenn sie über die Abstammung der Familien und Geschlechter erzählt.

Die Hauptrolle in diesen Episoden mit den erzählten Stammbäumen spielt dabei Samuel Pinchard, dessen Tun als Sklavenhalter und vor allem Sklavenschänder vom herrschenden System der Herrschaft der Weißen gedeckt war. Gewalt, Missbrauch und anderes Unrecht schildert Jeffers in diesen Songs anschaulich – und verknüpft diese Geschichten mit der erzählten Gegenwart rund um Aileys Familie.

Viel Ambitionen und viel Leid

Doch damit begnügt sie sich nicht – denn Honorée Fanonne Jeffers will in ihrem Debüt gleich alles (was leider auch etwas zu viel ist, um dieses Urteil vorwegzunehmen). So porträtiert sie die Familie Aileys, deren Weg als schwarze Familie im weißen Norden, erzählt ausführlich vom Abrutschen der ältesten Schwester Lydia in die Sucht, entwickelt im Hauptteil einen echten Campusroman, der von Kämpfen und Niedertracht vor und hinter der Kulissen der honorigen Universitäten erzählt. Zudem spielt das geschichtsträchtige Leben ihres Onkel Roots eine große Rolle – und auch von innerfamiliären Missbrauch, den Ailey und ihre Schwestern erfahren mussten, erzählt Die Liebeslieder von W.E.B. Du Bois.

So gut sich die Aufsteiger-Geschichte von Ailey inklusive diverser Niederschläge und Verlusterfahrungen auch liest – in Verbindung mit dem knappen Dutzend an historischen Episoden mit einem schon fast ausufernden Personaltableau entsteht im letzten Drittel dieses fast tausendseitigen Romans auch zunehmend ein Gefühl der Überforderung und der verlorenen Übersicht, wenn von Honorée Fanonne Jeffers der nächste historische Strang eingeführt wird.

Blickt man in den umfassenden Anmerkungsapparat zum Buch, so sind es vier Hauptfamilien, die die Stammbäume aufführen. Diese weisen insgesamt über 36 Nachfahren nebst der Elternpaare auf, die allesamt mal in den Songs und mal in der Haupterzählung eine Rolle spielen. Das war für mich, der die Lektüre ein paar Mal für wenige Tage unterbrechen musste, in seiner Komplexität und Fakten- und Personenfülle leider so manches Mal zu viel, auch wenn der Anmerkungsapparat natürlich bei der Lektüre hilft.

Hochinteressante Anmerkungen zur Übersetzungsproblematik

Ein Glossar zu schwarzen Begriffen ergänzt Die Liebeslieder von W. E. B. Du Bois genauso wie ein erklärendes Nachwort der Übersetzerinnen Maria Hummitzsch und Gesine Schröder, die ihre Übersetzungsüberlegungen zu Slang und der Übertragung des African American Vernacular English, einer mündlichen Abart des Schriftenglisch, das von Schwarzen gesprochen wurde und wird, darlegen.

So haben sie sich bemüht, die zwei Sprachebenen des englischen Originals zumindest in Ansätzen sichtbar zu machen, ohne dass es dazu führt, dass die Schwarzen im Roman wie Einfaltspinsel und tumbe Gestalten klingen (was bei anderen Büchern leider immer wieder passiert).

Dieses Nachwort und die darin dargestellten Probleme bei der Übersetzung zählen für mich zu den interessantesten Aspekten des Buchs, berühren diese Anmerkungen doch einige Probleme, auf die ich bei der Lektüre Schwarzer Autor*innen im Deutschen immer wieder stoße. Wie stellt man das weite Begriffsfeld von Race im Deutschen dar, wie bildet man das variantenreiche Vokabular von Negro bis Black wenigstens einigermaßen angemessen im Deutschen ab und warum schreibt man im Kontext von afroamerikanischer Literatur Schwarz auch groß?

All diese Anmerkungen und Erklärungen von übersetzerischer Theorie und Praxis und den Grenzen unserer Sprache zählen für mich zu dem Interessantesten, was ich auf diesem Feld in letzter Zeit gelesen habe (und stellen unter Beweis, welch fordernde Aufgabe die Übersetzerinnen hier mit Bravour gemeistert haben).

Fazit

Man muss Zeit und Muse mitbringen, will man sich in diese fast tausend Seiten Schwarzer Geschichte in den USA verbunden mit viel Familiengeschichte und einem Bildungsroman stürzen. Mit Die Liebeslieder des W.E.B. Du Bois legt Honorée Fanonne Jeffers, ihres Zeichens Professorin für Kreatives Schreiben an der Universität von Oklahoma, eine ambitionierte Erzählung über die gesamte Spanne Schwarzen Lebens in der USA vor. Aufgrund der episodalen Fülle an geschichtlichen Rückblenden mit einem schon fast ausufernden Personalensemble empfiehlt sich das Buch nicht für längere Unterbrechungen und braucht viel Aufmerksamkeit und Übersicht, bei der auch der umfangreiche Anmerkungsapparat nur ein Stück weit helfen kann.

Für mich persönlich will Honorée Fanonne Jeffers in ihrem Debüt ein bisschen zu viel, aber nichtsdestotrotz ist das Buch doch ein wirklich großer Wurf, der den Schwarzen Wurzeln in Amerika nicht nur im Privaten umfassend nachspürt.


  • Honorée Fanonne Jeffers – Die Liebeslieder des W.E.B. Du Bois
  • Aus dem amerikanischen Englisch von Maria Hummitzsch und Gesine Schröder
  • ISBN 978-3-492-07012-6 (Piper)
  • 992 Seiten. Preis: 28,00 €