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Donald Ray Pollock – Die himmlische Tafel

Keine Hoffnung, nirgends. Donald Ray Pollock entführt in seinem dritten auf Deutsch vorliegenden Roman Die himmlische Tafel in eine Welt, in der Not, Elend und Gewalt dominieren. Eine triste Reise, mitreißend geschildert.


Alles beginnt mit dem Farmer Pear Jewett. Dieser legt mit seinen Söhnen einen protestantischen Arbeitseifer an den Tag. Bettelarm schuftet er mit ihnen Tag für Tag und hat sein großes Ziel vor Augen: einen Platz an der himmlischen Tafel, den er sich verhofft. In Kontakt mit dem Jenseits gerät er allerdings schneller als gedacht. Schon zu Beginn des Buchs verstirbt er und hinterlässt seinen drei Jungen keinerlei irdischen Besitz. Im ärmlichen Georgia beschließen die drei, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Orientierung verheißt ihnen dabei der Groschenroman Bloody Bill Bucket, der das Leben eines Outlaws beschreibt.

Die drei Brüder eifern ihrem Vorbild nach und beschließen, eine Bank zu überfallen. Doch bei einem Überfall soll es nicht bleiben. Und schon bald zieht sich eine Schneise der Gewalt und Brutalität durch ganz Georgia. Allerdings machen auch eine ganze Reihe von Bürgern Jagd auf die drei. Vom Playboy bis zum ausgeraubten Händler jagen alle möglichen Verfolger den Outlaws hinterher. Da wird es schwierig mit einem Platz an der himmlischen Tafel.

Eine Hymne auf den Dilettantismus

Die himmlische Tafel ist ein Buch, das den Diletantismus feiert und in allen Facetten inszeniert. Denn wenngleich man mit den Stichworten Outlaws, Banküberfälle und Fluch viel Hollywoodglanz á la Butch Cassidy and the Sundance Kid verbindet, besitzt Donald Ray Pollocks Buch nichts davon. Die Überfälle sind dilettantisch, die Verfolger stolpern oftmals eher über die eigenen Füße denn über die Gesuchten. Bis es zum (ebenfalls recht schlampig und fehlerhaft) durchgeführten Showdown kommt, vergehen viele hundert Seiten.

Diese Seiten sind randvoll mit Gewalt, Hoffnungslosigkeit und Armut, die plastisch geschildert werden. So etwas wie Sympathieträger findet man in Roman eh kaum. Vielmehr zeigt Donald Ray Pollock Figuren, die denkbar weit weg sind vom amerikanischen Traum. Im Militär herrschen intellektuelle Ödnis, dumpf brodelndes Machotum und Homophobie, die Farmer schuften und arbeiten sich auf, ohne je einen Silberstreif am Horizont zu erahnen. Hochstapler, Huren und und Hallodris bevölkern das Pollock’sche Georgia 1917 en masse. So entsteht ein schmutziger Thriller, der das Tun und Treiben der drei Outlaws genau betrachtet, sich aber auch Zeit für etwas grimmigen Humor nimmt.

Fazit

Die himmlische Tafel ist ein Buch, das sehr explizit die Gewalt schildert, die die drei Brüder im Hinterland der USA hinterlassen. Dabei gelingt Donald Ray Pollock ein Buch, das eine Vielzahl von Figuren in den Blick nimmt. Eindringlich schildert er das Leben im amerikanischen Hinterland, das sich trotz des Jahres 1917 eher wie das 18. Jahrhundert anfühlt. Ein Buch mit hoher Plastizität, zurecht mit dem Deutschen Krimipreis 2017 ausgezeichnet und famos ins Deutsche übertragen von Peter Torberg. Eine echte Backlistperle aus dem Liebeskind-Verlag!


  • Donald Ray Pollock – Die himmlische Tafel
  • Aus dem Englischen von Peter Torberg
  • ISBN 978-3-95438-065-7 (Liebeskind)
  • 432 Seiten. Preis: 22,00 €
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