Tag Archives: Gewalt

Clara Leinemann – Gelbe Monster

Die Wut, die bleibt, die wächst, die nie so wirklich verschwindet. In ihrem Debüt Gelbe Monster erkundet Clara Leinemann die Aspekte weibliche Wut und die Auswirkungen, die diese auf eine Beziehung hat. Dabei vermeidet sie dankenswerterweise zu einfache Erklärungsansätze und blickt differenziert auf die Dynamiken innerhalb einer Beziehung und widmet sich der Frage, wo die Gewalt eigentlich beginnt.


Eigentlich ist sie hier mehr als nur verkehrt, in dieser Gesprächsrunde, an der Charlie missmutig teilnimmt. Verurteilte Straftäterinnen sitzen in diesem Programm zur Aggressionsbewältigung unter therapeutischer Aufsicht, aber warum um Himmels Willen bitte Charlie? Eigentlich ist es alles ein großes Missverständnis, so die Auffassung der jungen Frau, die sie sich und ihrer Freundin Ella gegenüber zum Ausdruck bringt.

Über die Richtigkeit ihrer Anwesenheit in der Therapiegruppe kann sich jede Leserin und jeder Leser im Folgenden des 190 Seiten langen Textes selbst ein Bild machen. Denn Clara Leinemann dröselt ausgehend von der Gegenwart in Rückblenden die Beziehung auf, die für Charlie und Valentin einst schon unter Vorzeichen begann, die vielleicht hätten aufmerken lassen sollen — und die dann in der Anwesenheit in der Therapiegruppe mündete.

Bolzenschneider und Amore

Clara Leinemann - Gelbe Monster (Cover)

Im Falle von Gelbe Monster ist es die Kraftanwendung eines Bolzenschneiders auf ein Fahrradschloss, mit der alles seinen Anfang nimmt. Die schlosssprengende Kraft entwickelt allerdings nicht Valentin, sondern Charlie, die mit einem geborgten Bolzenschneider dessen Fahrrad-Fixierung löst. In der Folge lernen sich die beiden näher kennen, sie Mathematik-Studentin und er verhinderter Literat, teils Student und teils Buchhändler.

Annäherungen in der Universitätsbibliothek, ein gemeinsam erlebter Stromausfall im Aufzug, Dates, Kennenlernen, gemeinsam verbrachte Nächte und dazu die grenzenlose Verliebtheit, die uns Charlie schildert, all das gehört zur Liebesgeschichte der beiden. Doch wo hört Liebe auf und wo endet Obsession?

Das arbeitet Clara Leinemanns Text gelungen heraus, indem er auf die Ambivalenzen schaut, die manchem verliebten Handeln schon innewohnen. Ist ein unangekündigtes Auftauchen vor der Buchhandlung des Angebeteten romantisch oder übergriffig? Sind durchliebte Tage und Nächte zu zweit im Bett Ausdruck von grenzenloser Leidenschaft oder einer beginnenden Entfremdung von der Welt?

Gelbe Monster stellt diese Spannungsfelder in den Raum, geschildert durch die höchst subjektive Wahrnehmung Charlies und zeigt, dass die Wut nicht grundlos entstand und entsteht.

Weibliche Wut als literarisches Thema

Weibliche Wut ist ein Thema, das die deutschsprachige Gegenwartsliteratur analog zur steigenden Beschäftigung mit Themen wie der Erschöpfung über gesellschaftliche und patriarchale Muster gegenüber Frauen beschäftigt. Von einem Angang aus gesellschaftsanalytischer Perspektive wie im Fall der eingangs schon zitierten Mareike Fallwickl reicht der erzählerische Bogen bis hin zu alters- und sozialbedingter Wut im Falle von Fatma Aydemirs, die in Ellbogen die Wut einer jungen Deutschen mit Migrationshintergrund beleuchtet.

Nun gesellt sich durch Clara Leinemanns literarische Behandlung auch die weibliche Wut dazu, die die in einer Paarbeziehung entsteht – beziehungsweise auf diese einwirkt. Diese Dynamiken sind Thema ebenso wie das fast bipolare Verhalten, das zwischen einem Bedürfnis aus Nähe und Distanz erwächst und an dem beide Partner*innen entscheidenden Anteil haben.

Die 1994 geborene Clara Leinemann schildert das mit einem starken Bezug auf die Popkultur, indem sie weibliche Heldinnen Greta Gerwigs Lady Bird über Rächerinnen wie etwa die von Uma Thurmann verkörperte Figur in Kill Bill bis hin zu Julia Ducournaus Titane zitiert und so einen ebenso temperamentreichen Gegenkosmos von weiblichen Figuren schafft, die ganz unterschiedliche Wege für ihren Kampf gegen die bestehende Ordnung finden.

Auch fällt die klar weibliche Perspektive an vielen Stellen auf, wenn Charlie etwa beschreibt, das ein Anblick ein Stechen in ihrem Uterus auslöst oder sie mit folgendem starken Bild ihr immenses Begehren für ihren Partner Valentin zum Beginn ihrer verhängnisvollen Beziehung beschreibt:

Was sie sich wünschte, war, dass Valentin ein Fass war, dessen Deckel sie abnehmen, das sie drehen und umkippen konnte, sodass sich aller Inhalt vor ihr auf den Boden ergoss. Sie wollte mit ihren Händen in der Suppe herumpantschen, sie die Suppe ins Gesicht klatschen, sie trinken, sie von den Dielen lecken.

Clara Leinemann – Gelbe Monster, S. 67

Fazit

Aus all diesen Komponenten wird ein kompakter, eindringlicher Text, der ein Gespür für die Schattierungen von Liebe und Wahn entwickelt und der mit Clara eine unbequeme Heldin zur Heldin hat, an der man sich reiben und doch in einigen Punkten auch Identifikationspotenzial finden kann.

Die weitere literarische Entwicklung von Clara Leinemann verspricht interessant zu werden. Schon jetzt ist eine große Bereitschaft zu erkennen, sich auch mit unbequemen Themen zu befassen und ganz einzutauchen in die Welt ihrer Figuren. Insofern wird es spannend, welches Thema die 1994 geborene Autorin als nächstes in den Blick nimmt!


  • Clara Leinemann – Gelbe Monster
  • ISBN 978-3-518-43300-3 (Suhrkamp nova)
  • 192 Seiten. Preis: 22,00 €

Katharina Köller – Wild wuchern

Eine Alm fernab alle Heidi und Geißenpeterklischees, die zum Ort weiblicher Selbstermächtigung und der Verarbeitung von Traumata wird. Katharina Köller schickt in ihrem neuen Roman Wild wuchern eine junge Frau überstürzt dort auf den Berg hinauf, um sich auf der Alm nicht nur ihrer Vergangenheit, sondern auch ihrer Cousine zu stellen.


Ebenso überhastet wie Köllers Heldin Marie in Wien in den Railjet in Richtung Bregenz springt, stürzen wir in den Text der 1984 geborenen Österreicherin Katharina Köller hinein. Was ist der Grund für die atemlose Flucht, wer ist diese Marie eigentlich? Noch bevor die zentralen Fragen geklärt werden können, stolpert die junge Erzählerin schon im Dunklen einen Berg in Tirol hinauf, wo ihre Cousine Johanna eine Hütte bewohnt.

Dort oben kommt sie langsam zur Ruhe. Allmählich klären sich die Hintergründe für ihre atemlose Flucht aus Wien – doch damit ist es noch lange nicht gut für Marie. Denn so einfach lässt es Johanna auch nicht zu, dass Marie in ihr gewohntes Leben dort oben am Berg einbricht. Besser heute als morgen würde die wortkarge Johanna Marie wieder los, was diese aber keinesfalls möchte. Und so beginnt dort oben auf der Alm ein Kammerspiel mit den beiden Frauen, in dem auch Stück für Stück Verdrängtes oder Verschwiegenes wieder ans Tageslicht drängt.

Ein Kammerspiel auf der Alm

Sie hebt ihren Becher und stößt gegen meinen, und nachdem wir beide einen großen Schluck genommen haben, stopft sie die Pfeife nach, zündet sie an und reicht sie mir. Ich inhaliere, so tief ich kann, und muss dann doch husten. Es kratzt.

„Nicht so gierig“, sagt sie und inhaliert wie ein Profi. Wie kann sie auf einmal so cool sein? Wer ist sie? Wer ist Johanna eigentlich?

Sie schenkt mir Tee nach, den ich verschütte, als ein neuer Hustenkrampf mich packt.

„Überall, wo ich hingeh, vergifte ich die Welt“, würg ich hervor. Sie putzt die Tischplatte, während ich nach Luft schnappe.

Katharina Köller – Wild wuchern, S. 160

Man merkt, dass Katharina Köller ähnlich wie zuletzt Suzie Miller mit Prima Facie ein von ihr geschriebenes Bühnenstück hier als Roman noch einmal neu adaptiert. Drei Jahre zuvor fand das Theaterstück 2022 unter dem Titel Windhöhe zur Uraufführung, ehe Köller draufhin das Buch noch einmal neu zu einem Roman arrangierte.

Auch im Buch vermittelt sich die Enge und die gespannte Stimmung zwischen den Schwestern dort oben auf der Alm ganz hervorragend, wie es auch auf der Vorgängerversion auf der Bühne funktioniert haben muss (in der die Theatermacherin nach eigenem Bekunden die Rolle der Marie spielte und schon damals den Beschluss fasste, den Stoff als Roman noch einmal neu zu arrangieren).

Gewitter auf der Alm

Katharina Köller - Wild wuchern (Cover)

Wild wuchern lebt von seiner Atmosphäre. Packend etwa der Showdown im Gewitter auf der Alm, wenn Marie nicht auf ihre Cousine hören will und trotz Warnung länger draußen auf der Wiese verharrt und so die Kräfte der Natur in der Bergwelt kennenlernt. Durchaus amüsant hingegen das Gegeneinander von Ziegenbock Hubsi und Marie, in dessen Stall sich die junge Frau kurzzeitig flüchtet, als ihre Cousine Marie wieder loshaben möchte. Flucht und Ruhe, Städterin und Almbewohnerin, Rettung am Berg und Sorgen drunten im Tal, Pechmarie und Goldmarie – Wild wuchern arbeitet mit vielen Dichotomien, die sich aber gut miteinander verbinden und mischen.

Ebendiese Mischung aus Themen, Tönen und Stimmungen, der untergründige Suspense und Köllers Gespür für die unterschiedlichen Register des Erzählens machen diesen Roman aus.

Fazit

So ist Köllers Roman ein Stück über weibliche Selbstermächtigung und Solidarität. Auch die die Ver- beziehungsweise Aufarbeitung von Traumata ist zentrales Thema in diesem Text, der sich manchmal fast überschlägt und doch in die Tiefe seiner Figur vordringt. Schnell erzählt, relevant und eindrucksvoll hat sich Katharina Köller speziell zu ihrem Erstling Was ich im Wasser sah noch einmal gesteigert, da dieser Buch in seiner ganzen Reduziertheit und Konzentration in Sachen Gestaltung das klare Gegenteil von Wild wuchern ist. Durch den klaren Fokus auf seine beiden Figuren entfaltet dieses Buch wirklich literarische Kraft!


  • Katharina Köller – Wild Wuchern
  • ISBN 978-3-328-60392-4
  • 204 Seiten. Preis: 22,00 €

Ursula Krechel – Sehr geehrte Frau Ministerin

Agrippina, Boudica, Nero und Tacitus. In ihrem neuen Roman lässt Ursula Krechel eine Lateinlehrerin seitenweise über Gewalt und Geschichte dozieren. Das drängt die übrige Handlung dieses Romans an den Rand, was ausnehmend schade ist. Denn die Erzählansätze und Themen von Sehr geehrte Frau Ministerin sind für sich genommen wirklich spannend. Wäre da nicht der Latein-Overkill.


Ein wenig fühlt man sich in die Schulzeit zurückversetzt, wenn man sich in die Seiten des neuen Buchs von Ursula Krechel hineinbegibt. Denn Krechels Buch ruft Erinnerungen an den Lateinunterricht wach, beschäftigt sich das Buch doch seitenweise mit der Zeit der römischen Kaiser. Die Epoche Neros steht im Mittelpunkt des Textes und hier ist es insbesondere das Verhältnis von Kaiser Nero zu seiner Mutter Agrippina, der optima mater, wie er sie in seiner ersten Thronrede bezeichnete. Es sind Überlegungen zur Beziehung der beiden, zum Herrschaftsstil Neros und der Geschichtsschreibung, die in ihrer Genauigkeit und Platzanspruch die restliche Handlung der Gegenwart überlagern.

Immer wieder drängen die historischen Exkurse und Überlegungen die Geschichte der „Kräuterhändlerin“ Eva Patak an den Rand. Diese versieht in einem altmodischen Bioladen in der Essener Innenstadt ihren Dienst. Im sanftgrün gestrichenen Laden bedient sie Kunden und verkauft Kräuterbonbons, rückstandsfreie Biotees und Heilkräuter, die von der überschaubaren Kundenschar dort gekauft werden Ihr Sohn wohnt noch daheim in seinem Zimmer und verbringt die Tage vor dem Computer, sie selbst führt ebenfalls eine unauffällige Existenz, eben ganz so wie der Laden, in dem sie arbeitet.

Eine Kräuterhändlerin, eine Lehrerin, eine Justizministerin

Ursula Krechel - Sehr geehrte Frau Ministerin (Cover)

Das Leben Eva Pataks und ihr Umfeld eröffnen sich nur durch kurze Szenen und Schlaglichter. Eigentlich sind es aber die seitenweise römische Exkurse, die im Mittelpunkt des ersten von drei Teilen des Romans stehen. Warum es zu dieser disparaten Verbindung kommt, das eröffnet sich im zweiten Teil des Romans, der die Lateinlehrerin Silke Aschauer einführt. Diese ist Kundin im Laden von Eva und kämpft im ab ovo untertitelten Teil mit einem übermäßigen Blutfluss und ihrer Rolle als Leiterin eines Lateinleistungskurses. Dies erklärt auch den an ein Propädeutikums-Stil des ersten Romanteils, dessen Charakter im Buch weiterhin fortgesetzt wird.

Caesars De bello gallico, die Geschichtsschreibung Tacitus´, ein fiktives Gespräch zwischen der Keltenkönigin Boudica und Agrippina, dazu viel Wortarbeit mit Wortfeldern und Konjugationen. Es fühlt sich alles stark wie einst an, als man auf das Große oder Kleine Latinum vorbereitet wurde. Nur eines fehlt – eine klare Richtung, in die der Roman will. Erst am Ende des dritten Teils, der auch die dritte, zentrale Frauenfigur einführt, findet das Buch eine Spur, auf die es einbiegt.

Denn den ersten Teil des Romans schloss ein Brief von Eva Patak an die ebenfalls aus dem Ruhrgebiet stammende Justizministerin. Diese und ihr Wirken steht nun im finalen Teil des Buchs im Mittelpunkt. Ihre Arbeit, die Post, mit der sich die Ministerin konfrontiert sieht, dazu noch ein Blick auf Eva, die einen neuen Job bei einem Hörgeräteakustiker gefunden hat. All das mäandert weiter wie gewohnt vor sich hin, bis es zu einem eruptiven Akt der Gewalt kommt, der die optima mater Eva und ihren Sohn mit dem Leben der Justizministerin zusammenschmiedet.

Erschlagender Lateinunterricht, zu wenig Fokus

Es könnte ein guter Roman über Gewalt sein, die sich von der Antike bis in unsere Tage erstreckt (wie das wie es professionelle Kritiker*innen, darunter etwa Adam Soboczynski in der Zeit tut). Auch wäre der Roman in seiner historisch begründeten Schau auf das Verhältnis von Müttern und Söhnen interessant. Doch auch dieses Thema wird vom dozierenden Stil dieses Buchs erschlagen, etwa wenn dann seitenweise Exkurse über die kriegsbedingten Wirren um die Goldene Madonna im Essener folgen, die mit dem Werdegang und den Missbrauchsgerüchten um den Bischof des Bistums aufgepolstert werden.

Weniger Überfrachtung und eine Reduktion auf klare und sprechende Bilder wäre mehr gewesen. So werden alle zeitgeschichtlichen und psychologischen Komponenten leider vom wissenssatten Übermaß an lateinischer (Sprach)Geschichte und der springenden Erzählweise in ihrer Wirkkraft gemindert.

Auch der heutige Aspekt von Gewalt gegen Politiker, netzgespeiste Verschwörungsideologien und Paranoia kommt gegen das Zu Viel im Text nicht an. Unausgewogen und unbalanciert ist dieses Dreierlei aus Frauen, Mutterschaft und lateinischer Gewaltgeschichte.

Das ist schade, weil sprachlich stets das Talent der Lyrikerin, Dozentin und Romancière Ursula Krechel aufscheint. Auf einem kreativen und präzisen Niveau, wie man es sonst nur von Ulrike Draesner kennt – bis hin zum schönen Wort Ehrpusseligkeit – umkreist sie die Gedankenwelt ihrer Figuren. Sonderlich konkret und plastisch werden sie damit leider aber nicht, die damit ähnlich amorph wie die Botschaft des Buchs bleibt.

Fazit

Die Stringenz und Figurengestaltung, die Krechel in ihrem buchpreisgekrönten Weitwurf Landgericht an den Tag legte, Sehr geehrte Frau Ministerin lässt all das vermissen. Zu viel lateinische Geschichte, zu viele Arabesken und zu wenig Fokus auf die eigentlichen Themen verschenken leider das Potenzial, das Krechels Geschichte innewohnt.


  • Ursula Krechel – Sehr geehrte Frau Ministerin
  • ISBN 978-3-608-96653-4 (Klett Cotta)
  • 368 Seiten. Preis: 26,00 €

Négar Djavadi – Die Arena

Kaum bricht sie an, die Zeit der Wahlkämpfe, dann ist es auch wieder Zeit für Veranstaltungen, die gerne einmal den Titel „Die Arena“ oder „Die Wahlkampfarena“ tragen. Das Parteienpersonal nimmt in solchen Veranstaltungen Stellung und bekennt Farbe in Konfrontationen, wie es dann immer in Werbungstexten heißt. So richtig hoch her geht es bei solchen Konfrontationen selten. Ganz anders die historischen Arenen im römischen Weltreich, die noch für Massenspektakel, Gewalt und Tod standen und die von den heutigen Arenen etwa so weit entfernt sind wie Italien von stabilen politischen Verhältnissen.

Négar Djavadi hat nun einen Roman geschrieben, der ebenfalls den Titel Die Arena trägt und der sich thematisch zwischen phrasenreichem Wahlkampf und tödlichem Spektakel im alten Rom einordnet. Darin zeigt sie ein Paris im Ausnahmezustand, das wenig mit Eiffelturm und Croissant-Seligkeit zu tun hat, als vielmehr eines, das von Gangkriegen und Polizeigewalt inmitten eines Wahlkampfs um das Amt des Pariser Bürgermeisters erschüttert wird.


Dass ein Riss durch die französische Bürgerschaft geht, das haben die jüngsten Präsidentschafts- und Parlamentswahlen deutlich gezeigt. Nachdem sich Amtsinhaber Emmanuel Macron in einigen Arena-Debatten mit seiner rechten Herausforderin Marine Le Pen maß, behielt er zwar sein Präsidentenamt, wenige Wochen später verlor er allerdings die Mehrheit im Parlament und die extremen Ränder wurden durch die Wahlen gestärkt.

Dieses Gefühl gravierender politischer Veränderung, der Hinwendung zu extremen Positionen und gärende Wut im Volk scheint immer wieder in Die Arena durch, wenn diese Gefühle nicht sogar das ein ums andere Mal offen zutage treten. Négar Djavadi thematisiert dies, indem sie als Form den klassisch-realistischen Großstadtroman in der Tradition eines Émile Zola oder Honoré de Balzac wählt.

Verschiedene Figuren, verschiedene Milieus

Eine Vielzahl unterschiedlicher Figuren rückt sie in den Mittelpunkt, die pars pro toto für verschiedene Paris oder vielmehr französische Milieus und Gesellschaftsschichten stehen.

Alles beginnt dabei mit dem Mord an einem Teenager im Müllraum eines Mehrparteienhauses, für den eine verfeindete Gang wenig später Rache übt.

Ja, seit September hat es schon zwei [Abrechnungen] gegeben… Die letzte war Ende Januar, da wurde ein Jugendlicher tot im Müllraum der Cité Rouge gefunden. Le Parisien brachte keine vier Zeilen darüber, und in den anderen Zeitungen stand gar nichts! Adam hatte es mir nach der Schule erzählt… Vierte Klasse, stell dir vor…“

„Cité Rouge gegen Grange-aux-Belles, richtig?“

„Offensichtlich… Aber da ist noch die Cité Blanche, die Beihilfe leistet oder mitmacht (verdrossenes Kopfschütteln). Es ist alles so undurchsichtig, dass du nicht wirklich weißt, was vor sich geht. Issa ist der Dritte in fünf Monaten.

Négar Djavadi – Die Arena, S. 293

Die Gangs der unterschiedlichen Stadtviertel bekriegen sich – und mitten hinein in diesen Konflikt wird auch Benjamin Grossmann gezogen. Dieser ist eigentlich ein erfolgreicher Jetsetter unter Dauerstress. Für die französische Produktionsplattform BeCurrent arbeitet er als französischer Lokalchef, betreut die Entwicklung neuer Serienformate (auch hier wieder der Anknüpfungspunkt zum Serienschreiber Balzac), fungiert als Mittler zwischen vielversprechenden Kreativen und seinen amerikanischen Chefs. Kurzum, Grossmann steht für eine echte Upperclass-Existenz zwischen Schickeria und Dauerstress.

Als ihm nun sein Handy geklaut wird, potenziert sich Grossmanns Stress noch einmal deutlich. Denn für seinen Job ist das Telefon eigentlich unerlässlich, weshalb er vor seinem Umfeld den Verlust des Mobiltelefons kaschiert. Einen Jungen, den er im Verdacht hat, sein Telefon gestohlen zu haben, stellt er in der Nacht des Verlustes noch zur Rede und schreckt bei der Konfrontation auch vor körperlicher Gewalt nicht zurück.

Eine Debatte über Polizeigewalt

Négar Djavadi - Die Arena (Cover)

Als nun der vermeintliche Handydieb tot aufgefunden wird, ist Grossmann alarmiert. Doch statt ihn als Verdächtigen zu vernehmen, ist die Polizei erst einmal auf sich selbst konzentriert. Denn die Polizistin, die den toten Jungen entdeckte, hat sich zu einer Unüberlegtheit hinreißen lassen und dem Toten einen Tritt versetzt, ehe sie dessen Ableben feststellte. Dieser Tritt wurde gefilmt und verbreitet sich nun auf den sozialen Kanälen reißend schnell. Ein Shitstorm gegen die Polizei nimmt ihren Lauf, auf Twitter und Co. verbreitet sich das Video wie ein Flächenbrand und befeuert die Debatte um Polizeigewalt.

Populistische Talkshow-Gäste gießen zusätzlich noch ins Öl ins Feuer und sorgen schnell für eine Eskalation der Ereignisse, während Benjamin Grossmann hofft, sich dem Interesse in der Debatte entziehen zu können. Und das alles findet zur Hochzeit des Kampfs um das Bürgermeisteramt der Stadt Paris statt.

Von moderato bis furioso

Die Arena orientiert sich grundsätzlich an den eben schon erwähnten literarischen Vorbildern und erzählt immer wieder abwechselnd von ganz unterschiedlichen Figuren, darunter Polizist*innen, Migranten, Gangmitglieder, respektable Bürger*innen, Talkshow-Gäste, Geflüchtete und Politiker*innen. Djavadi begnügt sich aber nicht mit dem Ausfüllen der bekannten Romanstruktur, sondern entwickelt dieses Erzählkonzept weiter, indem sie den durch Twitter und einschlägige digitale Plattformen befeuerten Shitstorm anschaulich erzählt und auch Textnachrichten und Tweets in ihre Erzählung einbettet.

Gut gelingt Djavadi dabei auch zu zeigen, wie der Shitstorm in der digitalen Welt dann schließlich auf die reale Welt übergreift. Konsequent und plausibel demonstriert sie, wie die in der Gesellschaft beständig köchelnden Konflikte um die altbekannten Themenfelder (öffentliche Ausübung der eigenen Religion in einem laizistischen Staat, etc.) immer stärker befeuert werden und auch durch eine entsprechende mediale Begleitung schließlich im Straßenkampf enden (was auch an Ladi Lys Film Die Wütenden – Les Misérables aus dem Jahr 2019 erinnert).

Ganz folgerichtig ist ihr Roman innerhalb der beiden Erzählklammern Präludium und Postludium durch die inkrementalen musikalischen Bezeichnungen moderato, crescendo und furioso strukturiert, die auch stellvertretend für die öffentliche Meinung und das Erregungsniveau stehen. Diese Steigerung der Erregung und Gewalt ist eindrücklich gestaltet, wenngleich das Personenensemble das ein oder andere mal eine leichte Unwucht aufweist – angesichts der dahinterstehenden Fragen und der gesellschaftskritischen Analyse des Buchs fällt das allerdings nicht wirklich stark ins Gewicht, erzählt Négar Djavadi doch mit großem Anspruch und wagt sich an die Vermessung der gesamten französischen Gesellschaft.

Fazit

In Sachen bissiger und zeitkritischer Gesellschaftsromane sind uns die französischen Autor*innen weit voraus. Das beweist Michel Houellebecq, das beweist Karine Tuil und das zeigt nun auch Négar Djavadi auf beeindruckende Art und Weise. In ihrer Arena treffen unterschiedliche Milieus, Interessen und Persönlichkeiten aufeinander und ergeben ein düsteres Bild der französischen Gesellschaft.

Dass da etwas in unserem Nachbarland aus den Fugen gerät, illustriert die iranischstämmige Autorin und Filmemacherin eindrücklich und erweist sich damit als hellsichtige Diagnostikern bestehender Zustände. Mit Die Arena war sie den Ereignissen des französischen Wahlkampfs sogar um ganze zwei Jahre voraus.

Ein dichter, figurenreicher und sehr politischer Großstadtroman, der seinen großen Vorbildern gekonnt folgt und der trotzdem absolut zeitgemäß und eigenständig bleibt.


  • Négar Djavadi – Die Arena
  • Aus dem Französischen von Michaela Meßner
  • ISBN 978-3-406-79126-0 (C.H. Beck)
  • 463 Seiten. Preis: 26,00 €

Donald Ray Pollock – Die himmlische Tafel

Keine Hoffnung, nirgends. Donald Ray Pollock entführt in seinem dritten auf Deutsch vorliegenden Roman Die himmlische Tafel in eine Welt, in der Not, Elend und Gewalt dominieren. Eine triste Reise, mitreißend geschildert.


Alles beginnt mit dem Farmer Pear Jewett. Dieser legt mit seinen Söhnen einen protestantischen Arbeitseifer an den Tag. Bettelarm schuftet er mit ihnen Tag für Tag und hat sein großes Ziel vor Augen: einen Platz an der himmlischen Tafel, den er sich verhofft. In Kontakt mit dem Jenseits gerät er allerdings schneller als gedacht. Schon zu Beginn des Buchs verstirbt er und hinterlässt seinen drei Jungen keinerlei irdischen Besitz. Im ärmlichen Georgia beschließen die drei, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Orientierung verheißt ihnen dabei der Groschenroman Bloody Bill Bucket, der das Leben eines Outlaws beschreibt.

Die drei Brüder eifern ihrem Vorbild nach und beschließen, eine Bank zu überfallen. Doch bei einem Überfall soll es nicht bleiben. Und schon bald zieht sich eine Schneise der Gewalt und Brutalität durch ganz Georgia. Allerdings machen auch eine ganze Reihe von Bürgern Jagd auf die drei. Vom Playboy bis zum ausgeraubten Händler jagen alle möglichen Verfolger den Outlaws hinterher. Da wird es schwierig mit einem Platz an der himmlischen Tafel.

Eine Hymne auf den Dilettantismus

Die himmlische Tafel ist ein Buch, das den Diletantismus feiert und in allen Facetten inszeniert. Denn wenngleich man mit den Stichworten Outlaws, Banküberfälle und Fluch viel Hollywoodglanz á la Butch Cassidy and the Sundance Kid verbindet, besitzt Donald Ray Pollocks Buch nichts davon. Die Überfälle sind dilettantisch, die Verfolger stolpern oftmals eher über die eigenen Füße denn über die Gesuchten. Bis es zum (ebenfalls recht schlampig und fehlerhaft) durchgeführten Showdown kommt, vergehen viele hundert Seiten.

Diese Seiten sind randvoll mit Gewalt, Hoffnungslosigkeit und Armut, die plastisch geschildert werden. So etwas wie Sympathieträger findet man in Roman eh kaum. Vielmehr zeigt Donald Ray Pollock Figuren, die denkbar weit weg sind vom amerikanischen Traum. Im Militär herrschen intellektuelle Ödnis, dumpf brodelndes Machotum und Homophobie, die Farmer schuften und arbeiten sich auf, ohne je einen Silberstreif am Horizont zu erahnen. Hochstapler, Huren und und Hallodris bevölkern das Pollock’sche Georgia 1917 en masse. So entsteht ein schmutziger Thriller, der das Tun und Treiben der drei Outlaws genau betrachtet, sich aber auch Zeit für etwas grimmigen Humor nimmt.

Fazit

Die himmlische Tafel ist ein Buch, das sehr explizit die Gewalt schildert, die die drei Brüder im Hinterland der USA hinterlassen. Dabei gelingt Donald Ray Pollock ein Buch, das eine Vielzahl von Figuren in den Blick nimmt. Eindringlich schildert er das Leben im amerikanischen Hinterland, das sich trotz des Jahres 1917 eher wie das 18. Jahrhundert anfühlt. Ein Buch mit hoher Plastizität, zurecht mit dem Deutschen Krimipreis 2017 ausgezeichnet und famos ins Deutsche übertragen von Peter Torberg. Eine echte Backlistperle aus dem Liebeskind-Verlag!


  • Donald Ray Pollock – Die himmlische Tafel
  • Aus dem Englischen von Peter Torberg
  • ISBN 978-3-95438-065-7 (Liebeskind)
  • 432 Seiten. Preis: 22,00 €