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Tales from Teheran

Ava Farmehri – Im düstern Wald werden unsre Leiber hängen

Sheyda Porroya sitzt in Teheran im Gefängnis und wartet auf ihre Hinrichtung. Wir schreiben das Jahr 1999. Die islamische Revolution ist schon lang vorüber – die Nachwirkungen sind aber immer noch zu spüren. Dort im Gefängnis beichtet uns Sheyda ihre Lebensgeschichte. Es ist eine dunkle Schehezerade, die von einer schwierigen Heldin erzählt und die auflöst, warum sie im Gefängnis auf ihre Hinrichtung wartet. Im düstern Wald werden unsre Leiber von der kanadischen Autorin Ava Farmehri (übersetzt von Sonja Finck).


Ich kam in Gefangenschaft zur Welt.

Ich wurde am 1. April 1979 in Teheran geboren, am selben Tag wie die Islamische Republik.

Monate vor meiner Geburt wurde ein Schah von seinem Volk verraten und auf den Mattscheiben weltweit als Verräter dargestellt. Zusammen mit seiner Kaiserin wurde er Exil und dann in einen Tod geschickt, der seinen größten Schmerz und seine schlimmsten Albträume übertraf. […]

Ein Hubschrauber hob ab, und Iran stand unter Belagerung.

Farmehri, Ava: Im düstern Wald werden unsre Leiber hängen, S. 14 f.

Es gibt wahrlich zugänglichere Heldinnen als diese Sheyda Porroya, die uns in diesem Buch ihre Lebensgeschichte anvertraut. Schon als Kind hintertreibt sie die Erziehungspläne ihrer Eltern, stiftet Ärger, ist aufmüpfig – kurzum: eine echte Querulantin. Ein Psychiater betreut sie von Kindesbeinen an. Ihre Unbeugsamkeit prägt sich im fortschreitenden Lebensalter aus. Sie verrät Geheimnisse, missachtet die Erziehungsversuche der Eltern und ist in ihrem Heimatviertel in Teheran berühmt-berüchtigt.

Sie macht sich der Gotteslästerung schuldig, was man ihr des jungen Alters wegen noch verzeiht. Aber kompromisslos geht sie ihren eigenen Weg, was sie nicht nur mit den Obrigkeiten in einem Staat wie dem Iran kurz nach der Islamischen Revolution in Bedrängnis bringt. Zudem kann man Sheyda nicht wirklich trauen, die sie sich in Anlehnung an Dante ein Alter Ego namens Beatrice zugelegt hat. Was ist wahr, was erzählerisches Märchengarn?

Eine widerborstige Heldin

Ava Farmheri macht es den Leser*innen in ihrem Buch nicht wirklich leicht. Der Begriff „Heldin“ für Sheyda mag nicht so wirklich greifen. Zu widerborstig ist sie, als das man große Sympathien für sie empfinden könnte. Widerständig und teilweise schon fast masochistisch strapaziert sie die Nerven ihrer Umwelt und die der Leser*innen. Darauf muss man sich einlassen. Aber darauf stimmt ja schon auch der Titel dieses Buchs ein.

Ava Farmehri - Im düstern Wald werden unsre Leiber hängen (Cover)

Wenn man es tut, wird man mit einem Buch belohnt, das Einblick in eine Lebenswelt gibt, die in unserer westlich geprägten Literaturszene wenig stattfindet. Die Beschreibung Irans, des Lebens in den Stadtviertel (die mich von der Beschreibungs- und Lebensintensität an Elena Ferrantes Sizilien erinnerte) und die Schilderung die Repressionen dort, das ist gut gemacht. Farmehri gelingt es, das Leben durch die Augen ihrer Ich-Erzählerin plastisch einzufangen und zu vermitteln.

Und dann ist da auch vom Inhalt abgesehen die literarische Ebene, die in diesem Buch überzeugt. So findet sie kluge Leitmotive, wie etwa die Dichtung Dantes, die dem Buch den Titel und Sheyda ihr Alter Ego liefert. Auch die Vögel bilden eines dieser Leitmotive, derer sich Ava Farmehri beident. Beständig folgen sie Sheyda und tauchen immer wieder an zentralen Stellen im Buch auf.

Fazit

Im düstern Wald werden unsre Leiber hängen hat ein erzählerisches Konzept, das in der orientalischen Tradition verhaftet ist, aber doch durch die Spannung und die gesetzten Erzählschritte zu unseren westlichen Lesegewohnheiten passt. Ava Farmehri gelingt es, Einblicke in den Iran der letzten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu liefern. Und nicht zuletzt ist hier eine gekonnte Beschreibung einer widerspenstigen Frau zu erleben, die über das eindrucksvolle Ende des Buchs hinaus bei mir blieb. Ein beachtliches Debüt und eine dunkle Märchenstunde.


  • Ava Farmehri – Im düstern Wald werden unsre Leiber hängen
  • Aus dem Englischen von Sonja Finck
  • ISBN 978-3-96054-234-6 (Nautilus)
  • 288 Seiten. Preis: 22,00 €
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Aus dem Leben eines Whistleblowers

Benjamin Quaderer – Für immer die Alpen

DIE ZEIT: […] Herr Walter-Borjans, seit 2008 sind viele Steuersünder aufgeflogen: Klaus Zumwinkel, Alice Schwarzer, Uli Hoeneß. Wenn die deutschen Behörden keine Steuer-CDs angekauft hätten, würden diese Menschen immer noch Steuern hinterziehen?

Norbert Walter-Borjans: Ich denke schon. Als Finanzminister in Nordrhein-Westfalen habe ich den Ankauf von Steuer-CDs jahrelang befördert. Das hat dazu geführt, dass viele Menschen Sorge hatten, entdeckt zu werden, und sich selbst angezeigt haben.

Interview „Die Zeit“, 31. Januar 2018, 16:59 Uhr

Es begann im Jahr 2006. Damals wurde in Deutschland zum ersten Mal eine sogenannte Steuersünder- oder Steuer-CD angekauft. Darauf enthalten waren die Datensätzen zahlreicher Menschen, die Steuern hinterzogen und Schwarzgeldkonten im Ausland besaßen. Für den ersten Paukenschlag in Sachen Steuer-CDs sorgte damals die Verhaftung von Deutsche-Post-Chef Klaus Zumwinkel, der öffentlichkeitswirksam 2009 bei einer Razzia festgenommen wurde. In der Folge mehrten sich die Selbstanzeigen und zahlreiche prominente Steuerhinterzieher*innen wurden publik. Ebenso setzte eine Debatte in Deutschland um die Rechtmäßigkeit des Ankaufs dieser Steuer-CDs ein. Durfte man mit Kriminellen paktieren, die diese CDs zum Kauf anboten?

Benjamin Quaderer legt seinen Fokus weniger auf dieses Dilemma. Viel mehr treibt ihn um, wer solche Menschen sind, die Steuer-CDs anfertigen und dann im Ausland zum Kauf anbieten. Sein Studienobjekt trägt den Namen Johann Kaiser und schildert uns als Leser*innen im Quaderer’schen Debüt sein Schicksal.

Das Leben des Johann Kaiser

Dass es mit diesem kein Schicksal kein gutes Ende nimmt, das zeigt sich schon auf den ersten Seiten des Buchs. Denn der 1965 Geborene versteckt sich im Exil. Als Whistleblower fürchtet er um seine Enttarnung und lebt ein Leben im Geheimen.

Mein Name war einmal Johann Kaiser. Wahrscheinlich haben Sie von mir gehört. Ich bin vierundfünfzig Jahre alt, von Sternzeichen Widder und lebe unter neuer Identität an einem Ort, von dem ich zu meinem eigenen Schutz nicht erzählen darf. […].

Um zu verstehen zu können, wieso ich gehandelt habe, wie ich gehandelt habe, muss ich nicht nur ein umfassendes Bild meiner Person und meiner Lebensgeschichte, sondern gleichzeitig der Rahmenbedingungen zeichnen, in denen ich mich hin und her geworfen fand wie eine Kugel in einem Flipperautomaten. Denn diese Geschichte, meine Geschichte, ist alles, was mir geblieben ist, um mich gegen diejenigen zu verteidigen, die mich tot sehen wollen.

Eine angenehme, aber aufrüttelnde Lektüre wünscht herzlich,

Ihr Johann Kaiser

Quaderer, Benjamin: Für immer die Alpen, S. 9 ff.

Doch wie kam es dazu? Dazu nimmt uns Kaiser mit in seine Vergangenheit und erzählt uns als Leser*innen sein Leben, beginnend im Jahr 1965.

Eine Kindheit in Schaan

Die Geburt, das Verlassenwerden von den Eltern, die Kindheit und Jugend im Kinderheim in Schaan. Davon erzählt uns Kaiser, der schon früh eine kriminelle Energie erkennen lässt. So bricht der in das Haus eines berühmten in Luxemburg wohnenden Bergsteigers ein und entwendet zusammen mit einem Freund einen Stein im Hause des Alpinisten. Eine unwahrscheinliche Freundschaft mit der Großherzogin des kleinen Fürstentums folgt.

Benjamin Quaderer: Für immer die Alpen (Cover)

Dass ein Staat mit einer Fläche von 160 km², der sechstkleinste der Welt, für einen Jugendlichen vom Schlage eines Johann Kaisers zu klein ist, versteht sich von selbst. Es zieht ihn hinaus in die Welt. Bis nach Australien führen ihn seine Aventüren, die er uns in seinen Erinnerungen schildert. Der Ausbruch aus der Enge Liechtensteins ist allerdings nur ein temporärer, schlussendlich lässt sich Johann doch wieder in seinem Heimatland nieder, wo er Arbeit bei einer Liechtensteiner Bank mit drei Großbuchstaben findet, die sich im fürstlichen Besitz befindet. Dort wird er dann auch zum Erpresser und Whistleblower, der eine Staatsaffäre auslöst.

Wie es dazu kam, das erzählt uns Johann Kaiser ausführlich (manchmal auch etwas zu ausführlich) in weitestgehend chronologischer Ordnung. Die Schilderungen und Erinnerungen Johann Kaisers weisen dabei einen Ton auf, den man in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur sonst kaum wahrnimmt: den des Humors. Quaderer macht aus dem Whistleblower-Roman kein bierernstes Thema, sondern lässt in einem heiteren Ton den Rückblick Kaisers passieren. Auch vor Spielereien mit Form und Text (beispielsweise Schwärzungen oder Fußnoten, die dann zur eigentlichen Erzählung werden) scheut sich Quaderer nicht. Mit einer Spiel- und Sprachfreude, die mich manches Mal an Jörg Maurer erinnerte, erzählt er Kaisers Geschichte.

Die Geschichte Heinrich Kiebers als Folie

Ersetzt man den Namen Johann Kaisers durch den von Heinrich Kieber, hält man plötzlich mit Für immer die Alpen auch eine wirklich präzise Nacherzählung der tatsächlichen Liechtensteiner Steueraffäre aus dem Jahr 2008 in den Händen. Denn die Lebensstationen Kaisers sind mit denen Kiebers nahezu deckungsgleich, vom Alter über biographische Stationen bis hin zu den Motiven.

Benjamin Quaderer lehnt seine Erzählung stark an die tatsächliche Geschichte an. Handelnde Figuren oder Institutionen sind kaum kaschiert und auf den ersten Blick wiederzuerkennen. Das besitzt alles einen Drive, drängt mit Elan voran, verliert aber im letzten Teil des Buchs, als die Erpressung und das anschließende Katz- und Maus-Spiel mit den Behörden beginnt, allerdings leider etwas an Drive.

Das Hin und Her mit den Daten, die Erpressungsversuche, die Erklärung der Motivation und der Wunsch des Protagonisten nach Anerkennung – hier geht Quaderer etwas die Luft aus – was aber angesichts des vorherigen Feuerwerks durchaus verzeihlich ist.

Ein guter Roman zur falschen Zeit

Benjamin Quaderer hat sich viel Zeit für seinen Debütroman genommen. Jahrelang schrieb er an dem Buch, nahm 2016 mit einem Textauszug am OpenMike-Literaturwettbewerb in Berlin teil (wo er den 2. Platz belegte) und veröffentliche nun im Frühjahr 2020 sein Buch. Als Spitzentitel des Frühjahrsprogramms des Luchterhand-Verlags geplant sollte eigentlich eine große Präsentation auf der Leipziger Buchmesse (auch ein Interview für diesen Blog war geplant) und eine anschließende Lesereise das Buch pushen. Und nun das. Corona und kaum eine*r interessiert sich mehr für die Bücher des Frühjahrs, am ehesten wird noch Albert CamusDie Pest gelesen. Erschienen immerhin einst 1947. Aber ansonsten verpufft das Interesse am Lesen und die Buchhandelszahlen brechen ein.

Was Benjamin Quaderer immerhin zu folgender Empfehlung motivierte:

Das ist schade. Denn Für immer die Alpen ist ein Schelmenroman, verspielte Hochstaplerprosa mit Humor, die gelesen und diskutiert werden sollte.

Leider habe ich auf anderen befreundeten Blogs noch keinerlei Besprechungen des Buchs gefunden, weshalb ich an dieser Stelle nur auf Rezensionen der Zeit und des Standard verweisen kann.

  • Benjamin Quaderer: Für immer die Alpen
  • Luchterhand-Verlag, ISBN 978-3-630-87613-9
  • 592 Seiten, 22,00 €
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Richard Flanagan – Goulds Buch der Fische

Ein Fisch namens William Buelow Gould

Durch Zufall durchstöberte ich vor wenigen Wochen wieder einmal meine Lieblingsbuchhandlung in meinem alten Münchner Viertel, als ich auf Goulds Buch der Fische von Richard Flanagan stieß. Der Titel ist eine Neuausgabe, das Original erschien auf Deutsch bereits im Jahr 2002 und wurde nun noch einmal neu aufgelegt – zum Glück!

Richard Flanagan - Goulds Buch der Fische (Cover)
Goulds Buch der Fische

Hinter dem Titel verbirgt sich eine mit dem Commonwealth Prize ausgezeichnete Geschichte, die so grandios wie überschäumend ist. Der Roman wird in zwölf Fischen erzählt, die die Kapitelgliederung darstellen. Das Ganze wird gleich von zwei Rahmenhandlungen ummantelt. Die erste ist die eines Möbelfälschers, dem aus Zufall in einem alten Möbelstück Goulds Buch der Fische entgegenfällt. Zu seiner großen Verblüffung beginnt das Buch zu leuchten und ihn in seinen Bann zu schlagen. Doch die darin erzählten Geschichten sind zu tolldreist, als dass ihnen ein Experte Glauben schenkt.

Inmitten dieser Rahmenhandlung setzt dann die zweite Ebene ein, die uns zu William Buelow Gould bringt. Dieser sitzt in einer Zelle in Tasmanien Anfang des 19. Jahrhunderts ein und schreibt mit Fischblut sein Vermächtnis, das ihn in jene Zelle brachte. Seine Lebensgeschichte erweist sich als fantastisch – die Abenteuer von Don Quijote oder des Soldaten Schwejk verblassen geradezu neben Goulds Aventuren, die ihn nach Tasmanien, Amerika und England führten. Mehr soll an dieser Stelle auch nicht erzählt werden – diese Abenteuer müssen gelesen werden!

Ein Leseereignis im besten Sinne

Richard Flanagan - Der schmale Pfad durchs Hinterland (Cover)

Goulds Buch der Fische ist eine perfekt konstruierte Erzählung und ein Leseereignis im besten Sinne. Diese Robinsonade ist ein barocker, überbordender und sprachmächtiger Titel, ein Schelmenroman und eine sprudelnde Spimplicissimus-Variation, in der man versinkt wie ein Fisch im Ozean. Das Buch selbst wird durch Stiche der Fischillustrationen unterbrochen, die auch in den einzelnen Kapiteln wichtige Rollen spielen. Von grausamen, traurigen bis hin zu brüllend komischen Episoden fährt Richard Flanagan seine ganze Erzählkunst auf und schafft es, dass man den Titel nach seinem Ende gleich noch einmal von vorne beginnen möchte.

Für mich eine Neuentdeckung, die in mir den Wunsch weckte, das gesamte schriftstellerische Schaffen Richard Flanagans kennenzulernen, allen voran seinen neuesten, mit dem Man Booker Prize ausgezeichneten Roman Der schmale Pfad durchs Hinterland. Dieses Buch hat das Potential zu einem meiner absoluten Lieblingslektüren – und das schaffen bei der Masse an Büchern, mit denen ich mich beschäftige, wahrlich nicht viele Titel!

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