Tag Archives: Terrorismus

Eine Oral History des 11. September

Gareth M. Graff – Und auf einmal diese Stille

Es ist zweifelsohne eines der einschneidendsten Erlebnisse des 21. Jahrhunderts: der 11. September 2001. Wohl jeder Mensch weiß noch, was er an diesem Tag getan hat, als die Nachricht des Attentats auf das World Trade Center die Welt kurzzeitig aus dem Takt geraten ließ. Inzwischen ist die Erinnerung an diese wirkmächtigen Anschläge auf Amerika etwas verblasst. Die Bilder werden natürlich wiederholt und haben sich in das kollektive Gedächtnis eingegraben. Das Gedenken, das Verlesen der Namen, das Läuten der Totenglocke, im Fernsehen meist überkleistert mit Musik von Enya. Das Gedenken ist inzwischen zu einem Ritual geworden, das aber nun dank der fast schon 20 vergangenen Jahre seit dem Anschlag in der von immer neuem Terror überlagert und überschrieben wird.

Gareth M. Graff holt mit seinem Buch die Ereignisse rund um das World Trade Center, das Pentagon und Co. nun allerdings wieder prominent auf die Bühne und entstaubt die Erinnerung an jenes ikonische Datum maximal. Ihm gelingt in Und auf einmal diese Stille ein Erinnerungsbuch, das mit Wucht den 11. September in allen Facetten beleuchtet. Ein wichtiges Zeitdokument.

Augenzeugenberichte des 11. September

Garrett M. Graff - Und plötzlich diese Stille (Cover)

Dabei besteht die Leistung des Autors und seines Teams keinesfalls in eigenen Beschreibungen des 11. Septembers. Vielmehr versammelt das Buch Augenzeugenberichte und Schilderungen des gesamten Tages. Diese reichen von den Erinnerungen des einzigen Amerikaners, der sich am 11.09 nicht auf der Erde, sondern auf der ISS befand, bis hin zu hochrangigen Politiker*innen wie etwa die damalige Verteidigungsministerin Condoleeca Rice und dem Beraterstab rund um Präsident George W. Bush.

Graff gliedert seine Augenzeugenberichte weitgehend chronologisch und beginnt den 11. September morgens noch ganz ruhig. Er lässt etwa den Flughafenmitarbeiter zu Wort kommen, der die Attentäter eincheckte. Auch die Feuerwehren beobachtet er an diesem Morgen oder lässt vom eigentlich geplanten Tagesablauf des amerikanischen Präsidenten berichten.

Ausgehend vom ersten Einschlag eines Flugzeugs erzählt er mithilfe der niedergeschriebenen Erinnerungen von den entführten Flugzeugen, dem Anschlag aufs Pentagon, der Unsicherheit im Umfeld von Präsident Bush oder von den Rettungskräften, die zum brennenden World Trade Center eilten und diesen Einsatz häufig mit dem eigenen Leben bezahlten.

Das Gefühl von Unmittelbarkeit

Man ist fast selbst in den Treppenhäusern der Twin Towers dabei, als couragierte Büromitarbeiter einen Kollegen im Rollstuhl dutzende von Stockwerken nach unten tragen. Oder man kann sich einfühlen, wie Menschen reagieren, deren Angehörige sich aus entführten Flugzeugen melden und letzte Worte hinterlassen. Wie Rettungskräfte verschüttet und wieder ausgegraben werden. Wie unzählige Menschen vom Himmel stürzen und dabei noch andere mit in den Tod reißen (dieses Kapitel „Springen“ zählt sicherlich zu den schockierendsten und buchstäblich niederschmetterndsten). Von all diesen Momenten erzählt Und auf einmal diese Stille. Graff selbst bemerkt im Vorwort:

Und auf einmal diese Stille ist zwar umfassend, aber keineswegs vollständig. Die hier präsentierten Geschichten erfassen nur einen einzelnen historischen Moment. Der 11. September ist aber nicht zuletzt deshalb so ergreifend, weil wir etwas über die weiteren Schicksale der betroffenen Menschen erfahren, darüber, wie es ihnen in den Tagen, Wochen, Monaten und Jahren danach ergangen ist. Während das Land nach den Angriffen einerseits enger zusammenrückte und die Menschen sich solidarisch zeigten, zog es zugleich in zwei Kriege, die bis heute keinwirkliches Ende gefunden und viele Weltgegenden drastisch verändert haben. Auch deshalb ist der 11. September jeden Tag gegenwärtig. Dieser Tag hat unsere Art des Reisens, unser Alltagsleben und unser Miteinander grundlegend verändert.

Graff, Garret M.: Und plötzlich diese Stille, S. 11

Diesen Tag wieder gegenwärtig zu machen, ihn in seiner Vielgestaltigkeit erneut begreif- und erlebbar zu machen, diese Aufgabe erfüllt Garreth M. Graffs Buch bravourös. Und auf einmal diese Stille ist eine minutengenaue Chronik, die uns Lesenden spüren lässt, warum dieser 11. September eine solche Zäsur der jüngeren Geschichte war und ist.


  • Garrett M. Graff – Und auf einmal diese Stille
  • Übersetzt von Philipp Albers und Hannes Meyer
  • ISBN: 978-3-518-47090-9 (Suhrkamp)
  • 537 Seiten. Preis: 20,00 €
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Gert Nygårdshaug – Mengele Zoo

Alles begann vor einem Jahr vor dem schwedischen Reichstag in Stockholm, genauer gesagt am 20. August 2018. Damals begann Greta Thunberg ihren Schulstreik, der sich binnen einen Jahres zu einem weltweiten Phänomen entwickelt hat. In über 125 Ländern gingen und gehen Menschen auf die Straße, um für mehr Klimaschutz und Naturschutz zu protestieren. Ihren vorläufigen Höhepunkt fand die von Thunberg angestoßene Bewegung im weltweiten Earth Strike am 27. September dieses Jahres. Millionen Menschen beteiligten sich weltweit an den Protesten – zum ersten Mal überhaupt in der Geschichte gingen Menschen auf allen fünf Kontinenten für ein- und dasselbe Anliegen auf die Straßen.

Der Klimastreik von Greta Thunberg

Eine ungeheuer große und einflussreiche Bewegung ist unter dem Stichwort Fridays for Future entstanden. Doch auch andere Bewegungen, die sich dem Umweltschutz verschrieben haben, erhalten immer mehr Zulauf und Reichweite. Hier wäre an erster Stelle die Gruppe Extinction Rebellion zu nennen. Diese fällt immer wieder mit Aktionen auf, die Bewusstsein für die Klimakrise und das Artensterben schaffen sollen. Die Aktionen reich(t)en von einer Blockade des Großen Sterns in Berlin bis hin zu einer versuchten Lahmlegung des britischen Flughafens Heathrow.

Abgesehen von drastischen Bildern, die bei den Demonstrationen erzeugt wurden, blieb dieser zivile Ungehorsam friedlich. Aber je dramatischer die Klimakrise wird, desto eher ist ein Kippen dieses Widerstands gegen die herrschenden Verhältnisse möglich. Durch eine mögliche Konkurrenz der verschiedenen Umweltschützer*innen ist eine Radikalisierung denkbar.

Wenn Umweltschutz gewalttätig wird

Doch was ist, wenn Protest plötzlich gewalttätig wird? Wenn Anliegen nicht mehr mit Worten und Widerstand, sondern mit Waffen ausgetragen werden? Wenn der Umweltschutz zum Kampffeld wird, bei dem Anliegen mit Mitteln des Terrorismus durchgesetzt werden?

Dieser Frage geht der norwegische Autor Gert Nygårdshaug in seinem geradezu prophetischen Roman Mengele Zoo nach. Ein weiterer Beitrag der Reihe #norwegenerlesen.

Er hatte begriffen, dass es wohl kaum einen weiteren Weltkrieg geben würde. Doch ein anderer Krieg stand bevor: der systematische Terror gegen alle, die die Macht zur Zerstörung, Verpestung und Unterdrückung besaßen, die die Wichtigkeit der Ameisenwanderungen genauso wenig verstanden wie die sanfte Kommunikation der Blätter, die untrüglichen Sinne der Tiere und die lebensspendende Notwendigkeit eines allumfassenden Ganzen. Er hatte gelernt, dass es Zusammenhänge gab, Ketten, die in einem langwierigen Prozess über Jahrmillionen geschmiedet worden waren und dass diese Ketten in einer blinden, sinnlosen Jagd nach Geld brutal auseinandergerissen wurden. Es gab keine Gnade. Es konnte keine Gnade geben.

Nygårdshaug, Gert: Mengele Zoo, S. 290 f.

Wer hier so radikal denkt, das ist der Held von Gert Nygårdshaugs Roman Mengele Zoo. Mino Aquiles Portoguesa wächst im Regenwald auf. Seinen Vater unterstützt der kleine Junge bei der Jagd auf exotische Schmetterlinge, die er zusammen mit ihm präpariert und dann verkauft. So bessern die beiden das karge Familieneinkommen auf.

Aus dem Regenwald zum gesuchten Terroristen

Doch das abgeschiedene Dorf im Regenwald ist bedroht. Amerikanische Firmen und einheimische Machthaber betrachten den Regenwald als gigantische Rohstoffquelle, deren Schutz zu vernachlässigen ist. Das muss auch die Dorfbevölkerung erfahren, die der Industrie ein Dorn im Auge ist. Dem Widerstand der lokalen Bevölkerung gegen die Zerstörung ihrer Heimat setzen die Machthaber Gewalt entgegen. Immer brutaler werden die Einschüchterungsversuche, bis das ganze Dorf mit seinen Bewohnern von der Armee dem Boden gleichgemacht wird. Nur Mino überlebt per Zufall diese „Säuberung“ – und tritt zutiefst verstört die Flucht in den Regenwald an.

Per Zufall kreuzt er dabei die Wege eines Gauklers und Zauberers. Dieser nimmt ihn unter seine Fittiche und lehrt ihn die Kunst der Illusion. Doch auch dieser Lebensabschnitt findet bald ein jähes Ende. Immer wieder erhält Mino auf seiner Odyssee Nackenschläge, die meist mit ausbeuterischen Firmen und Invasoren zu tun haben. Korrupte Beamte und ihre Machenschaften nähren in Mino die Flamme des Widerstandes, die bald immer heller und heller leuchtet.

Als er auf seinem Lebensweg drei weiteren Ausgestoßenen begegnet, reift in ihm ein Plan: allen Firmen und Menschen, die Raubbau an der Natur und seinem geliebten Regenwald begehen, will er das Handwerk legen. Zusammen mit seinen Freunden avanciert er unter dem Logo des blauen Mariposa-Schmetterlings zum Ökoterroristen. Ein Tetrapode, also ein vierseitiger Wellenbrecher, wird zum Symbol der vier Freunde. Gegen alle Widerstände halten sie zusammen und dehnen ihre Aktivitäten in alle vier Himmelsrichtungen aus.

In Japan, in Afrika, in Deutschland, in den USA – immer wieder schlagen Mino und seine Gefährten zu. Ihre brutalen Attentate sorgen für Schlagzeilen – und sorgen auch für viel Sympathie und Unterstützung weltweit.

Ein Terrorist als Sympathieträger

Für Mino ist die ganze Welt ein Mengele Zoo. In dem perversen deutschen KZ-Arzt, der auch in Südamerika untergetaucht war, finden die Freunde ein Bild für die aus den Fugen geratene Welt:

„Mengele Zoo“ sagte Ildebranda. „Du hast was von Mengele Zoo gefaselt.“ (…)

„“Experimentos Menge em Jungela“ von Professor Gello Lunger. Darin steht, dass dieser Nazi-Doktor ganz Südamerika zu seinem privaten zoologischen Garten machen wollte. Mengele Zoo. Haha! Inzwischen ist die ganze Welt ein einziger großer Mengele Zoo. Auch ohne Mengeles Hilfe. Ein groteskes Irrenhaus, in das wir hervorragend hineinpassen. Prost!“

Nygårdshaug, Gert: Mengele Zoo, S. 214 f.

Nun ist es ja immer ein Unterfangen, einen Terroristen, der außerhalb unseres Wertesystems agiert, zum Helden eines Buchs zu machen (oder im Falle von Mino sogar von vier weiteren Büchern). Mitgefühl und Sympathien für einen Attentäter, der Menschen ermordet und zum Erreichen seiner Ziele über Leichen geht?

Das funktioniert bei Mengele Zoo aber wirklich gut, da man sich mit Minos Zielen durchaus identifizieren kann. Der Schutz des Regenwaldes ist ein Thema, das bei uns nicht zuletzt durch die verheerenden Brände im Amazonas und das Agieren des brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro in den globalen Mittelpunkt gerückt ist. Die Bilder und Nachrichten, die uns aus Südamerika erreichen, lassen Minos Motivation mehr als einleuchtend erscheinen.

Und da sind dann auch noch die Gegner, die mehr als nebulös bleiben, sodass sich das Mitgefühl mit ihnen in Grenzen hält. Die Vertreter mächtiger Konsortien und Industrieriesen, die die Natur ausbeuten, bekommen selten mehr als einen Namen verpasst. Sie sind mit recht grobem Pinsel gemalt, sodass Gert Nygårdshaug hier einem möglichen Gewissenskonflikt aus dem Weg geht. Diese schattenhaften Figuren tun Böses, also müssen sie gestoppt werden. In der Logik des Romans funktioniert das sehr gut und nachvollziehbar.

Ein prophetischer Roman

Apropos grober Pinsel: Manche Wendungen in Minos Leben erscheinen im Roman zu künstlich konstruiert und ab und an neigt Gert Nygårdshaug auch dazu, alles etwas überzuerzählen. Show, don’t tell berücksichtigt der norwegische Autor nicht immer. Ein kleines Beispiel hierzu:

Als sich Orlando auf dem Weg hinaus noch einmal umdrehte, um dem jungen Wachmann einen besonders strengen Blick zuzuwerfen, zwinkerte dieser und hielt unauffällig den Daumen nach oben. So wusste Orlando, dass er sich auf ihn verlassen konnte

Nygårdshaug, Gert: Mengele Zoo, S. 258

Solche Stellen sind insgesamt gesehen aber wirklich in der Minderheit. Ansonsten besitzt das Buch einen wirklichen Erzählfluss. Die Bilder aus dem Regenwald erinnern so manches Mal an Gabriel Garcia Marquez‚ Epos Hundert Jahre Einsamkeit. Der Plot besitzt Tempo und Drive – und einen Helden, der die Geschichte trägt. Mengele Zoo bietet immer wieder Reflektionen und Anknüpfungspunkte in unsere Gegenwart hinein. Das Buch ist ein wirkliches Lesevergnügen, das eine große gesellschaftliche Relevanz besitzt.

Der norwegische Autor Gert Nygårdshaug

Die größte Überraschung allerdings birgt ein Blick ins Impressum. Dieser so hochaktuelle Roman, der wie für unsere Tage geschrieben erscheint mit all den Problemen rund um den Imperialismus, den Regenwald und Naturschutz, erschien – man muss wirklich staunen: im Jahr 1988. Man kann es nur noch einmal sagen: 1988!

30 Jahre alt – und so aktuell wie nie

Die im Buch beschriebenen Probleme sind seitdem nicht verschwunden, sondern im Gegenteil, nur noch schlimmer geworden. Ein brasilianischer Präsident, der die letzten geschützten Refugien und Reservate im Regenwald aufgibt, damit dort Gold geschürft werden kann und die Bäume gerodet werden. Ein amerikanischer Präsident, der diese aggressive Art der Umweltzerstörung gutheißt und unterstützt. Man schämt sich, dass wir seitdem offenbar immer noch nicht schlauer geworden sind und derart mit unserer Lebensgrundlage Natur umgehen.

Eine Sache hat sich nun aber 30 Jahre später getan. Dieser erstaunliche Roman, der in Norwegen zum „besten norwegischen Buch aller Zeiten“ gewählt wurde, liegt nun endlich in deutscher Übersetzung vor. 30 Jahre lang blieb das Buch unübersetzt, ehe nun extra für diese Übertragung von der Übersetzerin Babette Hoßfeld und Mitstreiter*innen der Verlag Vida Verde gegründet wurde. Die weiteren Bände der Mino-Reihe sollen in diesem Verlag nun ebenfalls erscheinen. Sollten sie auch nur annähernd so mitreißend und auf der Höhe der Zeit sein, wäre das einen wirklicher Glücksfall und eine echte Entdeckung. Hier lohnt es sich wirklich, das #norwegenerlesen!


Bildinformationen: Greta Thunberg: Quelle Anders Hellberg, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=77270098)

Gert Nygårdshaug: Quelle Bjørn Erik Pedersen, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16532963)

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Wolfgang Schorlau – Die schützende Hand

Staatsversagen

Der geschasste BKA-Ermittler und Privatdetektiv Georg Dengler ist zurück. In Die schützende Hand löst er nun bereits seinen achten Fall, der es mehr als in sich hat. Nachdem er sich schon mit der Pharma-Lobby (Die letzte Flucht) oder den Auswüchsen unseres übermäßigen Fleisch-Konsums (Am zwölften Tag) beschäftigt hat, legt er nun seinen Finger in eine hochaktuelle Wunde: bereits seit Jahren läuft der NSU-Prozess; das Interesse und die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit lässt nach. Doch wie begann eigentlich die Aufdeckung der Mordserie? Was ist damals wirklich unter den Augen des Verfassungsschutzes passiert? Wolfgang Schorlau widmet sich mit Die schützende Hand dem NSU und dem Komplex, der hinter den Ereignissen stand.

Ein ungewöhnlicher Auftrag

Der Auftakt zu Denglers achtem Fall gestaltet sich durchaus dubios. Dem Stuttgarter Schnüffler wird ein anonymes Handy zugestellt. Daneben bekommt er 15.000 Euro und kurz darauf teilt ihm am Telefon sein Auftraggeber mit: „Ermitteln Sie, wer Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos erschoss.“ Leicht verdientes Geld für Georg Dengler, denn die Wahrheit kennt man ja aus sämtlichen Berichten. Die beiden männlichen Teile des NSU-Trios erschossen sich nach einem Banküberfall in Stregda, einem Ortsteil Eisenachs, in einem Campingmobil.  

Doch Dengler wäre nicht Dengler wenn er nicht seinen Instinkten trauen würde. Schon bald nähren sich in ihm die Zweifel an der offiziellen Version des Tathergangs. Warum sollten sich zwei über alle Zähne bewaffnete Neonazis plötzlich vor zwei einfachen Streifenpolizisten in ihrem Camper fürchten, gerade wo sie zuvor schon skrupellos die Polizistin Michèle Kiesewetter erschossen? Wie sollte es den beiden gelingen, sich innerhalb von zwanzig Sekunden zu erschießen, mit der Pumpgun nachzuladen und ein Feuer zu legen? Wenn sie sich beide im Camper erschossen, wo sind dann die Patronen, wo ist die Hirnmasse und warum fehlen auf sämtlichen Waffen Fingerabdrücke? Dengler wird schon bald klar, dass die offizielle Erklärung der Stellen mehr Löcher als der Finanzhaushalt Griechenlands hat.

Fragen über Fragen

Warum ließ der Einsatzleiter in Eisenach wieder alle Regeln Videomaterial vom Tatort beschlagnahmen, betrat selber den kontaminierten Tatort und ließ dann statt der Spurensicherung den Camper von einem Abschleppunternehmen durch ganz Eisenach fahren und unbewacht abstellen? Warum begann sofort nach dem Auffinden der Leichen der NSU-Mitglieder das große Schreddern der Unterlagen beim Verfassungsschutz? Welche Rolle spielten dessen V-Männer im Komplott?   Schorlau bindet in seinen Prosatext immer wieder Auszüge aus Untersuchungen des NSU-Untersuchungsausschusses und aus Gutachten ein und zeigt dass auch vier Jahre nach dem eventuellen Suizid in Eisenach mehr Fragen als Antworten herrschen.  

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Die Fakten, die Schorlau langsam und nachvollziehbar in seinen Krimi einwebt, lassen wirklich an ein staatlich gesteuertes Verbrechen denken. Keine der offiziellen Stellen kommt gut weg. Der Verfassungsschutz? Mutwillig weggeschaut bzw. die rechte Szene durch V-Männer finanziell gestärkt. Die Polizei? Verstrickt sich auch in Widersprüche und ermittelte im Fall der Nagelbombe in Köln nicht in alle Richtungen sondern versuchte die Schuld den türkischstämmigen Anwohnern zu geben.   Dies greift Schorlau auf, indem er Georg Dengler noch einen Schlenker in seiner Vita mitgibt. Bereits damals ermittelte dieser nämlich für einen ansässigen Buchhändler in Köln, fand aber nur tote Enden bei seiner Spurensuche vor. Dieser biographische Rückgriff wäre für mein Empfinden nicht unbedingt notwendig gewesen, davon abgesehen aber ist Die schützende Hand einer der besten und wichtigsten Titel aus der Dengler-Reihe. Jeder der sich nur einen Funken für das Staatsversagen beim NSU-Komplex oder die offenen Fragen interessiert, die der Prozess in München schon wieder zu verschütten droht, sollte zu diesem Titel greifen.  

Krimi und Sachbuch zugleich

  Dieses Buch sensibilisiert für die Thematik des Nationalsozialistischen Untergrunds und der Verstrickung der Staats und seiner Organe in diese beispiellose Mordserie. Dieses Buch ist zugleich ein spannender Krimi und ein Sachbuch, das anstelle von trockener Fakten durch die Einbettung in eine Krimihandlung sowohl Krimileser als auch Politisch Interessiert (oder beide natürlich kombiniert)  zu fesseln vermag. Könnte der ein oder andere die hanebüchenen Widersprüche und Schorlaus Thesen als verschwörungstheoretischen Mumpitz abtun wollen, so sprechen doch seine 73 im Anhang aufgeführten Quellen eine andere Sprache. Die schützende Hand ist für mich der beste Beweis dass die Realität die Kriminalfiktion zu übertrumpfen weiß. Spannend, voller Cliffhanger und politisch mehr als relevant. Diesem Buch wünsche ich, dass es unter möglichst vielen Weihnachtsbäumen dieses Jahr liegt und dann auch gelesen wird!  


Titelbild: Gedenkstätte für die Opfer des NSU-Terrors in Zwickau

Quelle: By André Karwath aka Aka – Own work, CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=84404149

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Paolo Roversi – Milano Criminale

Die rote Stadt

Milano Criminale stammt vom jungen Mailänder Krimiautoren Paolo Roversi, von dem bislang zwei Krimis um den gewieften Hacker Enrico Radeschi im List-Verlag veröffentlicht wurden (Die linke Hand des Teufels und Tödliches Requiem). Nett zu lesen waren beide Krimis, doch nun entschied sich der Ullstein-Verlag, ein anderes Werk des Italieners zu publizieren:
Milano Criminale ist die Lebensgeschichte zweier Rivalen und ein Bild der chaotischen 68-Jahre in Mailand, die als Ligera in die Annalen der Geschichte eingehen werden. Antonio und Roberto sind Weggefährten im Mailand der 60er Jahre, aufgewachsen in den Straßen und Gassen der Arbeiterstadt – doch schon bald bewegen sich ihre Viten diametral auseinander.
Während sich Roberto der Unterwelt Mailands andient beschließt Antonio sein Leben in den Dienst der Verbrechensbekämpfung zu stellen. Er wird Mitglieder Polizei Mailands und macht fortan Jagd auf die Verbrecher der Stadt – und schon bald wird sich sein Lebensweg wieder mit dem von Roberto kreuzen …

Es ist eine klassische Ausgangslage, die Paolo Roversi in Milano Criminale zum Aufhänger seines Buches benutzt. Zwei Männer auf den gegenüberliegenden Seiten des Gesetzes. Das wäre so eine gute Idee, doch das Buch gewinnt seinen Reiz aus der Tatsache, dass der Kampf der beiden Charaktere Teil eines noch viel größeren Plots ist.
Roversi erzählt von verschiedenen Verbrechern und Polizisten, von Studentenprotesten, die den deutschen 68er-Revolten gar nicht so unähnlich sind, und vom Weg in den zielgerichteten Terror, der den Studentenaufständen erwuchs. Dies packt Roversi in 460 kurz getaktete Kapitel, die durch das verwendete Präsens vorwärtspreschen und dem Leser ein umfassendes Bild der chaotischen Jahre in der roten Stadt Mailand vermitteln.
Leser, die an dem Film Carlos – der Schakal oder den Büchern James Ellroys Gefallen gefunden haben, dürfte auch Milano Criminale zusagen.

Ein starkes Stück Kriminalliteratur, dass sein Finale auch wirklich erst auf den letzten Seiten erlebt und das den Leser teilhaben lässt an den tödlichen Geschehnissen in der roten Stadt Mailand – sehr lesenswert!

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