Tag Archives: Friedhof

Sarah Wipauer – Fehlende Gespenster

Der Tod, das muss ein Wiener sein. Das wusste schon Georg Kreisler. In Sarah Wipauers Debüt Fehlende Gespenster erlangt man nun Gewissheit – und erhält Kunde von einem unbekannten Beförderungssystem für Tote im Untergrund Wiens.


Wien und die Toten, das ist eine ganz besondere Beziehung. Von Moritaten über Touristenattraktionen wie die Kapuzinergruft mit ihren vielen tausend Totenschädeln bis hin zum berühmten Zentralfriedhof mit seinem Bestattungsmuseum und dem gewitzten Marketingteam (Slogan: Ich turne bis zur Urne auf einem sogenannten „Turnleiberl) – der Tod, er ist untrennbar mit der Stadt verbunden.

Ja, man pflegt ein entspanntes Verhältnis zur Endlichkeit, der auch in der österreichischen Populärkultur fröhlich Urstände feiert, etwa in der Serie Drunter und Drüber, die auf Netflix im vergangenen Jahr ihre Premiere hatte. Darin kommt es nach dem Tod eines Wiener Friedhofchefs (der an seinem Arbeitsplatz stilecht durch eine umgestürzte Engelsstatue erschlagen wird) zu Chaos auf dem Friedhof, was die Serie über und unter der Erde zu schildern weiß.

Wenn Sarah Wipauer nun von einem Beförderungssystem für die Toten im Untergrund Wiens erzählt, begibt sie sich damit auf urwienerisches Terrain.
Angelegt ist Fehlende Gespenster als große Tour durch den Untergrund, auf der wir von Merian begleitet werden, die uns durch diesen kakanischen Quasi-Hades führt.

Merian selbst purzelte dem Vernehmen nach einst aus der Schleuse jenes unterirdischen Beförderungssystems, das doch eigentlich nur für die Toten gedacht ist, die zu ihrer Endstation am Wiener Zentralfriedhof gebracht werden müssen.
Wie jenes pneumatische System funktionierte, das erklärt uns Wipauer auf den folgenden über 360 Seiten ausgiebig, indem es uns in den Untergrund der Donaustadt begeben. Mindestens einmal durch halb Wien führt die Tour, die Merian einer Gruppe von Männern gibt, der wir lesend über die Schulter schauen dürfen.

Die Geschichte der pneumatischen Leichenbeförderung in Wien

Sarah Wipauer - Fehlende Gespenster (Cover)

Einst wurde das Beförderungssystem ersonnen, um die Toten in der Stadt reibungslos zum Zentralfriedhof zu bringen. Heute wird das System nicht mehr genutzt, auch wenn Lieferdienste durchaus Interesse an der Nachnutzung der Röhren hätten. Doch das unterirdische System für die Toten, es selbst ist auf Raten gestorben und lebt nur noch ab und an in Form von Führungen für die Lebenden auf.

Hier waren wir, die letzten Mitarbeiterinnen der Wiener Pneumatischen Leichenbeförderung, die offiziell im Dezember 2003 den Betrieb eingestellt hatte und seither nur noch Liebhaberfahrten im Sonderauftrag der Bestattung Wien durchführte.

Sarah Wipauer – Fehlende Gespenster

Eine solche Liebhaberfahrt ist nun auch der Gang durch das System vom Währinger Gürtel bis zum außerhalb der einstigen Stadtmauern gelegenen Zentralfriedhof, die Merian mit ihren Besuchern unternimmt. Dabei weiß sie viel zu erzählen, von den ehemaligen Mitarbeiterinnen im Röhrensystem, darunter ihre Mutter, der Verbringung des Leichnams von Niki Lauda per Pneumatischer Leichenbeförderung oder dem Einsturz der Wiener Reichsbrücke, die über die Donau führte.

Expedition in den Untergrund Wiens

Auch erlangt man dank Sarah Wipauers Roman davon Erkenntnis, dass sich am Karlsplatz nicht nur das exzellente Wienmuseum befindet, sondern dass es neben der eh schon weitverzweigten Verkehrsdrehscheibe im Untergrund dort auch noch eine weitere Ebene gibt, die das Depot des Museums mit der Begräbniskapelle der Karlskirche und einem weiteren Museum verbindet, so fabuliert es die Autorin, die mit ihren Texten schon beim Open Mike, dem FM4 Wortlaut-Wettbewerb und dem Klagenfurter Wettlesen vertreten war.

In den 1980ern wurde dann ein Museum in die Station gebaut, das Museum zur Geschichte der Leichenbeförderung und zum Bestattungswesen der Stadt Wien. Die Technikräume benötigten nicht mehr so viel Platz und die zentrale Lage des Karlsplatz schien optimal geeignet, um neben dem Leichentransport ein zweites finanzielles Standbein für die langsam viel zu kostenintensive renovierungsintensive Rohrpost zu schaffen. In einer dunklen Ecke des Museums stand hinter einem dunkelroten Samtband ein Wagen der Pneumatischen, eines der älteren Modelle, über die wir viele Beschwerden hörten. Die Arbeiterinnen sagten, dass sie sich verkeilten, dass die Türen herausfielen und es komisch in ihnen roch. In diesen Wagen wurden Särge gestellt, dunkel gebeizt, geschlossen, aber nicht verriegelt. Alle Kinder, die mit ihren Schulklassen das Museum besuchten, drängelten sich dorthin, sie wollten möglichst nah ran, sie wollten schauen, ob nicht doch jemand drin lag, ob jemand eine Leiche vergessen hatte, ob sie endlich mal einen Toten sehen könnten, ob da alte Särge standen, ob ein Geist drin schlief, ob man Blutflecken sah, ob man Leichenfett, ob…

Sarah Wipauer – Fehlende Gespenster

In die Röhre schauen

Diese eingestreuten Anekdoten und die permanente Frage ob der Zuverlässigkeit von Merians Erzählungen sind tatsächlich auch notwendig. Denn in Sachen eigentlicher Handlungsebene passiert außer dem Spaziergang durch die unterirdischen Röhren so gut wie nichts. Merian läuft, lotst die Gruppe und erzählt und erzählt. Das lässt den Plot zu einer zähen Angelegenheit werden, denn man schaut sprichwörtlich die ganze Zeit über in die Röhre.

Seite um Seite geht es durch diese Röhren voran, Merian erzählt und sinniert der Vergangenheit nach – doch ähnlich linear und spannungslos wie eine Röhre gerät eben auch der Plot, dessen zugrundeliegender – und wirklich schöner Erzähleinfall – sich schnell abnutzt und mit zunehmender Lauflänge immer weiter verflacht.

Als Novelle oder kurze Erzählung hätte Fehlende Gespenster viel Potential mit seinem morbiden, ur-wienerischen Sujet. Für die Länge von 360 Seiten reicht auch die Faszination für den Tod und die kreative Ausgestaltung von Merians Anekdoten und Erinnerungen leider nicht aus, sodass hier nicht die fehlenden Gespenster, sondern die fehlende erzählerischer Spannung das wirkliche Manko ist.


  • Sarah Wipauer – Fehelnde Gespenster
  • ISBN 978-3-701-71829-0 (Residenzverlag)
  • 368 Seiten. Preis:26,00 €

Ron Rash – Der Friedhofswärter

Kollegen wie Richard Russo bezeichnen ihn schon als „einen der besten amerikanischen Autoren“. Nun ist der Amerikaner Ron Rash dank Übersetzerin Sigrun Arenz und dem herausgebenden Ars Vivendi-Verlags aus dem fränkischen Cadolzburg nun auch auf Deutsch zu entdecken. Sein Roman Der Friedhofswärter entführt ins ländliche North Carolina zu Beginn der 1950er Jahre und schildert eine Geschichte, die fast einem Shakespeare’schen Drama entnommen sein könnte.


Die Grundidee, die Ron Rashs Roman zugrundliegt, sie könnte tatsächlich aus einem Shakespeare-Drama, einer großen Oper oder wenigstens einem bürgerlichen Trauerspiel stammen:

Nachdem sie bereits zwei Kinder auf dem Friedhof von Laurel Fork beerdigen mussten, ist Jacob das letzte lebende Kind von Cora und Daniel Hampton. Sein Leben ist allerdings auch in Gefahr, denn er wurde als Soldat eingezogen, um im Koreakrieg zu kämpfen.

Als er nun bei seinem Einsatz schwer verwundet wird, nutzen seine Eltern diesen Umstand für eine perfide Intrige. Denn eigentlich wollte Jacobs Vater seinen Sohn bereits verstoßen, da er sich mit einem für die Begriffe seiner Eltern völlig unstandesgemäßen Mädchen eingelassen hat.

Die doppelte Täuschung

Gerade einmal sechzehn war Naomi, als diese mit Jacob zusammenkam und dann den Bund der Ehe schloss. Ein Annullierungsversuch dieser Ehe durch Jacobs Eltern blieb erfolglos. Nicht einmal die schwere Arbeit im familieneigenen Sägewerk, mahnende Gespräche und die Androhung einer familiären Verbannung konnten der Beziehung der beiden etwas anhaben. Im Gegenteil. Nun, während Jacob in Korea kämpft, harrt Naomi nun hochschwanger daheim aus. Für die Hamptons wie auch die ganze Kleinstadt Little Rock dort im ländlichen North Carolina ist dieser Umstand eine einzige Provokation.

Ron Rash - Der Friedhofswärter (cover)

Das „schamlose“ Mädchen und die Ehe ihres Sohnes, die der der puritanischen Einstellung der Eltern aus Anstand und harter Arbeit zuwiderläuft, das alles soll nun ein Ende haben. Und so täuschen sie Naomi den Tod Jacobs vor und sorgen mit viel Geld für einen Wegzug der Familie, die an anderer Stelle ein neues Leben beginnen soll, um so den vermeintlich toten Jacob zu vergessen.

Im Umkehrschluss täuschen die Hamptons Jacob nach dessen Rückkehr aus Korea den Tod von Naomi und ihrem gemeinsamen Kind vor. Sie scheuen für ihre Inszenierung weder Geld noch Mühe. Sogar eine Beerdigung samt Sarg organisieren die Hamptons, um die Illusion des Todes Naomis zu perfektionieren und um so das Band der beiden Liebenden zu zerstören.

Die Zweifel des Friedhofswärters

Während sich nun Jacob und Naomi ihrerseits in Trauer zurückziehen, gibt es ein verbindendes Element zwischen den beiden jungen Menschen, gewissermaßen der dritte Beziehungspunkt in ihrem besonderen Dreieck. Den während Jacob in Korea weilte, bat er den von einer Polio-Infektion entstellten Friedhofswärter Blackburn, sich um Naomi zu kümmern. Das tat er auf einfühlsame Weise, sodass der englische Originaltitel The caretaker hier eigentlich noch viel besser greift als die alleinige Funktionsbezeichnung, die der deutsche Titel bemüht.

Nun, da auf dem von ihm betreuten Friedhof von Laurel Fork der Sarg von Naomi bestattet wurde, mag er sich trotz allem tief in seinem Herzen nicht mit der vermeintlichen Wahrheit des Todes von Naomi abfinden. In seinem Beistand für Jacob wächst doch auch die Irritation und das Gefühl, das etwas nicht wirklich stimmt, je mehr Jacobs Eltern nicht nur auf ihren Sohn, sondern auch auf den Friedhofswärter Einfluss nehmen wollen.

Zart und gerade dadurch so wuchtig kommt Ron Rashs Roman daher. Ebenso wichtig wie die Landschaft der Kleinstadt und der Weite North Carolinas ist auch die Seelenlandschaft seiner Held*innen.

Der Friedhofswärter spürt Verletzungen und Verwundungen in vielfacher Form nach. Von den erlebten Kriegsgräuel am eigenen Körper und den Verheerungen in der Seele, vom psychologischen Druck der eigenen Eltern, die wiederum den Verlust ihrer anderen beiden Kinder auch durch die Manipulation und Lenkung Jacobs erzielen wollen. Von der Ausgrenzung des jungen Paares in der Kleinstadt Blowing Rock oder das Mobbing Blackburns, der als Friedhofswärter und Poliokranker gleich zweifach stigmatisiert ist, erzählt Ron Rash anschaulich und fühlt sich mühelos in die Figuren ein, denen er ihre Vielschichtigkeit und Widersprüche lässt.

So ist Ron Rash selbst auch gewissermaßen ein Caretaker, der sich um seine Figuren kümmert, ihre Bedrüfnisse ernst nimmt und gerade daraus die Qalität seiner Prosa schöpft, die aufbauend auf der starken Grundidee des Plots auch die psychologische Ebene seines Romans sauber grundiert und dadurch auf Effekthascherei oder große Volten in der Erzählung verzichten kann.

Fazit

Übersetzt von Sigrun Arenz ist so ein ruhiger, glaubwürdiger und erinnerungswürdiger Roman entstanden, der das Lob von Richard Russo und Konsorten für Ron Rashs Schreiben eindrücklich beweist und untermauert. Verwundungen, Intrigen und die allesüberdauernde Kraft der Liebe auch gegen Widerstände sind die Themen, die Der Friedhofswärter behandelt. Entstanden ist in Rashs Bearbeitung daraus ein unsentimentaler und unkitischiger Roman, der mit wenigen Strichen das Leben und die Moralvorstellung der 50er Jahre in einer amerikanischen Kleinstadt plastisch wiederauferstehen lässt.


  • Ron Rash – Der Friedhofswärter
  • Aus dem Englischen von Sigrun Arenz
  • ISBN 978-3-7472-0607-2 (Ars Vivendi)
  • 240 Seiten. Preis: 24,00 €