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Dario Ferrari – Die Pause ist vorbei

Der Corriere della Sera nennt Dario Ferraris Roman den „schönsten italienischen Roman seit Langem“ — und man könnte nach der Lektüre hinzufügen, wohl auch den witzigsten Roman seit langem.
Denn in Die Pause ist vorbei erzählt Ferrari vom Irrsinn des akademischen Betriebs und einem Tagedieb, der sich ganz bequem in ebendiesem Betrieb durchmogelt, ehe ihn die akademische Arbeit überraschenderweise doch noch ereilt.

Selten wohnte man dem Irrlichtern durch die Gelehrtenrepublik so gerne bei.


Früher sprach man noch vom Bummelstudenten, der über Jahre teilweise mehr das Leben als wirkliche Fächer studierte. Spätestens mit der Bologna-Reform schien er aber eigentlich so gut wie ausgestorben.
Eine Verschulung des universitären Systems, Creditpunkte für Kurse und Prüfungen, Bachelor und Master: was nach einer Vereinheitlichung des akademischen Betriebs und der Steigerung der Effizienz klang, es sorgte auf der anderen Seite auch für steigenden Leistungsdruck und einer Beschleunigung der universitären Laufbahn hin zu einer schnelleren Eingliederung in den Arbeitsmarkt, ohne vielfach gewechselte Studienfächer mit entsprechend langen Studienzeiten.

Liest man nun Dario Ferraris Roman Die Pause ist vorbei, dann scheint wieder viel von diesem Bummelstudententum auf, das die nach der ältesten Universität Europas benannte Reform ja austreiben wollte und das fast ausgemerzt schien.

Ein Bummelstudent in Pisa

Dario Ferrari - Die Pause ist vorbei (Cover)

Doch schon 110 Kilometer von Bologna hat es in Form von Marcello Gori überlebt. Dieser lebt im kleinen Städtchen Viareggio, das an der Küste des Ligurischen Meers gelegen ist. Wie auch der Autor selbst ist Marcello Gori ein Kind der Stadt und hat keine Pläne, daran auf absehbare Zeit daran etwas zu ändern.

Zwar ist er als Student an der nahegelegenen Universität in Pisa eingeschrieben, ein gesteigertes Interesse an einem Studium und dem Erwerb von Wissen hat er allerdings nicht. Stattdessen hat er das Slackertum perfektioniert, um nicht gar von Faulheit zu sprechen.

Er lebt als Untermieter bei seiner Mutter und pendelt nur ab und an zur Uni, an der er sich — wie generell im Leben — bislang mit minimalem Aufwand und größtmöglichen Ertrag durchgemogelt hat. Prüfungen, akademische Arbeiten, für Marcello Gori ist das Mittelmaß und das bestmögliche Verhältnis aus Aufwand und Ertrag das Ziel.

Wenig Ansprüche an das Leben

An akademischen Usancen hat er erkennbar kein Interesse, viel lieber hängt er mit seinen Freunden ab, stürzt sich auch mit Anfang dreißig noch auf die Tanzfläche der lokalen Disko, um mit den Kumpels zu alten Indiehits aus seiner Jugend herumzuhüpfen.
Mit ein paar schwarz bezahlten Nebenjobs hält sich der für das Fach Italianistik eingeschriebene Tagedieb mehr schlecht als recht über Wasser, sonderliche Ansprüche an sich oder das Leben hat er aber eh nicht, seine Freundin bleibt aus selbst für ihn rätselhaften Gründen an seiner Seite und ist für ihn da. Insofern hat er sich mehr als bequem eingerichtet in diesem Leben.

Doch dann findet auch er überraschend in den akademischen Betriebs, der er sonst mit Verachtung straft. Zu seiner eigenen Überraschung erringt er einen Platz als Promotionsstudent bei der Universitätskoryphäe, Professore Sacrosancti und sollte als künftiger Doktor nun mit den Arbeiten an seiner Promotion zu beginnen.

Nachdem er — wenig überraschend — mit keinem brauchbaren Thema für eine akademische Arbeit aufwarten kann, jubelt ihm der Professor dann ein Thema unter, das sich als wahres Himmelfahrtskommando erweisen wird.

„Sie raten also, mich auf einen einzigen Autor zu konzentrieren?“
„Wenn Sie mich so direkt fragen, dann ja. Am besten auf einen italienischen Autor aus der zweiten Reihe. Werden Sie zum weltweit führenden Experten für, sagen wir, Igino Tarchetti. Oder für Guido da Verona.“
Wer verdammt noch mal ist Guido da Verona?
„Okay. Ich denke drüber nach.“
„Bevor Sie das tun, möchte ich Ihnen einen Vorschlag machen. Oder genauer: Ich gebe Ihnen einen Tipp. Kennen Sie Tito Sella?“
Mal ernsthaft: Wer wäre schon so dämlich und würde behaupten, den Namen Tito Sella zu kennen, wenn er nicht einen einzigen Titel des Autors nennen könnte? Also ich bestimmt nicht.
„Selbstverständlich“, antworte ich.
„Das freut mich. Im Übrigen stammt er genau wie Sie aus Viareggio. Nicht jeder kennt ihn, da er nie die ihm gebührende Anerkennung erfahren hat. Er war immer unzeitgemäß, wenn Sie verstehen, was ich meine.“
Nun bin ich schon so weit aufs Glatteis geraten, dass nur eins bleibt: Ich gebe vor, sogar seine unausgesprochenen Andeutungen zu verstehen, und grinse wie ein Alteingeweihter.

Dario Ferrari – Die Pause ist vorbei, S. 42

Der schreibende Terrorist

Denn bei dem weithin unbekannten Literaten Tito Sella handelt es sich weniger um einen Literaten, als primär um einen Terroristen, der lange Zeit im Gefängnis saß, wie Marcello bei ersten Recherchen feststellen muss. Zudem ist die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Sella nicht weit gediehen, sodass Marcello nun zum ersten Mal wirklich arbeiten muss — oder es besser sollte.

Die Pause ist vorbei ist eine ganz hervorragende Satire auf den akademischen Betrieb, in dem viel zu oft Eitelkeiten und die Zitate der „richtigen“ Wissenschaftlern in Fußnoten statt echte Kompetenz und Erkenntnis zu beruflichem Erfolg führen.
Die privaten Kleinkriege, die Professoren führen und dabei ihre Student*innen instrumentalisieren, die Frage ob der Einladung der richtigen Personen für einen Kongress oder die Wichtigkeit der korrekten Zitation, die dem ahnungslosen Marcello von seinen strebsamen Akademikerfreunden nahegebracht werden: Dario Ferrari versteht es, mit Augenzwinkern und Überzeichnung aus Perspektive von Marcello auf den aus einen Augen ein ums andere Mal absurd erscheinenden akademischen Betrieb zu blicken.

Gleichzeitig ist sein Roman auch das bestechende Porträt eines Mannes, der erst langsam in eine andere Gangart fernab des bequemen Trabs durch das Leben findet. Nicht umsonst lässt Dario Ferrari seinen Helden mit Urvater alle Slacker, Tagediebe und Bummelstudenten beschäftigen, nämlich Gontscharows Held Oblomow.

Marcello Gori wirkt wie dessen Wiedergänger aus der Toskana, dessen Tun und Treiben man ausnehmend gerne folgt und dabei sogar Einblick in die Jahre erhält, als die Roten Brigaden und andere Terrororganisationen das Land mit Schrecken überzogen. Clever eingebaut verschafft dieser historische Rückgriff Ferraris Buch damit eine zweite Ebene und lässt somit eines gar nicht aufkommen, das in Marcello Goris Leben selbst zuhauf existiert, nämlich Langeweile.

Fazit

Die Pause ist vorbei ist ein großartiges, höchst unterhaltsames und humorvolles Werk, das unter Beweis stellt, wie lustig der akademische Betrieb sein kann, wenn man aus dem richtigen Augenwinkel darauf blickt. Ein wunderbares Buch auch für Nicht-Akademiker und solche, die es wieder werden wollen!


  • Dario Ferrari – Die Pause ist vorbei
  • Aus dem Italienischen von Christiane Pöhlmann
  • ISBN 978-3-8031-3384-7 (Wagenbach)
  • 352 Seiten. Preis: 26,00 €

Emanuel Maeß – Alles in allem

Ganz und gar unzeitgemäß. Emanuel Maeß in seinem zweiten Roman Alles in allem über einen Bummelstudenten, der weder bei der Verfertigung seiner Dissertation noch auf amourösem Gebiet so recht an Land gewinnen mag. Doch obschon die Handlung eher ein einem lauen Lüftchen gleicht, so erzeugt die Sprache Maeßens doch einen starken Windstoß, der mitreißt, wenn man sich auf dieses auf alte Meister schielende Erzählhandwerk einlässt.


Passt so etwas noch in die Zeit? Da eröffnet Maeß seinen Roman mit einer seitenlangen Beschreibung eines auf dem Bett hingestreckten weiblichen Körpers, über den der Blick des Erzählers schwelgerisch gleitet und seiner Faszination mit Beschreibungsmitteln irgendwo zwischen Nature Writing und Architekturkritik Ausdruck verleiht:

Nicht jene allgegenwärtigen, sich ebenfalls raffiniert aus der Kugel ableitenden Runddesigns von Brust und Gesäß schienen dann das Hinreißendste an einer Frau (an dieser hier sowieso), sondern die Täler, Furchen, Mulden und Gruben, jene inkommensurable Dynamik nach innen gehender Biegen und Krümmungen, ihrer unterschwelligen Spiralformen, Schraubenlinien und Trichter. Ganz zur Geltung kamen sie vermutlich erst durch die Nachmitternachtswärme und flaumweise Textur ihrer Inhaberin, auch eine leichte Note von Osterlilien spielte ohne eigentlich klaren Ursprung hinein.

Emanuel Maeß – Alles in allem, S. 8

Von Berlin-Friedenau bis zum Parnass

Emanuel Maeß - Alles in allem (Cover)

Schon vor diesen ersten Seiten, die nach der sprachmächtigen Lobpreisung des weiblichen Körpers irgendwo in Griechenland am Fuße des Parnass beginnen, ist ein weiteres, ebenso unzeitgemäßes Element gesetzt. Es handelt sich um das Zitat von Eckart von Hochheim, der, besser bekannt unter seinem Namen Meister Eckart, als Mytiker und einer der Väter der Theologe den Seelengrund beschrieb und das Gottesbild des Mittelalters entscheidend prägte.

Ebenso antiquiert mag einigen auch der Beruf des Helden von Maeß‘ Roman erschienen. Der namenlose Ich-Erzähler, hat sich – durchaus mit heißem Bemühen – der Theologie zugewendet. Nimmt nicht nur die Zahl der Kirchenaustritte hierzulande immer mehr zu, ist auch die Zahl der Theologie-Studierenden über die Jahre stark rückläufig. Doch der Erzähler hat sich der nicht mehr recht gefragten Theologie mit großer Ernsthaftigkeit verschrieben. So will er über das Thema der Ikonen promovieren. Eine Reproduktion der berühmten ikonischen Darstellung Wladimirskaja leistet ihm sogar zuhause Gesellschaft. Zuträglich für das Vorankommen in Sachen akademischer Meriten ist aber auch die Anwesenheit der Ikone nicht.

Auch mit meinem Professor, Dietrich von Staden, einem kurz vor der Pension stehenden Luther- und Melanchthon-Experten, hatte ich Glück, ein angenehmer und verständnisvoller Mann, der überdies und freundlicherweise nach drei Jahren aufgehört hatte, mich nach dem Stand meiner Arbeit zu fragen. Dafür war er auch zu sehr mit den eigenen Sachen beschäftigt. Er musste hohe Erwartungen in mich gesetzt haben, nachdem er mich bei der Diplomprüfung, damals noch mit manchem Charme und Schneid, über Thomas Müntzers Apokalyptik hatte reden hören, aus der ihm eine unübliche spirituelle Empfänglichkeit, wenn nicht gar Ergriffenheit zu sprechen schien.

Emanuel Maeß – Alles in allem, S. 35

Verharren im Phlegma

Das Voranschreiten in Sachen Fortschritt bei der Dissertation lässt auf sich warten – und auch ansonsten lässt der Bummelstudent nicht wirklich Ambitionen erkennen und verharrt ganz bequem im Phlegma. Ein anspruchsloser Job als Hiwi beim Lehrstuhl, die bequeme Beziehung mit seiner Freundin Clara, die er einst bei einer Studienreise an biblische Schauplätze kennenlernte, das kennzeichnet den Alltag des ebenso unsportliche wie nicht sonderlich attraktiven Denkers.

Und doch gerät das vergeistigte Leben des Theologen schon bald in Aufruhr, als er nämlich bei einer Tagung in Wittenberg die Bekanntschaft mit Katharina macht. Schon bald kommt es zu einer Affäre mit der Frau, die mit spirituellen Interventionen und Kunstinstallationen Kirchenräume verwandelt. Eine Trennung von Clara und ein „Ghosting“ mit Katharina wird folgen, weitere Frauenbekanntschaften und Umzüge von Berlin-Friedenau bis Lichterfelde werden das Leben des Denkers kennzeichnen.

Dabei ist die Handlung von Alles in allem nicht das, was das Buch ausmacht. Vielmehr sind es die mit Sprachmacht und Bildung manchmal schon fast prunkenden Gedanken- und Beschreibungsorgien, in denen sich der Denker verliert. Die Füße Katharinas erinnern ihn dabei gleich an frühantike Statuen Polyklets (S. 134) oder ein gemeinsamer Spaziergang durch den Apollensberg bei Wittenberge führt den Nature-Writing/Architektur-Blick fort, mit dem der Erzähler schon eingangs den weiblichen Körper beschrieb.

Wir gingen auf den Wallpfad hinauf und liefen eine Weile auf ihm entlang, zur einen Seite und Elbaue hin die fernen Waldungen und Äcker mit mächtigen Solitäreichen, die den Park nahezu übergangslos in die Landschaft auslaufen ließen, zur anderen das verhaltene Lächeln des Garten. So etwas stelle man also auf, wenn einen Winckelmann ein halbes Jahr lang durch Rom geführt hatte. Zur südlichen Aufschmückung der Landschaft hatte man sich Lombardische Pappeln, italienische Schwarzkiefern und Koniferen kommen lassen, die wie Pinien und Zypressen aussehen sollte. Als wollte jemand zeigen, welch irrsinniges Spektrum sich allein aus der Farbe Grün auffächern lasse, arrangierte man das alles in ausgeklügelter Raumseligkeit um Alleen, Hecken, verschwiegene Eckchen, Lauben und Sitze herum.

Emanuel Maeß – Alles in allem, S. 112

Antiquiert und artifiziell und großartig

Das ist manchmal mitreißend, manchmal vielleicht sogar etwas zu viel des Guten, etwa wenn der Erzähler feststelle, dass „man (…) nicht um die Einsicht herum[kam], dass das jahrelang eingespielte Miteinander – ähnlich wie der freiheitlich-säkularisierte Staat im Böckenförde-Theorem – von Voraussetzungen lebte, die es nicht garantieren konnte“ (S. 85).

Zugegeben – es ist eine spezielle Prosa, die man mögen muss. Emanuel Maeß schielt mit seinem Erzählen klar auf alte Meister wie Thomas Mann oder Heimito von Doderer. Wie schon in Gelenke des Lichts gelingt es dem 1977 in Jena geborenen Autor, männliche Seelenerkundung, Humor und sprachliche Wucht zu einem Buch zu vereinen, bei dem sich das Antiquierte mit dem Artifiziellen großartig verbindet. Seine Landschaftsschilderungen von Griechenland bis Wittenberg stehen schon fast in romantischer Tradition und tragen zum rückwärtsgewandten Eindruck des Romans bei.

So entsteht ein Werk, das ganz und gar unzeitgemäß wirkt – mich dafür aber umso mehr einnahm, weil es keiner der aktuellen Moden folgt oder folgen will, obgleich es im letzten Drittel etwas an Spannkraft verliert, wenn die Lust und Triebe in ihrer ganzen Ausführlichkeit etwas zu sehr überdramatisiert werden. Angesichts dessen, was Maeß zuvor aber richtig macht, ist das mehr als verzeihlich.

„Ich kann ja nur für mich sprechen, aber ich verdanke deiner Gegenwart ganz erhebliche Zugewinne an Immanenz, Komplexität und Einsichtsvermögen. Leider auch meinen Niedergang, aber immerhin habe ich wenigstens einmal im Leben an den Kern der Dinge gerührt.“

Emanuel Maeß – Alles in allem, S. 334

Fazit

Alles in allem hat mich Alles in allem sehr eingenommen, auch wenn man den Retro-Faktor dieses Erzählhandwerks natürlich ebenso ablehnen kann, wie ich diese Spracharabesken genossen habe. Da schreibt jemand mit einer eigenen Agenda – und ich schätze es sehr!


  • Emanuel Maeß- Alles in allem
  • ISBN 978-3-7371-0155-4 (Rowohlt)
  • 400 Seiten. Preis: 24,00 €

Annie Ernaux – Der junge Mann

Ein Blick in die Schreibwerkstatt Annie Ernaux‚ und weit mehr als eine nachgereichte Gabe zur Verleihung des Literaturnobelpreises im vergangenen Jahr: ihre kurze autobiographische Erzählung Der junge Mann, die von einer Affäre genauso wie von Klassenunterschieden und dem Aufstiegsstreben erzählt.


Der Blick auf die reinen Äußerlichkeiten des Buchs lässt zunächst den Eindruck einer Mogelpackung entstehen, die ihren dünnen inneren Gehalt geschickt kaschieren soll. Gerade einmal vierzig recht spärlich und in großer Type bedruckte Seiten, dazu noch ein paar Seiten mit einer Werkauswahl der bei Suhrkamp erschienenen Bücher von Annie Ernaux, fertig ist Der junge Mann.

Ist das nicht eigentlich eher eine kleine Erzählung, die in einem Sammelband besser aufgehoben wäre, die hier mit viel Mühe und merkantilem Geschick zu einem Buch mit ambitionierter Preisgestaltung aufgeblasen wird?

Nein, auch wenn man das Buch als Leser wohl nicht länger als zehn Minuten brauchen dürfte. Denn das Buch nimmt im Schreiben von Annie Ernaux durchaus eine spannende Doppelrolle ein, ist es doch eine autobiographische Erzählung, die sich in ihr gesamtes Oeuvre einfügt und anknüpft. Zugleich ist Der junge Mann auch Werkstattbericht und Auskunft über Ernaux‘ eigenes Schreiben, der die prägenden Erzählthemen und den erzählerischen Ansatz noch einmal vor Augen führt.

Eine Affäre mit dem Zeug zum Skandal

Dabei beginnt alles wie eine umgekehrte Version von Peter Maffays Und es war Sommer.

Mein Gedächtnis lieferte mühelos Bilder vom Krieg, von amerikanischen Panzern in La Vallée, Lillebonne, von Plakaten mit General de Gaulle und seinem Käppi, von Demos im Mai 1968, und jetzt war ich mit jemandem zusammen, dessen frühste Erinnerungen bis zur Wahl von Giscard d’Estaing zurückreichten, wenn überhaupt.

Annie Ernaux – Der junge Mann, S. 34

Das was Tessa Hadley im vergangenen Jahr in ihrem zu Unrecht kaum beachteten Roman Freie Liebe eindrücklich aber fiktiv beschrieb, Annie Ernaux hat es in der Realität selbst erfahren. Die leidenschaftliche Affäre mit einem jungen Mann, die sie als mittelalte Frau mit einem eigentlich festen Platz im Leben beginnt. Noch einmal die eigene Studentenzeit erleben, noch einmal den Rausch des Begehrens und der völligen Hingabe. Das ist es, was sie mit dem titelgebenden jungen Mann sucht und erlebt, wobei der junge Mann in ihrer Erzählung eigentlich ein konturloser Schemen bleibt, der nicht einmal einen Namen erhält.

Annie Ernaux und der junge Student

Annie Ernaux - Der junge Mann (Cover)

Die Affäre, in die sie sich kurz vor Beginn der Jahrtausendwende stürzt, ist dazu angetan, gesellschaftlich den Stab über sie zu brechen. Denn wenn sich ein Mann eine deutlich jüngere Geliebte nimmt oder sich in eine Affäre stürzt, dann ist das etwas, das gesellschaftlich kein Aufsehen erregt und weithin akzeptiert ist. Der umgekehrte Fall hingegen ist weitaus mehr dazu angetan, Aufsehen und offene Ablehnung hervorzurufen. Das muss auch Annie Ernaux selbst erleben, nicht nur am Strand von Capri, wo sie mit ihrem jugendlichen Geliebten den Sommerurlaub verbringt.

Sie mit 54 Jahren in der Menopause, er ein junger Student ohne viel Geld in einer bescheidenen Studentenbude. Und doch stürzen sich beide mit Wucht in diese Affäre, bei der Ernaux die Wochenenden bei ihm in Rouen verbringt, wo sie auch selbst einst studierte.

Er begegnete mir mit einer Leidenschaft, wie ich sie mit vierundfünfzig Jahren noch bei keinem Mann erlebt hatte.

Annie Ernaux – Der junge Mann, S. 17

Die Affäre mit dem jungen Studenten wird zugleich zum Portal in ihre eigene Vergangenheit, wenn in der Wohnung zum Liebesspiel Musik der Doors erklingt und sie in ihrer postkoitalen Ermattung auf der am Boden liegenden Matratze auf das gegenüberliegende ehemalige Krankenhaus Hôtel-Dieu blickt, in dem sie einst 1963 eine Abtreibung vornehmen ließ (was sich so wieder wunderbar ins Oeuvre Ernaux‘ einfügt, schließlich erzählte sie bereits in Das Ereignis von dieser Erfahrung).

Re-Enactment der eigenen Studentenzeit

Der junge Mann dient Annie Ernaux zum Re-Enactment ihres eigenen Lebens, ihrer Studentenzeit und jener Phase, mit der sie als arrivierte und gebildete Autorin eigentlich schon längst abgeschlossen hatte.

Mit ihm durchlief ich alle Alter des Lebens, alle Alter meines Lebens

Annie Ernaux – Der junge Mann, S. 21

Neben der Leidenschaft und der Zeitreise zurück in ihre eigene Studentinnenzeit zeigt ihr die Affäre aber auch ihr eigenes Vorankommen in der französischen Gesellschaft auf. Denn während der junge Mann in Armut lebt und sich mit kreativen Spartricks über Wasser hält, ist es doch ein gesellschaftlich gesetztes Leben, das Ernaux führt. Zwei Kinder mit einem Lehrer, akademische Bildung, literarische Erfolge als Autorin, alles ist da. Im Kontakt zu ihrer Affäre, der aus dem Prekariat stammt, dieses aber mitsamt sämtlicher habituellen Gepflogenheiten vom ostentativen Nicht-Wählen bis hin zu mangelnden Tischmanieren gar nicht ablegen will, kommt sie sich wie eine Bildungsbürgerin vor, die längst einen intellektuellen, aber vor allem sozialen Abstand zum Milieu und Habitus der Studentenwelt gewonnen hat.

So dient ihr die Affäre auch zur Selbsterkundung und zur Betrachtung des eigenen Lebensweges, auf dem sie mit dem jungen Studenten noch einmal mehr als nur einige Schritte zurückmacht, ehe die Affäre dann mit dem Beginn des neuen Jahrtausends endet. Die Klassenunterschiede, die in dieser Affäre offenbar werden, sie sind sowieso ein Lebensthema im Schreiben der Autorin – und in diesem Text wird das erneut ganz deutlich.

Die Poetik von Annie Ernaux‘ eigenem Schreiben

Was dieser Text zudem deutlich zeigt, das ist, wie Ernaux schreibt und ihre Poetik funktioniert. Denn das Konzept ihres Schreibens und ihres schreibenden Selbstverständnisses ist diesem Buch vorangestellt:

Wenn ich die Dinge nicht aufschreibe, sind sie nicht zu ihrem Ende gekommen, sondern wurden nur erlebt.

Annie Ernaux – Der junge Mann

Das beweist der Text ganz deutlich. Denn die Französin gesteht, dass sie den Abschluss eines Lebensabschnitts oder Erlebnisses braucht, um ihn schreibend zu verarbeiten. So ist die sich auflösende Beziehung zu dem jungen Studenten Ausgangspunkt für den Erfolg ihres Schreibprojekts über ihre eigene Abtreibung (wobei sie das Abstoßen des Fötus mit dem Abstoßen von der Beziehung mit dem Studenten engführt). Erst wenn etwas vorbei ist, dann kann etwas die Verschriftlichung beginnen. Das zeigt auch Der junge Mann und ist dadurch so etwas wie ein Schlüssel zum literarischen Selbstverständnis der Nobelpreisträgerin und das rechtfertigt in meinen Augen auch die große Form der Aufmachung, die keinesfalls eine Mogelpackung, sondern ein Schlüsseltext zum Werk von Annie Ernaux ist.

Fazit

Selbstbeschreibung und Selbsterkundung in einer Welt mit festgeschriebenen Rollenbildern, das Zertrümmern von Tabus, die radikale Offenheit, sie zeichnen Annie Ernaux‘ Schreiben aus. Und in Der junge Mann tritt genau das ganz deutlich zu Tage. Deshalb ist der Text weit mehr als nur ein kleiner literarischer Baustein im Gesamtgefüge von Ernaux‘ Werk, sondern ein zentraler Pfeiler, der ihr Schreiben und ihren Blick auf die Weltkonzentriert bündelt. Der Text zeigt fokussiert die schriftstellerischen Anliegen und Themen im Werk der Nobelpreisträgerin. Mit ihrem neuesten Buch erklärt uns Annie Ernaux, wie sie die Welt sieht und beschreibt. Und nicht zuletzt zeigt Der junge Mann, wie viel in einem kleinen Textkondensat stecken kann.


  • Annie Ernaux – Der junge Mann
  • Aus dem Französischen von Sonja Finck
  • ISBN 978-3-518-43110-8 (Suhrkamp)
  • 48 Seiten. Preis: 15,00 €