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Die Bücherei der Zukunft - Das Konzept der Open Library

Wie wir lesen wollen

Abseits von Büchern, Lesungen und literarischen Trends stelle ich mir ab und an auch übergreifende Fragen zum Lesen und zur Rolle der Literatur in der Gesellschaft. Auch bedingt durch meinen Job als Bibliothekar treibt mich die Frage um, welche Rolle das Lesen und die Bibliotheken in Zukunft wohl spielen wird. Vor einigen Tagen habe ich eine mögliche Antwort auf diese Frage erhalten. Ich besuchte nämlich die Stadtbücherei Würzburg, genauer gesagt die neue Filiale Am Hubland.

Ist das ein Co-Working-Space oder eine Bücherei?

Dort, wo früher Flugzeuge abhoben, entsteht gerade ein völlig neues Stadtviertel. Einer der ersten Fixpunkte in diesem Viertel ist die Bücherei, die schon eingezogen ist, obwohl die meisten Häuser um die Bücherei herum erst im Bestehen inbegriffen sind. Das Haus ist als Open Library konzipiert, das heißt eine automatisierte Büchereifiliale, die teilweise geöffnet ist, obwohl kein Personal anwesend ist.

Was beispielsweise bei Bankfilialen selbstverständlich ist, gilt bei uns noch exotisch. Eine Bücherei, bei der niemand als Ansprechpartner vor Ort ist? Eine Bücherei, die ich auch schnell noch um 9 Uhr abends aufsuchen kann, wenn ich ein Kochbuch oder eine DVD für einen schönen Abend benötige? Erst langsam setzt sich dieses Konzept durch, in Hamburg-Finkenwerder oder Köln-Kalk etwa gibt es schon solche Filialen. Meist steht (wie im Falle von Köln oder Würzburg) der niederländische Architekt Aat Vos hinter der Realisierung solcher Projekte.

Die Bibliothek als Dritter Ort

Der Gedanke ist bestechend. Schon heute gelten Büchereien als sogenannte Dritte Orte. Während das Zuhause der Erste Ort und die Arbeitsstelle der Zweite Ort ist, besagt die Theorie des Dritten Orts, dass es abseits von Zuhause und Arbeit noch mehr geben sollte. Der Dritte Ort will eine Art erweitertes Wohnzimmer sein. Ein Ort, an dem man sich gerne und lange aufhält, ohne unbedingt einem Konsumzwang zu unterliegen. Ein Ort, der Begegnungen und Bildung ermöglicht – und das möglichst niedrigschwellig. Solche Räume sind für den Niederländer Aat Vos Bibliotheken, weshalb bei ihrer Gestaltung das Wohlfühlen im Vordergrund steht.

Couchen, Krabbelzone, Ideenboard – hier kann man sich begegnen

Wer sich schon einmal lange in brutalistischen Unibibliotheken oder grauen Büchereien mit entsprechender Inneneinrichtung aus den 70er-Jahren aufgehalten hat, wird das Vos’sche Konzept schätzen. Statt möglichst vieler Regale mit (teils überholter) Literatur, funktionaler Sitzmöglichkeiten und einer asketischen Innengestaltung hat der Architekt alles auf den Kopf gestellt. Das fällt auch beim Besuch in Würzburg direkt ins Auge. Die Bücher sind in den Hintergrund gerückt, sie bilden auf zwei Etagen den Rahmen um die Innenflächen. Diese sind mit vielen Stühlen, Tischen und einer Krabbelzone ausgestattet. Ähnlich wie im vielbeachteten Konzept der Hugendubel-Filiale am Stachus in München geht man nun auch hier weg von thematischen Bereichen, bricht das Raumkonzept auf und schafft kleine Inseln im Raum, die als Anlaufpunkt fungieren.

Alles bleibt anders

Schon seit geraumer Zeit ist das Bild der Bibliotheken und Büchereien im Umbruch. Reine Buchausleihstätten sind die Häuser schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Mediale Trends lassen sich nirgends so gut beobachten wie in den Bibliotheken. Wo früher Kassetten, Atlanten oder Adressverzeichnisse nachgefragt waren, stehen heute Hörbücher und DVDs in den Regalen. Streamingangebote wie Freegal, die Onleihe oder Wissendatenbanken wie Munzinger sind aktuelle Umsatzbringer. Kaum ein medialer Trend übersteht ein Jahrzehnt, schon gibt es die nächste Speichertechnik oder digitalen Trend. Die Halbwertszeiten werden immer kürzer, doch die Büchereien pass(t)en sich immer wieder an. Doch was lässt sich aus dem Blick zurück für den Blick nach vorne mitnehmen?

Wer braucht noch Bücher in Bibliotheken?

Umfassend und luftig gefüllte Regale bilden den Rand der Bibliothek

Wenn es einen übergreifenden Trend gibt, den man an Bibliotheken ablesen kann, dann ist es meiner Meinung nach aber jener: die Bücher und Medien nehmen an Bedeutung ab. Dem (Vor)Lesen kommt in der Gesellschaft keine große Bedeutung mehr zu, stattdessen wandeln sich die Häuser zu Begegnungsstätten und Lernorten. So sind beispielsweise die Lesesäle in den großen Bibliotheken des Landes immer dann besonders ausgelastet, wenn Prüfungszeiten anstehen. Die Bücher in den Sälen sind dabei aber eher meist Kulisse, die für eine ruhige und konzentrierte Lernatmosphäre sorgen. Fürs Lernen selbst sind sie allerdings meist kaum von Belang für die Menschen, die die Lesesäle frequentieren. Als Lernorte und Räume der Stille bieten die Büchereien eine Atmosphäre, die Konzentration und Produktivität begünstigt. Aber die Medien der Häuser selbst, sie spielen doch eine eher untergeordnete Rolle, was sich auch in Würzburg beobachten lässt.

Das Konzept der Kolleg*innen, das das Begegnen und den Aufenthalt in den Mittelpunkt rückt, ist für moderne Bücherei in meinen Augen richtungsweisend. Doch nicht nur für diese – sondern auch für alle Leser*innen und letzten Endes auch für unsere Gesellschaft. Und das aus mehreren Gründen:

Begegnungsstätte

Ich beobachte eine zunehmende Aufspaltung der Gesellschaft nach Interessen, Einkommen oder auch Teilhabe. Man kann es Echokammern, Filterblasen oder Milieus nennen – Tatsache ist doch, dass Begegnungsstätten, in denen sich alle Schichten, Interessen, Ethnien und Alter vorurteilslos begegnen können, verschwinden. Kirchen verlieren an Bedeutung, Stadtviertel werden gentrifiziert – die Möglichkeiten von übergreifenden Kontaktmöglichkeiten schrumpfen. Der virtuelle Raum ersetzt oftmals den reellen Begegnungsraum, mit teils auch verheerenden Folgen. Der Erfolg des Rechtspopulismus, der bedenkliche Rechtsdrift der Gesellschaft und die ressentimentbeladene Sprache und die dadurch verrohenden Diskurse sind meiner Meinung nach nur ein paar Konsequenzen dieses Mangels an Begegnungsstätten und Foren im eigentlichen Sinne. Das Miteinanderreden und Sich begegnen verschwindet oder ist teilweise schon verlorengegangen. Man bleibt lieber unter sich und bestärkt sich in seiner Weltsicht. Aber genau dagegen können und sollen Bibliotheken ankämpfen. Als kostenlose Begegnungsstätten, als Kontaktmöglichkeiten, Menschen außerhalb der eigenen Lebenskreise kennenzulernen.

Damit verbunden ist auch ein weiterer Grund, weshalb ich dieses Konzept so wichtig finde.

Bibliotheken als gesellschaftliche Labors

Viel Arbeitsflächen, Zeitschriften und 3-D-Drucker: Einrichtung der Bücherei Am Hubland

Unlängst überschrieb der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen sein Debattenbuch mit dem Titel Die gereizte Gesellschaft. Darin konstatiert er, dass das Erregungspotential der Gesellschaft zugenommen hat. Der Tübinger Professor spricht von einer nationalen Erregung. Dinge, die früher einfach versandet wären, werden – digital begünstigt – schnell zu Shitstorms. Die Gerichte sind überarbeitet, die Streitfreude nimmt zu, die Toleranz ab. Gegen dieses ungute Klima einer Erosion des Miteinanders muss eine Bibliothek wirken und ihre Angebote machen. Exemplarisch lässt sich das in Würzburg beobachten. Wo – aufgrund des begrenzten Platzangebots – verschiedene Bedürfnisse aufeinander treffen, müssen die Menschen auch wieder lernen, Lösungen für ein gutes Miteinander zu finden. Denn das Platzangebot ist endlich, die Nerven mancher Bibliotheksnutzer*innen auch. Die Bücherei kann hier als Labor für ein gutes menschliches Miteinander wirken. Lösungen im Dialog erzielen, Rücksicht auf andere nehmen – das lässt sich nirgends so gut lernen wie in einer so konzipierten Begegnungszone Bücherei.

Rund-Um-die-Uhr-Verfügbarkeit

Schon oft wurde der Rückgang des linearen Medienkonsums prophezeiht und in Studien belegt. Besonders junge Menschen wissen den tageszeitunabhängigen Konsum von Medien zu schätzen. Auch generell greift ein Anspruch nach Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit um sich. Was Spotify, Netflix, Mediatheken und Co. im medialen Umfeld möglich machen, ist auch bei Dienstleistern wie etwa Banken ja schon lange gang und gäbe. Warum sollen Bibliotheken auf diese Anforderungen keine Antworten geben? Ich empfinde auch in dieser Hinsicht den Würzburger Weg als wichtig und richtig. Warum muss ich auf die Dienstzeiten von Angestellten warten, wenn ich schon vor meiner Arbeit um 7 oder am Feierabend nach 8 noch eine Bücherei zum Lernen oder Entleihen von Medien aufsuchen kann? Entleihen und zurückstellen können die Kunden die Bücher selber – warum also nicht unter dem Einsatz von technischen Kontrollmöglichkeiten den Menschen, die mit ihren Steuern solche Einrichtungen finanzieren, die Möglichkeit zur Benutzung geben?


Es gibt also viele gute Gründe, die für die Öffnung der Büchereien sprechen – gerade in diesen Zeiten. Was in Skandinavien gang und gäbe ist, setzt sich hier erst langsam durch. Was haltet ihr von dieser Art von Bücherei? Wie seht ihr die Rolle jetzt und in der Gegenwart, die Lesen und Büchereien spielen? Wart ihr selbst schon einmal in einer solchen Bücherei oder würdet eine solche besuchen? Ich freue mich auf eure Rückmeldungen!

Hier noch ein paar Eindrücke aus der Bücherei

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Juli Zeh – Leere Herzen

Was wollte uns die Künstlerin damit sagen?

Diese Phrase steht für mich auch am Ende nach der Lektüre von Leere Herzen, dem neuesten Streich von Juli Zeh. Zeh, die mit ihrem letzten Roman Unterleuten zur veritablen Bestsellerautorin mutierte (sage und schreibe 78 Wochen konnte sich das Buch in den Spiegel-Bestsellerlisten behaupten), legt nun eineinhalb Jahre nach Erscheinen ihrer brandenburgischen Dorf-Betrachtung einen neuen Roman vor, der vieles will, aber wenig kann.

Ausgangspunkt ist das Geschäftsmodell der Brücke, einem Unternehmen, das die Geschäftspartner Britta und Babak betreiben. Die Kernidee der Brücke ist folgende: suizidale Menschen werden von den beiden überprüft, bewertet und gecoacht, um diese dann im besten Falle als Märtyrer für bestimmte Aktionen einzusetzen. Der Selbstmord ihrer Kandidaten hilft anderen Organisation wie etwa Umweltschutzgruppen, vor deren Karren sich die willfährigen Suizidenten spannen lassen. Britta und Babak kassieren gutes Geld – dafür leben sie in einer alles anderen als  mondänen Welt. Genauer gesagt in Braunschweig. Die Welt hat sich noch etwas weitergedreht in diesen Tagen, die Regierung wird von der BBB gestellt, der Besorgten Bürger Bewegung, Innenministerin ist Sarah Wagenknecht.  Instabile Zeiten, in denen Zehs Protagonisten leben. Noch instabiler wird das Gefüge, nachdem eine neue Klientin der Brücke auftaucht, die einen Keil zwischen Britta und Babak treibt. In der Folge gerät die Welt der beiden Geschäftsleute aus dem Lot, als auch noch eine Konkurrenzorganisation den beiden das Leben schwer macht – und so steht bald Babaks und Brittas Existenz auf dem Spiel.

So die Synopse von Zehs neuem Buch, das dann deutlich weniger gut funktioniert, wenn es um die Umsetzung von Theorie in Praxis geht. Und das, obwohl Zeh ja schon bewiesen hat, dass sie etwas von Erzählökonomie, Charakterzeichnung und Struktur versteht. Bereits der Grundidee der kommerziellen Nutzung von potentiellen Selbstmördern kann ich wenig abgewinnen. Bis auf wenige plakative Szenen (Waterboarding, etc.) bleibt vieles Behauptung und wird angerissen, wirklich plausibel erscheint wenig. Dies gilt auch für die übrigen dystopischen Elemente des Buchs, die ab und an eingeworfen und eingestreut werden. Nachvollziehbar und genuin entwickelt ist diese Vision in meinen Augen nicht. Auch Zehs HeldInnen scheinen sich mit der Welt versöhnt zu haben, es regiert der Neo-Biedermeier. Höhepunkt ist der eskapistische Trip in die norddeutsche Provinz, bei der dann ein Hauskauf und ein Landlust-ähnliches Bezugsfest des Objekts im Mittelpunkt der Episode stehen. In Unterleuten wirkte all dieser Möchtegern-Eskapismus viel böser, viel echter. Hier ist viel Kulissenschieberei am Werk, die Menschen, die in diesen Kulissen interagieren, bleiben allerdings höchst blass – und wenn sie einmal Kontur gewinnen, dann möchte man doch wieder, dass sie wieder blass werden.

Überspannte und leicht an der Grenze zur Hysterie stehende Charaktere gehören ja zum Markenzeichen der Autorin. Das kann mal nerven (Nullzeit), mal wunderbar funktionieren (Unterleuten). Im aktuellen Fall ist es eher erstere Kategorie, in die Zehs Personal fällt. Ihre Heldin Britta nervt mit zahlreichen Marotten (Putzfimmel, ständige Übelkeit, sprunghaftes Verhalten), die anderen Figuren stolpern alleingelassen durch das Setting. Vieles an den Figuren bleibt reine Behauptung, plausibel ist auch hier wenig. Egal ob Flüchtling und Hacker, Geheimdienstmann oder Ehegatte. Vieles wird gelabelt, mit Leben gefüllt aber nahezu nichts. Je weiter das Buch voranschreitet, desto hanebüchener wird es. Höhepunkt findest das Ganze dann in einem Finale, in dem verschiedene Terror-Organisationen und Geheimdienste aufeinandertreffen. Als erste Opfer sind dann gleich Logik Plausibilität und sprachliche Qualität zu beklagen, die auf der Strecke bleiben.

Als Dystopie ist Leere Herzen zu unentschlossen, als Parabel auf Pegida, AfD und Co. funktioniert das Buch ebenfalls nicht. Das Geschäftsmodell der Brücke bleibt im Ungefähren. Der Roman hat eine deutliche Unwucht, die einzelnen Handlungsabschnitte sind alles andere als ausbalanciert. Besonders offensichtlich wird dies am Schluss des Romans, der in seiner Gehetztheit die vorherigen langweilenden vorherigen Passagen in puncto Tempo und Logik ab absurdum führt. Was zudem auch  unangenehm oft auffällt, ist der übermäßig strapazierte moralische Zeigefinger der Autorin, der hier eindeutig zu oft im Einsatz ist. Nicht ohne Hintersinn trug ihre Kolumne im Magazin Der Spiegel auch den Titel „Die Klassensprecherin“ – vieles von dieser Rechthaberei findet sich auch zwischen den Zeilen in Leere Herzen.

Vieles an diesem Buch ist sicherlich gut gewollt, auch will ich mich eigentlich an dieser Stelle nicht beklagen, dass sich eine Autorin hier mit Politik und zeitgenössischen Aspekten beschäftigt, hatte ich doch so etwas erst in meinem letzten Meinungsbeitrag hier eingefordert. Leider bleibt es beim Wollen und einer mangelhaften Umsetzung der aktuellen Themen und Fragen. Leere Herzen ist einfach schlecht ausbalanciert, unrund, wenig plausibel und somit eine der großen Enttäuschungen dieses Bücherherbstes.

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Omar El Akkad – American War

Schon bevor die erste Zeile in diesem Roman des Journalisten Omar El Akkad gelesen ist, weiß man, worauf man sich bei American War einstellen muss. Denn vor dem Prolog des Buches prangen zwei Landkarten, die ein Amerika im Jahr 2075 zeigen, das mit unseren tradierten Vorstellungen kollidiert. Denn von Mexiko aus dem Süden ausgehend zeigt die Karte eine Zone mit dem Titel Mexikanisches Protektorat, die Vereinigten Staaten von Amerika und ein abgetrenntes Territorium mit dem Titel Freie Südstaaten.

Diese verschiedenen Zonen sind Ausgangspunkt für die Welt, die Omar El Akkad in seinem Debüt schildert. Startpunkt ist jenes Jahr 2075, von dem ausgehend die Handlung ihren Verlauf nimmt. Denn in Amerika herrscht zu dieser Zeit gerade Krieg, die Südstaaten haben sich von den USA losgesagt, Tod und Vernichtung landauf, landab. Man könnte meinen, die Zeit der Sklavenkämpfe sei zurück. Der Norden gegen die Blauen, Mexiko als Puffer im Süden und außerhalb des amerikanischen Territoriums die arabischen Staaten, die sich zum sogenannten Bouazizireich zusammengeschlossen haben.

Ein beunruhigende Vision, die wir durch die Augen von Sara T. Chestnut, genannt Sarat, beobachten. Diese wächst mit ihrer Familie in Louisiana relativ unberührt von den Schrecken des Bürgerkriegs auf. Doch schon bald stirbt Sarats Vater durch eine Bombe und die Familie wird zu Flüchtlingen und muss in einem Camp unterkommen. Bei Sarat setzt ein schleichender Prozess der Radikalisierung ein und so nährt sich in der heranwachsenden jungen Frau der Hass – bis es zu fatalen Verwicklungen kommt.

Eine Dystopie reinsten Wassers

Omar El Akkads Buch ist von lobenden Kurzzitaten der New York Times bis zur Washington Post bepflastert. Jene Zeitung hat es sogar mit zwei Zitaten ins Buch geschafft. „Der Roman für alle, die die Trump-Ära umtreibt“, ist auf einem Sticker zu lesen, der das Buch zusätzlich noch bewirbt.

Lässt man all das Marketing-Gedöns, alle vielbeschworenen Verweise auf die aktuelle Situation der USA beiseite und die Trump-Referenzen weg, was bleibt dann von diesem Roman?

American War ist eine astreine, über zwanzig Jahre erzählte Dystopie in klarer Sprache und mit einprägsamer Handlung. Neben der chronologischen, meist aus Sarats Perspektive erzählten Handlung streut El Akkad viele Dokumente wie etwa Protokolle oder Ausschnitte aus fiktiven Biografien ein, die die Hintergründe des amerikanischen Bürgerkriegs erklären.

Das alles vermischt sich zu einer bedrückenden und eindringlichen Vision, von der man sich wünscht, sie möge nie wahr werden. Andererseits realisiert man auch, dass das ganze Leid, das in die Zukunft und in die USA projiziert ist, bereits jetzt an zahllosen Stellen der Welt traurige Realität ist. So ist der Roman Dystopie und Parabel, Warnung und gute Unterhaltung zugleich.

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Andrew Brown – Trost

Aufstand in Kapstadt

Mit „Trost“ lag mir das erste Buch von Andrew Brown zur Rezension vor. Ein weiterer Krimi aus Südafrika, einem Land das eine boomende Krimiszene beherbergt. Autoren wie Roger Smith, Malla Nunn, Margie Orford oder Deon Meyer sind Autoren (letztere mit besonderem Bezug zu „Trost“, siehe unten) und Aushängeschilder einer höchst lebendigen Krimiszene. Und tatsächlich eignet sich Südafrika mit seinen Ethnien, historischen Spannungen und Problematiken so gut wie kaum ein anderes Land, um mithilfe des literarischen Spannungsromans die Verwerfungslinien des Staates zu ergründen. Andrew Brown beschert seinem Inspector Eberard Februarie einen zweiten Einsatz, nachdem dieser auf Deutsch schon in Schlaf ein, mein Kind ermitteln durfte.

Ein Mord in der Synagoge

Trost - Andrew Brown

Trost – Andrew Brown

Angesiedelt in einer nahen Zukunft, in der Spannungen zwischen Israel und Palästina eskalierte und diverse ethnische Verwerfungen die Nachrichten dominieren, fällt dem angeschlagenen Inspector Februarie ein Fall in die Hände, an dem er sich die selbigen nur verbrennen kann.

In einer Synagoge in Kapstadt wurde ein Junge in muslimischer Gebetskleidung geopfert und rituell aufgebahrt. Schnell bekommen die religiösen Scharfmacher auf beiden Seiten die Neuigkeiten spitz und die Lage droht zu eskalieren. Während sich die Situation auf der Straße zwischen Juden und Muslimen immer weiter zuspitzt, muss Februarie nachbohren, wer der geopferte Junge war. Wer hat Interesse an diesem öffentlichkeitswirksamen Mord und wer zieht im Hintergrund die Fäden? Dass er privat auch zahlreiche Probleme bewältigen muss, macht die Sache nicht unbedingt einfacher.
Er stürzt sich verkatert in seine Recherchen und muss feststellen, dass die Spuren ganz nach oben in den Machtapparat weisen.

Ein solides Stück Krimikunst

Der Tafelberg in Südafrika [(c) Martin Reilly]
Hinter dem nichtssagenden Titel „Trost“ verbirgt sich ein solides Stück Krimikunst, das in klassischer Tradition einen Ermittler zeigt, der seinem Instinkt nachfolgt, egal welche Konsequenzen ihm dies auch einbringt. Geschickt verknüpft Brown immer wieder Skizzen des Aufstandes zwischen den verschiedenen Ethnien mit Februaries Fall und bringt am Ende sogar noch überraschende Aspekte in seine Erzählung ein.
Für zwei Cameo-Auftritte von anderen südafrikanischen Ermittlern hat Andrew Brown auch noch Platz gefunden. Die Ermittler Benny Griessel (Deon Meyer) und Riedwaan Faizal (Margie Orford) kreuzen auch die Wege von Eberard Februarie und tauschen einige Worte mit dem Inspector. Eine nette Idee, wie ich finde.
Insgesamt ist „Trost“ ein wirklich gut lesbarer und spannender Roman geworden, der sich im Spannungsfeld von Religion, Macht und Fundamentalismus bewegt.
Wer nun neugierig geworden ist, der kann hier noch gerne etwas in das Buch hineinschmökern:

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Tom Hillenbrand – Drohnenland

Unerkannt im Drohnenland

Der Minority Report ist in Europa fast vollständig wahrgeworden. Dank Drohnen, Vollzeit-Überwachung und CCTV gibt es eigentlich keine Verbrechen mehr, die man nicht aufklären könnte. Dass dies doch der Fall ist, muss der Kommissar Aart van der Westerhuizen schnell erkennen: Ein Parlamentarier wurde im Brüsseler Niemandsland erschossen, doch die Aufklärung ist trotz umfassender Speicherung aller Daten kaum möglich. Es scheint, als hätte eine mächtige Gruppe Interesse an der Nicht-Aufklärung des Falles – doch Aart van der Westerhuizen lässt nicht locker. Schnell stößt er auf die Spuren eines Komplotts, das die Vereinigten Staaten von Europa bedroht …

Drohnenland liest sich, als hätten Philip K. Dick und Edward Snowden zusammen getan, um die Menschheit aufzurütteln. In einer Zeit, in der Amazon Liefer-Drohnen testet, sämtliche digitale Ströme ausgewertet werden und immer mehr Dienstleistungen an Computer outgesourct werden erscheint der Roman Tom Hillenbrands weniger wie Science Fiction als eine Vorausschau von ein paar Jahren.

Bemerkenswert an diesem Roman ist auch die Tatsache, dass Hillenbrand dieses Buch noch vor den Snowden’schen Enthüllungen begann. Durch letztere bekommt das Buch einen ganz neuen Beiklang und sollte uns über Vorratsdatenspeicherung und Co noch einmal neu nachdenken lassen.
Ein toller Verschwörungsthriller mit einem originellen Plot, bei dem es mir lieber wäre, wenn sich die Voraussagen dieses Buchs nicht so krass bewahrheiten. Privatsphäre hat auch Vorteile, wie Drohnenland eindringlich beweist!

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