Lauren Groff – Arcadia

Vor wenigen Tagen ging hier in Augsburg das Hohe Friedensfest zu Ende. Großes Motto des diesjährigen Festes war das Thema Utopien: Was wäre, wenn …? In vielen Veranstaltungen wurden vor Ort Utopien gesponnen, diskutiert und auch so manches Mal verworfen.

Ein ideales Buch zu diesem Thema ist der zweite Roman der Amerikanerin Lauren Groff, die in Arcadia zurück in die 70er Jahre reist und einen Blick auf die psychedelisch bunte Welt der Hippiebewegung wirft. Wobei die Welt im Falle von Arcadia so bunt gar nicht ist. Aber der Reihe nach.

Nach dem Roman Die Monster von Templeton (2009 erschienen) veröffentlichte die Amerikanerin Lauren Groff im Jahr 2012 ihre Aussteiger-Erzählung, die ein Jahr später in der deutschen Übersetzung von Judith Schwaab im C.H.Beck-Verlag erschien.

Leider hat es das Buch im Gegensatz zu seinem Nachfolger Licht und Zorn zu keinem großen Erfolg gebracht. Zumindest blieb meine Recherche nach Besprechungsbelegen in Zeitungen, Journalen oder Blogs ohne nennenswerte Ergebnisse. Ein Zustand, dem ich Abhilfe schaffen möchte, denn das Buch lohnt sich auf alle Fälle. Hier beweist Groff einmal mehr ihr Talent, ihre Geschichten mit völlig unterschiedlichen Registern zu erzählen. Dabei ist das Buch auf der Montageebene mindestens genauso spannend wie auf der inhaltlichen Ebene.

Von Anbeginn der Flower-Power Ära bis hinein in eine Zukunft spannt Lauren Groff ihren Erzählbogen, dessen wichtigster Stützpfeiler jenes titelgebende Arcadia ist, das auch den Jungen Ridley „Bit“ Scott und seine Eltern Hannah und Abe beherbergt. Diese gründen zusammen mit anderen Enthusiasten auf dem Land im Staat New York Arcadia. Ein altes heruntergekommenes Haus wird von den Aussteigern wieder instand gesetzt und zum Hauptquartier der Kommune erklärt. Bit zieht mit seinen Eltern in das Haus, genauso wie viele weitere Hippies, denen Arcadia zum Refugium wird. Immer größer wirkt die Anziehungskraft der Landkommune und sorgt für einen regen Zulauf von Nudisten, Schwangeren und Junkies, die alle hoffen, in Arcadia ihr Leben verwirklichen zu können.

Doch Groff tappt nicht in die Falle, eine lustige Hippieschnurre zu erzählen (wie dies beispielsweise T.C. Boyle in Grün ist die Hoffnung tut) – sondern sie kontrastiert diese Flower-Power-Welt auch mit den Abgründen. So ist auch dieses Paradies nicht für die Ewigkeit gemacht, denn der Erfolg von Arcadia wird auch schnell zum Mühlstein um den Hals der Arcadier. Der ungebremste Zustrom von Aussteigern sorgt dann auch für das Ende der Kommune, das weniger von Peace denn von Zerstörung geprägt ist.

Ach Bit. Ich kann es kaum glauben, dass du dich nicht mehr erinnerst. Es war kalt, sagte Helle. Nie war es warm. Wir hatten nie genug zu essen. Wir hatten nie genug Klamotten. Jede einzelne Nacht bin ich davon aufgewacht, dass irgendjemand im Pink Piper Liebe machte. Überall roch es nach Wichse. Handy ließ mich mit LSD versetzten Apfelwein trinken, als ich etwa fünf war. Was für Halluzinationen hat eine Fünfjährige? Zwei Monate lang sah ich jedes Mal, wenn meine Mutter etwas sagte, Flammen aus ihrem Mund kommen. Wir waren wie Gäste am Tisch des verrückten Hutmachers, merkten aber nicht, dass die Welt aus den Fugen geriet. (Groff, Lauren: Arcadia, S. 208)

Und so sehen wir durch die Augen von Bit den Aufstieg, die Blüte und den Untergang des Hippie-Utopias, das an den Klippen der Realität zerschellen musste. Über das Ende von Arcadia hinaus bleibt Bit seinem Ort der Kindheit und Jugend verbunden und übernimmt das Beziehungsnetz auch mit in die „richtige“ Welt, wordurch Groff auch ein ganz eigener Blickwinkel auf unser Zusammenleben und unsere Beziehungen gelingt.

Diese Nachwehen von Arcadia erzählt Lauren Groff in einer geschickten Montagetechnik und erreicht damit eine Tiefe in den Figuren, die die Erzählung endgültig von allen Hippie-Verklärungen oder Parodien enthebt. Hier zeigt sich eine wirklich talentierte Autorin, die stilsicher aus den unterschiedlichsten Milieus erzählen kann.

Ihr Arcadia ist ein Ort, den man als Besucher zwar gerne betritt und einmal in alle Räume hineinspitzt – dann ist man aber auch wieder froh, diese Welt verlassen zu können. Und nebenbei wirft die Amerikanerin auch noch individuelle Fragen auf, die subtil in den Text eingearbeitet sind.

Bei mir blieb vor allem jene Frage zurück: wie sieht unser ganz eigenes Paradies aus? Und welche Abgründe hält dieses Paradies dann für uns bereit? Wer Arcadia liest, blickt noch einmal neu auf die Hippiebewegung und die Utopien, die heute so verblasst und überlebt wirken. Und beginnt vielleicht doch selbst noch einmal zu träumen.

 

6 comments

  1. Der Roman ging doch tatsächlich auch an mir völlig vorbei. Ich stieß nur irgendwann auf „Licht und Zorn“ und dachte mir, dass sich Lauren Groff doch recht viel Zeit für ihren zweiten Roman gelassen hat … Es konnte ja keiner ahnen, dass „Licht und Zorn“ bereits der dritte ist. 🙂 „Arcadia“ werde ich mir dann auch auf jeden Fall ansehen, nicht zuletzt wegen des nachhaltigen Eindrucks den „Die Monster von Templeton“ bis heute bei mir hinterlassen hat. Kurz gesagt: Danke für den Tipp.

    1. Bitte bitte! Mich hat es irritiert, dass ein Buch von einer Schriftstellerin ihrer Güte so völlig untergegangen ist. Schön wenn der Tipp dann etwas für dich ist!

  2. Ich habe das Buch – sehr gerne – vor Gründung meines Blogs gelesen. Mir hat es sogar noch besser als Licht und Zorn gefallen. Vielleicht sollte ich meine Rezension noch unter „Backlist“ veröffentlichen. Ich hatte auch das Gefühl, dass das Buch damals leider etwas unterging. Schön, dass du es hervorgeholt hast. Viele Grüße!

    1. Diese Idee kann ich nur bekräftigen. Gerade einmal zwei Bewertungen auf Amazon (und eine davon auch noch recht fragwürdig), dazu kein Medienecho – das hat das Buch nicht verdient! Würde mich freuen, deine Anmerkungen zu dem Buch lesen zu dürfen!

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