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Anthony Doerr – Wolkenkuckucksland

Bei manchen Büchern grübelt man auch noch nach der Lektüre: war das Buch jetzt gut oder hat es wenig überzeugt? Warum hat das nicht funktioniert und man keinen Zugang zum Buch gefunden? Sind die eigenen Kriterien falsch, weil der eigene Leseeindruck so gar nicht zum Rest der öffentlichen Wahrnehmung eines Titels passen will? Viele Fragen für Bücher, die es einem manchmal ganz schön schwer machen. Und dann kommt da ein Buch wie Anthony Doerrs neuer Roman Wolkenkuckucksland daher, der es einem dann so leicht macht: ein großartiger Schmöker von Anfang bis Ende, clever konstruiert und mitreißend erzählt. So leicht kann das Leserurteil dann auch manchmal ausfallen.

Tatsächlich wählt Doerr eine komplexe Erzählweise, die an David Mitchells modernen Klassiker Der Wolkenatlas erinnert. Drei ganz unterschiedliche Erzählungen in verschiedenen Zeiten und verschiedenen Milieus, die doch allesamt miteinander verbunden sind. Das Bindeglied ist hier das fiktive Epos vom Wolkenkuckucksland, das einst der Poet Antonio Diogenes ersann. Es handelt von Aethon und dessen Abenteuer, die er in einem fantastischen Reich erlebt. So wird jener Aethon in einen Esel verwandelt, gepiesackt und darf das an das himmlische Jerusalem gemahnende Wolkenkuckucksland schauen. Eine Odyssee-Variation, die Geschichte untrennbar mit den drei Handlungssträngen verbunden ist. Jedem neuen Kapitel ist ein kleiner Auszug aus Diogenes Epos vorangestellt, das so im Lauf des Buchs die vierte Erzählung ergibt.

Schicksale quer durch Raum und Zeit

Anthony Doerr - Wolkenkuckucksland (Cover)

Die drei Hauptstränge bestehen aus einer im Mittelalter, einer in der Gegenwart und einer in der Zukunft angesiedelten Erzählung. Die im Mittelalter spielende Geschichte erinnert von ihrer ganzen Konstruktionsweise an Doerrs Megaseller Alles Licht, das wir nicht sehen. Abermals bewegen sich die Schicksale zweier junger Menschen unablässig aufeinander zu, diesmal ist es eine junge Weberin in der Stadt Konstantinopel sowie der durch eine Scharte entstellte Ochsenhirte Omeir aus den Rhodopen. Im Zuge der Belagerung Konstantinopels 1453 verbinden sich die Schicksale der beiden jungen Menschen miteinander.

Daneben gibt es einen in der Gegenwart angesiedelten Erzählstrang, der in der Bibliothek des kleinen Städtchens Lakeport spielt. Während eine Gruppe von Schulkindern unter der Leitung von Zeno Ninis für die Aufführung von Wolkenkuckucksland probt, droht ein jugendlicher Attentäter die gesamte Stadtbücherei in die Luft zu sprengen. Das Schicksal dieses jungen Mannes sowie das von Zeno Ninis sind Themen in diesem Strang, der bis in die Zeit des Koreakriegs der 50er zurückreicht.

Und dann gibt es noch die Geschichte von Konstance, die sich an Bord der Argos befindet. Dieses Raumschiff ist unterwegs zu einem Exoplaneten, auf dem es noch Hoffnung für die Menschheit gibt, die die Erde aufgebraucht und zerstört hat. Bei ihrer Reise spendet Konstance die Erzählung ihres Vaters Trost, der von einem ebenso rätselhaften wie faszinierenden Reich namens Wolkenkuckucksland erzählt.

Alles ist miteinander verbunden

Obwohl sie zunächst sehr unverbunden erscheinen, fügen sich die drei Erzählungen Stück für Stück in den Gesamtkontext des Buchs ein. Doerr gelingt dabei das Kunststück, die Zusammenhänge klar und nachvollziehbar zu enthüllen. Genauso gelingt es ihm aber auch, alle unterschiedlichen Milieus und Erzählungen glaubhaft auszugestalten, von der antiken griechischen Komödie in all ihren Partikeln bis hin zur Science-Fiction-Erzählung im Raumschiff, in dem Konstance die meiste Zeit der Handlung völlig allein ist. Zu keinem Zeitpunkt kommt in diesem über 530 Seiten starken Buch ein Gefühl von Langeweile auf. Doerr springt von Cliffhanger zu Cliffhanger, vom unter Beschuss stehenden Konstantinopel bis hin zu jenem 20. Februar 2020, an dem die Bibliothek von Lakeport in die Luft gesprengt zu werden droht.

Doerr beherrscht sein Erzählhandwerk traumhaft sicher. Egal ob historischer Roman oder Echtzeit-Thriller in der amerikanischen Kleinstadt – alle Figuren und Orte werden von ihm glaubhaft ausgestaltet und erhalten ein unverwechselbares Profil. Dieser Roman stellt die herausragende Rolle Anthony Doerrs in der amerikanischen Gegenwartsliteratur einmal mehr unter Beweis und zeigt, wie kreatives und überbordendes Erzählen gelingen kann.

Fazit

Großartig erzählt und komponiert ist Wolkenkuckucksland einer der großen Schmöker dieses Bücherherbstes. Von den rumänischen Rhodopen bis an Bord eines Raumschiffs – Anthony Doerr fühlt sich in seine Milieus gekonnt ein und erschafft so einen clever komponierten und wunderbar unterhaltsamen Roman – der ausnehmend schön gestaltet ist und einmal mehr von Werner Löcher-Lawrence ins Deutsche übertragen wurde.

Und nicht zuletzt ist es auch das Vorwort dieses Romans, das mich ungemein für Wolkenkuckucksland einnimmt:

„Für alle Bibliothekare, damals, heute und in den Jahren, die da kommen werden“

Anthony Doerr – Wolkenkuckucksland, Vorwort

  • Anthony Doerr – Wolkenkuckucksland
  • Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
  • ISBN 978-3-406-77431-7 (C. H. Beck)
  • 532 Seiten. Preis: 25,00 €
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Warum Bücher keine Lebensmittel sind

Es ist doch etwas albern, eine Blogbeitrag mit einer derart selbsterklärenden Überschrift zu beginnen. Und dennoch steht meine Aussage im Widerspruch zu der Empfindung vieler Menschen da draußen, wenn ich die Diskussionen der vergangenen Tage Revue passieren lasse. Noch immer scheint in Teilen des Bildungsbürgertums ein romantisierender Literaturbegriff vorzuherrschen, was den Umgang mit Büchern und ihren Stellenwert betrifft.

Eigentlich ist es ja ganz einfach: Nein, Bücher sind keine Lebensmittel. Spätestens, wenn man einmal versucht, von ihnen abzubeißen, sollte auch der letzte oder die letzte dieses Faktum zur Kenntnis genommen haben.

Aber dennoch erfreut sich die Aussage größter Beliebtheit. Schon während des ersten Shutdowns im März und der damit verbundenen Schließung von Buchhandlungen und Bibliotheken grassierte diese Aussage, um für offene Bibliotheken und Büchereien zu werben. Und nun, da der zweite Shutdown angebrochen ist, feiert die Ungleichung Bücher=Lebensmittel ihr Comeback.

Die Maslow’sche Bedürfnispyramide

Dabei ist die Sache doch recht einfach, wenn man einfach mal die berühmte Maslow’sche Bedürfnispyramide zur Hand nimmt. Diese klassifiziert verschiedene menschliche Bedürfnisse, aufsteigend nach ihrer Wichtigkeit.

Die Bedürfnispyramide nach Maslow (Quelle: Wikipedia)

Betrachtet man diese Pyramide, finden sich Bücher höchstens in der Kategorie der Individualbedürfnisse, eher noch in der Spitze bei der Selbstverwirklichung. Es mag in gewissen Teilen des Bildungsbürgertums immer noch en vogue sein zu bekennen, man könne ohne Bücher nicht leben. Und ja, Bücher bieten Wissen und Zerstreuung, lassen uns in andere Welten eintauchen, verändern bestenfalls unser Denken und unsere Wahrnehmung. Aber überlebenswichtig ist das alles nicht. Bücher sind keine Lebensmittel, ich kenne gar Menschen, die prima durchs Leben gekommen sind, ohne mehr als eine Handvoll Bücher gelesen zu haben. Persönlich kann ich mir einen derartigen Lebensstil auch nicht vorstellen: zum Überleben brauchen wir die Bücher aber nicht. Da sind es schon eher die physiologischen Bedürfnisse und die Fragen der Sicherheit, die im täglichen (Über)Leben eine Rolle spielen.

Oder man folgt dem Vorschlag der Kolleg*innen der Büchereien Wien:

Eine privilegierte Diskussion

Die Diskussion, die sich nun um geöffnete Buchhandlungen entspann, in der obiges Argument reflexhaft wiederholt wurde, zählt für mich auch zu einer überprivilegierten Diskussion, über die ich nur den Kopf schütteln kann. Hängt unser Wohl und Wehe in der wohl schwersten Pandemie seit vielen Jahrzehnten davon ab, dass wir weiterhin in geöffneten Buchhandlungen einkaufen können? Sind Buchhandlungen wirklich lebensnotwendig? Und müssen wir diese trotz besseren Wissens wirklich offenhalten und die Mitarbeitenden dem Risiko des Kundenkontakts aussetzen?

Zahlreiche Stimmen von Buchhändler*innen, die ich in den letzten Tagen vernahm, lassen mich wirklich daran zweifeln. Viel war da zu lesen von enervierenden Gesprächen mit Kund*innen, die Hygieneregeln oder Wartezeiten nicht beachten wollten. Warum sollte man die Mitarbeitenden diesem Stress und Infektionsrisikos aussetzen, wenn es auch anders geht?

Warum sollen Buchhandlungen sicherere Einkaufsmöglichkeiten als Discounter, Baumärkte oder Drogerien darstellen? Dem Virus ist es aktuellen Erkenntnissen nach ja ziemlich egal, wo es sich verbreitet. Wo sich Menschen befinden, ist das Risiko einer Infektion gegeben. Und wenn wir wirklich alle sozialen Kontakte drastischer einschränken müssen, als bisher geschehen, warum dann nicht auch in Buchhandlungen?

Buchhandlungen funktionieren auch geschlossen

Es ist ja nicht so, dass Buchhandlungen keine Bücher mehr vertreiben, nur weil sie geschlossen sind. Im Gegenteil. Der Shutdown im März und April hat es ja bewiesen: Buchhandlungen funktionieren auch unter Pandemiebedingungen hervorragend und stellen die Versorgung mit Lesestoff sicher.

Die meisten Buchläden bieten Onlineshops an, sie liefern aus oder bieten kontaktlose Abholmöglichkeiten. Man kann digital E-Books downloaden oder Hörbücher streamen. Bibliotheken bieten die Onleihe, Plattformen wie Genialokal oder Mojoreads helfen aus, wenn gerade keine Buchhandlung in der Umgebung digital eine Bestellplattform bietet. Ganz zu schweigen von Bücherkisten in der Nachbarschaft oder offene Bücherschränke in vielen Städten. Jede Menge Möglichkeiten also, um teilweise wenigen Minuten später, in den allermeisten Fällen spätestens am nächsten Tag, das gewünschte Buch zu besitzen. Braucht es da zwingend geöffnete Buchläden, in denen man das Personal dem Risiko von Kontakten aussetzt? Ich meine nein.

Ich gehe sogar soweit und biete eine Wette an: in den meisten Haushalten der lautesten Trommler für geöffnete Buchhandlungen dürften mindestens eine Handvoll ungeleser oder wiederlesenswerter Bücher stehen, sodass man auch mal zwei oder drei Tage ohne eine realiter geöffnete Buchhandlung überlebt (exklusiv von mir schon getest: Spoiler – es funktioniert!)

Entweder, wir nehmen die Pandemiebekämpfung jetzt ernst und behandeln alle gleich, oder wir lassen es. Dann suchen wir für alles Ausnahmen, relativieren die Risiken, erschaffen einen Flickenteppich der regionalen Regelungen und erneuter Ausnahmen. Wundern brauchen wir uns dann aber auch nicht, wenn die Wirkung des „harten Lockdowns“ dann verpufft und wir wieder da stehen, wo wir losgelaufen sind.

Warum sind Buchhandlungen wichtiger als Büchereien?

Und eine letzte Frage hätte ich da noch: warum werden Buchhandlungen in dieser Pandemie einmal mehr besser behandelt als Büchereien? Nur weil sie die lautere Lobby haben und weil man zu Weihnachten halt traditionell in die Buchhandlung stiefelt? Ich behaupte ketzerisch: bei einem Teil der zu Weihnachten rituell eingekauften Bücher ist es den Beschenkten eh wurscht und es zählt eher die Geste der Kulturbeflissenheit, denn eine wirkliche literarische Affinität beim Beschenkten.

Aber in der Diskussion der letzten Tage drehte sich alles um Buchhandlungen. Die Entscheidung Berlins, diese offenzuhalten, wurde in den sozialen Netzwerken und einschlägigen Gruppen begeistert beklatscht. Bücher SIND eben einfach Lebensmittel. Da war sie wieder, diese falsche Phrase. Kein Wort aber zu den Büchereien, die nach Länderregelung teilweise schon Ende November schließen mussten und unter erheblicher Eigeninitiative erst nach politischer Freigabe einen Abholservice auf die Beine stellen durften.

Ich konnte es meinen Kund*innen hier in der Bücherei nur schwer vermitteln: warum dürfen große Rolltreppenbuchhandlungen aufhaben und ihre Bücher verkaufen, während wir geschlossen bleiben und (diesmal wenigstens nur tagelang statt wie im März Wochen) auf die Erlaubnis eines To-Go-Betriebs hoffen mussten? Nur weil wir Medien mehr oder minder gratis verleihen, statt sie zu verkaufen? Unverständnis nicht nur auf Kundenseite, sondern auch bei vielen Bibliotheksmitarbeiter*innen. Denn gerade aufgrund ihrer Kommerzfreiheit, ihre niedrigschwelligen Angebote, ihre Teilhabemöglichkeiten, ihrem breiten Informationsangebot sehe ich Bibliotheken in Sachen Wichtigkeit für die Gesellschaft noch vor Buchhandlungen.

Geistige Tankstellen – ein schiefes Bild

Ins Bild passt da auch das schiefe Bild der geistigen Tankstellen, das kontinuierlich zweckentfremdet wird und wurde. Einst versah Helmut Schmidt Bibliotheken mit dieser Bezeichnung. Doch in der Politik scheint eine derart große Begeisterung für diese Metapher zu herrschen, dass man nur noch im Bezug auf den Buchhandel von „geistigen Tankstellen“ liest. Zuletzt war es etwa Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die von Büchern als „Seelennahrung“ und eben auch von „geistigen Tankstellen“ salbaderte. Der Ursprung des Zitats und seine eigentliche Bedeutung scheint zunehmend in Vergessenheit zu geraten.

Dass es zwischen Buchhandlungen und Büchereien einen Unterschied gibt, es scheint egal. Und warum muss man in Zeiten des Klimawandels und der zunehmenden Sensibilisierung für die Umwelt immer noch von Tankstellen sprechen? Was sagt das über unsere Gesellschaft aus? Im Land des Autos geht halt nichts ohne einen Autovergleich? Lesen ist Benzin für den Kopf? Literatur gibts in bleifrei, Super und ohne Oktan? Im Gegensatz zur Tanke haben die meisten öffentlichen Büchereien (und auch Buchhandlungen) sonntags zu, überteuerte Fertigpizza und Bier gibts da auch nicht. Dieses Bild funktioniert immer schlechter, je länger man darüber nachdenkt.

Zurück zu einem sinnvollen Diskurs

Wie wäre es, wenn wir diese ganze Debatte um die Buchhandlungen mal wieder ein paar Stufen zurückschalten? Und ein paar wirklich wichtige Dinge in den Blick nehmen? Ja, Bücher sind keine Lebensmittel. Und ja, sie sind wichtig und, bedeuten für viele Menschen Aus- und Einkommen. Wissens- und sinnstiftend sind sie auch für unzählige Menschen. Das weiß ich alles. Aber wäre es nicht Zeit, uns mal ein paar wichtige und ehrliche Fragen zu stellen?

Warum hängt das Wohl und Wehe unserer Gesellschaft vor Weihnachten davon ab, in einer Buchhandlung persönlich zu erscheinen, statt sich telefonisch beraten zu lassen oder per Mail zu bestellen?

Warum kann man Büchereien ohne große Aufschreie wochen- und monatelang zusperren, aber erst wenn Buchhandlungen schließen sollen, kommt der große Aufschrei?

Ist es nicht auch ein bisschen peinlich, wenn andere Branchen und wirklich wichtige Einrichtungen wie Tafeln und Co. die Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung ohne Widerstand und Klagen mittragen – und nur von der Literaturbranche und ihrer Unterstützer*innen wehleidiges Jammern und Zetern zu vernehmen ist?

Warum sollen Buchhandlungen besser behandelt werden als Büchereien? Warum gibt es keine einheitlichen Regeln, die einfach eine kontaktlose Abholung ermöglichen, statt überall Ausnahmen und Schlupflöcher zu suchen?

Was ist uns die Pandemiebekämpfung und der Schutz unserer Mitmenschen wirklich wert? Sind Bücher lebensnotwendig?

Und wo ist jetzt hier die nächste Tanke?

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