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Auf anderen Wegen

Jackie Thomae – Brüder

Ist es Schicksal oder sind nur wir allein für unser Leben verantwortlich? Wie prägen uns unsere Wurzeln? Was beeinflusst unser Leben? Was macht uns zu den Menschen, die wir sind? Die Fragen stellt sich wohl jeder Mensch an bestimmten Scheidepunkten seines Lebens. Die Antworten, die daraus erwachsen, reichen von banalen Feststellungen bis hin zu tiefgehenden philosophischen Gedankengängen, die man sich machen kann.

Auch Jackie Thomae hat sich diesen Fragen gestellt und liefert in Brüder den Versuch einer Antwort, die einen guten Mittelweg zwischen den beiden obigen Polen findet. Vor allem der Aufbau ihrer Versuchsantwort ist spannend.

Zwei Brüder, zwei Leben, zwei Welten

Wie wäre es, wenn man einen Bruder hat, von dem man gar nichts ahnt? Woraus der durchschnittliche ARD-Degeto/ZDF-Fernsehredakteur eine Schmonzette gestrickt hätte, die gerne in fotogener skandinavischer oder alpiner Welt abgedreht worden wäre, so wählt Jackie Thomae einen anderen Weg. Sie erzählt zunächst von Michael, genannt Mick, der mit seiner Mutter in Ost- und dann Westberlin aufwächst. Beginnend 1985 schaut Jackie Thomae auf Micks Leben, der sich in Slacker-Manier durch sein Leben schummelt. Mal schmuggelt er als Muli Drogen nach Berlin, dann betreibt er mit Freunden eine Bar/Disco/Club, die ordentlich Profit abwirft. Aber einen wirklichen Plan für sein Leben, den hat Mick nicht.

Ganz anders da Gabriel, den wir im zweiten Teil des Buchs kennenlernen. Er arbeitet als Architekt, entwirft sowohl für arme Slum-Bewohner als auch für reiche Autokratien Gebäude und Wohnstätten. Zusammen mit seiner Frau Fleur lebt er in London eigentlich ein Bilderbuchleben. Kind, Villa, Erfolg – alles da. Doch auch Gabriels Leben ist nicht so glatt wie das nach außen gepflegte Bild. Glatt und reibungslos, das sind allenfalls die Baupläne, die er entwirft.

Von ihrer Verwandtschaft ahnen beide Männer lange Zeit gar nichts. Der eine versucht sich in London zu assimilieren, der andere taumelt durch ein schmutziges Berlin, ohne viel zuwege zu bringen. Ihren Vater Idris, gemeinsamer familiärer Nenner der beiden, lernen wir als Leser*innen dann im Mittelteil des Buchs kennen. Dieser kam als junger Student aus dem Senegal in die DDR. In Leipzig durfte er mit anderen Afrikanern ein Studium absolvieren, der sozialistische Bruderstaat wollte sich von seiner besten Seite zeigen. Aus seiner Studienzeit in der Deutschen Demokratischen Republik gingen zwei Kinder mit zwei Frauen hervor. Ebenjener Gabriel und Mick, zu denen er dann aber in der der Folge keinen Kontakt mehr pflegte, sondern zurück nach Afrika ging.

Ein Triptychon

Wie gestaltet Jackie Thomae ihre Geschichte nun aus? Sie wählt als Bauplan ihrer Erzählung die Form eines klassischen Triptychons. Zunächst erzählt Thomae im Kapitel Der Mitreisende von Mick, ehe sie sich im Mittelteil Intermezzo Idris zuwendet. Im Anschluss bildet Gabriel im Teil Der Fremde den letzten Teil der Familienaufstellung, ehe ein Epilog im Jahr 2017 Brüder vollendet.

Auch wenn die Form eines Triptychons eine große Achsensymmetrie und Harmonie in der Erzählung naheliegt – abgesehen von der Seitenaufteilung ist diese Harmonie nicht gegeben. Im Falle von Mick erzählt sich Jackie Thomae in personaler Erzählperspektive grob chronologisch durch dessen Leben.

Bei Gabriel hingegen wählt sie eine völlig andere Erzählweise. Immer abwechselnd berichten Gabriel und seine Frau Fleur aus Ich-Perspektive aus ihrem (Ehe)Leben und machen so gegenläufige Betrachtungsweisen offenbar. Das ist in meinen Augen deutlich besser gelungen und besitzt mehr Tiefenschärfe, was aber zugleich eine gewisse Unwucht ins Buch hineinbringt. Gegen den starken Gabriel-Teil fällt der Mick-Teil doch ab (was auch damit zu tun haben könnte, dass ich Gabriel mit der gewählten Erzähltechnik deutlich näher komme).

Abgesehen von dieser gestalterischen Unwucht ist Brüder ein Roman, der jene eingangs erwähnten Fragen elegant und en passant abhandelt. Immer bleibt Jackie Thomaes Buch gut lesbar und treibt die Handlung voran. Auch die Fragen von schwarzer Identität behandelt Brüder, ohne groß aus dem erzählerischen Tritt zu kommen (was auch kongenial auf dem Cover wieder aufgegriffen wird). Alles fügt sich gut ein. Die Entscheidung, das Buch für den Deutschen Buchpreis 2019 zu nominieren, ist durchaus nachvollziehbar.

Mit Brüder gelingt Jackie Thomae ein wirklich unterhaltsamer, phasenweise wirklich einsichtsreicher und bestechender Familienroman der etwas anderen Sorte. Das Buch ist nicht unbedingt die Antwort, aber eine lesenswerte Ergänzung zu Paul Austers Lebensstudie 4,3,2,1.


Andere Meinungen und Eindrücke zu Jackie Thomae gibt es unter anderem auch hier bei Gérard von Sounds&Books, bei Deutschlandfunk Kultur und bei SWR 2 Kultur.

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Robertson Davies – Der Fünfte im Spiel

Welche lebenslangen Konsequenzen ein einfacher Schneeballwurf haben kann, das illustriert der Autor Robertson Davies in seinem 1970 erschienenen Roman Fifth Business, zu Deutsch Der Fünfte im Spiel. Eine Wiederentdeckung.


Robertson Davies (1913-1995) gilt als einer der bekanntesten kanadischen Schriftsteller, dessen Bücher vielfache Ehrungen erhielten, unter anderem Nominierungen für den Booker Prize. Das Schreiben war für Davies lange eine Nebentätigkeit, bis 1981 arbeitete er nämlich eigentlich am Trinity College an der Universität von Toronto. Dort lehrte er bis zu seinem Ruhestand Literatur und Kreatives Schreiben. Zeitlebens interessierte er sich auch stark für Psychologie und die Lehren der großen Psychiater jener Zeit, darunter etwa Sigmund Freud oder C. G. Jung. All diese Themen, mit denen Davies zeitlebens in Berührung kam, finden sich auch in Der Fünfte im Spiel, das vielen als Davies‘ bestes Buch gilt.

Der Erzähler ist Dunstable Ramsay, genannt Dunstan. In einer Rückschau berichtet er dem Direktor seiner Schule, an der er jahrzehntelang lehrte, von seinem Leben. Ausgangspunkt ist dabei jener eingangs erwähnte Schneeballwurf. Aus jugendlichem Leichtsinn wirft sein Freund/Feind Percy Boyd Staunton einen Schneeball nach Dunstan. Doch dieser duckt sich weg, sodass der Schneeball die schwangere Frau des lokalen Pfarrers trifft. Jene Mrs. Dempster, so ihr Name, stürzt hochschwanger – und löst so die Geburtswehen aus. Ihr Kind kommt deutlich vor dem erechneten Termin zur Welt – und Dunstan wird von großen Schuldgefühlen geplagt. In der Folge entspinnt sich zwischen ihm und Mrs. Dempster eine komplizierte Freundschaft, die das ganze Leben lang andauern soll.

Aus einem Schneeball wird eine Lawine

Chronologisch entfaltet Dunstable vor uns sein Leben, ausgehend von jenem schicksalhaften Schneeball, aus dem eine ganze Lawine an Schicksalen und Ereignissen werden soll. Dabei ist der Ton, in dem die Geschichte erzählt wird, kaum veraltet, trotz des nun baldigen 50-jährigen Jubliäums des Romans. Einen Anteil daran hat auch die Übersetzung von Maria Seifert.

Man folgt Dunstans Erlebnissen sehr gerne, egal ob dieser von seinem Schicksal im Ersten Weltkrieg, seiner Kindheit in der kanadischen Provinz oder seinen Abenteuern bei einem Zirkus erzählt. Das Buch hat einen ruhigen Fluss, weiß an manchen Stellen mit trockener Komik zu überraschen, bietet eine interpretatorische Vielfalt und ist einfach das, was ich landläufig als guten Schmöker bezeichnen würde. Mir war es an manchen Stellen etwas zu viel Metaphysik und Religion (gerade die von Davies ausführlich skizzierten religiösen Befindlichkeiten und Rivalitäten der verschiedenen Kirchen sind doch etwas aus der Zeit gefallen). Aber das gleicht sich auf die Länge des Romans gut aus. Eine wirkliche Wiederentdeckung, die in Kanada zu Recht auf den Lektürelisten von Schulen steht.


Bildrechte Porträt Davies: By Source (WP:NFCC#4), Fair use, https://en.wikipedia.org/w/index.php?curid=5500688

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William Finnegan – Barbarentage

Es war ein sonniger, aber durchaus auch recht windiger Tag im August vor fünf Jahren. Mit Freunden war ich zum Urlaub nach Cornwall aufgebrochen. Neben der großartigen Landschaft, den pittoresken Küstenstädtchen, Pubs und Stränden sollte auch der Sport nicht zu kurz kommen. So befanden wir uns also im Auto in Richtung Newquay, einem kleines Städtchen am äußerten Südwestzipfel Englands. Direkt am Atlantik gelegen laufen hier gute Wellen fürs Surfen auf – eine Tatsache, die sich schon von der Panoramastraße oberhalb der Steilküste beobachten ließ. Überall inmitten der gleichmäßig anbrandenden Wellen waren die Surfer zu sehen, die die Wellen ritten. Dem wollten wir dem nicht nachstehen.

Dementsprechend parkten wir schnell das Auto am Strand, deckten uns mit Boards und Neopren-Anzügen ein und wagten uns dann in die Fluten des kalten Atlantik. Dass ich noch nie in meinem Leben auf einem Surfboard gestanden hatte – geschenkt. So schwer kann es ja nicht sein, so meine törichten Gedanken zu Beginn. Vor allem weil es von draußen am Strand so leicht aussah, als all diese Surfer die Wellen abzirkelten, immer wieder schnell über die Wellenkämme schoßen und dann irgendwann von den Wellen getragen an den Strand zurückkehrten. Lässig und entspannt schien das – bis ich mich das erste Mal ins Wasser wagte und gleich einmal sprichwörtlich baden ging. Um es kurz zu machen: das erste Surfen meines Lebens, es war ein einziges Debakel. Das hilfreichste am ganzen Surfen war die Leash, also jenes Seil, das die Verbindung von Knöchel und Surfbrett darstellt. Andauernd verpasste ich die Wellen – und wenn ich sie einmal erwischt hatte, dann schmiss mich die Welle gleich wieder vom Brett. Sie klaute mir das Brett, tauchte mich und ließ mich frustiert zurück. Wie schafften das die anderen Surfer, dass das alles so leicht aussah?

William Finnegan erzählt es in Barbarentage. Er berichtet in seinem Buch von der lebenslangen Leidenschaft zum Surfen, die ihn schon in Kindheitstagen infizierte. Über verschiedene Lebensstationen gestaffelt ist das Buch Zeugnis einer Surfleidenschaft, die sich tief in Finnegans DNA eingegraben hat. Schon früh zieht es Finnegan hinaus aufs Wasser, als er mit seiner Familie auf Hawaii lebt. Noch vor dem Frühstück schnappt er sich sein Surfbrett, um die Wellen Hawaiis zu erkunden. In seiner Familie macht ihn das zu einem Solitär, denn Finnegan gibt dem Surfen den Vorzug vor dem Familienleben. Auch später wird seine große Bindung stets die zu Boards sein, Familie hat für William Finnegan zumeist einen niedrigeren Stellenwert. Seine Eltern tolerieren dies und lassen ihren Sohn in die Welt hinausziehen – wovon er weidlich Gebrauch macht.

Offen berichtet der Autor, wie er die Welt bereist, immer auf der Suche nach der nächsten Welle, nach dem noch aufregenderen Spot. Mal mit weiblicher Begleitung, mal mit einem besten Freund. Finnegan schwimmt voll auf der Hippiewelle der 60er und frühen 70er Jahre mit und bereist den mehr oder minder den gesamten Globus. Bei seinen Surfreisen gelangt er auf alle fünf Kontinente. Er surft in Australien, vor Java, auf Madeira, LA oder in Afrika. Sein Antrieb ist stets die nächste Welle, das spektakulärere Set. Davon berichtet er sehr offen. Er erzählt von berauschenden Erlebnissen genauso wie von Niederlagen, wenn die Wellen auf sich warten lassen oder das erhoffte Erfolgserlebnis einer Reise ausbleibt.

Sein Buch gleicht dabei einem Surftripp. Manchmal erzählt Finnegan rasend schnell, fast schon stakkatohaft. Dann wieder ist das Buch ruhiger, gerade wenn Finnegan seine Entwicklungen und Wandlungen reflektiert. Gekleidet wird das in eine Sprache, die nahe am Wasser gebaut ist. Swell, Face, Set, Barrell – am Ende des Buchs ist der Leser ein halber Surfprofi geworden – und wenn nicht, dann wartet das Glossar mit der Erklärung von Begriffen. Übertragen wurde das Ganze von Tanja Handels, wobei sie fachliche Hilfe von Jens Steffenhagen erhielt. Nach der Lektüre von Barbarentage weiß man, warum die Übersetzerin zusätzlich noch Hilfe benötigte. Denn der technische Teil ist manchmal fast eine Spur zu erdrückend, dann aber nimmt sich Finnegan wieder etwas zurück und lässt auch Surf-Laien zu Luft kommen. Wollte man das Buch in eine Schublade packen, dann wäre es größtenteils ein Memoir und teils Surf-Handbuch.

Für seine packenden Schilderungen seiner Surf-Sozialisation erhielt William Finnegan im Übrigen im Jahre 2016 in der Sparte Biografie den Pulitzerpreis. Dies ist mehr als verständlich, denn Barbarentage schafft ein Gefühl von Weite, von diesem Gefühl, im Urlaub entspannt eine neue Welt zu erkunden und packt die Sehnsucht, aus seinem Alltag auszubrechen, in schöne Worte und Bilder.

Auch mir ist es so mit diesem Buch so gegangen. Seit der Episode in Cornwall habe ich bis heute kein Surfbrett mehr unter mir gehabt. Mein Wunsch nach diesem Erlebnis war seit meinen Waschgängen im Atlantik mehr als nur gedämpft. Doch William Finnegan hat es geschafft, mit seinem Memoir dieses Gefühl und die Sehnsucht, die man mit dem Surfen assoziiert, wieder neu zu entfachen. Was kann man mehr von einem Buch erwarten?

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Nickolas Butler – Die Herzen der Männer

Ja darf man das denn überhaupt noch? Bücher über Männer und ihre Gefühle Schreiben? #Metoo? Toxische Männlichkeit? Geht da überhaupt noch was? Natürlich geht da noch was – gerade in Zeiten, in denen Männer, Weltbilder und Rollen hinterfragt werden, scheint dies auch wieder vermehrt in der Literatur zu geschehen. Als Beispiel sei hier das in Kürze erscheinende und für den Man-Booker-Prize nominierte Buch Was ein Mann ist von David Szalay genannt – genauso wie das neue Buch von Nickolas Butler, auf das hier genauer eingegangen werden soll.

Butler gelang mit seinem deutschen Erstling Shotgun Lovesongs ein beachtetes Buch, das von der Freundschaft von fünf Menschen aus Wisconsin erzählte. Das Buch sollte gar eine Verneigung vor dem Folkmusiker Bon Iver sein, dessen literarische Wiedergänger einige Kritiker im Buch ausgemacht haben wollten. Meine Begeisterung für den Roman war damals durchaus vorhanden, wenngleich ich dem Roman in der B-Note ein paar Pünktchen abgezogen habe.

Nun gibt es nach fünf Jahren also mit Die Herzen der Männer Nachschub für alle Fans von Butler – die Übersetzung des Buchs kommt abermals von Dorothee Merkel. Eine inhaltliche Einordnung und Zusammenfassung des Buchs fällt dabei doch recht schwer – im Grunde erzählt Butler von Vätern und Söhnen, von Rollenmodellen und missbräuchlichem Verhalten. Er tut dies, indem er seinen Roman in drei Großteile gliedert, die stellvertretend für drei Generationen Männer stehen. Ein Teil des Romans spielt in einem Pfadfinderlager 1962, der zweite Teil springt in den Sommer des Jahres 1996, ehe Butler dann 2019 endet, wo er die große Klammer des Romans schließt, da er wieder im Pfadfinderlager in Chippewa ankommt. Dieses Lager und sein Leiter Nelson sind das Leitmotiv des Buches. Eingangs fungiert Nelson noch als Trompeter des Pfadfinderlagers, dessen Aufgabe es ist, den morgendlichen Weckruf auf seiner Trompete zu spielen. Als Außenseiter leidet er unter Mobbing und häuslichen Spannungen – und auch im Pfadfinderlager sieht er sich einigen Schikanen ausgesetzt.

Auch wenn die Handlung im Folgenden einige Jahrzehnte voranspringt – Nelson ist immer präsent, auch wenn Butler gerade gar nicht direkt bei ihm verweilt. Indirekt und in Rückblenden erfährt man immer mehr aus Nelsons Leben und dem seiner Freunde – der Vietnam-Krieg spielt dabei genauso eine Rolle wie seine Versuche, dem familiären Umfeld zu entfliehen. Am Ende wird jener Nelson gar selbst der Leiter des Pfadfinderlagers in Chippewa. Doch die Spuren der Zeit und die veränderten gesellschaftlichen Muster machen auch ihm und dem Lager zu schaffen. Deutlich wird dies, wenn beispielsweise die eingangs noch von Nelson selbst gespielte Trompete nur noch vom Band ertönt. Viele solche kleiner Inszenierungsideen begegnen dem Leser im Lauf des Buchs. Das ist wunderbar gemacht und fällt vor allem dann auf, wenn ansonsten die Rollenmuster zwischen Eltern und Kindern gleich bleiben.

Nickolas Butler besinnt sich in seinem Roman auf einige immer wiederkehrende Motive, die dem Buch Rhythmus und Tiefe verleihen. Männer, Freundschaft, Krieg, Natur sind omnipräsente Themen, die die Seelen seiner ProgatonistInnen eingehend prägen und kerben. Wer aber nun eine Art Mischung aus Timbersports und Landser-Heftchen erwartet, der sollte schleunigst seine Finger von diesem Buch lassen. Denn Die Herzen der Männer ist vor allem eins: sehr feinfühlig. Butler zeigt gebrochene, widersprüchliche Menschen, die oftmals an ihren eigenen Ansprüchen scheitern. Besonders der dritte, aktuellste Teil scheint dabei wie für all unsere aktuellen Debatten geschrieben. Dieser Teil ist nämlich aus Sicht einer alleinerziehenden Frau erzählt und bringt all diese Themen aufs Tapet, die unsere gesellschaftlichen Debatten der letzten Zeit prägten: Sexismus, Misogynie und Machotum. Eindringlich zeigt der amerikanische Schriftsteller, wie die Mutter im Pfadfinderlager unter dem Sexismus der Väter leiden muss, wie sich Männer einfach über Frauen erheben und ihre Sicht der Dinge zur allesgültigen Hypothese erklären.

Das ist stark gemacht und passt einfach nahezu prophetisch in diese diskursintensive Zeit. Dieses Buch zum schlichten Männer- oder Frauenbuch erklären zu wollen, das greift hier viel zu kurz. Die Herzen der Männer ist eine Meditation darüber, was Männer ausmacht, wie sie ihre Rolle in der Gesellschaft definieren, wie die Geschlechter zueinander stehen, was Einsamkeit und Ausgrenzung mit Menschen machen kann, wie das Leben aussieht. Und somit sollte das Buch von allen gelesen werden: Männern und Frauen!

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Roland Schimmelpfennig – An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts

Vertane Wolfs-Chance

„An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts überquerte ein einzelner Wolf kurz nach Sonnenaufgang den zugefrorenen Grenzfluss zwischen Deutschland und Polen.“

Schimmelpfennig, Roland: An einem klaren, eiskalten Januarmorgen (…), S. 5

Was für ein Auftaktsatz, der den ersten Roman des deutschen Dramatikers Roland Schimmelpfennig (der meistgespielte deutsche Theaterautor, wie der Klappentext stolz kündet) einleitet. Man denkt an Musils Mann ohne Eigenschaften: „Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum; es wanderte ostwärts, einem über Russland lagernden Maximum zu, und verriet noch nicht die Neigung, diesem nördlich auszuweichen.“

Eiskalt

Ein großartiger erster Satz aus der Feder Schimmelpfennigs, der damit schon ein Gefälle einstellt, auf dem alles, was danach folgt, hinunter rutscht. Der Debütant erzählt von eben jenem Wolf, der als Leitmotiv durch das Buch streift und unaufhaltsam auf Berlin zuhält. Immer wieder kreuzen Menschen den Weg des Wolfs und werden mit dem Schicksal des Raubtiers verknüpft. Diese Menschen sind Ausreißer, Späti-Besitzer oder Zeitungsvolontäre, die alle in diesem Wolf etwas anderes sehen. Doch leider lässt Schimmelpfennig seinen verschiedenen Charakteren, die immer wieder im Buch auftauchen, wenig mehr als ihre Berufe. Namen hält der Autor so gut wie immer für überbewertet, was dazu führt, dass das Ausreißerpärchen meistens nur als der Junge und das Mädchen tituliert wird. Es erfordert Aufmerksamkeit vom Leser, die verschiedenen Lebens- und Erzählstränge auseinander zuhalten, da Schimmelpfennig neben der minimalen Namensgebung auch auf so etwas wie Biographien hinter den Namen verzichtet und so keinerlei Tiefenwirkung erzielt. Ein weiteres Ärgernis, das ich bei einem Dramatiker eines Ranges von Roland Schimmelpfennig so niemals erwartet hätte, ist auch die Lustlosigkeit und Banalität der Dialoge. Jeder spricht mit jedem gleich, kein Soziolekt, keine Charakterisierung durch das gesprochene Wort – nichts.

Dies ist ärgerlich, da sich An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts wie ein einziges Fest der Klischees liest. Natürlich stammt das Ausreißerpärchen aus verschiedenen Welten (da der Vater des Jungen als Alkoholiker und Psychatrieinsasse, dort die Mutter des Mädchens als Bauhaus-Villa-Bewohnerin), natürlich arbeitet der Pole auf dem Bau und seine Frau putzt Wohnungen, natürlich hat der Vater der türkischstämmigen Zeitungsvolontärin einen Dönerimbiss am Kottbusser Tor. Munter reiht Schimmelpfennig Klischee an Klischee und auch zu Berlin fällt ihm nichts Neues ein. Mehr als eine Revue von Ortsnamen und Banalitäten ist das Ganze leider nicht (die Gentrifizierung greift in der Bundeshauptstadt um sich? Welch hellsichtige Analyse). So liest man das Buch merkwürdig distanziert und wird von nichts wirklich berührt. Was die Jury des Preises der Leipziger Buchmesse zur Nominierung dieses Titels bewogen hat, bleibt auch nach der Lektüre mehr als schleierhaft. Eine wahrhaft vertane Wolfs-Chance, trotz all des Potentials, das die Erzählung geboten hätte!

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