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Petra Morsbach – Orion

Zu den lebensprägenden Figuren zählen neben der eigenen Familie sicherlich auch Lehrkräfte, denen man im Laufe seines Lebens begegnet. Sie beeinflussen junge Menschen im Positiven wie auch im Negativen entscheidend — und eine von ihnen steht im Mittelpunkt des neuen Romans Orion der großen Schriftstellerin Petra Morsbach.
Bei ihr ist es eine Deutschlehrerin, deren Leben der Roman beschreibt und dabei auch immer von dem erzählt, was stets in ihrem Leben war und ist: die Literatur.


Welche Rolle spielt Literatur in einem Leben? Kann sie einem zu einem besseren Menschen machen? Diese vieldiskutierte Frage schwingt auch im neuen Roman von Petra Morsbach mit.
Sie, die sich in ihren Büchern schon mit Vertreten der Kirche und Justiz beschäftigte oder aus dem Tempel der Hochkultur berichtete, nimmt mit Orion einen weitere gesellschaftsprägenden Berufsstand in den Blick, nämlich den der Lehrkräfte.

Nora heißt die Ich-Erzählerin, die zunächst in einem Akt der Selbstanalyse auf jene Person zurückblickt, die in ihr die Liebe zum geschriebenen und manchmal auch zum gesungenen Wort geweckt hat. Es handelt sich um ihre Oma Auguste, bei der die Erzählerin in Kindheitstagen kurzzeitig einquartiert wurde.

Dort auf dem Land, wo Auguste in ihrem Zuhause das regelmäßige Singen von heute kaum mehr bekanntem Liedgut wie Abendstille überall, Zogen einst fünf Schwäne oder Flandern in Not praktizierte, wurde in der Erzählerin zum ersten Mal das Gefühl von Halt geweckt, das einem Texte geben können und die damit zu Lebensbegleitern werden können.

Die stete Anwesenheit von Literatur

Petra Morsbach - Orion (Cover)

Auch in Noras Leben wird die Literatur immer präsent sein, wird mal Lebensratgeber, mal Trost oder Vermittlerin von universellen Erkenntnissen sein, wie uns die Lehrerin auf den folgenden knapp 400 Seiten Lebensrückblick zeigt.

Dabei ist das Leben von Morsbachs Heldin eigentlich kein spektakuläres, eher das Gegenteil dessen. Neben ihrem Studium jobbt sie als junge Frau im Münchner Hauptstaatsarchiv, wo sie ihren späteren Mann mit dem schönen Namen Dr. Theseus Dellendrücker kennenlernt. Ein Kind, eine Trennung sowie viele Jahre im Staatsdienst sollen folgen.

Als Deutschlehrerin übt sich Nora in der Heranbildung von kritisch denkenden Jugendlichen, was ihr mal schlechter und mal besser gelingt. Drei Krisen gilt es in ihrer beruflichen Laufbahn zu überwinden, ehe sie sich krankheitsbedingt in den Vorruhestand zurückzieht und sich in einem Leben ohne Leistungsdruck üben kann.

Die Kunst der Charakterisierung

Das klingt auf dem Papier nach einer nicht sonderlich fesselnden Angelegenheit, erweist sich in der Praxis dann aber auch hier als das wirkliche Gegenteil. Petra Morsbach gelingt es nämlich, mit viel psychologischem Feingefühl und einem scharfsinnigen Blick nicht nur Nora, sondern auch die Figuren zu zeichnen, die der Lehrerin begegnen und die sie umgeben.

Egal ob ihr Mann Dr. Theseus Dellendrücker, ihr gemeinsamer Sohn Aeneas, genannt Enni, oder die Kollegen aus dem Lehrerkollegium am Gymnasium: sie alle werden zu komplexen, widersprüchlichen Figuren, deren Lebensbahnen Nora mal enger umkreist oder auch nur kurz passiert, ganz so wie das Sternenbild des Orion, das ihr Enni zwar in seinen Jugendtagen erklärt, das dann aber wieder für lange Zeit aus dem Aufmerksamkeitsbereich der Lehrerin verschwindet, ehe sie ihm in einer späteren Lebenszeit wieder ansichtig wird.

Auch wenn manche Menschen und Ereignisse Nora dabei mal näherkommen oder sich auch rasch wieder aus dem Nahbereich der Lehrerin entfernen, allen Figuren ist gemein ist, dass Morsbachs Heldin sie alle mit präzisem literarischen Strich und viel psychologischem Feingefühl pointiert einfängt.

Als Beleg sei an dieser Stelle nur ein kleiner Auszug zitiert, der das Miteinander oder besser gesagt das Gegeneinander im Kollegium aus Noras Sicht beschreibt. Im vorliegenden Fall blickt sie zurück auf das Verhältnis ihres einstigen Kollegen Lenny und dessen Rivalität zu seinem Vorgesetzten Dr. Kraxenberger, genannt Kraxi.

Lennys einzige Vertraute war Elsie, die Sekretärin. Dabei tyrannisierte er sie: Sie musste zum Beispiel jeden Morgen Schlag neun Uhr fünfzehn eine heiße Tasse Dallmayr-Kaffee auf seinen Tisch stellen, egal, ob er da war oder nicht. Die Bohnen kaufte sie von ihrem eigenen Geld, da er es trotz Hinweis meist vergaß. Einen Kaffeestreik wollte sie aus Furcht vor Lennys Rache nicht riskieren. Irgendwie kam sie mit ihm zurecht. Lenny rief sie ab und zu in sein Büro, um ihr sein Herz auszuschütten. Wenn Kraxi sie dort antraf, befahl er sie zum Diktat. Dann war Lenny eifersüchtig. „Hat das Arschloch Sie wieder vollgelabert?“

Es ist erstaunlich, wie viel Schieflage ein Kollektiv verträgt. Alle taten so, als sei es normal. Vielleicht ist die Schieflage der Normalzustand? Wir lehrten die Kinder eine Moral, die wir selbst nicht aufbrachten, und doch war Schule, und sie lernten etwas. Ich selbst hatte Schieflage in meiner Ehe praktiziert, und doch war es eine Ehe (was sonst?) gewesen und sogar eine Familie. Die Kluft zwischen Modell und Wirklichkeit füllten wir mit Worten, und obwohl diese Worte vor allem die Abweichungen behandelten, hielten sie das Modell zusammen. „Lenny hat sich verbarrikadiert.“ „Uli hat wieder zu tief in die Flasche gekuckt.“ Jeder gab das, was er zu geben hatte, bis er zu einem bestimmten Stichtag in den Ruhestand geschickt wurde und verschwand.

Petra Morsbach – Orion, S. 164 f.

Eine Frau mit hellsichtigem Blick

Auch Orion zeigt wieder Morsbachs hellsichtigen Blick auf Menschen und die Fähigkeit zur Analyse, die Nora sich und ihrem Umfeld zukommen lässt. Die Widersprüche und menschlichen Makel, Nora betrachtet sie abgeklärt und lebenserfahren.

Das Wichtigstes Mittel dieses Erkenntnisgewinns, der Schärfung des Blicks und dem Abgleich mit der eigenen Erfahrung ist für Nora stets die Literatur, in die sich die Deutschlehrerin versenkt und die auch der Text immer wieder zitiert.

Gibt ihr Gottfried von Straßburgs Tristan Halt während ihrer Affäre, spendet ihr der antike Philosoph Sextus Empiricus mit seinen Weisheiten Trost und Inspiration nicht nur für ihre Ethik-Unterricht, liefert Anna Achmatovas Lyrik Zuversicht oder stiftet die Lektüre eines antiken Mythos wie dem des Gilgamesch-Epos ob seiner Gewalt und der scheinbaren Unentrinnbarkeit derselbigen auch Irritation, so ist Nora immer im Gespräch mit der Literatur und findet vor allem in der Antike viel Allgemeingültiges für ihr Denken und Wahrnehmen.

Alles andere als Buchkitsch

Orion vermeidet dankenswerterweise jegliche Art von gefühligem Buchkitsch, sondern lässt die simple Feier von Wohlfühl-Literatur weit hinter sich. Vielmehr begreift die Schilderung des Lebens der Leserin Nora Literatur als essenziellen Lebensbegleiter, der auch Gewissheiten infrage stellen kann. Und auch wenn sie nach ihrem Abschied von der Schule das analytische Lesen sein lassen kann und tief eintaucht in die Welt der Literatur, so ist das Lesen für sie immer mehr Erkenntnisinstrument denn Weltflucht.

Zudem ist ein weiteres Thema in Noras Leben wie auch in Petra Morsbachs Schreiben erneut präsent. Es ist das Thema von Macht und Machtmissbrauch, das Nora im Lehrerkollegium erfährt und das ihr später wieder in der Beschreibungen anderer begegnen wird.

Wie schon in ihrer letzten Veröffentlichung, drei Essays, die unter dem Titel Der Elefant im Zimmer – Über Macht und Machtmissbrauch im Jahr 2020 erschienen, umkreist auch dieses Buch immer wieder die Frage, wie man sich Unrecht widersetzen kann und welche Erfahrungen man damit macht.
Morsbach, die auch in realiter nicht nur als Mitglied der Akademie der Schönen Künste in München immer wieder vernehmbar Kritik nicht scheut, zeigt hier anschaulich, wie auch im Kleinen große Fragen verhandelt und entschieden werden.

Fazit

Das Buch bindet diese Themen organisch in das Leben Noras ein und weist damit über eine reine Lebensbeschreibung oder Feier von Lesen hinaus.
Morsbach hat ein genaues Auge für die privaten wie beruflichen Herausforderungen im Leben ihrer Lehrerin, grundiert mit ihrem psychologischen Scharfblick und dem Talent zu präzisen Charakterentwürfen.

Orion ist ein Roman, der danach fragt, was uns Menschen prägt und wie wir unsere Mitmenschen prägen — und findet vor allem in der Literatur Antworten.
Mit diesem Buch pflanzt die so kluge und diagnostisch treffsichere Petra Morsbach neun Jahre nach Justizpalast einen weiteren hell strahlenden Stern auf ihre literarischen Himmelskarte und schreibt ihren Kosmos komplexer Charakterstudien lesenswert fort.


  • Petra Morsbach – Orion
  • ISBN 978-3-328-60073-2 (Penguin)
  • 410 Seiten. Preis: 26,00 €

Titelbild: „München, Ludwigstrasse – Bayerisches Hauptstaatsarchiv (1)“ by Pixelteufel is licensed under CC BY 2.0.

Golo Maurer – Rom – Stadt fürs Leben

Was ist nicht schon alles über die Ewige Stadt geschrieben worden. Als Ziel der Grand Tour, Magnet für Touristen, Bildungsreisende und Künstler*innen seit jeher ist eine schon eine unmöglich zu überblickende Fülle an Büchern über die italienische Hauptstadt geschrieben worden. Braucht es da noch ein weiteres Buch über die Faszination Rom? Unbedingt, wenn der Verfasser des Ganzen Golo Maurer heißt.

Denn er legt mit Rom – Stadt fürs Leben einen persönlichen Blick auf jene Stadt vor, die ihn ebenso begeistert, wie sie ihn mit ihren Eigenheiten manchmal schier den Verstand zu kosten scheint. Aber selbst alle Verzweiflung ist hier doch auch nur eine etwas geartete Form von Rom-Liebe, an der er seine Leserinnen und Lesers enorm vergnüglich und sprachlich burlesk teilhaben lässt und mit der er auf den Spuren von Ferdinand Gregorovius wandelt.


Strenggenommen ist ja schon eigentlich fast alles über die Stadt am Tiber geschrieben worden, mit ihren Nebeneinander von Kirchen, Kunstwerken, dolce vita und sprezzatura. Alleine in diesem Herbst erscheinen dutzende Publikationen, die sich – besonders bedingt durch den Gastlandauftritt auf der Frankfurter Buchmesse – mit dem Zauber Roms befassen. Auch Golo Maurer fügt sich in diese Riege an Titeln ein, ragt aber zugleich mit seinem persönlichen Blick auf die Stadt aus dieser Riege heraus.

Denn ihm gelingt mit Rom – Stadt fürs Leben eine großartige Einführung in das, was es heißt, Römer zu sein in einer Stadt, die mit ihren Eigenheiten von Zeit zu Zeit herausfordert, verzweifeln lässt, aber am Ende immer beglückt. Kundig und mit einem bewundernswerten Sinn für Sprache, Timing und Übertreibung lässt er uns alle an diesen Emotionen teilhaben, die die Ewige Stadt hervorzurufen im Stande ist.

Parolacce, ÖPNV und Marmortische

Golo Maurer - Rom - Stadt fürs Leben (Cover)

Dabei lässt Maurer bei seinem persönlichen Blick so gut wie nichts aus. Einführung ins Parolacce, den Gebrauch von Schimpfwörtern, über die Tücken des Öffentlichen Personennahverkehrs in der Hauptstadt bis hin zum Lebensgenuss, reichend vom Zauber der Marmortische in Trattorien bis hin zum Barbier.

Acht Kapitel nebst Vor- und Nachrede bilden den Korpus dieses Buchs, das beginnend mit dem Historie Roms und ihren Hügeln über Themen wie die römische Politik bis hin zu den „Römischen Idyllen“ führt. Darin beschreibt Maurer seinen eigenen Blick auf das Leben in Rom in einem sprachlich höchst eleganten und mit Humor punktenden Erzählstil.

Mal ist es die Verzweiflung, wenn der Bus Assoziationen zu Herman Melvilles Moby Dick weckt, gleicht schließlich das Ausharren nach dem legendären Wal an Bord der Pequod dem Warten auf der Haltestelle, wenn sich keine Sichtung des begehrten Fahrzeugs einstellen mag. Mal lässt er sich über die unerschütterliche Liebe der Italiener zum Plastik und dessen Nicht-Entsorgung aus. Sein Groll über das Land, in dem nicht nur die Zitronen blühen, sondern ebendiese gleich in Plastik eingestretcht werden, ist nicht nur durch den Blick des Deutschen auf die Eigenheiten der Römer höchst komisch.

Abrechnung und Hommage

Rom – Stadt fürs Leben ist so nicht nur eine Abrechnung und Hommage an das Leben in der Ewigen Stadt, es ist auch ein schönes Mittel, sollte man von einem akuten Anfall von Sehnsucht auf das Dolce Vita in der italienischen Hauptstadt heimgesucht werden. Man schlendert mit dem Autor durch die Trattorien oder wird bei einer wagemutigen Wanderung von Rom nach Neapel (die in Ton und Gestus an die großen Abenteuer der Grand Tour vergangener Zeiten gemahnt) sogar gefährlichen Raubtieren ansichtig.

Liest man Maurers Buch, mag man zwar von manchen Aspekten des Lebens dort auf den Hügeln Roms abgeschreckt sein – umso größer ist aber die Begeisterung für die Stadt, hat man dieses Buch beendet. Es weckt Sehnsucht und zeigt uns Deutschen auf, wie es gehen kann, mit der Kunst des schönen Lebens.

Unterhaltsam, sprachlich elegant, hochkomisch, ehrlich sind die Betrachtungen von Leben und Leben Lassen, vom Wandel in der Stadt und der Faszination für sie, die sich doch seit jeher erhalten hat und dies gewiss noch lange tun wird. Nicht nur im Zuge des Gastlandauftritts als Einführung in das römische Leben dieses modernen Gregorovius ist dieses Buch höchst lesenswert!


  • Golo Maurer – Rom – Stadt fürs Leben
  • ISBN 978-3-498-00380-7 (Rowohlt)
  • 336 Seiten. Preis: 28,00 €

Sebastian Guhr – Chamissimo

Adelbert von Chamisso – war da nicht etwas? Vielleicht entsinnt sich manch einer noch des bekanntesten Werks des 1781 geborenen Autors, nämlich Peter Schlemihls wundersame Geschichte. Vielleicht kramt man aus der Tiefe des eigenen Erinnerns noch den Adelbert von Chamisso-Preis hervor, der bis 2017 an Autor*innen nichtdeutscher Sprachherkunft verliehen wurde, etwa an Esther Kinsky oder Abbas Khider. Damit dürfte es dann aber alles gewesen sein, was man als durchschnittlich gebildeter Nicht-Germanist zu Chamisso beitragen kann.

Was für ein spannendes Leben Adelbert von Chamisso tatsächlich geführt hat, das zeigt der Berliner Autor Sebastian Guhr in seiner Romanbiografie Chamissimo, in der Fantasie und Wirklichkeit verschwimmen, ganz wie im Schaffen von Chamisso selbst.


Unstetigkeit, sie war Adelbert von Chamisso schon von Kindesbeinen an vertraut. So musste die Familie im Jahre 1971 vor den anrückenden napoleonischen Aufständischen aus ihrem Schloss in Frankreich fliehen. Chamisso kam nach Bayreuth und fand Anschluss am preußischen Hof, an dem er trotz Romanzen und Freundschaftsbünden mit Männern wie Eduard Hitzig oder Karl August Varnhagen (dem später Mann von Rahel Varnhagen), Außenseiter blieb.

Sebastian Guhr - Chamissimo (Cover)

Zwar nahm Chamisso am höfischen Leben teil, verliebte sich und trat 1798 als Kadett dem Infanterieregiment Ferdinand von Goetzes ein und versuchte sich als preußischer Soldat – so recht wollte dieses Leben aber nicht zu ihm passen.

Er lernte im Rahmen von Salons Berühmtheiten seiner Zeit kennen, darunter Wilhelm Humboldt, Ludwig „Turnvater“ Jahn oder E.T.A. Hoffmann, das Rezept für ein gelingendes Leben lieferten sie ihm aber alle nicht. Seine Schreibversuche blieben in der Welt zwischen Frankreich und Deutschland beschränkt – und erst die (imaginierte?) Episode der Begegnung Chamissos mit einem Mann, der ihn um seinen Schatten ersuchte, brachte die Wende im Leben des unsteten Poeten.

Trotz gegenteiliger Anweisung veröffentlichte ein Freund Chamissos die Erzählung des gestohlenen Schattens als Peter Schlehmils wundersame Geschichte – die fortan für Ruhm und Ehre sorgte. Doch auch dieser erzählerische Durchbruch sorgte nicht für Konstanz – und Chamisso heuerte an Bord des russischen Schiffs Rurik unter Leitung des Kapitäns Otto von Kotzebue als Titulargelehrter einer Expedition an, die ihn bis nach Brasilien, den Nordpol und Kamtschatka bringen sollte.

Dort wird er zum Robinson, entdeckt auf der Reise neue Algenarten – und doch bleibt die Unstetigkeit auch dort in seinem Leben ein treuer Begleiter.

Voller Zeit- und Literaturgeschichte

Adelbert von Chamisso - Porträt
Adelbert von Chamisso

Chamissimo ist ein Werk, das von Zeit- und Literaturgeschichte durchzogen ist. Seit den Kindertagen Chamissos, als er mit der Familie vor Napoleons Aufständischen fliehen muss, ist der korsische General ein Wegbegleiter, dessen Treiben immer wieder Auswirkungen auf Chamisso haben wird. Entzweigerissen zwischen seinem Herkunftsland und seiner neuen Heimat wird Chamisso ein unangepasster Mensch bleiben, der zwischen Frankreich, Preußen und Russland hin und hermäandert und nicht zur Ruhe kommt, weder geographisch noch psychisch.

Genauso unklar wie seine wirkliche Heimat und Identität ist auch sein Schreiben, dass durch die Begegnungen mit vielen Schriftstellerinnen geprägt wurde und das sich irgendwo zwischen Klassik (Jean Paul), Vormärz (Kotzebue), dunkle Romantik (E.T.A. Hoffmann) und der hellen Seite der Romantik verortet.

Schön, dass sich Sebastian Guhr hier entscheidet, die Grenzen zwischen Fakt und Fiktion zu verwischen, indem er Chamissos erfolgreichstes Werk Peter Schlemihl auch auf Chamissos Leben selbst überträgt.

Ihm gelingt eine gut geschriebene und ebenso gut lesbare Romanbiographie, die in ihren Grundzügen etwas an Daniel Kehlmanns Die Vermessung der Welt oder an die Pfaueninsel von Thomas Hettche erinnert. Sehr zugänglich und mit dem kleinen literarischen Twist der Vermengung von Fakt und Fiktion ist ihm so ein Buch gelungen, das durchaus empfehlenswert ist.

Fazit

Mit der bewegten Lebensgeschichte von Adelbert von Chamisso hat Guhr ein ergiebiges Ausgangsmaterial gefunden, das unter seinen Händen zu einem gut lesbaren Roman wird, der Lust macht, sich auch mit den Werken von Chamissos eingehender zu beschäftigen. Bravissimo für Chamissimo!


  • Sebastian Guhr – Chamissimo
  • ISBN 978-3-7374-1199-8 (S. Marix-Verlag)
  • 208 Seiten. Preis: 22,00 €

Baret Magarian – Die Erfindung der Wirklichkeit

Es gibt wirklich spektakulärere Leben als jenes, das Oscar Babel führt. Nachdem der Erfolg und die Inspiration als Maler ausblieben, fristet er nun als Kinovorführer sein Dasein. Da ihm dieses Leben zu trist ist, beschließt sein Bekannter Daniel Bloch zumindest auf dem Papier für etwas Schwung in Babels Leben zu sorgen. Doch die Fiktion wird schnell zur Realität – mit ungeahnten Folgen, wie Baret Magarian in Die Erfindung der Wirklichkeit zeigt.


Es sind zunächst äußerst subtile Änderungen, die Bloch seiner Version von Oscar Babel auf den Leib schneidert beziehungsweise schreibt. Er mag plötzlich die Kompositionen Wagners und sein Vermieter, in realiter ein echter Haustyrann, umschlingt diesen mit Liebe. Beängstigend wird es allerdings, als diese auf dem Papier erdachten Veränderung tatsächlich in Babels Leben Einzug halten. Sein Vermieter ist frisch verliebt, Tristan und Isolde üben plötzlich einen hohen Reiz auf Babel aus, er wird zum Aktmodell – und ein Kätzchen läuft ihm auch noch zu.

Bei diesen Veränderungen bleibt es nicht – denn Babel gerät in den Fokus des Medien-Impressarios Ryan Rees, der Babel zu einer Art modernem Propheten aufbauen will. Er steckt viel Geld in eine Kampagne, die Oscar Babel bekannt machen soll. Bei der Verleihung des Duchamp-Preises beleidigt er die anwesenden potentiellen Preisträger*innen, später werden einzelne Reden von Babel aufgenommen und entwickeln sich zum Hit. Und dann bucht Rees auch noch den Park Kensington Gardens, wo Babel erstmals vor großem Auditorium auftreten soll. Dieser Gig entwickelt sich dann aber völlig unerwartet und weckt an Erinnerungen an das Geschehen, das einst ein literarischer Antiheld namens Jean-Baptiste Grenouille mit seinem Parfum auf dem Marktplatz von Grasse auslöste.

Der Aufstieg des einen, der Abstieg des anderen

Während Oscar Babel zum Stadtgespräch avanciert, geht es mit dem Initiator von Babels Aufstieg immer weiter bergab. Bloch will nach den beängstigenden Ergebnissen seiner Fiktion von Babels Neuschreibung ablassen – und wird immer kränker, während den Menschen um ihn herum allzu Unwahrscheinliches geschieht.

Baret Magarian - Die Erfindung der Wirklichkeit (Cover)

Davon erzählt Baret Magarian, der mit Die Erfindung der Wirklichkeit nun zum ersten Mal auf Deutsch zu lesen ist. Ähnlich wie seine Figur Oscar Babel hat auch Magarian schon als Aktmodell gearbeitet, zudem nennt der Verlag noch Tätigkeiten als Theaterregisseur, Übersetzer, Musiker oder Dozent, derer der Autor mit anglo-armenischen Wurzeln schon nachgegangen ist.

Seinem Buch stehe ich etwas zweigespalten gegenüber. So ist die Idee eines Aufstiegs eines Nobodys durch literarische Fiktion und skrupellose Medienmanager hin zu einem vieldiskutierten Mann mit hoher Reichweite durchaus interessant. Vor allem in Bezug auf das Spiel mit der Öffentlichkeit, die in Babel Dinge sehen möchte, die er gar nicht vorweisen kann, ist das Buch durchaus interessant und weist einige Parallelen zur Gegenwart auf.

Dennoch funktioniert das Buch für mich leider nicht wirklich. Mit Humor ist es ja eh so eine Sache, ist er doch höchst subjektiv und erreicht Menschen ganz unterschiedlich. Hier war ich für die Satire, die von vielen Seiten aus gepriesen wird, nicht wirklich empfänglich. Und auch in der „Gesellschaft der modernen europäischen Meister“ sehe ich dieses Buch im Gegensatz zum Klappentextlob von Jonathan Coe nicht wirklich, selbst wenn Magarian seinem Buch ein Zitat aus Bulgakows Der Meister und Magarita voranstellt.

Eine Nummernrevue und alberne Figurennamen

Das beginnt mit der Benennung von Figuren wie eben Oscar Babel, Vernon Lexicon, Tracy Fudge oder einer Journalistin namens Rebecca Murdeck, die man durchaus als satirisch bezeichnen kann, ich allerdings nur albern fand. Mag man über solche geschmacklichen Petitessen noch streiten, reichen meine Schwierigkeiten – und hier wird es deutlich gravierender – bis zur Struktur des Buchs selbst, das mir zu oft in eine klamaukige Nummernrevue zerfällt, anstatt eine stringente Geschichte zu erzählen.

So gibt es immer wieder eine komische Szenen wie die des Wahrsagers Alexi Sopso (auch hier wieder so ein überdrehter Name), der sich als völliger Dilettant seiner Zunft herausstellt. Das hält ihn dennoch nicht davon ab, seine Kundin zu überreden, bei einem Abendessen mit seinen strengen Eltern als Alibi-Freundin zu fungieren. Auch andere Szenen offenbaren Magarians Sinn für Komik, etwa wenn eine Figur ihr eigenes Haus anzündet oder Babel bei einem äußerst merkwürdigen Dreh für einen Dokumentarfilm zugegen ist.

Insgesamt fehlt der Geschichte in meinen Augen aber etwas der Zug und der klare Fokus auf die Erzählabsichten Baret Magarians. Sein Handling der Figuren ist nicht immer ganz souverän, denn während Bloch ziemlich schnell aus dem Fokus gerät, schieben sich andere Nebenfiguren in den Vordergrund, um erst viele Dutzend Seiten später wieder eine Rolle zu spielen, während sich immer wieder wirre Pamphlete Blochs oder Online-Artikel im Buch finden, die das Ganze etwas zerfahren wirken lassen. Darüber hinaus befremdeten mich Formulierungen wie die der Essenstafel beim Duchamp-Preis, die im Lauf des Abends langsam vergewaltigt wird.

Fazit

An solchen Stellen hatte ich das Gefühl, dass Magarian selbst seine Fabrikation, wie der Titel im englischen Original heißt, etwas entglitten ist. Vielleicht bin ich aber auch einfach nicht sonderlich empfänglich für den im Buch gepflegten Humor dieser parabelhaften Satire und kurzum schlicht der falsche Leser. Aber mit etwas mehr erzählerischem Zug, klareren Fokus auf die Hauptfiguren und eine weniger ausufernde Erzählweise hätte es vielleicht geklappt mit mir und der Erfindung der Wirklichkeit. So bleibt bei mir leider der Eindruck einer lauwarmen und deutlich zu langen Satire, der einige Straffungen gutgetan hätten.


  • Baret Magarian – Die Erfindung der Wirklichkeit
  • Aus dem Englischen von Cathrine Hornung
  • ISBN 978-3-85256-861-4 (Folio Verlag)
  • 481 Seiten. Preis: 28,00 €

William Boyd – Eines Menschen Herz

Es war ein Anfall von Nostalgie. Zu Besuch in der neuen Bücherei HP8 in München schloss ich einen Bummel durch die Innenstadt meiner alten Studienstadt München an. Der Weg führte mich dabei einmal mehr in die Sendlinger Straße, wo ich die tolle Buchhandlung texxt durchstöberte. Immer wieder wurde ich in der Vergangenheit in den Katakomben des modernen Antiquariats fündig – und so auch jetzt. Ein Mängelexemplar von William Boyds Eines Menschen Herz fiel mir in die Hände. Diese Auflage aus dem Berlin-Verlag ist vergriffen, die Rechte liegen inzwischen beim Kampa-Verlag, der das Buch im nächsten Jahr noch einmal als Hardcover veröffentlichen wird.

Zwar hatten mich die letzten Werke des 1952 geborenen Romanciers in ihrer Oberflächlichkeit und Konventionalität etwas gelangweilt, aber trotzdem wollte ich noch einmal in dieses Werk eintauchen, das mich zu Beginn meiner Studienzeit vor zehn Jahren sehr begeistert hatte. Würde der ursprünglich 2002 erschienene Roman noch einmal seinen Zauber entfalten?

Ich griff in der Buchhandlung zu und machte mich im Zug zurück nach Augsburg an die Lektüre dieses immerhin 700 Seiten starken Buchs. Ich tauchte ein in das Leben von Logan Gonzago Mountstuart – war aber nicht mehr so sehr angetan, wie ich das in meiner Erinnerung vor zehn Jahren gewesen war.

Ein Leben in Tagebüchern

In Form verschiedener Tagebücher erzählt uns Logan Mountstuart hier seine Biografie, die die unwahrscheinlichsten Begegnungen und Erlebnisse bereithalten wird. Einsetzend zu Jugendzeiten, die er in einem englischen Internat verbrachte, über sein Oxforder Tagebuch bis zu seinen Aufenthalten auf den Bahamas, in Amerika, Afrika oder Frankreich bekommen wir eine außergewöhnliches und manchmal schon fast fantastisch anmutendes Leben erzählt, in dem Logan alle Verwerfungen des 20. Jahrhunderts selbst erlebt und prägenden Figuren begegnet.

William Boyd - Eines Menschen Herz (Cover)

Wie eine Art Forrest Gump schlendert, sprintet und taumelt Logan durch die Weltgeschichte, trifft Pablo Picasso, Virginia Woolf oder Ernest Hemingway, wird während des Zweiten Weltkriegs in einen Krimiplot um den abgedankten englischen König Edward VIII und seine Frau Wallis Simpson verwickelt oder kommt durch Zufall in den Besitz mehrerer Werke Mirós und unterstützt indirekt die RAF.

Schon in Jugendjahren avanciert er zum erfolgreichen Schriftsteller, lernt den später als Schöpfer James Bonds zu Bekanntheit gelangten Ian Fleming auf militärischer Mission kennen, spioniert für England, gerät in der Schweiz in Gefangenschaft, wird erfolgreicher Kunsthändler, ehelicht mehre Frauen, wird später sogar in linksradikale Kreise gezogen und macht eine Erbschaft.

Dieses Leben, das uns William Boyd hier präsentiert, ist wirklich larger than life, in der Zeit, in der andere Menschen ihr Leben leben scheint es, als lebe Logan ein ganzes Dutzend. Von den Niederungen des Alkoholismus bis auf den Zenit der gesellschaftlichen Kreise, von dem Leid des Zweiten Weltkriegs bis zum Vaterglück – in Logans Leben spiegeln sich mannigfache Erfahrungen. Das ist unterhaltsam und in den ganzen Vignetten bestechend (schön etwa, wie Boyd die literarische Begabung Virginia Woolfs und ihren Rassismus gleichermaßen thematisiert), dennoch stellt sich in Logan Mountstart Achterbahn namens Leben irgendwann auch eine Gewöhnung ein. Immer wieder trifft er wie selbstverständlich Geistesgrößen, parliert, verbringt Zeit mit ihnen und berichtet in seinen Tagebüchern darüber.

Eine permanente sexuelle Note

Ergänzt wird das von einer steten sexuellen Note, die bei allen Amouren und Abenteuern mitschwingt. Wenn Boyd Eines Menschen Herz mit Die intimen Tagebücher des Logan Gonzago Mountstuart untertitelt, dann sollte man das auf alle Fälle ernst nehmen. Von der Jugend an sind Eroberungen, Affären und Eskapaden Teil von Logans Leben, wovon in er in großer Ausführlichkeit berichtet. Im Jahr 2021 liest sich das nun aber leider teilweise eher weniger frivol und teilweise deutlich eher abgestanden, ganz anders als ich es in Erinnerung hatte. Nach gesellschaftlichen Debatten und Entwicklungen wie #metoo wirkt dieses Buch dann doch das ein ums andere Mal etwas schlüpfrig und altherren-like.

Minderjährige verfallen dem mehrfachen Vater Mountstuart, von der Jugend an pflegt er Affären, Ehen und Abenteuer und berichtet ausschweifend darüber. Selbst im hohen Alter ist Logan Mountstuart von so etwas wie einer Reflektion seines Begehrens und Weisheit so weit entfernt wie Ex-König Edward VIII. in seinem Exil auf den Bahamas vom englischen Thron. Das ist manchmal amüsant, dann aber doch auch wieder schlüpfrig bis unangenehm und zeigt, dass sich die Gesellschaft seit den zwanzig Jahren seit Erscheinen deutlich weiterentwickelt hat.

Eines kann man Logans Erinnerungen aber nicht vorwerfen – dass er nicht konsequent wäre. Diese intimen Memoiren halten auf alle Fälle Wort und bleiben seinem selbstgesteckten Ziel treu, nämlich nichts in seinem Leben auszulassen oder aus Schamhaftigkeit zu verschweigen. Hier werden alle Liebesgeschichten und Affären chronisch genau verhandelt, auch wenn Logan manchmal hierbei ordinär mit geistreich verwechselt.

Die Summe eines Lebens

Abgesehen von solchen etwas abgestandenen Passagen ist Eines Menschen Herz doch auch ein anrührendes Dokument der Summe eines Lebens. Logan Gonzago Mountstuart macht viele Entwicklungen mit, die sich alle im Buch niederschlagen und eine Entwicklung vom adoleszenten Springsinsfeld bis zum betagten Senioren belegen. Wie in einem Brennglas zeigen sich die Verwerfungen und Einschnitte in diesem Leben, das fast alle Kontinente, Entwicklungen und Moden umfasst. William Boyd passt das Buch auch in sein Oeuvre ein, indem er Berührungspunkte zu anderen Werken setzt. So macht Logan in seiner Zeit als Kunsthändler in Amerika etwa Bekanntschaft mit Nat Tate, dessen Leben Boyd in der gleichnamigen fiktiven Autobiographie beschrieb und mithilfe er damals die gesamte Kunstwelt narrte.

So ist Eines Menschen Herz nach wie vor ein starkes Buch, das mit immer neuen Episoden, Schauplätzen und Erlebnissen selten so etwas wie Langeweile kaum aufkommen lässt (auch wenn vieles alles andere als glaubwürdig und allzu fantastisch anmutet). In seinem Frauenbild zeigt sich das Buch stark überkommen, abgesehen davon ist das von Chris Hirte übersetzte Buch noch immer lesenswert und hält den großen Bogen eines Lebens bereit, das eigentlich ein ganzes Dutzend an unterschiedlichen Leben beinhaltet.


  • William Boyd – Eines Menschen Herz
  • Aus dem Englischen von Chris Hirte
  • ISBN 978-3-83330-508-5 (Berlin-Verlag)
  • 704 Seiten. Antiquarisch erhältlich.