Neu in München: Gasteig HP8

Wer diesen Blog etwas länger verfolgt, dem dürfte nicht entgangen sein, dass mich Büchereien und Bibliotheken nicht nur eingedenk meiner Profession interessieren. Immer wieder sind es echte Entdeckungen, die ich in anderen Ländern und Städten mache – so wie jüngst in München, wo ich auf Einladung der Bücherei das neue Interim HP8 besuchen durfte.

Ab ins Interim

Nachdem der Gasteig und damit das angestammte Haus von Münchner Philharmonikern und Stadtbücherei saniert wird, mussten neue Lösungen her. In München wird hierfür ein dezentraler Ansatz, verfolgt. So finalisiert man etwa gleich gegenüber des Gasteig-Stammsitzes einen Ableger der Bücherei im Motorama. Auf der Fläche der ehemaligen Ladenstadt entsteht auf über 3.600 Quadratmetern ein Schwerpunkt für Kinder und Familien, Gaming und digitales Lernen. Die Eröffnung dieses Ausweichquartiers findet Ende November statt.

Etwas weiter entfernt hat man sich mit dem HP8, das in Sendling an der titelgebenden Hans Preißinger-Straße untergebracht ist. Knappe fünf Kilometer vom ursprünglichen Standort haben hier sowohl die Philharmonie als auch die Stadtbücherei eine neue Bleibe gefunden. Schon im vergangenen Monat ließ die Isarphilharmonie aufhorchen. Ein Neubau, der sowohl im Zeit- als auch im Kostenrahmen bleibt? Der Elphi-Stuttgart 21-Berliner Flughafen-Baudesaster gewohnte Bürger rieb sich die Augen. Solche Zustände bei einem Bauprojekt dieser Größe war man gar nicht mehr gewohnt.

Ein Raum fürs Lernen und Musik

Digitalpiano in der Musikabteilung des HP8
Digitalpianos in der Musikabteilung des HP8

Nun, einen Monat später ist es im Nachbargebäude die Bücherei, die mit durch ihre Eröffnung im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht. Baulich verbunden fungiert das Erdgeschoss des HP8 sowohl als Foyer für die Bücherei, als auch für die Isarphilarmonie. Neben einem Film- und Veranstaltungssaal und Café bietet das Erdgeschoss Garderoben und Bar, die entsprechend bespielt werden können.

Musikstudio im HP8
Musikstudio im HP8

Im ersten und zweiten Stock eröffnen sich rund um den großzügigen Lichthof von der Balustrade ausgehend verschiedene Lern- und Bibliotheksräume. Viele Freiflächen mit Arbeitsplätzen und ein klarer Fokus auf Lernen und Musik sind die Kennzeichen des HP8. So gibt es viele abgetrennte Bereiche, die flexibel für Kurse und Lernstudios genutzt werden können. Neben den klassischen Musikbeständen in Form von CDs, DVDs und Monographien gibt es auch Digitalpianos und Soundsessel, in denen die eigene Musik genossen werden kann, ohne dass weitere Bibliotheksbesucher*innen akustisch gestört würden. Ein eigenes Musikstudio, das von Bands und Künstler*innen für Aufnahmen gebucht werden kann, ergänzt das Angebot sinnig.

Platz und Weite

Der Eindruck, den das denkmalgeschützte Haus vor allem verströmt, ist der von Platz und Weite. Das Oberlicht und die an den beiden Längsseiten verbauten Fenster sind schier riesig und spenden viel Tageslicht. Helle Böden, großzügig gestaltete Freiflächen, lange Sichtachsen sorgen zudem für Klarheit und Weite im Gesamteindruck.

Durchbrochen wird das Ganze von kavernenartigen kleinen Flächen, in denen die Bestände der Bücherei in eigenwilligen Regalen und Medieninseln präsentiert werden. Insgesamt 60.000 Medieneinheiten sind es, die sich im HP8 finden. Es sind neben der ungewöhnlichen Präsentation der Medien auch sinnige kleine Details, die den positiven Gesamteindruck verstärken. So können die Kund*innen bei der Rückgabe die Bücher selber etwa in Kategorien zurücksortieren. So stehen etwa die Optionen „Geheimtipp“, „Für Gänsehaut“ oder „Ich will einfach nur zurückgeben“ zur Verfügung. Auch können zum jeweiligen Monatsmotto der Stadtbücherei selbst Buchtipps abgegeben werden oder an den Servicestationen Informationen erfragt werden.

Das HP8 als Open Library

Der Lichthof des HP8

Doch mit dem Beginn oder Ende der Servicezeiten ist dort in der Bücherei nicht automatisch Schluss. Was andere Bibliotheken ausgehend von Skandinavien vorgemacht haben, ist nun auch im HP8 möglich. Unabhängig von der Anwesenheit von bibliothekarischem Fachpersonal ist die Bücherei unter der Woche bis 23.00 Uhr sowie am Samstag und Sonntag geöffnet. Die Konzeption als sogenannte Open Library ermöglicht eine deutlich flexiblere und zum eigenen Lebensstil passende Nutzung der Büchereien. Ein Trend, den gerade auch viele andere Bibliotheken verfolgen, etwa in Würzburg oder auch hier in Augsburg, wo gerade die zweite Bibliothek mit diesem Konzept entsteht.

Diese zeitgemäße Ausrichtung der Bücherei passt gut in die Zeit und zur Gesellschaft der Singularitäten, wie es der Soziologe Andreas Reckwitz formuliert. Jeder und jede hat die Möglichkeit, sich zu entfalten und die Bücherei als Rückzugsort oder als Begegnungsort zu erleben. Niemand muss sich hetzen, um nach der Arbeit noch schnell neue Medien auszuleihen, auch der Sonntag bietet ein entspanntes Nutzungserlebnis.

Da diese Flexibilisierung der Bibliotheksnutzung zudem mit einem wirklich spannenden Bau mit einzigartiger Atmosphäre einhergeht, kann ich das Projekt HP8 zumindest aus Besuchersicht nur als gelungen bewerten.

Fazit

Mit dem HP8 ist eine hochfunktionale Bibliothek entstanden, in der auch kurzfristig Fläche geschaffen werden kann – was die Bücherei wandelbar und flexibel für verschiedenste Nutzungen macht. Erahnen lässt sich das schon, wenn man sich das Veranstaltungsprogramm des Hauses ansieht. Musikerspeeddating, Disco im Foyer oder nächtliche Krimilesungen sind nur ein paar der Möglichkeiten, die das Haus eröffnet.

Spannend ist die Symbiose aus denkmalgeschützer Industriehalle mit dementsprechendem Aussehen (ein 8.000 kg tragender Schwerlastkran, freiliegende Decken, offene Wände und viel Beton) und moderner Stadtbücherei plus Café. Ein Bau, der als Interim mehr als gelungen ist und neue Nutzungsperspektiven für die Zukunft eröffnet.

Ein paar meiner fotografischen Eindrücke vom Gebäude finden sich noch hier:

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