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Tamara Štajner – Luft nach unten

Die Familie in Nord-Mazedonien, der Kinderwunsch in Wien. Tamara Štajner spannt in ihrem Roman Luft nach unten ein Netz um ihre Protagonistin, das diese zwischen familiären Kindheitswunden, Begehren und Unsicherheit einzuschnüren droht.


Von hoher Dringlichkeit sei der Text namens Luft nach unten gewesen, den Tamara Štajner beim Wettlesen im Rahmen des Klagenfurter Bachmannpreises 2024 vorgetragen habe. Das bescheinigte ihm die Jurorin Mara Delius, was Juryvorsitzender Klaus Kastberger gar mit dem Lob ergänzte, der Text sei einer der besten, den er je in Klagenfurt gehört habe. Brigitte Schwens-Harrant, die den Text zu den 48. Tagen der deutschsprachigen Literatur eingeladen hatte, sah besonders in der Beziehung der ambivalenten Mutter-Tochter-Beziehung imponierende Qualitäten. Denn der Text stellt eine literarische Konfrontation einer Tochter mit ihrer Mutter, den vererbten Traumata und dem Versuch einer Emanzipation von Erlebtem dar.

Dem Lob für Štajners Text unisono folgte dann folgerichtig auch die Vergabe des von der Kärntner-Elektrizitäts-Aktiengesellschaft. kurz KELAG, gestifteten Preises in Höhe von 10.000 Euro, den Štajner errang.
Dass dieser Gewinn aber keineswegs der Schlusspunkt für den Text war, das beweist der nun vorliegende Roman von Tamara Štajner. Denn jene Beschau eines komplizierten Mutter-Tochter-Verhältnisses, die die im slowenischen Novo Mesto geborene Autorin damals vortrug, ist nun zu einem Roman gereift. Dieser ist schlüssigerweise allen Töchtern und Müttern gewidmet und schließt auch einen Dank an Brigitte Schwens-Harrant ein, die das Potential von Štajners Prosa schon im Vorfeld des Bachmann-Wettbewerbs erkannt hatte und diesen folglich ins Rennen schickte.

Aus Klagenfurt nach Nord-Mazedonien

Tamara Štajner - Luft nach unten (Cover)

Die Beziehung von Müttern und Töchtern ist noch immer großes Thema, das Tamara Štajner nun aber deutlich ausgebaut hat, obgleich der Kern ihres Textes noch Bestand hat. So laboriert Iva noch immer am Verhältnis zu ihrer Mutter. Deren psychologischer Druck in Form eines ständigen Wiegens auf der schwarzen Waage zuhause hat sie zwar hinter sich gelassen, so ganz verdrängen kann sie das Erlebte aber nicht. Die tief in sie eingeschriebenen Erinnerungen sind in der Zwischenzeit aber auch zu einer künstlerischen Quelle geworden, denn Iva reüssiert als Musikerin. Sie hat erneut ein ein neues Album vorgelegt, dessen künstlerisches Potential sich auch aus dem Spannungsverhältnis mit ihrer Mutter speist.

Ihren Mann Felix und das etablierte Leben in Wien lässt sie aber gleich zu Beginn für eine kurze Zeit hinter sich, als sie sich in die alte Heimat nach Nord-Mazedonien begibt, wo ihr früheres Kindermädchen verstorben ist.
Was mit einer eindrücklichen Szene auf dem Friedhof beginnt, weckt auch bei Iva vergrabene Erinnerungen. Denn als Aufenthaltsort für den Abschied vor Ort erwählt sie sich ein Hotel aus ihrer Kindheit, in dem auch ihre Verwandtschaft lebt.

Das bringt Iva viele Erinnerungen und neue Erkenntnisse in Bezug auf ihre Familie, obschon sie eigentlich im fernen Wien gerade selbst mit ihrem Mann eine Familie gründen will. Doch Erinnerungen und Messengerdienste sorgen für eine Bindung an Themen, mit denen sich die Musikerin vor Ort eigentlich gar nicht so vertieft beschäftigen wollte.

Zwischen Zeugungskraft und Mutterproblemen

Denn nicht nur, dass sich schon die Prüfung der Zeugungsfähigkeit ihres Mannes als großes Problem herausstellt, es gibt auch noch einen Geliebten, mit dem Iva eine amour fou verbindet. Auch das Thema ihrer Mutter ist noch nicht aus der Welt und so wohnt man im Falle von Luft nach unten einem ganzen Bündel an Themen und Problemen bei, das Iva zu umfangen droht wie ein ganzer Wald aus Schlingpflanzen, der einem beim Baden unter Wasser festzuhalten droht.

Was macht eigentlich eine Familie aus, was erzählt man sich, wie löst man sich von ihr und emanzipiert sich? Und ist es wirklich eine gute Idee, die eigene Familienplanung stur voranzutreiben, wenn viele eigene Themen noch gar nicht aufgearbeitet sind?

Diese Fragen stellt Tamara Štajners Text, der obschon auf den ersten Blick vielleicht in manchen Passagen vermeintlich etwas zu seicht ist (hier sind die die seitenweise ausgewalzten Themen der Abgabe einer Spermaprobe zwecks Untersuchung oder die für mein Empfinden etwas zu klischeebeladene Affäre zu nennen).

Auch könnte man Luft nach unten vorwerfen, dass er in Teilen zu sehr an der Oberfläche bleibt (die Geschehnisse in Nord-Mazedonien und die Rolle ihres Vaters, die dann im Mittelteil gar keine Rolle mehr spielt oder die immer wiederkehrenden digitalen Wutausbrüche Ivas, die irgendwann recht repetitiv werden, zählen hierzu).

Der Bruch zwischen Nord-Mazedonien und dem neuen Leben in Wien, er gäbe auch noch deutlich mehr her, als es uns Tamara Štajner zugesteht. Dennoch hat der Text durchaus Unterströmungen und einige Schlingpflanzen, die beim literarischen Bad in Luft nach unten lauern und die man sich gerne verheddert.

Fazit

Vermeintlich leicht und in Teilen komödiantisch, auf den zweiten Blick dann doch intensiver als zunächst gedacht, so ist Luft nach unten von Tamara Štajner, das die das Thema konfliktbeladener Mutter-Tochter Beziehungen, der Frage nach der Loslösung des Alten innerhalb von Familien und die Frage der Weitergabe von Mustern und Traumata an die eigenen Kinder verhandelt.
Legt man den in Klagenfurt präsentierten Text und den nun ausgearbeiteten Roman nebeneinander, so zeigt Luft nach unten eindrücklich, wie sich ein Text weiterentwickeln und noch reifen kann, wenn man ihm genug Raum und Zeit gibt.
Schön, dass Tamara Štajner sich für diese Reifung die Zeit genommen hat!


  • Tamara Štajner – Luft nach unten
  • ISBN 978-3-552-07582-5 (Zsolnay)
  • 333 Seiten. Preis: 25,00 €

Robert Menasse – Die Lebensentscheidung

Friedrich Merz würde das nicht gefallen. Mit 58 Jahren trifft Franz Fiala Die Lebensentscheidung, seinen Dienst bei der EU zu quittieren und in den Ruhestand einzutreten. Doch dann steht plötzlich das, was in Robert Menasses neuem Roman als eine wohlüberlegte und ruhige Austeigsoption geplant war, durch eine erschütternde Diagnose in Frage. Wie leben, wenn man vielleicht noch vor der eigenen Mutter die Bühne des Lebens verlassen muss?


Es reicht Franz Fiala mit seiner Arbeit bei der Europäischen Kommission. Jahre hat er in seinem kleinen Kämmerchen in Brüssel zugebracht, hat seinen Dienst als Referent der Europäischen Kommission versehen. Zu ganzen zwei kleinen Fensterchen mit Kippsicherung hat es bei seinem Büro gereicht, damit sortiert er sich irgendwo im Mittelfeld der EU-Beamtenhierarchie ein, die die jeweilige Bedeutung des Einzelnen an der Anzahl der kleinen Fenstern bemisst, die den Beamten in ihren Arbeitskammern den Blick nach außen ermöglichen.

Nun ist es genug für Franz Fiala. Die Mutter wird immer siecher, der Ertrag seiner Arbeit bleibt viel zu oft ernüchternd klein und die EU selbst hat auch schon bessere Tage gesehen. Sie lässt sich von autokratischen Mitgliedern ebenso wie vom Druck der Straße erpressen, der sich draußen im Europaviertels in Form protestierender Bauern manifestiert, die ihre Gülle auf den Straßen Brüssels auskippen und mit Verve gegen Maßnahmen des Green Deal der Kommission protestieren.

Eintritt in den Ruhestand mit 58 Jahren

Robert Menasse - Die Lebensentscheidung (Cover)

Wozu da noch groß anstrengend, wenn man doch auch in Rente, beziehungsweise in Pension gehen kann?
So sieht es dieser Franz Fiala und hätte mit seinen Plänen den Widerspruchsgeist des Friedrich Merz befeuern, der in der gegenwärtigen Debatte eine mangelnde Leistungsbereitschaft und einen zu frühen Renteneintritt der Deutschen bemängelt. Aber in Menasses Fall dürfte Fialas Schicksal den deutschen Kanzler weniger anfechten, schließlich spielt Die Lebensentscheidung bereits im Jahr 2024 und hat mit Franz Fiala einen österreichischen Staatsbürger, genauer gesagt einen waschechten Wiener im Mittelpunkt, den des Kanzlers Kritik eher kaltlassen dürfte.

Als guter Beamter hat er sich genau informiert, was zu tun ist, nachdem er sich entschieden hat, dass seine berufliche Karriere an ihrem Ende angekommen ist:

Er recherchierte die Möglichkeiten, wie er die Kommission verlassen konnte, ohne vor dem Nichts zu stehen. Bald stand sein Pan fest. Early retirement war nach mindestens zehn Jahren Beschäftigung in der Kommission und ab dem achtundfünfzigsten Lebensjahr möglich. Zwar mit Abschlägen, aber mit einer mehr als ausreichend hohen monatlichen Summe. Er war gleich nach Österreichs EU-Beitritt zum Concours angetreten, war unter rund weitausend Kadidaten einer von hundertfünfzig gewesen, die bestanden hatte, und 1996 Beamter geworden. Er hatte also mehr als genug Jahre und im vergangenen November seinen achtundfünfzigsten Geburtstag gehabt. Was war zu tun? Formulare ausfüllen.

Robert Menasse – Die Lebensentscheidung, S. 14

Doch statt seinen Alltag in seiner kleinen Wiener Garconniere und dem regelmäßig Besuch seiner immer stärker verfallenden Mutter zu verbringen, bekommt seine Lebensentscheidung nun einen zweite, hochdramatische Bedeutung. Denn bei Fiala wird Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert. Metastasen haben sich bereits gebildet und mit den Heilungschancen steht es nicht zum Besten.

Ein Mann und seine eigene Endlichkeit

Und so ist dieser Mann mit seiner eigenen Endlichkeit konfrontiert, die schneller kommen könnte, als es ihm lieb ist. Die Aussicht auf den baldigen Tod ist damit jene unerhörte Begebenheit, die qua Definition im Mittelpunkt einer Novelle steht, in deren Gattung nicht nur der Bezeichnung auf dem Cover wegen auch Die Lebensentscheidung fällt.

Mit dem Gravitationszentrum des Todes befindet sich Robert Menasse in klassischer österreichischen Gesellschaft, spielt doch das Moribunde immer wieder eine zentrale Rolle in den Werken österreichischer Autor*innen — am publikumsträchtigsten sicherlich in Hugo von Hoffmansthals Schauspiel Jedermann, das das Sterben eines Mannes verhandelt und in Salzburg jeden Sommer aufs Neue die Massen anzieht. Menasse hat in diesem Sinne gewissermaßen einen EU-Bürokraten als neuen Jedermann erschaffen, dessen Sterben man in der Novelle beiwohnt.

Dabei durchsäuert der Tod und die Todesnähe schon von Anbeginn an den Text. Von den kleinen Fenstern in den Behörden, deren Kippsicherung einen Suizid der Beamten am Arbeitsplatz verhindern soll, über ein Flugzeug in Turbulenzen bis hin zum Todesmotiv in Form von Jules Massenets Oper Werther, die Fiala zusammen mit seiner Mutter in der Wiener Staatsoper besucht, reicht der motivische Bogen, der auch das Sterben in mehreren Registern behandelt.

Ein sterbender Mann, eine kränkelnde EU

Abgestorbene Beziehungen zur eigenen Familie trifft auf den eigenen bevorstehenden Tod und den Verfall der eigenen Mutter sowie vielleicht nicht gerade den Tod, aber auch eine eklantante Schwäche von Fialas Arbeitgeber, der Europäischen Union.

Hier greift Robert Menasse wieder jenes Thema auf, das ihn schon seit seinem Roman Die Hauptstadt umtreibt und das ihm bereits mit diesem Buch den Deutschen Buchpreis sicherte und mit der Fortsetzung Die Erweiterung dann vor drei Jahren die Auszeichnung mit dem Europäischen Buchpreis bescherte.
Die Lebensentscheidung reiht sich ein in diese Riege politischer Bücher, die um die EU und vor allem um die Personen kreist, die diese EU fernab von platter Kritik in ihrer ganzen Vielschichtigkeit ausmachen und am Laufen halten.
Auf wütend-fatalistische Weise zeigt Menasses Buch einmal mehr, wie Kurzsichtigkeit und die Wahrung von Partikularinteresse das Projekt einer gemeinsamen Wirtschafts- und Werteunion bedroht, deren Stärkung doch angesichts wachsender globaler Herausforderungen und Zukunftssorgen so wichtig wäre.

Einblicke ins Seelenleben, in Sprache übersetzt

Politik mengt sich mit eigener Befindlichkeit und einer Betrachtung des Lebens im Angesicht des eigenen Sterbens. Hierfür findet Menasse eine tastende Sprache, in der sich alle Gewissheiten auflösen und die die Gefühlswelt von Franz Fiala gekonnt illustriert.

Ich werde ausgeräumt, dachte Franz Fiala, ich werde zur leeren Hülle, nein, nicht leer, da ist ja noch das Herz, ein starkes Herz, und der Wille, und eine Zeit lang erstaunlich gut, eine Zeit lang erstaunlich gut, das stampfte und trommelte in seinem Bauch und in seinem Kopf, und —

Robert Menasse – Die Lebensentscheidung, S. 118

Die rasenden Gedanken, die wachsende Unsicherheit, die Brüchigkeit des eigenen sozialen Netzes, all das macht aus der vermeintlich blassen Figur eines anonymen EU-Bürokraten dann doch eine hochdramatische Figur, deren Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit einen der Hauptmotoren der kurzen Erzählung bildet.

Es muss ja nicht gleich eine Lebensentscheidung sein, aber die Entscheidung für diese Novelle von Robert Menasse ist eine gute Entscheidung!


  • Robert Menasse – Die Lebensentscheidung
  • ISBN 978-3-518-43274-7 (Suhrkamp)
  • 157 Seiten. Preis: 22,00 €

Vea Kaiser – Fabula Rasa oder: Die Königin des Grand Hotels

Der Hochstaplerinnenroman als Slowburner. Über 570 Seiten erzählt Vea Kaiser von der Betrügerin (oder wahlweise dem Finanzgenie) Angelika Moser, die ihren Arbeitgeber, ein Wiener Grand Gotel, um mehrere Millionen erleichtert hat. Warum dem so ist und wie der Betrug so lange Zeit nicht auffallen konnte, davon berichtet Kaiser ausführlich, ebenso wie von den Belastungen der Mutterschaft und dem Schein und dem Sein in Hotels und bei Menschen. Man sollte für Fabula Rasa oder: Die Königin des Grand Hotels nur ein wenig Durchhaltevermögen mitbringen.


Auch wenn es in der Nähe zum Hotel Sacher an der Wiener Ringstraße liegt, so herrscht doch eine starke Rivalität zwischen dem altehrwürdigen Haus und dem von Vea Kaiser ersonnenen Grand Hotel Frohner, das mit Guppys im Aquarium in der Lobby, dem funkelnden Lobmeyer Lüster und einem nimmermüden Hoteldirektor aufwartet. Hier arbeitet auch Angelika Moser, die Protagonistin von Kaisers neuer, über 570 Seiten starken Erzählung, die ganz in der Doppeltitel-Tradition auf Fabula Rasa oder: Die Königin des Grand Hotels hört.

Bis Angelika Moser allerdings zur heimlichen Königin des Grand Hotels aufsteigen kann, vergeht viel Zeit. Während ihre Kolleginnen im Hotel hingebungsvoll der Dreifaltigkeit der Wiener Laster huldigen, namentlich dem Schlendrian, dem Schlamptertatsch und dem Schludrian, so ist Angelika bestrebt, es anders zu machen. Obschon sie sich zunächst auch noch dem Schlendrian hingibt, indem sie mit ihrer Freundin Ingi die Nächte im Club U4 durchfeiert, zieht schon bald ein neuer Geist im Leben Angelikas ein.

Die Trennung von ihrem grundsoliden und ebenso langweiligen Freund Berti, eine sich anbahnende Romanze mit einem neuen Hotel-Praktikanten und dann noch ein Kind mit dem Strizzi und Schlendrian Freddy, schon ist das Leben Angelikas auf den Kopf gestellt. Die einzige Konstante ist und bleibt die Arbeit im Frohner, bei der sie zur vielgeschätzten Buchhaltungschefin aufsteigt.

Die Königin der Buchhaltung

Auch wenn der Chef durchs Haus tobt, frisierte Rechnungen verlangt oder sich der einstige Praktikant als neuer Chef des Frohners herausstellt – Angelika hält die Stellung. Doch dabei hat sie selbst ein großes Geheimnis, denn immer wieder veruntreut sie durch Rechnungsstellungen Geld. Ein Umstand, den schon der Prolog des Romans mit seinen ersten Sätzen verrät.

Die Frage, die mir zu meinem Schreiben am häufigsten gestellt wird, lautet Wie kommen Sie auf solche Geschichten? Im Fall des vorliegenden Romans ist sie schnell beantwortet: Indem ich die Zeitung aufschlug. Dort las ich im Juni 2019 von einer Hotelbuchhalterin namens Angelika Moser, die ihrem Arbeitgeber, dem Grand Hotel Frohner, über Jahre hinweg 3,3 Millionen Euro gestohlen hatte. Vor Gericht, zu ihren Motiven befragt, entschuldigte sie sich damit, nur das Beste für ihr Kind gewollt zu haben.

Ich kam nicht umhin, ein gewisses Maß an Verständnis für diese Frau aufzubringen. Ich war hochschwanger mit meinem Sohn. Wenn ich seinen Fuß durch die Bauchdecke ertastete, ahnte ich: Ich würde auch 33 Millionen Euro stehlen, wenn er es bräuchte. Wer nicht? Wer ist in dieser närrischen, gar affigen Liebe, die man nur zum eigenen Kind empfinden kann, vor jeglicher Torheit gefeit?

Vea Kaiser – Fabula rasa oder: Die Königin des Grandhotels, S. 1

Man kann nicht sagen, dass uns Vea Kaiser im Unklaren über die Täterin, ihr Verbrechen und Motiv lässt. Es liegt schon auf den ersten Seiten da, doch wie es dazu kam, dafür verwendet Vea Kaiser viele Seiten. Sehr viele Seiten. Die gescheiterten Beziehungen, das Liebeschaos, das Dasein als alleinerziehende Mutter: ausführlich schildert Kaiser die Mühen in Angelikas Leben, erzählt minutiös von ihrer Herkunft aus dem Wiener Gemeindebau, den Leiden der Geburt und der Verlassenheit, wenn sich der Strizzi-Vater nicht ganz überraschend auch nach der Geburt des eigenen Kindes als Strizzi erweist, der kein Geld nachhause bringt – und sich selbst noch weniger.

Ein Unterhaltungsroman mit feministischer Botschaft

Vea Kaiser - Fabula Rasa oder: Die Königin des Grand Hotels (Cover)

Dass Vea Kaiser ebenso wie ihr erzählerisches Alter Ego, das sich in den Zwischenkapiteln des Buchs immer wieder einschaltet, seit dem Erscheinen ihres letzten Romans Rückwärtswalzer im Jahr 2019 Mutter geworden ist, merkt man Fabula rasa oder: Die Königin des Grand Hotels deutlich an.

Noch nie hat sich Kaiser so tief in den Umgang der Gesellschaft mit Müttern und familiäre Überlastungen eingearbeitet. Fabula Rasa ist wohl der Text, der bislang am wütendsten und kämpferischsten die Rolle der Mutter in Familie und Gesellschaft thematisiert und ihre mangelnde Unterstützung beklagt. Hier begibt sich Vea Kaiser in die Gesellschaft anderer österreichischer Autorinnen wie Mareike Fallwickl oder Getraud Klemm und serviert im Gewand eines Unterhaltungsromans viel feministische Kritik am Blick, der auf Mütter fällt, und den Erwartungen, die an sie gerichtet werden.

Dagegen ist gar nichts einzuwenden, lediglich die allzu ausufernde Auswalzung der Liebeswirren und familiären Überlastungen hätte zumindest ich mir in etwas kompakterer Form gewünscht. So ist Fabula Rasa mit seinen 576 Seiten noch einmal 80 Seiten länger als Kaisers voluminöses Debüt Blasmusikpop oder: Wie die Wissenschaft in die Berge kam – und das bei einer im Vergleich zu ihrem Debüt recht überschaubaren Erzählanlage, die ja eigentlich nur Angelika Mosers Finanzbetrug ergründen will.

Der Hochstaplerinnenroman als Slowburner

So stellt sich bei diesem Hochstaplerinnenroman mit dem Verfliegen der hunderten an Seiten das Gefühl eines Slowburners ein. Man kennt von Anfang an den Betrug – die Enttarnung der Betrügerin erfolgt aber erst auf den letzten Seiten des Buchs, sodass die Darstellung des Motivs des Betrugs die meisten Seiten des Romans einnimmt. An manchen Stellen fordert dieses Erzählen in Zeitlupe und den hochauflösenden Blick auf Angelika Mosers Lebensgeschichte den Durchhaltewillen durchaus heraus.

Spannender ist da schon die Frage nach dem Wahrheitsgehalt, mit dem der Roman spielt. Was ist wahr, was erdacht? Dass es ein Hotel Frohner an der Wiener Ringstraße nicht gibt, geschenkt. Dass es aber zwei Jahre nach dem von Kaiser geschilderten Betrug in realiter zwei Jahre nach dem von Kaiser geschilderten Betrug, lässt dann auch Kaisers Behauptung eines Gesprächs mit der inhaftierten Betrügerin in einem reizvollen Zwielicht erscheinen. Wessen wohnt man hier bei? Tabula rasa im Gefängnis in der Josefstadt oder Fabula rasa im Grandhotel Frohner?

In der Unzuverlässigkeit des Erzählens entfaltet Fabula Rasa oder: Die Königin des Grand Hotels einen Reiz, der dann auch für manche erzählerische Volte zu viel entschädigt, und der auf den zwei erzählerischen Ebenen des Buchs gut durchgehalten wird.

Fazit

Was stimmt hier, was ist gelogen – und wäre der Betrug am Leser wirklich schlimm, wenn er so unterhaltsam geschildert wird, wie es Vea Kaiser hier tut? Fabula Rasa oder: Die Königin des Grand Hotels ist der nächste Wien-Roman einer jungen Österreicherin in diesem Jahr, der sich kritisch mit der landestypischen Mentalität in Sachen Großmannssucht, Pomp und Prunkbegeisterung auseinandersetzt. Vielleicht ein wenig mehr Mut zu Fassung und Kürze hätten dem Roman gutgetan, so oder so ist das Buch aber wieder ein massenkompatibler Schmöker, diesmal mit feministischem Einschlag, geworden, an dessen Ende man selbst mit der moralischen Bewertung des Tuns von Angelika Moser hadern darf.


  • Vea Kaiser – Fabula Rasa oder: Die Königin des Grand Hotels
  • ISBN 978-3-462-05234-3 (Kiepenheuer & Witsch)
  • 576 Seiten. Preis: 25,00 €

Andreas Pflüger – Kälter

Zwischen Amrum und Wien, Ballerballett im Zug, RAF-Terroristen und Ausbildungscamp in der Negev-Wüste: in Kälter schickt Andreas Pflüger wieder eine hochgefährliche Frau in die nicht minder gefährliche Welt der Geheimdienste und lässt sie einen legendären Terroristen jagen. Während um sie herum nicht nur die Mauer fällt, sondern auch Gewissheiten bröckeln, muss sie erkennen, dass manche Kriege auch über ihr Ende hinaus andauern können.


Irgendwo zwischen seinem Roman Ritchie Girl und dem Kalten-Krieg-Thriller Wie Sterben geht muss es passiert sein, dass Andreas Pflüger seinen appetite for destruction entwickelt hat. Zertrümmerte der in der unmittelbaren Nachkriegszeit spielende Roman Ritchie Girl hauptsächlich noch schmerzhaft Mythen und Vorstellungen, war es im darauffolgenden Roman gleich einmal die Glienicker Brücke, die der Autor zu Beginn in die Luft jagte. Mit Kälter setzt sich diese explosive Zerstörungswut nun fort, diesmal ist es das berühmte Riesenrad im Wiener Prater, das in den Pflüger’schen Fokus geraten ist und das auch das Cover im erprobten Design des Vorgängerromans ziert.

Das ist schlüssig, denn nicht nur optisch, auch inhaltlich zeigen sich viele Verbindungslinien zu Wie Sterben geht, denen der Roman nachspürt. Das hat mit dem Setting zu tun, das diesmal zwar mit dem Jahr 1989 schon am Ende des Kalten Kriegs angekommen ist, dennoch aber noch dessen Geist von Spionage und Paranoia atmet, wie es der zuvor erschienene Roman tat.
Und auch einige Figuren aus Pflügers letzten Roman haben ihre Auftritt, vom Top-Spion Rem Kukura über den BND-Präsidenten Julius Boehnke bis hin zu Nina Winter, jener Frau, die im kalten Moskau den Geheimdiensten und Todesgefahren trotzte und die nun Luzy Morgenroth ein entscheidendes Stück auf deren Mission begleiten darf.

Morgenroth in der Nacht

Andreas Pflüger - Kälter (Cover)

Morgenroth – ganz typische Pflüger – ist die neue Heldin, die den Staffelstab des Kampfs gegen die Geheimdienste und Verbrecher übernimmt und dabei weder in Sachen körperlichen Einsatzes noch mit Willensstärke geizt. Denn obschon sie ein recht beschauliches Leben als Inselpolizistin auf Amrum fristet, war dem nicht immer so.

Das zeigt sich spätestens, als Luzy in einer sturmumtosten Nacht auf der Insel im Alleingang einen ganzen Trupp von Killern erledigt. Das Ein-Frau-Kommando, es hat eine Geschichte, wie Pflüger im Folgenden zeigt. Denn einst war Luzy ein „Sherpa“, schützte Politiker und trainierte in der Negev-Wüste Krav Maga. Bis heute verbindet sie eine Freundschaft mit Richard Wolf, dem BKA-Präsidenten (der wie einige Pflüger-Figuren bereits durch eine ganze Reihe von Romanen des Saarländers geisterte). Dieser bestärkt sie auch in ihrer Mission, die sie nun nach all den Jahren im Staatsdienst klarer denn je erkennt.

Der Trupp der Killer führte nämlich ein Aktenblatt bei sich, das sie wieder auf die Spur von Babel bringt. Bei ihm handelt es sich um einen Top-Terroristen, dem sie schon einmal im King-Solomon-Hotel in Tel Aviv die Klingen oder besser die Flugbahnen ihrer Kugeln kreuzte. Zahllose Terroranschläge und Morde gehen auf sein Konto – so auch in Tel Aviv, wo sich durch das Aufeinandertreffen der beiden zwei Lebensbahnen verbinden sollten, die nun wieder eng aufeinander zuzulaufen scheinen.

Auf den Spuren Babels

Einst schwor sich Luzy, Babel zur Strecke zu bringen. Nun bekommt dieses Vorhaben neuen Auftrieb, denn das Aktenblatt weckt bei Luzy und ihrem Vertrauten Richard Wolf einen ungeheuerlichen Verdacht. Wird der im Dunstkreis der RAF erstmals in Erscheinung getretene Babel vom Ministerium für Staatssicherheit geführt? Um ihrem Verdacht nachzugehen und ihre Mission zu einem Ende zu führen, quittiert Luzy den Dienst auf Amrum und begibt sich auf eine Reise, die sie von Amrum über Berlin und Pullach bis nach Wien führt – und mit mächtigen Gegner konfrontiert.

Als sie mit Babel endet, fasst Nika ihre Hand. „Du willst den gefährlichsten Mann der Welt töten. Der von der mächtigsten Organisation geschützt wird, die es gibt. Jeden anderen würde ich für wahnsinnig erklären. Dich nicht.“

Andreas Pflüger – Kälter, S. 364

Ähnlich wie Jenny Aaron (die hier ebenfalls einen kleinen Cameo-Auftritt absolvieren darf) konfrontiert Andreas Pflüger auch Luzy Morgenroth wieder mit einem schier übermenschlichen Terroristen, der durch Kugelhagel unbeschadet gehen kann und über eine mächtige Terrorinfrastruktur verfügt, mit der man es eigentlich gar nicht aufnehmen könnte, wäre man nicht aus dem Material gestrickt, aus dem Pflüger seine Heldinnen gießt.

Rache um jeden Preis

Willensstärke, Kampfkunst und viel Beharrlichkeit, sie sind die Mittel, mit denen Luzy Babel zur Strecke bringen will. Dass die Jagd nicht ohne Opfer bleiben wird, es versteht sich von alleine. Denn spätestens seit der Nacht auf Amrum sinnt sie auf Rache, die sie um jeden Preis erleben will.

Das Ergebnis des Ganzen sind genau durchchoreografierte Actionszenen, die mal in einem Zug, mal im U-Bahnnetz Münchens spielen, und die vom Geist der zerfallenden Kriegsfronten im Kalten Krieg durchdrungen sind. Vom Sturm auf die Stasi-Zentrale in der Nacht des Mauerfalls bis hin zu den undurchsichtigen Spielen zwischen KGB, Stasi, BND und anderer westlicher Geheimdienste reicht der zeitgeschichtliche Bogen, den Pflüger spannt und der in Wien sein Ende findet. Dieses Wien gerät bei ihm zu einem heißen Spionagepflaster, das die Geheimdienste ganz genau unter sich aufgeteilt haben und durch dessen Straßen immer noch eine Echo der Zither Anton Karas‘ aus Carol Reeds Der dritte Mann weht.

Beschattungen, Ballereien und ein bisschen Liebe sind die Zutaten, aus denen Pflüger seinen spannenden Cocktail mischt. Dazu gibt es wie gewohnt literarische Zitate und ungewohnte sprachliche Bilder bis hin zu Physikexkurse mit Stephen Hawking, die Pflüger in seine Action mit hineinmengt.

Fazit

Alles ist da für einen erneut außergewöhnlich guten Thriller. Und doch – ein bisschen weniger dicht ist das Ganze, als man es von Pflüger kennt. Manchmal zerfällt das Ganze in seine Einzelteile zwischen Actionsequenzen und Geheimdienstgeschichte. Die übermenschliche Nemesis, bei deren Bekämpfung die Heldin zu nicht minder übermenschlichen Taten in der Lage ist, man kennt es doch schon von Jenny Aaron und ihrem Kampf gegen Ludger Holm, der ein ähnliches Duell bedeutete, wie es hier gezeigt wird. Auch kennt man als Pflüger-Leser teilweise die Figuren und Schauplätze wie die BND-Zentrale in Pullach ebenfalls, sodass Kälter ein wenig das Neue oder Überraschende fehlt.

Gewiss, es ist Mäkeln auf höchstem Niveau – und dennoch – ein neuer kriminalliterarischer Gipfel ist es nicht, aber dafür wandelt Pflüger beachtenswert weiter auf dem Hochgrat des (deutschsprachigen) Thrillerolymp, der Zeitgeschichte und Spannung gelungen miteinander kombiniert.


  • Andreas Pflüger – Kälter
  • ISBN 978-3-518-43258-7 (Suhrkamp)
  • 495 Seiten. Preis: 25,00 €

Leon Engler – Botanik des Wahnsinns

Was tun, wenn es in der ganzen Familie psychologische Erkrankungen und wahnhaftes Verhalten gibt? Der Erzähler in Leon Englers Debüt Botanik des Wahnsinns tut das Konsequente: er geht in die Psychiatrie. Das allerdings als Arzt und nicht als Patient.


Viel ist es nicht, das vom Leben übrigbleibt. War es bei Ricarda Messners Debüt Wo der Name wohnt nur das Klingelschild, das nach der Wohnungsauflösung den sichtbaren Hinweis auf die Existenz der eigenen Großmutter lieferte, so ist der Erzähler in Leon Englers Debüt nun mit einigen Kisten an Hinterlassenschaften beschäftigt, die sich ihm sieben Jahre nach ihrer Einlagerung wie eine Zeitkapsel präsentieren. Beim Öffnen wird er mit der eigenen Familiengeschichte und deren Besonderheiten konfrontiert.

Am Ende bleiben sieben Kartons. In diesen Kartons, gestapelt in einem dunklen Lagerabteil in Wien, befinden sich ausgerechnet die Dinge, die meine Mutter aussortiert hatte: alte Rechnungen, Steuererklärungen, Müll.

Ich gehe die Kartons durch. Einer davon ist randvoll mit ungeöffneten Briefen. Schreiben von Inkassobüros und Anwälten, Vollstreckungsbescheiden und fristlose Kündigungen. Ihre Bedrohlichkeit haben die Briefe längst verloren. Die Poststempel darauf sind sieben Jahre alt. Ich setze mich auf den Boden, öffne den ersten Brief. Das Licht geht aus. Ich hebe meinen Arm. Das Licht geht wieder an.

Leon Engler – Botanik des Wahnsinns, S. 7

Alle Plagen aus den Bibeln der Psychiatrie

Die eingelagerten Kisten sind Spuren eins zunehmend aus den Fugen geratenen Lebens, das nicht das einzige in der Familie des Erzählers ist. Denn in Botanik des Wahnsinns spürt der Erzähler den einzelnen Figuren seiner Familie bis in die Großelterngeneration hinein nach – und allem, was sie dabei verband. Denn psychologischen Krankheiten und auffälligen Symptome ziehen sich durch die Generationen. Die Aufzählung der psychologischen Auffälligkeiten, die der Erzähler seinem Wiener Nachbarn offenbart, gerät so mehr als eindrücklich:

Eines Tages erzähle ich ihm von meiner Furcht, verrückt zu werden. Der Nachbar lacht nur. Wir zeichnen einen Stammbaum und überschlagen, mit welcher Wahrscheinlichkeit mich welches Schicksal ereilen könnte: Schizophrenie? Sucht? Depression? Bipolare Störung? Mein Stammbaum ist befallen von so ziemlich jeder Plage, die in den Bibeln der Psychiatrie zu finden ist. In wessen Fußstapfen soll ich treten? Welche verirrte Linie weiterführen? Die Depression meines Vaters? Die Schizophrenie meines Großvaters? Die Todessehnsucht meiner Großmutter? Die Abhängigkeit meiner Mutter?

Leon Engler – Botanik des Wahnsinns, S. 22

Doch nicht nur die Familie ist schon längst zerfallen, auch sein kurzer Text springt von Vergangenem zur Gegenwart, vom eigenem Erleben des Erzählers hin zu den Erinnerungen an seine Familie. Dadurch zerfällt der Text zwar strukturell, bildet aber dennoch ein Ganzes.

Depressionen, Schizophrenie und suizidale Tendenzen

Leon Engler - Botanik des Wahnsinns (Cover)

In seinen kurzen Kapiteln widmet sich der Erzähler all den familiären Figuren und nimmt ihre Eigenheiten und ihre jeweiligen Wesen und Kämpfe mit ihren Krankheiten in den Blick.

Die Mutter, die als Journalistin reüssierte, ein mondänes Leben führte und dann doch in einer zwangsgeräumten Wohnung in Wien endet, der Vater, der sich von der Mutter trennt und Zeit seines Lebens mit den eigenen Dämonen der Depression kämpft, all diese Figuren aus dem familiären Kosmos stellt der Erzähler in seinem Buch vor, blickt dabei aber auch auf seine eigene Position in diesem Kosmos und seine Befürchtungen, den psychologischen Dispositionen ebenfalls zu erliegen.

Sein Lebenswandel hin zu einem Studium der Psychologie (was den Erzähler mit dem Autor Leon Engler selbst verbindet), der dann folgende Alltag als Therapeut in einer psychiatrischen Einrichtung (was wiederum an Joachim Meyerhoffs Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war erinnert), verbunden mit allgemeinen Reflektionen über das „Normale“ und das „Verrückte“, all das fügt sich zu den Porträts seiner Familie und gibt einen Eindruck vom breiten Spektrum psychischer Verfasstheit, auf dem sich Englers Figuren an ganz unterschiedlichen Stellen einsortieren.

Die Überwindung der Sprachlosigkeit

In seinem manchmal fast ein wenig zu sehr auf Pointe oder eine markante Punchline geschriebenen Text gelingt dem Erzähler das, was er am Ende des Buchs als sein erzählerisches Anliegen formuliert. Die Sprachlosigkeit, in der sich die Mitglieder seiner Familie immer wiederfanden, er überwindet sie mit seinem Erzählen und verschafft ihr so eine Geschichte, weit über bloße sieben Kisten in einem Abstellraum in Wien hinaus.

Botanik des Wahnsinns ist der Blick auf eine besondere Familie und ihre Kämpfe und Probleme – und der Beweis, wie Literatur Stigmata überwinden, Verständnis schaffen und ein literarisches Familienalbum schaffen kann, das für die dunklem Töne ebenso Raum vorsieht wie für das Helle.


  • Leon Engler – Botanik des Wahnsinns
  • ISBN 978-3-7558-0053-8
  • 206 Seiten. Preis: 23,00 €