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Robert Menasse – Die Lebensentscheidung

Friedrich Merz würde das nicht gefallen. Mit 58 Jahren trifft Franz Fiala Die Lebensentscheidung, seinen Dienst bei der EU zu quittieren und in den Ruhestand einzutreten. Doch dann steht plötzlich das, was in Robert Menasses neuem Roman als eine wohlüberlegte und ruhige Austeigsoption geplant war, durch eine erschütternde Diagnose in Frage. Wie leben, wenn man vielleicht noch vor der eigenen Mutter die Bühne des Lebens verlassen muss?


Es reicht Franz Fiala mit seiner Arbeit bei der Europäischen Kommission. Jahre hat er in seinem kleinen Kämmerchen in Brüssel zugebracht, hat seinen Dienst als Referent der Europäischen Kommission versehen. Zu ganzen zwei kleinen Fensterchen mit Kippsicherung hat es bei seinem Büro gereicht, damit sortiert er sich irgendwo im Mittelfeld der EU-Beamtenhierarchie ein, die die jeweilige Bedeutung des Einzelnen an der Anzahl der kleinen Fenstern bemisst, die den Beamten in ihren Arbeitskammern den Blick nach außen ermöglichen.

Nun ist es genug für Franz Fiala. Die Mutter wird immer siecher, der Ertrag seiner Arbeit bleibt viel zu oft ernüchternd klein und die EU selbst hat auch schon bessere Tage gesehen. Sie lässt sich von autokratischen Mitgliedern ebenso wie vom Druck der Straße erpressen, der sich draußen im Europaviertels in Form protestierender Bauern manifestiert, die ihre Gülle auf den Straßen Brüssels auskippen und mit Verve gegen Maßnahmen des Green Deal der Kommission protestieren.

Eintritt in den Ruhestand mit 58 Jahren

Robert Menasse - Die Lebensentscheidung (Cover)

Wozu da noch groß anstrengend, wenn man doch auch in Rente, beziehungsweise in Pension gehen kann?
So sieht es dieser Franz Fiala und hätte mit seinen Plänen den Widerspruchsgeist des Friedrich Merz befeuern, der in der gegenwärtigen Debatte eine mangelnde Leistungsbereitschaft und einen zu frühen Renteneintritt der Deutschen bemängelt. Aber in Menasses Fall dürfte Fialas Schicksal den deutschen Kanzler weniger anfechten, schließlich spielt Die Lebensentscheidung bereits im Jahr 2024 und hat mit Franz Fiala einen österreichischen Staatsbürger, genauer gesagt einen waschechten Wiener im Mittelpunkt, den des Kanzlers Kritik eher kaltlassen dürfte.

Als guter Beamter hat er sich genau informiert, was zu tun ist, nachdem er sich entschieden hat, dass seine berufliche Karriere an ihrem Ende angekommen ist:

Er recherchierte die Möglichkeiten, wie er die Kommission verlassen konnte, ohne vor dem Nichts zu stehen. Bald stand sein Pan fest. Early retirement war nach mindestens zehn Jahren Beschäftigung in der Kommission und ab dem achtundfünfzigsten Lebensjahr möglich. Zwar mit Abschlägen, aber mit einer mehr als ausreichend hohen monatlichen Summe. Er war gleich nach Österreichs EU-Beitritt zum Concours angetreten, war unter rund weitausend Kadidaten einer von hundertfünfzig gewesen, die bestanden hatte, und 1996 Beamter geworden. Er hatte also mehr als genug Jahre und im vergangenen November seinen achtundfünfzigsten Geburtstag gehabt. Was war zu tun? Formulare ausfüllen.

Robert Menasse – Die Lebensentscheidung, S. 14

Doch statt seinen Alltag in seiner kleinen Wiener Garconniere und dem regelmäßig Besuch seiner immer stärker verfallenden Mutter zu verbringen, bekommt seine Lebensentscheidung nun einen zweite, hochdramatische Bedeutung. Denn bei Fiala wird Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert. Metastasen haben sich bereits gebildet und mit den Heilungschancen steht es nicht zum Besten.

Ein Mann und seine eigene Endlichkeit

Und so ist dieser Mann mit seiner eigenen Endlichkeit konfrontiert, die schneller kommen könnte, als es ihm lieb ist. Die Aussicht auf den baldigen Tod ist damit jene unerhörte Begebenheit, die qua Definition im Mittelpunkt einer Novelle steht, in deren Gattung nicht nur der Bezeichnung auf dem Cover wegen auch Die Lebensentscheidung fällt.

Mit dem Gravitationszentrum des Todes befindet sich Robert Menasse in klassischer österreichischen Gesellschaft, spielt doch das Moribunde immer wieder eine zentrale Rolle in den Werken österreichischer Autor*innen — am publikumsträchtigsten sicherlich in Hugo von Hoffmansthals Schauspiel Jedermann, das das Sterben eines Mannes verhandelt und in Salzburg jeden Sommer aufs Neue die Massen anzieht. Menasse hat in diesem Sinne gewissermaßen einen EU-Bürokraten als neuen Jedermann erschaffen, dessen Sterben man in der Novelle beiwohnt.

Dabei durchsäuert der Tod und die Todesnähe schon von Anbeginn an den Text. Von den kleinen Fenstern in den Behörden, deren Kippsicherung einen Suizid der Beamten am Arbeitsplatz verhindern soll, über ein Flugzeug in Turbulenzen bis hin zum Todesmotiv in Form von Jules Massenets Oper Werther, die Fiala zusammen mit seiner Mutter in der Wiener Staatsoper besucht, reicht der motivische Bogen, der auch das Sterben in mehreren Registern behandelt.

Ein sterbender Mann, eine kränkelnde EU

Abgestorbene Beziehungen zur eigenen Familie trifft auf den eigenen bevorstehenden Tod und den Verfall der eigenen Mutter sowie vielleicht nicht gerade den Tod, aber auch eine eklantante Schwäche von Fialas Arbeitgeber, der Europäischen Union.

Hier greift Robert Menasse wieder jenes Thema auf, das ihn schon seit seinem Roman Die Hauptstadt umtreibt und das ihm bereits mit diesem Buch den Deutschen Buchpreis sicherte und mit der Fortsetzung Die Erweiterung dann vor drei Jahren die Auszeichnung mit dem Europäischen Buchpreis bescherte.
Die Lebensentscheidung reiht sich ein in diese Riege politischer Bücher, die um die EU und vor allem um die Personen kreist, die diese EU fernab von platter Kritik in ihrer ganzen Vielschichtigkeit ausmachen und am Laufen halten.
Auf wütend-fatalistische Weise zeigt Menasses Buch einmal mehr, wie Kurzsichtigkeit und die Wahrung von Partikularinteresse das Projekt einer gemeinsamen Wirtschafts- und Werteunion bedroht, deren Stärkung doch angesichts wachsender globaler Herausforderungen und Zukunftssorgen so wichtig wäre.

Einblicke ins Seelenleben, in Sprache übersetzt

Politik mengt sich mit eigener Befindlichkeit und einer Betrachtung des Lebens im Angesicht des eigenen Sterbens. Hierfür findet Menasse eine tastende Sprache, in der sich alle Gewissheiten auflösen und die die Gefühlswelt von Franz Fiala gekonnt illustriert.

Ich werde ausgeräumt, dachte Franz Fiala, ich werde zur leeren Hülle, nein, nicht leer, da ist ja noch das Herz, ein starkes Herz, und der Wille, und eine Zeit lang erstaunlich gut, eine Zeit lang erstaunlich gut, das stampfte und trommelte in seinem Bauch und in seinem Kopf, und —

Robert Menasse – Die Lebensentscheidung, S. 118

Die rasenden Gedanken, die wachsende Unsicherheit, die Brüchigkeit des eigenen sozialen Netzes, all das macht aus der vermeintlich blassen Figur eines anonymen EU-Bürokraten dann doch eine hochdramatische Figur, deren Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit einen der Hauptmotoren der kurzen Erzählung bildet.

Es muss ja nicht gleich eine Lebensentscheidung sein, aber die Entscheidung für diese Novelle von Robert Menasse ist eine gute Entscheidung!


  • Robert Menasse – Die Lebensentscheidung
  • ISBN 978-3-518-43274-7 (Suhrkamp)
  • 157 Seiten. Preis: 22,00 €

Vea Kaiser – Fabula Rasa oder: Die Königin des Grand Hotels

Der Hochstaplerinnenroman als Slowburner. Über 570 Seiten erzählt Vea Kaiser von der Betrügerin (oder wahlweise dem Finanzgenie) Angelika Moser, die ihren Arbeitgeber, ein Wiener Grand Gotel, um mehrere Millionen erleichtert hat. Warum dem so ist und wie der Betrug so lange Zeit nicht auffallen konnte, davon berichtet Kaiser ausführlich, ebenso wie von den Belastungen der Mutterschaft und dem Schein und dem Sein in Hotels und bei Menschen. Man sollte für Fabula Rasa oder: Die Königin des Grand Hotels nur ein wenig Durchhaltevermögen mitbringen.


Auch wenn es in der Nähe zum Hotel Sacher an der Wiener Ringstraße liegt, so herrscht doch eine starke Rivalität zwischen dem altehrwürdigen Haus und dem von Vea Kaiser ersonnenen Grand Hotel Frohner, das mit Guppys im Aquarium in der Lobby, dem funkelnden Lobmeyer Lüster und einem nimmermüden Hoteldirektor aufwartet. Hier arbeitet auch Angelika Moser, die Protagonistin von Kaisers neuer, über 570 Seiten starken Erzählung, die ganz in der Doppeltitel-Tradition auf Fabula Rasa oder: Die Königin des Grand Hotels hört.

Bis Angelika Moser allerdings zur heimlichen Königin des Grand Hotels aufsteigen kann, vergeht viel Zeit. Während ihre Kolleginnen im Hotel hingebungsvoll der Dreifaltigkeit der Wiener Laster huldigen, namentlich dem Schlendrian, dem Schlamptertatsch und dem Schludrian, so ist Angelika bestrebt, es anders zu machen. Obschon sie sich zunächst auch noch dem Schlendrian hingibt, indem sie mit ihrer Freundin Ingi die Nächte im Club U4 durchfeiert, zieht schon bald ein neuer Geist im Leben Angelikas ein.

Die Trennung von ihrem grundsoliden und ebenso langweiligen Freund Berti, eine sich anbahnende Romanze mit einem neuen Hotel-Praktikanten und dann noch ein Kind mit dem Strizzi und Schlendrian Freddy, schon ist das Leben Angelikas auf den Kopf gestellt. Die einzige Konstante ist und bleibt die Arbeit im Frohner, bei der sie zur vielgeschätzten Buchhaltungschefin aufsteigt.

Die Königin der Buchhaltung

Auch wenn der Chef durchs Haus tobt, frisierte Rechnungen verlangt oder sich der einstige Praktikant als neuer Chef des Frohners herausstellt – Angelika hält die Stellung. Doch dabei hat sie selbst ein großes Geheimnis, denn immer wieder veruntreut sie durch Rechnungsstellungen Geld. Ein Umstand, den schon der Prolog des Romans mit seinen ersten Sätzen verrät.

Die Frage, die mir zu meinem Schreiben am häufigsten gestellt wird, lautet Wie kommen Sie auf solche Geschichten? Im Fall des vorliegenden Romans ist sie schnell beantwortet: Indem ich die Zeitung aufschlug. Dort las ich im Juni 2019 von einer Hotelbuchhalterin namens Angelika Moser, die ihrem Arbeitgeber, dem Grand Hotel Frohner, über Jahre hinweg 3,3 Millionen Euro gestohlen hatte. Vor Gericht, zu ihren Motiven befragt, entschuldigte sie sich damit, nur das Beste für ihr Kind gewollt zu haben.

Ich kam nicht umhin, ein gewisses Maß an Verständnis für diese Frau aufzubringen. Ich war hochschwanger mit meinem Sohn. Wenn ich seinen Fuß durch die Bauchdecke ertastete, ahnte ich: Ich würde auch 33 Millionen Euro stehlen, wenn er es bräuchte. Wer nicht? Wer ist in dieser närrischen, gar affigen Liebe, die man nur zum eigenen Kind empfinden kann, vor jeglicher Torheit gefeit?

Vea Kaiser – Fabula rasa oder: Die Königin des Grandhotels, S. 1

Man kann nicht sagen, dass uns Vea Kaiser im Unklaren über die Täterin, ihr Verbrechen und Motiv lässt. Es liegt schon auf den ersten Seiten da, doch wie es dazu kam, dafür verwendet Vea Kaiser viele Seiten. Sehr viele Seiten. Die gescheiterten Beziehungen, das Liebeschaos, das Dasein als alleinerziehende Mutter: ausführlich schildert Kaiser die Mühen in Angelikas Leben, erzählt minutiös von ihrer Herkunft aus dem Wiener Gemeindebau, den Leiden der Geburt und der Verlassenheit, wenn sich der Strizzi-Vater nicht ganz überraschend auch nach der Geburt des eigenen Kindes als Strizzi erweist, der kein Geld nachhause bringt – und sich selbst noch weniger.

Ein Unterhaltungsroman mit feministischer Botschaft

Vea Kaiser - Fabula Rasa oder: Die Königin des Grand Hotels (Cover)

Dass Vea Kaiser ebenso wie ihr erzählerisches Alter Ego, das sich in den Zwischenkapiteln des Buchs immer wieder einschaltet, seit dem Erscheinen ihres letzten Romans Rückwärtswalzer im Jahr 2019 Mutter geworden ist, merkt man Fabula rasa oder: Die Königin des Grand Hotels deutlich an.

Noch nie hat sich Kaiser so tief in den Umgang der Gesellschaft mit Müttern und familiäre Überlastungen eingearbeitet. Fabula Rasa ist wohl der Text, der bislang am wütendsten und kämpferischsten die Rolle der Mutter in Familie und Gesellschaft thematisiert und ihre mangelnde Unterstützung beklagt. Hier begibt sich Vea Kaiser in die Gesellschaft anderer österreichischer Autorinnen wie Mareike Fallwickl oder Getraud Klemm und serviert im Gewand eines Unterhaltungsromans viel feministische Kritik am Blick, der auf Mütter fällt, und den Erwartungen, die an sie gerichtet werden.

Dagegen ist gar nichts einzuwenden, lediglich die allzu ausufernde Auswalzung der Liebeswirren und familiären Überlastungen hätte zumindest ich mir in etwas kompakterer Form gewünscht. So ist Fabula Rasa mit seinen 576 Seiten noch einmal 80 Seiten länger als Kaisers voluminöses Debüt Blasmusikpop oder: Wie die Wissenschaft in die Berge kam – und das bei einer im Vergleich zu ihrem Debüt recht überschaubaren Erzählanlage, die ja eigentlich nur Angelika Mosers Finanzbetrug ergründen will.

Der Hochstaplerinnenroman als Slowburner

So stellt sich bei diesem Hochstaplerinnenroman mit dem Verfliegen der hunderten an Seiten das Gefühl eines Slowburners ein. Man kennt von Anfang an den Betrug – die Enttarnung der Betrügerin erfolgt aber erst auf den letzten Seiten des Buchs, sodass die Darstellung des Motivs des Betrugs die meisten Seiten des Romans einnimmt. An manchen Stellen fordert dieses Erzählen in Zeitlupe und den hochauflösenden Blick auf Angelika Mosers Lebensgeschichte den Durchhaltewillen durchaus heraus.

Spannender ist da schon die Frage nach dem Wahrheitsgehalt, mit dem der Roman spielt. Was ist wahr, was erdacht? Dass es ein Hotel Frohner an der Wiener Ringstraße nicht gibt, geschenkt. Dass es aber zwei Jahre nach dem von Kaiser geschilderten Betrug in realiter zwei Jahre nach dem von Kaiser geschilderten Betrug, lässt dann auch Kaisers Behauptung eines Gesprächs mit der inhaftierten Betrügerin in einem reizvollen Zwielicht erscheinen. Wessen wohnt man hier bei? Tabula rasa im Gefängnis in der Josefstadt oder Fabula rasa im Grandhotel Frohner?

In der Unzuverlässigkeit des Erzählens entfaltet Fabula Rasa oder: Die Königin des Grand Hotels einen Reiz, der dann auch für manche erzählerische Volte zu viel entschädigt, und der auf den zwei erzählerischen Ebenen des Buchs gut durchgehalten wird.

Fazit

Was stimmt hier, was ist gelogen – und wäre der Betrug am Leser wirklich schlimm, wenn er so unterhaltsam geschildert wird, wie es Vea Kaiser hier tut? Fabula Rasa oder: Die Königin des Grand Hotels ist der nächste Wien-Roman einer jungen Österreicherin in diesem Jahr, der sich kritisch mit der landestypischen Mentalität in Sachen Großmannssucht, Pomp und Prunkbegeisterung auseinandersetzt. Vielleicht ein wenig mehr Mut zu Fassung und Kürze hätten dem Roman gutgetan, so oder so ist das Buch aber wieder ein massenkompatibler Schmöker, diesmal mit feministischem Einschlag, geworden, an dessen Ende man selbst mit der moralischen Bewertung des Tuns von Angelika Moser hadern darf.


  • Vea Kaiser – Fabula Rasa oder: Die Königin des Grand Hotels
  • ISBN 978-3-462-05234-3 (Kiepenheuer & Witsch)
  • 576 Seiten. Preis: 25,00 €

Andreas Pflüger – Kälter

Zwischen Amrum und Wien, Ballerballett im Zug, RAF-Terroristen und Ausbildungscamp in der Negev-Wüste: in Kälter schickt Andreas Pflüger wieder eine hochgefährliche Frau in die nicht minder gefährliche Welt der Geheimdienste und lässt sie einen legendären Terroristen jagen. Während um sie herum nicht nur die Mauer fällt, sondern auch Gewissheiten bröckeln, muss sie erkennen, dass manche Kriege auch über ihr Ende hinaus andauern können.


Irgendwo zwischen seinem Roman Ritchie Girl und dem Kalten-Krieg-Thriller Wie Sterben geht muss es passiert sein, dass Andreas Pflüger seinen appetite for destruction entwickelt hat. Zertrümmerte der in der unmittelbaren Nachkriegszeit spielende Roman Ritchie Girl hauptsächlich noch schmerzhaft Mythen und Vorstellungen, war es im darauffolgenden Roman gleich einmal die Glienicker Brücke, die der Autor zu Beginn in die Luft jagte. Mit Kälter setzt sich diese explosive Zerstörungswut nun fort, diesmal ist es das berühmte Riesenrad im Wiener Prater, das in den Pflüger’schen Fokus geraten ist und das auch das Cover im erprobten Design des Vorgängerromans ziert.

Das ist schlüssig, denn nicht nur optisch, auch inhaltlich zeigen sich viele Verbindungslinien zu Wie Sterben geht, denen der Roman nachspürt. Das hat mit dem Setting zu tun, das diesmal zwar mit dem Jahr 1989 schon am Ende des Kalten Kriegs angekommen ist, dennoch aber noch dessen Geist von Spionage und Paranoia atmet, wie es der zuvor erschienene Roman tat.
Und auch einige Figuren aus Pflügers letzten Roman haben ihre Auftritt, vom Top-Spion Rem Kukura über den BND-Präsidenten Julius Boehnke bis hin zu Nina Winter, jener Frau, die im kalten Moskau den Geheimdiensten und Todesgefahren trotzte und die nun Luzy Morgenroth ein entscheidendes Stück auf deren Mission begleiten darf.

Morgenroth in der Nacht

Andreas Pflüger - Kälter (Cover)

Morgenroth – ganz typische Pflüger – ist die neue Heldin, die den Staffelstab des Kampfs gegen die Geheimdienste und Verbrecher übernimmt und dabei weder in Sachen körperlichen Einsatzes noch mit Willensstärke geizt. Denn obschon sie ein recht beschauliches Leben als Inselpolizistin auf Amrum fristet, war dem nicht immer so.

Das zeigt sich spätestens, als Luzy in einer sturmumtosten Nacht auf der Insel im Alleingang einen ganzen Trupp von Killern erledigt. Das Ein-Frau-Kommando, es hat eine Geschichte, wie Pflüger im Folgenden zeigt. Denn einst war Luzy ein „Sherpa“, schützte Politiker und trainierte in der Negev-Wüste Krav Maga. Bis heute verbindet sie eine Freundschaft mit Richard Wolf, dem BKA-Präsidenten (der wie einige Pflüger-Figuren bereits durch eine ganze Reihe von Romanen des Saarländers geisterte). Dieser bestärkt sie auch in ihrer Mission, die sie nun nach all den Jahren im Staatsdienst klarer denn je erkennt.

Der Trupp der Killer führte nämlich ein Aktenblatt bei sich, das sie wieder auf die Spur von Babel bringt. Bei ihm handelt es sich um einen Top-Terroristen, dem sie schon einmal im King-Solomon-Hotel in Tel Aviv die Klingen oder besser die Flugbahnen ihrer Kugeln kreuzte. Zahllose Terroranschläge und Morde gehen auf sein Konto – so auch in Tel Aviv, wo sich durch das Aufeinandertreffen der beiden zwei Lebensbahnen verbinden sollten, die nun wieder eng aufeinander zuzulaufen scheinen.

Auf den Spuren Babels

Einst schwor sich Luzy, Babel zur Strecke zu bringen. Nun bekommt dieses Vorhaben neuen Auftrieb, denn das Aktenblatt weckt bei Luzy und ihrem Vertrauten Richard Wolf einen ungeheuerlichen Verdacht. Wird der im Dunstkreis der RAF erstmals in Erscheinung getretene Babel vom Ministerium für Staatssicherheit geführt? Um ihrem Verdacht nachzugehen und ihre Mission zu einem Ende zu führen, quittiert Luzy den Dienst auf Amrum und begibt sich auf eine Reise, die sie von Amrum über Berlin und Pullach bis nach Wien führt – und mit mächtigen Gegner konfrontiert.

Als sie mit Babel endet, fasst Nika ihre Hand. „Du willst den gefährlichsten Mann der Welt töten. Der von der mächtigsten Organisation geschützt wird, die es gibt. Jeden anderen würde ich für wahnsinnig erklären. Dich nicht.“

Andreas Pflüger – Kälter, S. 364

Ähnlich wie Jenny Aaron (die hier ebenfalls einen kleinen Cameo-Auftritt absolvieren darf) konfrontiert Andreas Pflüger auch Luzy Morgenroth wieder mit einem schier übermenschlichen Terroristen, der durch Kugelhagel unbeschadet gehen kann und über eine mächtige Terrorinfrastruktur verfügt, mit der man es eigentlich gar nicht aufnehmen könnte, wäre man nicht aus dem Material gestrickt, aus dem Pflüger seine Heldinnen gießt.

Rache um jeden Preis

Willensstärke, Kampfkunst und viel Beharrlichkeit, sie sind die Mittel, mit denen Luzy Babel zur Strecke bringen will. Dass die Jagd nicht ohne Opfer bleiben wird, es versteht sich von alleine. Denn spätestens seit der Nacht auf Amrum sinnt sie auf Rache, die sie um jeden Preis erleben will.

Das Ergebnis des Ganzen sind genau durchchoreografierte Actionszenen, die mal in einem Zug, mal im U-Bahnnetz Münchens spielen, und die vom Geist der zerfallenden Kriegsfronten im Kalten Krieg durchdrungen sind. Vom Sturm auf die Stasi-Zentrale in der Nacht des Mauerfalls bis hin zu den undurchsichtigen Spielen zwischen KGB, Stasi, BND und anderer westlicher Geheimdienste reicht der zeitgeschichtliche Bogen, den Pflüger spannt und der in Wien sein Ende findet. Dieses Wien gerät bei ihm zu einem heißen Spionagepflaster, das die Geheimdienste ganz genau unter sich aufgeteilt haben und durch dessen Straßen immer noch eine Echo der Zither Anton Karas‘ aus Carol Reeds Der dritte Mann weht.

Beschattungen, Ballereien und ein bisschen Liebe sind die Zutaten, aus denen Pflüger seinen spannenden Cocktail mischt. Dazu gibt es wie gewohnt literarische Zitate und ungewohnte sprachliche Bilder bis hin zu Physikexkurse mit Stephen Hawking, die Pflüger in seine Action mit hineinmengt.

Fazit

Alles ist da für einen erneut außergewöhnlich guten Thriller. Und doch – ein bisschen weniger dicht ist das Ganze, als man es von Pflüger kennt. Manchmal zerfällt das Ganze in seine Einzelteile zwischen Actionsequenzen und Geheimdienstgeschichte. Die übermenschliche Nemesis, bei deren Bekämpfung die Heldin zu nicht minder übermenschlichen Taten in der Lage ist, man kennt es doch schon von Jenny Aaron und ihrem Kampf gegen Ludger Holm, der ein ähnliches Duell bedeutete, wie es hier gezeigt wird. Auch kennt man als Pflüger-Leser teilweise die Figuren und Schauplätze wie die BND-Zentrale in Pullach ebenfalls, sodass Kälter ein wenig das Neue oder Überraschende fehlt.

Gewiss, es ist Mäkeln auf höchstem Niveau – und dennoch – ein neuer kriminalliterarischer Gipfel ist es nicht, aber dafür wandelt Pflüger beachtenswert weiter auf dem Hochgrat des (deutschsprachigen) Thrillerolymp, der Zeitgeschichte und Spannung gelungen miteinander kombiniert.


  • Andreas Pflüger – Kälter
  • ISBN 978-3-518-43258-7 (Suhrkamp)
  • 495 Seiten. Preis: 25,00 €

Leon Engler – Botanik des Wahnsinns

Was tun, wenn es in der ganzen Familie psychologische Erkrankungen und wahnhaftes Verhalten gibt? Der Erzähler in Leon Englers Debüt Botanik des Wahnsinns tut das Konsequente: er geht in die Psychiatrie. Das allerdings als Arzt und nicht als Patient.


Viel ist es nicht, das vom Leben übrigbleibt. War es bei Ricarda Messners Debüt Wo der Name wohnt nur das Klingelschild, das nach der Wohnungsauflösung den sichtbaren Hinweis auf die Existenz der eigenen Großmutter lieferte, so ist der Erzähler in Leon Englers Debüt nun mit einigen Kisten an Hinterlassenschaften beschäftigt, die sich ihm sieben Jahre nach ihrer Einlagerung wie eine Zeitkapsel präsentieren. Beim Öffnen wird er mit der eigenen Familiengeschichte und deren Besonderheiten konfrontiert.

Am Ende bleiben sieben Kartons. In diesen Kartons, gestapelt in einem dunklen Lagerabteil in Wien, befinden sich ausgerechnet die Dinge, die meine Mutter aussortiert hatte: alte Rechnungen, Steuererklärungen, Müll.

Ich gehe die Kartons durch. Einer davon ist randvoll mit ungeöffneten Briefen. Schreiben von Inkassobüros und Anwälten, Vollstreckungsbescheiden und fristlose Kündigungen. Ihre Bedrohlichkeit haben die Briefe längst verloren. Die Poststempel darauf sind sieben Jahre alt. Ich setze mich auf den Boden, öffne den ersten Brief. Das Licht geht aus. Ich hebe meinen Arm. Das Licht geht wieder an.

Leon Engler – Botanik des Wahnsinns, S. 7

Alle Plagen aus den Bibeln der Psychiatrie

Die eingelagerten Kisten sind Spuren eins zunehmend aus den Fugen geratenen Lebens, das nicht das einzige in der Familie des Erzählers ist. Denn in Botanik des Wahnsinns spürt der Erzähler den einzelnen Figuren seiner Familie bis in die Großelterngeneration hinein nach – und allem, was sie dabei verband. Denn psychologischen Krankheiten und auffälligen Symptome ziehen sich durch die Generationen. Die Aufzählung der psychologischen Auffälligkeiten, die der Erzähler seinem Wiener Nachbarn offenbart, gerät so mehr als eindrücklich:

Eines Tages erzähle ich ihm von meiner Furcht, verrückt zu werden. Der Nachbar lacht nur. Wir zeichnen einen Stammbaum und überschlagen, mit welcher Wahrscheinlichkeit mich welches Schicksal ereilen könnte: Schizophrenie? Sucht? Depression? Bipolare Störung? Mein Stammbaum ist befallen von so ziemlich jeder Plage, die in den Bibeln der Psychiatrie zu finden ist. In wessen Fußstapfen soll ich treten? Welche verirrte Linie weiterführen? Die Depression meines Vaters? Die Schizophrenie meines Großvaters? Die Todessehnsucht meiner Großmutter? Die Abhängigkeit meiner Mutter?

Leon Engler – Botanik des Wahnsinns, S. 22

Doch nicht nur die Familie ist schon längst zerfallen, auch sein kurzer Text springt von Vergangenem zur Gegenwart, vom eigenem Erleben des Erzählers hin zu den Erinnerungen an seine Familie. Dadurch zerfällt der Text zwar strukturell, bildet aber dennoch ein Ganzes.

Depressionen, Schizophrenie und suizidale Tendenzen

Leon Engler - Botanik des Wahnsinns (Cover)

In seinen kurzen Kapiteln widmet sich der Erzähler all den familiären Figuren und nimmt ihre Eigenheiten und ihre jeweiligen Wesen und Kämpfe mit ihren Krankheiten in den Blick.

Die Mutter, die als Journalistin reüssierte, ein mondänes Leben führte und dann doch in einer zwangsgeräumten Wohnung in Wien endet, der Vater, der sich von der Mutter trennt und Zeit seines Lebens mit den eigenen Dämonen der Depression kämpft, all diese Figuren aus dem familiären Kosmos stellt der Erzähler in seinem Buch vor, blickt dabei aber auch auf seine eigene Position in diesem Kosmos und seine Befürchtungen, den psychologischen Dispositionen ebenfalls zu erliegen.

Sein Lebenswandel hin zu einem Studium der Psychologie (was den Erzähler mit dem Autor Leon Engler selbst verbindet), der dann folgende Alltag als Therapeut in einer psychiatrischen Einrichtung (was wiederum an Joachim Meyerhoffs Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war erinnert), verbunden mit allgemeinen Reflektionen über das „Normale“ und das „Verrückte“, all das fügt sich zu den Porträts seiner Familie und gibt einen Eindruck vom breiten Spektrum psychischer Verfasstheit, auf dem sich Englers Figuren an ganz unterschiedlichen Stellen einsortieren.

Die Überwindung der Sprachlosigkeit

In seinem manchmal fast ein wenig zu sehr auf Pointe oder eine markante Punchline geschriebenen Text gelingt dem Erzähler das, was er am Ende des Buchs als sein erzählerisches Anliegen formuliert. Die Sprachlosigkeit, in der sich die Mitglieder seiner Familie immer wiederfanden, er überwindet sie mit seinem Erzählen und verschafft ihr so eine Geschichte, weit über bloße sieben Kisten in einem Abstellraum in Wien hinaus.

Botanik des Wahnsinns ist der Blick auf eine besondere Familie und ihre Kämpfe und Probleme – und der Beweis, wie Literatur Stigmata überwinden, Verständnis schaffen und ein literarisches Familienalbum schaffen kann, das für die dunklem Töne ebenso Raum vorsieht wie für das Helle.


  • Leon Engler – Botanik des Wahnsinns
  • ISBN 978-3-7558-0053-8
  • 206 Seiten. Preis: 23,00 €

Raphaela Edelbauer – Die echtere Wirklichkeit

Um die Wahrheit ist es nicht bestellt in diesen Tagen. Fake News, alternative Fakten und eine Flut von KI generiertem Müll bedrohen die Wahrheit und machen die Verständigung auf eine gemeinsame Realität immer schwerer. In Raphaela Edelbauers Roman Die echtere Wirklichkeit probt eine Gruppe namens Aletheia den Widerstand dagegen. Wie dieser Kampf aussieht, davon erzählt die österreichische Autorin in ihrem Buch und zielt dabei mitten hinein in unsere Gegenwart.


Wir wollen keine konkreten Reformen vorschlagen, wofür wir andere, mit uns kooperierende Gruppen als zuständig erachten. Wir sind philosophische Revolutionäre, deren sogenannter Terror gewissen Denkbewegungen die Waffe an die Schläfe drückt

Raphaela Edelbauer – Die echtere Wirklichkeit, S. 376

So formuliert es die Vereinigung namens Aletheia in ihrem thesenstarken Manifest, das die in Wien beheimatete Gruppe gemeinsam erarbeitet hat. Mit einer gehörigen Portion Revoluzzer-Nostalgie angefertigt in einer besetzten Wohnung per Matrizendruck sind es 71 Thesen, die für die Gruppe entscheidende Bedeutung besitzen.
Man liest Heidegger, nur ist es diesmal die Musik von Depeche Mode anstelle von Ton, Steine, Scherben, die aus den Lautsprechern dröhnt, während man diskutiert und streitet. Aber nur bei Diskursgewittern soll es nicht bleiben – denn Aletheia ist mehr als ein philosophischer Lesekreis und steht damit in der Tradition des Terrors einer RAF: mithilfe eines Anschlags will mit einem sprichwörtlichen Knall auf die eigenen Thesen hinweisen und die eigene Mission zum Erfolg zu führen.

Terror und Philosophie

Raphaela Edelbauer - Die echtere Wirklichkeit (Cover)

Doch wie kam es so weit, das inmitten Wiens der bewaffnete Aufstand und Terror geprobt wird? Und was will die Gruppe eigentlich? Das erzählt nicht nur das immer wieder aufgegriffene thesenreiche Manifest, das den Leser*innen von Raphaela Edelbauers neuem Roman gleich als Einstieg um die Ohren gehauen wird. Auch die im Rollstuhl sitzende Romy alias Byproxy nimmt uns zurück an die Anfänge, als das mit Aletheia begann – beziehungsweise, als sie zur Gruppe stieß. Denn Byproxy ist der jüngste Neuzugang der Gruppe, die sich aus Paul, Bernward, Brigitte und der Chirurgin konstituiert.

Nachdem sie aus ihrer Wohngruppe hinausgeflogen ist, stößt Romy in den kalten Straßen Wiens auf die Spur der Revolutionäre – und findet Anschluss bei denen in einer besetzten Wohnung beheimateten Gruppe. Als Einstieg in die Welt der Wahrheitsverfechter muss sie durch die ganz große Denkschule durchfräsen und die Lektüre von Parmenides, Husserl oder Hegel nebst Hausarbeit erledigen, um bei Aletheia Aufnahme und Anerkennung zu finden.

Mithilfe des philosophischen Rüstzeugs soll die gehbehinderte Byproxy die Gruppe in ihrem großen Kampf unterstützen. Diesen führt die nach der griechischen Göttin für die Wahrheit benannte Gruppe für die Wahrheit. Denn die Wahrheit, sie gerät seit dem Erfolg des Poststrukturalismus zunehmend in Gefahr – und das von höchster Stelle.

Längst schon arbeiten Kräfte auf dem ganzen Kontinent gegen die Wahrheit an. Man erfindet Begriffe wie alternative Fakten und hat gar kein Interesse mehr, sich zu verständigen und eine gemeinsame Verständnisbasis auszumitteln. Die Verbindlichkeit dieser gemeinsamen, verbindenden Wahrheit ist in Gefahr – doch Aletheia will sie verteidigen.

Der Kampf für die Wahrheit

Es ist ein Kampf, der mehr mit Worten und Gedanken als mit echten Taten geführt wird. Zwar besuchen Paul und Byproxy eine Wahlveranstaltung der rechtspopulistischen Freiheitlichen Partei Österreichs oder planen einen Anschlag auf die Kronenzeitung, die in den Augen der Gruppe eine Schleuder für Fake News darstellt (und die in der Alpenrepublik trotz ihres boulevardesken und unterkomplexen bis rassistischen Charakters eine Zielgruppe von über drei Millionen Menschen erreicht) – das Ergebnis dieser Anstrengungen bleibt aber kärglich. Eine schlampig gemauerten Mauer vor dem Universitätsbüro von Wahrheitsfeinden, sie ist alles, was bleibt. Dass dieses Bauwerk dann fast von alleine kollabiert ist sinnbildlich zu sehen.

Vieles bei Aletheia bleibt allein beim Wollen, ehe der Roman auf den letzten Seiten doch noch seinen explosiven Charakter entfaltet.

Und dann erlöste Brigitte uns aus dieser Totenstille: „Ich glaube, Byproxy hat recht. Moment mal, lasst uns nachdenken, vielleicht hat sie wirklich recht.“
„Seid ihr beide wahnsinnig geworden?“, fragte Bernward.
„Eine Geiselnahme? Glaubt ihr, wir wollen RAF spielen? Wir sind eine philosophische Gruppe.“
„Eine philosophische Terrorgruppe.“
„Eine philosophisch-aktionistische Gruppe!“, schrie Bernward.

Raphaela Edelbauer – Die echtere Wirklichkeit, S. 213

Theorie und Diskussion

Über weite Strecken erschöpft sich die Gruppe in der Planung und Diskussion ihrer Aktionen – und steht damit stellvertretend für die Leistungsschwäche der Linken angesichts eines globalen Rechtsrucks und der Tendenz hin zu Autoritärem. Die Protagonisten dieses Rechtsrucks von der medialen Öffentlichkeit (Kronenzeitung) über akademischen Betrieb bis hin zu den politischen Mitspielern (FPÖ) beleuchtet Edelbauer immer wieder als einen großen Komplex, gegen den Aletheia gar nicht ankommen will und kann.

Verlockender scheinen die Dialoge über Wahrheit und der Blick der Philosophen auf den kaum zu greifenden Komplex. Was ist Wahrheit, auf welche Wahrnehmung der Wahrheit kann man sich verständigen? Die echtere Wirklichkeit geizt dabei nicht mit Thesen und Denkern. Immer wieder verliert sich die Gruppe in Diskussionen zwischen Poststrukturalismus und Pläneschmieden und strapaziert damit auch die Geduld der Leser*innen. Edelbauers Faible für Philosophie und die Widersprüche des Denkens scheinen in diesem Roman wohl so deutlich auf wie nie.

Das macht ihren Roman bisweilen zu einer zähen Lektüre, die mit den 71 Thesen, Theorietexten und Dauerstreitereien Hingabe der Konsument*innen erfordert. Dafür belohnt der Roman auch etwa mit der großartigen Bierzelt-Szene, die die Agitation rechter Kräfte ohne Fakten aber mit ganz viel Gefühl dokumentiert. Auch ist ihr Roman wieder ein großes Sprachfest, da Byproxy eine sprachstarke Erzählerin mit gewähltem Vokabular ist. Man verabsentiert sich, ist spornstreichs unterwegs oder befleißigt sich verschiedenster Dinge. Auch geizt die Autorin nicht mit hinreißenden Austriazismen der Marke Spom­pa­na­deln oder Gleich spielt’s Granada.

Fazit

So ist Die echtere Wirklichkeit ein wilder philosophischer wie sprachliche Tanz, der sich auf dem schwindenden Grund einer gemeinsamen Realität unserer Gesellschaft vollzieht. Edelbauers Buch zielt mitten hinein in die Gegenwart und das brüchig gewordene Vertrauen in Staat – und die Erzählerin.
Trotz eines klaren Österreich-Fokus ist das Buch damit doch auch universell übertragbar. Wackere Leser*innen, die sich nicht von vielen Thesen und Denkgirlanden und Diskussionsdauerfeuern abschrecken lassen, die finden in Raphaela Edelbauers Buch höchst gegenwärtige Lektüre zwischen Philosophie und Bombenanschlag.


  • Raphaela Edelbauer – Die echtere Wirklichkeit
  • ISBN 978-3-608-96630-5 (Klett-Cotta)
  • 448 Seiten. Preis: 28,00 €