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Arthur Schnitzler – Traumnovelle

Eros und Thanatos fallen hier mustergültig zusammen. Arthur Schnitzler erzählt in seiner Traumnovelle von der Macht des Begehrens und einem fast somnambulen Erlebnis, das dem Arzt Fridolin zuteilwird. Auch hundert Jahre nach ihrem Erscheinen schimmert diese Novelle noch nachtschwarz und höchst modern…


Wenn in einer Stadt im 20. Jahrhundert an der Moderne gearbeitet wurde, dann war das fraglos Wien.
Neben Berlin bildete die Großstadt an der Wien den zentralen Kulminationspunkt, in dem verschiedenste Künstler, Intellektuelle und Wissenschaftler um 1900 zusammenfanden und mit ihren Theorien und Werken über alle Disziplinen hinweg sprichwörtlich eine neue Epoche begründeten.

Ernst Mach und Erwin Schrödinger auf dem Feld der Naturwissenschaften, Adolf Loos in der Architektur, Gustav Klimt, Oskar Kokoschka oder Richard Gerstl in der Malerei, Edmund Husserl und Ludwig Wittgenstein auf dem Feld der Philosophie, Friedrich von Hayek oder Joseph Schumpeter in Sachen Ökonomie oder Viktor Adler und Sigmund Freud auf dem Feld der Psychoanalyse, sie alle sorgten mit ihren Theorien und radikal neuen Schulen in Sachen Kunst und Denken für eine Weiterentwicklung der Kunst und Wissenschaft auf unzählig vielen Feldern.

Die Wiener Moderne um 1900

Arthur Schnitzler - Traumnovelle (Cover)

Auch die Literatur blieb von diesen Entwicklungen nicht ausgenommen. Das Genre der Kaffeehausliteratur etablierte sich, Figuren wie Friedrich Torberg prägten diese neue Gattung, während Autoren wie Robert Musil oder Georg Trakl mit ihrer Dichtung neue, zuvor nicht gekanntes ästhetisches Terrain betraten und sich mit ihrer Dichtung von etablierten Erzählformen und Genres lossagten.

Auch Arthur Schnitzler zählte zu jenen Autor*innen, die sich mit ihrem Erzählen auf neue Wege begaben.
Als Mitglied des engstens Kreises des sogenannten Jung-Wien hatte er entscheidenden Anteil, mit seinem Werk jenen Epochenbruch nachzuzeichnen, bei dem man sich verstärkt dem ästhetischen Erleben und den Innenwelt zuwandte.

Während die Väter noch nach den Regeln des alten Großbürgertums lebten, so suchten deren Söhne nach einer neuen, „modernen“ Lebensweise, die sie im eigenen Inneren fanden. Mit den Äußerlichkeiten des liberalen Bürgertums wollte man nichts mehr zu tun haben und folgte damit dem alten Leitsatz von Augustinus, dass man in sich selbst zurückkehren sollte.
Dieser Blick nach innen, entscheidend beeinflusst auch von den psychoanalytischen Erkenntnissen der Wiener Schule um Sigmund Freud und dessen Traumdeutung, übte besonders auf Arthur Schnitzler eine große Faszination aus.

Nächtliche Geständnisse und Beichten

Besonders augenfällig ist dies in seiner Traumnovelle, die vor genau hundert Jahren als Buchveröffentlichung das Licht der Öffentlichkeit erblickte. Darin lässt er schon zu Beginn Fridolin und Albertine gegenseitig in ihr Innerstes blicken, sich eines Abends gegenseitig ihre Sehnsüchte und Begehren offenbaren.

„Albertine – so gibt es etwas, was du mir verschwiegen hast?“
Sie nickte und blickte mit einem sonderbaren Lächeln vor sich hin.
Unfassbare, unsinnige Zweifel wachten in ihm auf.
„Ich verstehe nicht recht“, sagte er. „Du warst kaum siebzehn, als wir uns verlobten.“
„Sechzehn vorbei, ja, Fridolin. Und doch“ – sie sah ihm hell in die Augen – „lag es nicht an mir, dass ich noch jungfräulich deine Gattin wurde.“
„Albertine –!“
Und sie erzählte.

Arthur Schnitzler – Traumnovelle, S. 13

Dieser Blick in die tiefsten seelischen Verfasstheiten und Fantasien als Bruch mit allen Regeln der Diskretion und des Schweigens wird von Schnitzler dann fortgeführt, indem er Fridolin erst einmal aus der Wohnung des jungen Paares in die Nacht hinausführt. Fridolin, der als Arzt praktiziert, wird an das Krankenbett eines Hofrats gerufen, wo er nur noch den Tod des Patienten feststellen kann und auf dessen Tochter Marianne trifft.

Vom Totenbett ins Bordell zu einer Privatfeier

Die junge Frau, die Fridolin seit Kindesbeinen kennt, löst bei ihm zunächst kein allzu großes Begehren aus, lässt ihn aber dennoch über den Besuch in der Wohnung des Toten nicht los, sodass er noch die nächtlichen Gassen Wiens durchstreift.

Er fand sich, mit einem Male, schon über sein Ziel hinaus in einer engen Gasse, durch die nur ein paar armselige Dirnen auf Männerfang umherstrichen. Gespenstisch, dachte er. Und auch die Studenten mit den blauen Kappen wurden ihm plötzlich gespenstisch in der Erinnerung, ebenso Marianne, ihr Verlobter, Onkel und Tante, die er such nun alle, Hand in Hand, um das Totenbett des alten Hofrats gereiht vorstellt; auch Albertine, die ihm nun im Geist als tief Schlafende, die Arme unter dem Nacken verschränkt, vorschwebte – sogar sein Kind, das jetzt zusammengerollt in dem schmalen weißen Messingbettchen lag, und das rotbäckige Fräulein mit dem Muttermal an der linken Schläfe –, sie alle waren ihm völlig ins Gespenstische entrückt. Und in dieser Empfindung, obzwar sie ihn ein wenig schaudern machte, war zugleich etwas Beruhigendes, das ihn von aller Verantwortung befreite, ja aus jeder menschlichen Beziehung zu lösen schien.

Arthur Schnitzler – Traumnovelle, S. 27

So treibt Fridolin nun wie in einer Zwischenwelt jenseits von Zeit und Ort durch die Nacht. Er sucht erst eine Prostituierte und dann bezeichnenderweise ein Kaffeehaus „niederen Ranges“ auf, wo er auf einen alten Bekannten namens Nachtigall trifft.
Dieser erzählt ihm von einer geheimnisvollen Feier in einem Privathaus, wo er später in der Nacht als Pianist tätig sein wird. Zudem verrät er Fridolin passenderweise auch noch die Parole, die ihm Zutritt zu dieser exklusiven und höchst geheimnisvollen Feier verschaffen soll.

Tatsächlich sucht Fridolin diese Feier auf, bei der sich die rätselhaft-schwebende Atmosphäre der Nacht noch weiter fortsetzt.

Eros und Thanatos, Tod und Begehren

Ohne an dieser Stelle zu viel von der Handlung vorwegnehmen zu wollen, wird am Ende der Nacht eine Todesnachricht stehen, die nur das herausragendste Beispiel dafür sein wird, wie eng Tod und Begehren, Eros und Thanatos in Schnitzlers Erzählung beieinanderliegen.

Manchmal mit leicht expressionistischen Anklängen, dann wieder luzid und fast somnambul wirkt die Stimmung, die die Traumnovelle durchzieht. Hier wird eine Seele und das Begehren erkundet, während sich Fridolin durch die Nacht treiben lässt, was auch hundert Jahre später nichts von seiner Faszination verloren hat.

Zeitlos und eben unerhört modern wirkt sein Erzählen, das der Salzburger Jung und Jung-Verlag zum hundertsten Geburtstag noch einmal in einer Neuauflage auf den Markt bringt.

Ein allzu sperriges Nachwort

An die Seite gestellt hat man Schnitzlers gut hundert Seiten langen Erzählung einen Aufsatz von W. G. Sebald, der in Das Schrecknis der Liebe einen eigenen Blick auf die Erzählung des Österreichers wirft.

Ursprünglich war dieser Essay im Februar 1985 in der geisteswissenschaftlichen Zeitschrift Merkur erschienen, nun hat er hier wieder einen Auftritt – und wirkt in seiner allzu akademischen und sperrigen Machart wie der Gegenentwurf zu Schnitzlers Erzählen, das doch durch seinen kunstfertigem und deutungsoffenem Charakter besticht.

Es finden sich darin jede Menge verquasteter Sätze wie der Folgende:

In der Episode von der Hofrathstochter aus der Schreyvogelgasse wird Hysterie von einem ähnlichen Standpunkt aus beschrieben wie in den Studien Freuds. Und doch hat Schnitzlers erzählerische Präsentation, aus der sich eine Reihe von Aufschlüssen ergibt über die hysterische Disposition einbeschriebene soziale Dynamik, den Freud’schen Analysen einiges voraus, nicht zuletzt einen höheren Grad an Empathie mit dem psychischen Zustand der von einer abstrakten Norm aus derangiert erscheinenden Frau. Das kann vor allem an den Idealbildern der Männlichkeit abgelesen werden, die Schnitzler als die Zufluchtspunkte weiblicher Sehnsucht in seine Frauenporträts wie zitatweise eingraviert.

W. G. Sebald – Das Schrecknis der Liebe in Arthur Schnitzler – Traumnovelle, S. 121 f.

Nur um hier Missverständnissen vorzubeugen: ein akademischer Blick auf Arthur Schnitzlers Erzählen aus germanistischer oder philosophischer Sicht, der das Gelesene kontextualisiert oder weiterdenkt, ist mir nicht nur bei einem solchen Klassiker immer gerne willkommen.

Ein beflügelndes Weiterdenken der Traumnovelle ist Sebalds Text allerdings an keiner Stelle, vielmehr ist der Text, der es selbst auf ein Drittel von Schnitzlers Novelle bringt, eine Herausforderung, die statt Inspiration und Denkanstößen sehr viel Lesearbeit bedeutet.

Dabei hätte die Hektode dieses so zeitlosen Werks doch eingeladen zu einem Blick aus der Gegenwart zurück auf hundert Jahre Wirkungsgeschichte in Sachen Traumnovelle. Warum nicht ein Aufsatz, der aus heutiger Sicht auf Schnitzlers Werk blickt, der gegenwärtige philosophische oder psychoanalytische Erkenntnisse mit Schnitzlers Schreiben vereint?

Oder der Blick eines Historikers oder Germanisten, der den Verbindungen in Arthur Schnitzlers Werk und Leben mit der Wiener Moderne leichtfüßig nachspürt oder ein theatraler Blick auf das Ganze, der Adaptionen der Novelle im Theater und Film bis hin zu Stanley Kubricks Adaption Eyes Wide Shut nachzeichnet? All das hätte ich begeisternder und auch lohnenswerter gefunden als das, was Schnitzlers Novelle hier tatsächlich beigegeben wurde.

Fazit

Von solchen Einwänden abgesehen ist die Traumnovelle auch genau hundert Jahre nach ihrem Erscheinen in ihrer radikalen Hinwendung zur Innerlichkeit, zum tabufreien Blick auf Begehren und Tod höchst modern. Schnitzlers Erzählung zeigt eindrücklich, wie er mit seinem Schreiben entscheidend an der Wiener Moderne mitwirkte und mit seinem Schreiben wichtige Türen für eine schambefreitere Literatur öffnete, die furchtlos auf Begehren und erotische Verlockung wie auch die tiefen der eigenen Seele blickt.


  • Arthur Schnitzler – Traumnovelle
  • ISBN 978-3-99027-448-4 (Jung und Jung)
  • 146 Seiten. Preis: 24,00 €

Reza Ghassemi – Die nächtliche Harmonie des Holzorchesters

Eine Schicksalsgemeinschaft in einem Pariser Mietshaus und Erlebnisse, denen man nicht entrinnen kann. Der iranische Autor Reza Ghassemi erzählt in seinem Roman Die nächtliche Harmonie des Holzorchesters davon und erlaubt damit einen Blick in die Seele eines Exil-Iraners, der dem Erlebten auch auf einem anderen Kontinent nicht entkommen kann.


Wenn es ein Land gibt, auf das sich gegenwärtig die Augen der Weltöffentlichkeit richten, dann ist es neben der Ukraine und deren Kampf gegen die russischen Besatzer sicherlich der Iran. Kam es vor vier Jahren zu Protesten in Folge des gewaltsamen Todes von Jina Mahsa Amini, so machte das Land daraufhin mit der blutigen Niederschlagung der Proteste Schlagzeilen, die mutmaßlich Tausende von Toten forderten.

Versuchte sich Donald Trump im vergangenen Jahr noch an einem „minimalinvasiven“ Angriff auf die iranischen Atomanlagen, so weitete sich dieser Konflikt in diesem Jahr aus, indem die amerikanische Regierung durch eine militärische Intervention einen Regimewechsel im Land herbeizuführen versuchte.

Es war ein Plan, der spektakulär scheiterte und dessen Folgen in Form der Blockade der Straße von Hormus Auswirkungen auf die ganze Welt hatten und haben, nicht zuletzt auch auf die Preise an den Zapfsäulen hierzulande.
Die Angriffe sorgten für große Debatten um die Rechtmäßigkeit der Angriffe, der Machttektonik der Mullahs, Revolutionsgarden und Einflussfaktoren im Iran und die deutschen Interessen in diesem Konflikt.

Während uns Sachbücher den Iran und seine Geschichte näherbringen und Journalistinnen zunehmend Essays über die Verbindung ihrer Väter zum Iran vorlegen, so mangelt es eklatant an iranischen Romanen, die uns das Land mit den Mitteln der Literatur näherbrächten.

Die große Iran-Umfahrung

Reza Ghassemi - Die nächtliche Harmonie des Holzorchesters (Cover)

Zwar gibt es vereinzelte Initiativen von Kleinverlagen wie dem unabhängigen Glaré-Verlag und dessen Reihe Der andere Orient oder die Büchergilde Gutenberg, die jüngst in ihrer Reihe Weltempfänger den Roman Fereydoun hatte drei Söhne von Abbas Maroufi vorstellte oder in der mittlerweile wieder eingestellten Edition Weltlese den Roman Der letzte Ausweis von Fereidoun M. Esfandiary in der Übersetzung von Ilja Trojanow zugänglich machte.
Große Verlagshäuser scheuen aber – trotz ihrer in Teilen durchaus welthaltigen Programme – den Iran literarisch. Statt das Land in Buchform zu erfahren, umfahren sie es lieber großräumig.

Umso schöner, dass es der C. H. Beck-Verlag da anders hält. Immer wieder stellt der Münchner Verlag den Vorderen Orient in den verlegerischen Mittelpunkt, zuletzt erlaubte uns Rabih Alahmeddine mit Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter) einen Einblick in die aktuelle Lebenswelt im Libanon, vor zwei Jahren publizierte der Verlag mit Die Rose von Nischapur einen Roman des in Teheran geborenen Schriftstellers Amir Hassan Cheheltan, dessen Werke in seinem Heimatland Iran seit zwanzig Jahren nicht mehr erscheinen dürfen.

Nun rückt der Verlag mit Reza Ghassemi den nächsten iranischen Autor in das Licht der Öffentlichkeit und stellt damit jenen Roman vor, der in den Augen der Literaturkenner der jüngeren Generation eindeutig als Favorit gilt, wie Azar Attar in seinem Artikel zur Teheraner Buchmesse im Mai 2005 schrieb.

Darin ging er auch auf die voltenreiche Geschichte des Buchs selbst ein, das unter ähnlich herausfordernden Umständen wie der Roman von Fereidoun M. Esfandiary das Licht der Öffentlichkeit erblickte. Denn im Alter von 36 Jahren begab sich Reza Ghassemi nach Frankreich, wo er seit 1986 lebt.
Er, der auch als Musiker reüssierte und als Virtuose der Setar gilt, komponierte seinen vielstimmigen Roman im Jahr 1994 fertig. Zwei Jahre später erschien das Buch in einem in den USA beheimateten iranischen Verlag, ehe das Buch dann noch einmal fünf Jahre später ins Französische übersetzt wurde, um dann 2002 dann endlich auch in Ghassemis Heimatland zu erscheinen.

Der lange Weg bis zur Veröffentlichung

Das Ganze erinnert in seinen verwinkelten biografischen und editorischen Details an den russischen Schriftsteller Sascha Sokolow und sein Hauptwerk Die Schule der Dummen, das auch nur über Umwege aus der Sowjetunion nach Österreich geschmuggelt werden konnte und bis zum Fall des Eisernen Vorhangs im 1989 in dessen Heimat Russland ebenfalls nicht erscheinen durfte.
Doch nicht nur die verschlungene Publikationsgeschichte, auch den experimentellen Erzählansatz seiner Prosa teilt Ghassemi mit Sokolows Werk.

So fällt auch hier eine eindeutige Inhaltsbestimmung wie auch thematische Verortung von Die nächtliche Harmonie des Holzorchesters äußerst schwer. Das Buch, das dank Sarah Kiyanrads Übersetzung aus dem Farsi nun auch auf Deutsch vorliegt, erzählt die Geschichte von Yadollah, der im Dachgeschoss eines Pariser Miethauses lebt.

Seine Nächte verbringt er mit dem Porträtieren seines Vermieters Éric-Francois Schmidt, lässt sich durch die Stadt treiben und teilt sein Zuhause mit einer ganzen Reihe exzentrischer Gestalten, die Tür an Tür mit ihm wohnen. Gabique, der gefürchtete Hund seines Vermieters, ein Cellist namens Milos, sein Nachbar Seyyed Alexander oder der „Prophet“, sie alle leben dort unter dem Dach des Hauses und begegnen sich vor allem nachts, da ihnen allen ein gewisser Hang zur Nachtaktivität gemein ist.

Die innere Zerrissenheit Yadollahs

Manchmal lebt Yadollah außerhalb der Zeit, da er immer wieder von einer Krankheit des „Zeitstillstands“ erfasst wird. Und dann ist da auch noch ein Verhör mit „Murnaus Faust“, in das er immer wieder katapultiert wird. Ist er Verdächtiger oder Opfer – und was will man von ihm?

Reza Ghassemis Text stellt viele Fragen, ohne in gleichem Maße auch Antworten zu liefern. Der Text lebt von seiner Zersplitterung und dem Bruch mit der Chronologie und Logik, was Die nächtliche Harmonie des Holzorchesters zu einer herausfordernden Lektüre macht.

Zudem bezieht sich Ghassemi häufig auf Elemente der iranischen Kultur, was von Zitaten aus der persischen Dichtung bis hin zu Gestalten aus Religion, Militär- und Nationalgeschichte reicht. Deren konkrete Bezüge zu Ghassemis Prosa dürften den meisten westlichen Lesern unverständlich bleiben, auch wenn Sarah Kiyanrad als die Übersetzerin und Expertin für iranische Kulturgeschichte mit dem fast dreißig Fußnoten umfassenden Anmerkungsapparat für mehr Klarheit sorgt.

Einblicke in die Lebenswelt des Iran liefert Reza Ghassemi mit seinem Roman dabei weniger, besonders stark ist Die nächtliche Harmonie des Holzorchesters aber, die innere Zerrissenheit Yadollahs nachzuzeichnen und zu zeigen, wie das Leben in der Fremde auf diesen einwirkt und für eine Entwurzelung sorgt, die Ghassemis Text durch die erzählerischen Brüche erfahrbar macht.

Fazit

Wer experimentelle Prosa schätzt, die dem Lesenden eine hermeneutisch offene Begegnung mit dem Geschriebenen abverlangt, der hat an Die nächtliche Harmonie des Holzorchesters sicherlich seine Freude. Wie ein manchmal recht dissonantes Konzert des Holzorchesters wirkt so manches in Ghassemis Roman. Wer sich konkrete Einblicke in die innere Verfasstheit des Iran und seiner Einwohner erwartet, der dürfte mit dieser Prosa freilich weniger zufrieden sein.
Aber allein schon, dass hier Verlag und Übersetzerin unerschrocken dem Iran eine Stimme geben und tief in die iranische Literatur eintauchen lassen, das verdient großes Lob!


  • Reza Ghassemi – Die nächtliche Harmonie des Holzorchesters
  • Aus dem Farsi von Sarah Kiyanrad
  • ISBN 978-3-406-85126-1 (C. H. Beck)
  • 255 Seiten. Preis: 24,00 €

Mathias Enard – Kompass

Vom Weben von Brücken zwischen dem Orient und dem Okzident. Davon handelt Mathias Enards wissensatter (und manchmal schon fast wissensübersättigter) Roman Kompass, für den der französische Schriftsteller 2015 den Prix Goncourt zugesprochen bekam und der von Wien bis nach Palmyra führt.


Kompass ist einer jener Romane, bei denen sich die gesamte Handlung über lediglich einen Tag erstreckt – oder im Falle von Enards Buch eine einzige Nacht. Die durchwacht der von Krankheit und Gedanken gepeinigte Erzähler Franz Ritter in seiner Wiener Wohnung. Wach hält ihn nicht nur seiner Körper – sondern vor allem Erlebtes und Geschichten, die ihm permanent durch den Kopf geistern und an denen er uns teilhaben lässt. So ensteht eine Gedanken- und Erinnerungswelt irgendwo zwischen Fiebertraum, Opiumrausch und Scheherazade.

Es sind vor allem zwei Themen, die Ritters schlaflose Nacht begleiten und bestimmen: zuvorderst ist es sein Lebensthema des Orientalismus, dem er als Musikwissenschaftler seine akadamische Karriere gewidmet hat. Von Jules Massenet über Félicien David zu Mozarts Alla Turca wandern seine Gedanken und stellen Verbindungen zwischen den Werken und Einflüssen her, wie es die Komponisten selbst mit der Klangwelt des Orients und des Okzidents taten.

Doch nicht nur in dieser Hinsicht versucht sich Ritter am Brückenschlag zwischen den beiden Welten. Auch sein Leben und sein Begehren der Orientalistin Sarah sorgt für eine Synthese des Ostens und des Westens. Denn immer wieder kreuzte er den Lebensweg der Forscherin, begab sich einst mit ihr in die Wüste und nach Palmyra – begegnete ihr aber auch in seiner österreichischen Heimat, wo beide etwa an einem Symposium in der Steiermark teilnahmen. Dort, in der Wohnstatt des berühmten Orientalisten Hammer-Purgstall, trafen die beiden Forschenden mit ihren Lebensthemen der Orientalistik und der Musik einmal mehr aufeinander – und verstärkten so die zwischenmenschliche Verbindung und Verflechtung ihrer Leben.

Brückenschlag zwischen Orient und Okzident

Überhaupt, das Thema der Verbindung, des Gemeinsamen, des Gespiegelten, des Brückenschlags zwischen (scheinbar) verschiedenen Polen, das kennzeichnet Kompass zuvorderst. Nicht umsonst eröffnet dieser sprachmächtige, von Holger Fock und Sabine Müller ins Deutsche übertragene Roman mit dem Bild einer Spiegelung, der sich Franz Ritter nächtens in der Fensterscheibe seiner Wohnung gegenübersieht.

Mathias Enard - Kompass (Cover)

Immer wieder spürt Ritter in seinen nächtlichen Kontemplationen dem Komplementären nach, wandern seine Gedanken aus der Wohnung hinaus auf die gegenüberliegende Seite der Welt. Die Beschäftigung mit dem eigenen Werdegang, seiner Bildung und Studienzeit, die Begegnung mit besonderen Individuen, im Laufe der Zeit – und immer wieder zu Sarah. Das ist die Welt, die Enards Kompass zeigt und beschreibt.

Ein Kompass wäre manchmal auch für den Roman selbst allerdings eine gute Idee. Denn der Roman leidet bei aller Statik von Ritters Situation und der permanente Durchmessung von Vergangenheit, Erinnertem und Erlebtem unter einer Fülle an Kultur und Wissen, die nicht nur bildungsgesättigt und stupend ist – sondern manchmal schon etwas zu überwältigend.

Denn Mathias Enard ist tatsächlich in der Lage, diese wissenspralle und sprachlich schwindelnd machende Stilistik über 400 enge Seiten beizuhalten und so die Lektüre auch zu einer Herausforderung in Sachen Lesedisziplin und Aufmerksamkeit werden zu lassen.

Eine Fülle an Figuren, historischer Episoden und Wissen

Schnell wechseln sich in diesem wilden Gedankenstrom und Wissenstrudeln die ungemein gebildete Betrachtungen Ritters ab, stellen Verbindungen her und zitieren eine Unmenge vom Orient faszinierter westlicher Figuren, von Begründer der arischen Rassenlehre und einst im Iran tätigen Graf Gobineau über die Schweizer Schritstellerin Annemarie Schwarzenbach bis hin zu Marga d’Andurain, der „Königin von Palmyra“.

Zur Lektüre von Kompass empfiehlt sich ein Notizblock oder besser noch ein geöffnetes Browserfenster, um die Hintergründe der angerissenen Schicksale oder Werke etwas ausführlicher zu recherchieren. So faszinieren unter anderem etwa die auch von Steffen Kopetzky erzählte Geschichte des Plans eines deutschen Dschihad, das Wirken von Robert Musils Bruder Alois Musil als zeitweiliger Gegenspieler von T. E. Lawrence, die Geschichte der „Halbmondlager“ bis hin zum unglaublichen Fall von Draculas Urahnen in der Steiermark, die Mathias Enard in diesem barocken Wissensstrudel nur streift, die wiederum aber selbst wieder ganz eigene Welten eröffnen.

Auch weitet die Lektüre von Enards Buch den eigenen musikalischen Horizont immens und schließt auch hier neue Klangwelten auf, wenn man sich denn auf die teilweise doch recht apokryphen Komponisten und ihre Werke einlässt, etwa in Form der heute so gut wie vergessenen sinfonische Dichtung Le desert von Félicien David, in der er eine Symbiose der Klangwelten des Orients und des Okzidents versuchte. Kompass ist voller solcher Entdeckungen, wenn man sich von Mathias Enard dazu verführen lässt.

Fazit

Man sollte sich Zeit und Geduld nehmen, um den ganzen Bildungsfäden zu folgen, die Mathias Enard in dieses dichte Bildungsgewebe namens Kompass webt. Vergangenheit und Gegenwart, Orient und Okzident, Begehren und Unerreichtes, Poesie, Reportagen, Bilder, Nachtgedanken und Erinnerungen verbinden sich hier zu einer herausfordernden, manchmal überwältigenden, manchmal anstrengenden, aber immer lohnenswerten Lektüre, für die der hochgebildete Franzose nicht umsonst 2015 den Prix Goncourt errang.


  • Mathias Enard – Kompass
  • Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller
  • ISBN 978-3-446-25315-5 (Hanser Berlin)
  • 432 Seiten. Preis: 25,00 €

Shida Bazyar – Drei Kameradinnen

Ein Buch auf der Höhe der Zeit: Rassismus, Ausgrenzung, Ernährung, Klassismus und noch viel mehr. Shida Bazyar blickt auf alle aktuellen Debattenthemen – kreiert dabei allerdings keinen überzeugenden Roman.


Will man in einigen Jahrzehnten wissen, welche Debatten im Jahr 2021 das tendentiell eher linke Spektrum der Gesellschaft beschäftigt haben, kann man einfachzu Shida Bazyars Roman Drei Kameradinnen greifen. Hierin lässt sich alles nachlesen, was die Diskurse der Zeit bestimmte. Das große Feld der Identitätspolitik wird hier beackert, die Ausgrenzung von Menschen mit fremden Namen oder Aussehen. Die Verzweiflung und Angst von Menschen mit ausländischen Wurzeln angesichts einer jahrelang nicht aufgedeckten Mordserie Rechtsradikaler. Oder auch vermeintliche Kleinigkeiten wie subtile Ausgrenzung und Diskriminierung im Alltag, auch Mikroagressionen genannt. All das beschreibt Shida Bazyar in ihrem Roman ausufernd und mit hohen Diskussionsanteil.

Eine schriftgewordene Identitätspolitik-Debatte

Sie wählt hierfür die Konstellation dreier Freundinnen, für die all diese Erfahrungen Alltag sind. Da ist die Ich-Erzählerin Kasih, die stets angepasste Hani und Saya, die in einem dem Buch vorangestellten Artikel als „agressive und verblendete“ Brandstifterin vorgestellt wird, deren Tat den Tod mehrerer Menschen zur Folge hatte. Bis es allerdings zu diesem schon auf dem Cover angedeuteten Brand kommt, vergehen viele Seiten. Sehr viele Seiten. Auch Shida Bazyar scheint um das bedenkliche Durchhängen ihres dramaturgischen Spannungsbogen gewusst zu haben, denn sie lässt Kasih ihre Erzählung immer wieder mit Vorausschauen unterbrechen.

Man könnte also auch sagen, dass unsere Internetsituation schuld an allem ist. Dass Saya, anstatt heute auszurasten, bestimmt entspannt und ausgeglichen gewesen wäre, wenn sie gewusst hätte, dass sie einfach zu mir nach Hause kommen und sich mit den positiven Geühlen ablenken kann, die jede beendete und jede neu angfangene Folge in ihr freisetzen. Jetzt gerade würde ich mich auch viel lieber mit dem Serien ablenken, statt weiterzuschreiben, oder habt ihr gedacht, ich mache das hier gerne?

Shida Bazyar – Drei Kameradinnen, S. 210
Shda Bazyar - Drei Kameradinnen (Cover)

Solcherlei Einwürfe, mit denen Bazyar aus der erzählten Zeit heraustritt, gibt es einige im Buch. Leider schafft sie es trotz dieses Kniffs nicht, durchgängig Interesse für die Entwicklungen ihrer Geschichte zu erzeugen. Denn Kasih, Hani und Saya reden und reden und reden. So beginnt alles mit einer (erfundenen Episode) über ein Missverständnis mit Sitzplätzen in einem Flugzeug, das sich zu einer Betrachtung über Rassismus auswächst. Fortan durchschreiten die jungen Frauen alle Debattenräume, die in unserer Gesellschaft gerade so bereithält und tauschen ihre Erfahrungen und Ansichten aus.

Das tumbe System der Arbeitsagenturen wird hierbei genauso behandelt wie der moralische Aspekt unserer Ernährung oder das Erstarken des rechten Randes (hier ist es eine sogenannte Flügelpartei, die die politischen Debatten dominiert). Bazyar spielt alle diese Themen durch und inszeniert dabei sogar in einem Rückgriff auf die Popkultur der 90er eine trashige Talkshow, wie sie zu dieser Zeit bei den privaten Sendern populär war. Zwar sind diese Einfälle nett, doch in der Gesamtheit dieses andauernden Diskurses über alle zeitgeistigen Themen stellte sich bei mir allmählich ein Gefühl der Ermüdung ein.

Ein Spiel mit Wahrheit und Schein

Gelang Mithu Sanyal in ihrem ähnlich inmitten aller linker Diskurse stehenden Romandebüt Identitti eine präzise und fokussierte Inszenierung ihres erzählerischen Feldes, ist dieses Feld bei Bazyar leider reichlich unkonturiert und ausgefranst. Drei Kameradinnen bietet abseits der ewigen Gespräche und Debatten leider literarisch nur mittelmäßig Interessantes und ist eher buchgewordener Leitartikel oder Debatteneinwurf denn ein mitreißendes Erzählwerk. Zwar gibt es mit der Mordserie von Neonazis und der (medialen) Debatte über die Taten oder die Brandstiftung Leitmotive, sie tragen das Buch allerdings nicht. Oder anders gesprochen: der Rahmen für das Buch steht, der Inhalt überzeugt aber leider nicht so ganz. Da hilft auch das ständige Spiel mit Wahrheit und Fälschung wenig.

Ich habe eine Schreibpause eingelegt, für wenige Minuten. Ihr habt das nicht gemerkt, denn ohne mich und meine wohlwollende Informationsvergabe seid ihr nun mal aufgeschmissen, ohne mich checkt ihr hier gar nichts. Ihr braucht mich, aber ich kann euch auch verarschen, ohne dass ihr irgendwas davon merkt. Ich kann die Tastatur schweigen lassen, schreiben und brüllen und ausrasten, ohne dass ihr jemals davon erfahrt. Weil es mir hier aber ja um Transparenz geht, erfahrt ihr natürich doch jedes Detail über das, was ich tue, sonste könnte ich das hier ja auch gleich lassen.

Shida Bazyar – Drei Kameradinnen, S. 220

Immer wieder reflektiert Kasih ihr eigenes Berichten und das, was sich die drei Kameradinnen so gegenseitig erzählen. Die junge Frau als unzuverlässige Erzählerin ist interessant, mit der Dauer des Buchs schleift sich dieser Kniff aber zusehends ab. Trotz vielversprechender Ansätze kommt das Buch nicht zu einem befriedigenden Ergebnis, auch wenn das Ende für sich durchaus überzeugen kann. Insgesamt ist Drei Kameradinnen in meinen Augen aber leider ein Buch mit vielen modischen Themen, die aber an anderer Stelle überzeugender behandelt wurden. An dieser Stelle sei nur an Streulicht von Deniz Ohde oder die eben schon erwähnte Mithu Sanyal verwiesen. Ihre Bücher besitzen eine literarische Klasse, die Shida Bazyars Werk zumindest für mich leider vermissen lässt.

Ganz anders sieht das beispielsweise Maryam Aras auf dem Blog 54Books. Und auch auf dem Blog Letteratura ist man von diesem Buch überzeugt. Ich lade einfach zur unabhängigen Meinungsbildung ein und freue mich über Rückmeldungen!


  • Shida Bazyar – Drei Kameradinnen
  • ISBN 978-3-462-05276-3 (Kiepenheuer Witsch)
  • 352 Seiten. Preis: 22,00 €