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Mathias Enard – Kompass

Vom Weben von Brücken zwischen dem Orient und dem Okzident. Davon handelt Mathias Enards wissensatter (und manchmal schon fast wissensübersättigter) Roman Kompass, für den der französische Schriftsteller 2015 den Prix Goncourt zugesprochen bekam und der von Wien bis nach Palmyra führt.


Kompass ist einer jener Romane, bei denen sich die gesamte Handlung über lediglich einen Tag erstreckt – oder im Falle von Enards Buch eine einzige Nacht. Die durchwacht der von Krankheit und Gedanken gepeinigte Erzähler Franz Ritter in seiner Wiener Wohnung. Wach hält ihn nicht nur seiner Körper – sondern vor allem Erlebtes und Geschichten, die ihm permanent durch den Kopf geistern und an denen er uns teilhaben lässt. So ensteht eine Gedanken- und Erinnerungswelt irgendwo zwischen Fiebertraum, Opiumrausch und Scheherazade.

Es sind vor allem zwei Themen, die Ritters schlaflose Nacht begleiten und bestimmen: zuvorderst ist es sein Lebensthema des Orientalismus, dem er als Musikwissenschaftler seine akadamische Karriere gewidmet hat. Von Jules Massenet über Félicien David zu Mozarts Alla Turca wandern seine Gedanken und stellen Verbindungen zwischen den Werken und Einflüssen her, wie es die Komponisten selbst mit der Klangwelt des Orients und des Okzidents taten.

Doch nicht nur in dieser Hinsicht versucht sich Ritter am Brückenschlag zwischen den beiden Welten. Auch sein Leben und sein Begehren der Orientalistin Sarah sorgt für eine Synthese des Ostens und des Westens. Denn immer wieder kreuzte er den Lebensweg der Forscherin, begab sich einst mit ihr in die Wüste und nach Palmyra – begegnete ihr aber auch in seiner österreichischen Heimat, wo beide etwa an einem Symposium in der Steiermark teilnahmen. Dort, in der Wohnstatt des berühmten Orientalisten Hammer-Purgstall, trafen die beiden Forschenden mit ihren Lebensthemen der Orientalistik und der Musik einmal mehr aufeinander – und verstärkten so die zwischenmenschliche Verbindung und Verflechtung ihrer Leben.

Brückenschlag zwischen Orient und Okzident

Überhaupt, das Thema der Verbindung, des Gemeinsamen, des Gespiegelten, des Brückenschlags zwischen (scheinbar) verschiedenen Polen, das kennzeichnet Kompass zuvorderst. Nicht umsonst eröffnet dieser sprachmächtige, von Holger Fock und Sabine Müller ins Deutsche übertragene Roman mit dem Bild einer Spiegelung, der sich Franz Ritter nächtens in der Fensterscheibe seiner Wohnung gegenübersieht.

Mathias Enard - Kompass (Cover)

Immer wieder spürt Ritter in seinen nächtlichen Kontemplationen dem Komplementären nach, wandern seine Gedanken aus der Wohnung hinaus auf die gegenüberliegende Seite der Welt. Die Beschäftigung mit dem eigenen Werdegang, seiner Bildung und Studienzeit, die Begegnung mit besonderen Individuen, im Laufe der Zeit – und immer wieder zu Sarah. Das ist die Welt, die Enards Kompass zeigt und beschreibt.

Ein Kompass wäre manchmal auch für den Roman selbst allerdings eine gute Idee. Denn der Roman leidet bei aller Statik von Ritters Situation und der permanente Durchmessung von Vergangenheit, Erinnertem und Erlebtem unter einer Fülle an Kultur und Wissen, die nicht nur bildungsgesättigt und stupend ist – sondern manchmal schon etwas zu überwältigend.

Denn Mathias Enard ist tatsächlich in der Lage, diese wissenspralle und sprachlich schwindelnd machende Stilistik über 400 enge Seiten beizuhalten und so die Lektüre auch zu einer Herausforderung in Sachen Lesedisziplin und Aufmerksamkeit werden zu lassen.

Eine Fülle an Figuren, historischer Episoden und Wissen

Schnell wechseln sich in diesem wilden Gedankenstrom und Wissenstrudeln die ungemein gebildete Betrachtungen Ritters ab, stellen Verbindungen her und zitieren eine Unmenge vom Orient faszinierter westlicher Figuren, von Begründer der arischen Rassenlehre und einst im Iran tätigen Graf Gobineau über die Schweizer Schritstellerin Annemarie Schwarzenbach bis hin zu Marga d’Andurain, der „Königin von Palmyra“.

Zur Lektüre von Kompass empfiehlt sich ein Notizblock oder besser noch ein geöffnetes Browserfenster, um die Hintergründe der angerissenen Schicksale oder Werke etwas ausführlicher zu recherchieren. So faszinieren unter anderem etwa die auch von Steffen Kopetzky erzählte Geschichte des Plans eines deutschen Dschihad, das Wirken von Robert Musils Bruder Alois Musil als zeitweiliger Gegenspieler von T. E. Lawrence, die Geschichte der „Halbmondlager“ bis hin zum unglaublichen Fall von Draculas Urahnen in der Steiermark, die Mathias Enard in diesem barocken Wissensstrudel nur streift, die wiederum aber selbst wieder ganz eigene Welten eröffnen.

Auch weitet die Lektüre von Enards Buch den eigenen musikalischen Horizont immens und schließt auch hier neue Klangwelten auf, wenn man sich denn auf die teilweise doch recht apokryphen Komponisten und ihre Werke einlässt, etwa in Form der heute so gut wie vergessenen sinfonische Dichtung Le desert von Félicien David, in der er eine Symbiose der Klangwelten des Orients und des Okzidents versuchte. Kompass ist voller solcher Entdeckungen, wenn man sich von Mathias Enard dazu verführen lässt.

Fazit

Man sollte sich Zeit und Geduld nehmen, um den ganzen Bildungsfäden zu folgen, die Mathias Enard in dieses dichte Bildungsgewebe namens Kompass webt. Vergangenheit und Gegenwart, Orient und Okzident, Begehren und Unerreichtes, Poesie, Reportagen, Bilder, Nachtgedanken und Erinnerungen verbinden sich hier zu einer herausfordernden, manchmal überwältigenden, manchmal anstrengenden, aber immer lohnenswerten Lektüre, für die der hochgebildete Franzose nicht umsonst 2015 den Prix Goncourt errang.


  • Mathias Enard – Kompass
  • Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller
  • ISBN 978-3-446-25315-5 (Hanser Berlin)
  • 432 Seiten. Preis: 25,00 €
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Shida Bazyar – Drei Kameradinnen

Ein Buch auf der Höhe der Zeit: Rassismus, Ausgrenzung, Ernährung, Klassismus und noch viel mehr. Shida Bazyar blickt auf alle aktuellen Debattenthemen – kreiert dabei allerdings keinen überzeugenden Roman.


Will man in einigen Jahrzehnten wissen, welche Debatten im Jahr 2021 das tendentiell eher linke Spektrum der Gesellschaft beschäftigt haben, kann man einfachzu Shida Bazyars Roman Drei Kameradinnen greifen. Hierin lässt sich alles nachlesen, was die Diskurse der Zeit bestimmte. Das große Feld der Identitätspolitik wird hier beackert, die Ausgrenzung von Menschen mit fremden Namen oder Aussehen. Die Verzweiflung und Angst von Menschen mit ausländischen Wurzeln angesichts einer jahrelang nicht aufgedeckten Mordserie Rechtsradikaler. Oder auch vermeintliche Kleinigkeiten wie subtile Ausgrenzung und Diskriminierung im Alltag, auch Mikroagressionen genannt. All das beschreibt Shida Bazyar in ihrem Roman ausufernd und mit hohen Diskussionsanteil.

Eine schriftgewordene Identitätspolitik-Debatte

Sie wählt hierfür die Konstellation dreier Freundinnen, für die all diese Erfahrungen Alltag sind. Da ist die Ich-Erzählerin Kasih, die stets angepasste Hani und Saya, die in einem dem Buch vorangestellten Artikel als „agressive und verblendete“ Brandstifterin vorgestellt wird, deren Tat den Tod mehrerer Menschen zur Folge hatte. Bis es allerdings zu diesem schon auf dem Cover angedeuteten Brand kommt, vergehen viele Seiten. Sehr viele Seiten. Auch Shida Bazyar scheint um das bedenkliche Durchhängen ihres dramaturgischen Spannungsbogen gewusst zu haben, denn sie lässt Kasih ihre Erzählung immer wieder mit Vorausschauen unterbrechen.

Man könnte also auch sagen, dass unsere Internetsituation schuld an allem ist. Dass Saya, anstatt heute auszurasten, bestimmt entspannt und ausgeglichen gewesen wäre, wenn sie gewusst hätte, dass sie einfach zu mir nach Hause kommen und sich mit den positiven Geühlen ablenken kann, die jede beendete und jede neu angfangene Folge in ihr freisetzen. Jetzt gerade würde ich mich auch viel lieber mit dem Serien ablenken, statt weiterzuschreiben, oder habt ihr gedacht, ich mache das hier gerne?

Shida Bazyar – Drei Kameradinnen, S. 210
Shda Bazyar - Drei Kameradinnen (Cover)

Solcherlei Einwürfe, mit denen Bazyar aus der erzählten Zeit heraustritt, gibt es einige im Buch. Leider schafft sie es trotz dieses Kniffs nicht, durchgängig Interesse für die Entwicklungen ihrer Geschichte zu erzeugen. Denn Kasih, Hani und Saya reden und reden und reden. So beginnt alles mit einer (erfundenen Episode) über ein Missverständnis mit Sitzplätzen in einem Flugzeug, das sich zu einer Betrachtung über Rassismus auswächst. Fortan durchschreiten die jungen Frauen alle Debattenräume, die in unserer Gesellschaft gerade so bereithält und tauschen ihre Erfahrungen und Ansichten aus.

Das tumbe System der Arbeitsagenturen wird hierbei genauso behandelt wie der moralische Aspekt unserer Ernährung oder das Erstarken des rechten Randes (hier ist es eine sogenannte Flügelpartei, die die politischen Debatten dominiert). Bazyar spielt alle diese Themen durch und inszeniert dabei sogar in einem Rückgriff auf die Popkultur der 90er eine trashige Talkshow, wie sie zu dieser Zeit bei den privaten Sendern populär war. Zwar sind diese Einfälle nett, doch in der Gesamtheit dieses andauernden Diskurses über alle zeitgeistigen Themen stellte sich bei mir allmählich ein Gefühl der Ermüdung ein.

Ein Spiel mit Wahrheit und Schein

Gelang Mithu Sanyal in ihrem ähnlich inmitten aller linker Diskurse stehenden Romandebüt Identitti eine präzise und fokussierte Inszenierung ihres erzählerischen Feldes, ist dieses Feld bei Bazyar leider reichlich unkonturiert und ausgefranst. Drei Kameradinnen bietet abseits der ewigen Gespräche und Debatten leider literarisch nur mittelmäßig Interessantes und ist eher buchgewordener Leitartikel oder Debatteneinwurf denn ein mitreißendes Erzählwerk. Zwar gibt es mit der Mordserie von Neonazis und der (medialen) Debatte über die Taten oder die Brandstiftung Leitmotive, sie tragen das Buch allerdings nicht. Oder anders gesprochen: der Rahmen für das Buch steht, der Inhalt überzeugt aber leider nicht so ganz. Da hilft auch das ständige Spiel mit Wahrheit und Fälschung wenig.

Ich habe eine Schreibpause eingelegt, für wenige Minuten. Ihr habt das nicht gemerkt, denn ohne mich und meine wohlwollende Informationsvergabe seid ihr nun mal aufgeschmissen, ohne mich checkt ihr hier gar nichts. Ihr braucht mich, aber ich kann euch auch verarschen, ohne dass ihr irgendwas davon merkt. Ich kann die Tastatur schweigen lassen, schreiben und brüllen und ausrasten, ohne dass ihr jemals davon erfahrt. Weil es mir hier aber ja um Transparenz geht, erfahrt ihr natürich doch jedes Detail über das, was ich tue, sonste könnte ich das hier ja auch gleich lassen.

Shida Bazyar – Drei Kameradinnen, S. 220

Immer wieder reflektiert Kasih ihr eigenes Berichten und das, was sich die drei Kameradinnen so gegenseitig erzählen. Die junge Frau als unzuverlässige Erzählerin ist interessant, mit der Dauer des Buchs schleift sich dieser Kniff aber zusehends ab. Trotz vielversprechender Ansätze kommt das Buch nicht zu einem befriedigenden Ergebnis, auch wenn das Ende für sich durchaus überzeugen kann. Insgesamt ist Drei Kameradinnen in meinen Augen aber leider ein Buch mit vielen modischen Themen, die aber an anderer Stelle überzeugender behandelt wurden. An dieser Stelle sei nur an Streulicht von Deniz Ohde oder die eben schon erwähnte Mithu Sanyal verwiesen. Ihre Bücher besitzen eine literarische Klasse, die Shida Bazyars Werk zumindest für mich leider vermissen lässt.

Ganz anders sieht das beispielsweise Maryam Aras auf dem Blog 54Books. Und auch auf dem Blog Letteratura ist man von diesem Buch überzeugt. Ich lade einfach zur unabhängigen Meinungsbildung ein und freue mich über Rückmeldungen!


  • Shida Bazyar – Drei Kameradinnen
  • ISBN 978-3-462-05276-3 (Kiepenheuer Witsch)
  • 352 Seiten. Preis: 22,00 €
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