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María Cecilia Barbetta – Nachtleuchten

Ein Roman wie eine Stadt voller Winkel und Gassen – in Nachtleuchten versucht sich María Cecilia Barbetta an einem großen Panorama Argentiniens im Umbruch zwischen 1974 und 1975. In meinem Falle mit durchwachsenem Erfolg.

Schon der Blick in die Inhaltsangabe macht klar – hier schreibt jemand mit einem großen Stilwillen und Formbewusstsein. Genau 100 Kapitel weist Barbettas Roman auf, aufgeteilt in drei große Teile á 33 Abschnitte (33 die magische Zahl, wie es im Buch thematisiert wird) sowie ein Schlusskapitel namens Die vierte Dimension. Hier zeigt sich der Anspruch der Autorin, die ihr Geschichte als Brennglas für die Umsturzsituation 1974/1975 in Argentinien nach Juan Péron benutzt.

Die in den drei Teilen im Mittelpunkt stehenden Figuren erleben alle aus eigenen Blickwinkeln den Alltag und die Veränderungen im Land, wobei Barbetta vom Kleinen auf das Große kommt. Ihre Geschichte spielt in Ballester, einem Viertel Buenos Aires, das auch die Heimat von María Cecilia Barbetta selbst  ist. Dort kam die Autorin 1972 zur Welt, siedelte allerdings 1996 nach Deutschland über. Ihren Roman hat sie auf Deutsch verfasst. Und hier liegt für mich nun der Reiz ihres 521 Seiten starken Textes, den Barbetta gewissermaßen in spanischem Deutsch schreibt. Sie selbst drückt es wie folgt aus:

Das Überbordende gehört zu mir, es gehört zu Lateinamerika. es gehört zum Katholizismus, meine Sprache ist blumig und ich hab ein großes Herz für Kitsch.

Damit schafft sie eine Gratwanderung zwischen spanischer und deutscher Welt – und bringt damit auch ein Kapitel argentinischer Geschichte ins deutsche Bewusstsein, welches nicht allzu präsent ist. Dies gelang ihr bereits so gut, dass es für einen Ausschnitt des Romans den Alfred-Döblin-Preis gab. Und nun befindet sie sich mit Nachtleuchten auch auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2018. Doch befindet sich die Autorin zu recht auf dieser Liste und ist ihr gar noch mehr zuzutrauen?

Würdig für den Deutschen Buchpreis 2018?

Ich selber hatte meine Probleme mit dem Buch – denn es ist für meinen Geschmack zu wuchtig, zu umfassend und verliert sich dabei selbst aus den Augen. Was ein wenig überrascht, da die durchkomponierte Strenge des Inhaltsverzeichnisses ja etwas anderes suggeriert.

Doch mein Problem mit Nachtleuchten lässt sich am besten mit einem Zitat aus dem Anfang des Romans von Seite 18 illustrieren:

Die Mädchen setzten sich schweigend in Bewegung. Sie schritten würdevoll durch das Kirchenschiff. Sie schritten wie die Nereiden. Sie schritten wie die Begleiterinnen des Poseidon, wie die verspielten Bewohnerinnen der Höhlen der Tiefen des Ozeans, sie schritten selbstvergessen wie die Beschützerinnen der Schiffbrüchigen, die edlen Töchter des Nereus und der Doris, Naturgottheiten, anmutige Nymphen, die auf Namen hörten, die wie Meeresrauschen klangen und an Schaum erinnerten, sie schritten wie Glauke, Eudora und Ligea, wie Eurydike, Klio und Xantho, wie Galateia, Kalypso, Thetis und Arethusa. Die Jungfrauen des SANTA ANA schritten, als erschlösse sich ihnen die Sprache der Delphine, Seesterne und Hippokampen. (Barbetta, María Cecila: Nachtleuchten, S. 18)

Diese Pleonasmen finden sich häufig im Text. Für mich sind diese von redundanter Natur, die für mich eher die Belesenheit und Sprachmacht der Autorin zeigen sollen, denn den Text verbessern oder den Lesefluss ihrer Geschichte erhöhen.

Dieser Stilwillen zeigt sich an unzähligen Stellen im Buch – so lässt es die Autorin selten mit einer Zuschreibung gut sein, sondern häuft ganze Berge von Adjektiv- und Substantivgewittern auf, die meine Lektüre immer wieder hemmten. Ein letztes Beispiel sei hier noch zitiert, um einen Eindruck von der Beschaffenheit Barbettas Sprache zu geben:

Hier hast du deinen einzigen schwülstigen Matschhaufen, eine einzige faulige Melange aus Blutorange, Nelkenrot, Lippenstiftrot, Erdbeerrot, Merinorot, Rosenrot, Karminrot, Nagellackrot, na klar, wenn man in den eigenen vier Wänden eine Putzfrau gefangen hält und sich an den Rund-um-die-Uhr-Luxus leisten kann, ist es ja egal, Brillantrot, Mohnrot, Kirschrot, Blutrot, dann macht es überhaupt keinen Unterschied, Glutrot, Paprikarot, Hennarot, Leinrot, Saturnrot, Scharlachrot, Gelbrot, Tomatenrot angelaufen: denn dann putzt mir keiner hinterher, Sonnenuntergangsrot, Tizianrot, Safranrot, Purpurrot (…). (Baretta, María Cecilia: Nachtleuchten, S. 119 f.)

Der Abschnitt hier ergeht sich im Übrigen noch eine weitere halbe Seite in der Beschreibung der Rottöne, die in den Dialog eingeschnitten werden. Man kann das stilistisch brillant finden – für mich hingegen ist es nur anstrengend und vermindert den Lesegenuss dieser Geschichte erheblich, die für mich viel Potential hätte.

Ein Roman wie ein Stadtviertel

Mich erinnerte die Lektüre von Nachtleuchten selbst an eine Stadt beziehungsweise eine Stadtviertel wie Ballester, das Barbetta beschreibt. Es gibt schöne Ecken, tolle Plätze, viele geschichtsträchtige Winkel, in die man sich gerne verirrt. Dann gibt es aber auch Passagen, die wie aus einem Sachbuch abgeschrieben wirken oder stilistische Einsprengsel, die alles andere als zum Aufenthalt einladen. Diese Mischung aus verschiedenen Stilen und sprachlicher Opulenz überzeugte mich nicht wirklich, obwohl die Grundidee und die Ansätze ihres Buchs gut sind. Viel Lesefreude konnte mir das Buch nicht vermitteln – da sehe ich leider andere Titel auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2018. Doch Nachtleuchten ist für meinen Geschmack einfach zu anstrengend.

Kevin Barry – Dunkle Stadt Bohane

Die Stadt des Wahnsinns

Ein Buch, bei dem der Übersetzer im Nachwort seine Übertragung erklärt und dem Leser nahebringt, dass das Buch in der Übersetzung für den deutschen Leser leichter verständlich ist als für den Leser, der das englische Original vor sich hat – das gibt’s nicht? Doch das gibt’s. Das Buch heißt Dunkle Stadt Bohane und geschrieben hat es Kevin Barry

Die schmutzige Stadt

Worum geht es in „Dunkle Stadt Bohane“? Bei dem Versuch das 300 Seiten starke Buch zu subsumieren stößt man bereits auf erhebliche Schwierigkeiten – zu divers und vielfältig sind die Plots und Erzählstränge, die Kevin Barry in seinem Debütroman verwebt.
Das Grundkonstrukt allerdings macht jedem Western alle Ehre – ein Gangster namens Logan Hartnett herrscht im Jahre 2053 über Bohane, die auf einer Halbinsel gelegene zersiedelte Stadt, die dem Fluss Bohane ihren Namen verdankt. Die korrupte, schmutzige und zutiefst verkommene Stadt vegetiert vor sich hin, bis ein alter Bekannter – der Gant – wieder in seine Heimat zurückkehrt. Die Liebe zu Logans Gattin Macu und der Wunsch nach Rache treiben ihn zurück nach Bohane.
Derweil sinnen die verfeindeten Stadtteile Bohanes auf eine große Fehde, Verräter schleichen durch die Gassen, die Polizei schaut weg, wenn das organisierte Verbrechen zuschlägt und einige Protagonisten wollen aus dem Schlamassel ihren ganz eigenen Vorteil ziehen.

Eine einzigartige Sprache

Wenn man „Dunkle Stadt Bohane“ liest, dann scheint es, als hätte Kevin Barry diverse Dystopien, „West Side Story“, „Mad Max“, ein paar Western-Klassiker, Scorseses „The Departed“, die Bücher Mario Puzos und dergleichen mehr zusammen verquickt, durch den literarischen Fleischwolf gedreht und das Ergebnis im irischen Literaturinstitut unter Leitung von James Joye zum Redigieren abgegeben. Ein kaum in Worte zu fassendes (und manchmal auch arg anstrengendes) Konglomerat aus Bezügen, Anspielungen und Referenzen ist „Dunkle Stadt Bohane“ geworden.
Kevin Barry                                                        (c) The Guardian
Der mit reichlich Preisen ausgezeichnete Debütroman (unter anderem der IMPAC Dublin Literary Award, der Rooney Prize for Irish Literature, der Authors’ Club Best First Novel Award und der European Union Prize for Literature wurden dem Buch zugesprochen) zeichnet sich neben seiner inhaltlichen Fülle und Variation vor allem durch seine Sprache aus.

Die unterschiedlichen Bewohner der Stadtteile sprechen verschiedenste Slangs, von der Hochsprache bis hin zum Gossensprech ist alles mit dabei. Dies macht „Dunkle Stadt Bohane“ manchmal unglaublich schwer zu lesen, fasziniert muss man aber auch die Übersetzungsleistung von Bernhard Robben (er übertrug u.a. John Williams‘ Stoner und Ian McEwans Abbitte) anerkennen.

Er schafft es, im Deutschen die Dialekte und Sprachvariationen mit einer ganz eigenen Sprachenkreation zu würdigen.
Erhellend auch das Nachwort des Autoren und des Übersetzers, die dazu animieren, sich mit dem Gelesenen noch einmal zu beschäftigen, Bezüge und Referenzen zu suchen. Auch erklärt hier Bernhard Robben seine Schwierigkeiten bei der Übertragung der Sprache von Kevin Barry, da es für das vom Autoren verwendete Irisch kaum eine Möglichkeit gibt, mit der die Sprachfülle des Originals abgebildet werden kann. Somit verschlanken sich im Deutschen die Ausdrücke und die Sprachen, die die Protagonisten sprechen, was wiederum dazu führt, dass man das Buch in seiner  deutschen Übersetzung eher versteht. Kurios aber durchaus plausibel.
Wer Freude an experimenteller Literatur, besonderen Übersetzungen und Soziolekt hat, der sollte „Dunkle Stadt Bohane“ oben auf seine Leseliste packen. Alle anderen, die sich einen klar strukturierten Thriller erhoffen, der sie abschalten lässt, sollten lieber zu einem anderem Buch im Krimiregal greifen.