Tag Archives: Kunst

Sophie Hardcastle – Unter Deck

Das Schiff als Handlungsort für Romane liegt im Trend. Die Vorteile für den Schauplatz liegen auf der Hand: ein hermetisch abgeschlossener Ort, ein überschaubares Figurenensemble (wenn man nicht gerade von einem Kreuzfahrtschiff ausgeht) und viele Möglichkeiten zur Entwicklung dieser Figuren durch Ausnahmesituationen.

Egal ob Walfänger (Ian McGuireNordwasser), mittelalterliches Schiff (Stuart TurtonDer Tod und das dunkle Meer) oder Yacht (Amity GaigeUnter uns das Meer) – zumeist geraten die Held*innen dieser Bücher in Ausnahmesituation, müssen mal ihr Leben, mal ihre Ehe retten. In Sophie Hardcastles Roman Unter Deck ist das nicht anders. Und dennoch gelingt ihr ein eigenständiger Roman von großer Eindringlichkeit, Farbigkeit und Dramatik. Sie kombiniert die Schiffsreisen einer jungen Frau mit der Erzählung eines sexuellen Missbrauchs und deR schwierigen Verarbeitung des Erlebten.

Beyond the sea

Dabei dauert es in Hardcastles Roman eine ganze Weile, bis es zur dramatischen Schiffspassage kommt, von der der Klappentext kündet. Zunächst lernen wir die junge Olivia kennen, die sich auf einem Boot als Opfer einer Entführung wähnt. Doch was sich für sie zunächst nach einer Entführung anfühlt ist vielmehr eine ritterliche Tat von Mac, so der Name des bärtigen Bootsbesitzers. Er hat Olivia betrunken aufgelesen und sie auf sein Boot in Sicherheit gebracht. Dort soll sie ausnüchtern. Doch bei dieser einen Rettungstat wird es nicht bleiben. Immer wieder wird Mac in den folgenden Jahren zu einem sicheren Hafen für die junge Frau werden.

Sophie Hardcastle - Unter Deck (Cover)

Im Anschluss an die vermeintliche Entführung macht er Olivia mit seiner Frau Maggie bekannt. Die beiden Frauen bemerken schon bald eine verbindende Art von Seelenverwandschaft. Denn während Maggie blind ist, prägt eine Synästhesie Olivias Wahrnehmung. Sie erkennt in Lautäußerungen Farben und Stimmungen (was Sophie Hardcastle wieder für adjektivsatte und sehr eindrückliche Schilderungen der maritimen Lebenswelt zu nutzen weiß).

Nachdem sie den Erwartungen ihrer fordernden und lieblosen Eltern entgehen möchte und die Beziehung zu ihrem Freund Adam auch nicht mehr zufriedenstellt, wagt sie mit Mac und Maggie einen Törn. Die beiden laden sie auf ihr Schiff ein – und schon bald werden der Seebär und die blinde Skipperin zu einer Ersatzfamilie für sie. Sie zeigen der jungen Frau eine andere Art des Umgangs miteinander auf. So lesen sie sich zum Frühstück Gedichte vor, die Wohnung der beiden ist voller Kunst und vor der Reise packen sie jede Menge Romane und Lyrik in ihr Reisegepäck (unter anderem wandert Rebecc Solnit mit ihrem Essayband Die Kunst, sich zu verlieren ins Reisegepäck).

Es ist eine Art Paradies, die Sophie Hardcastle rund um die drei so unterschiedlichen Menschen inszeniert. Man fängt Fische, taucht inmitten von Korallenwäldern und lauscht dem Walgesang. Allerdings sollte man sich von diesen bunten und verlockenden Schilderungen nicht aufs Glatteis führen lassen. Denn nach diesem Hymne auf das maritime Leben führt uns Sophie Hardcastle in völlig andere Untiefen.

Fünf Männer und eine Frau an Bord

Nach einem Zeitsprung sind wir wieder bei Olivia, die als Smutje bei einer Schiffsüberführung von Australien nach Neuseeland anheuert. Trotz der alten seemännischen Vorbehalte des Skippers Vlad gegen Frauen an Bord wird Olivia in die Truppe aufgenommen. Doch schon nach wenigen Tagen kippt die Stimmung an Bord gefährlich. Nicht alle Männer sind ihr wohlgesonnen, sie bricht sich eine Rippe und dann wir es vollends kompliziert, als sie Sympathien für ein Crewmitglied entwickelt. Eines Nachts kommt es zu einem Übergriff, der Olivia in den kommenden Jahren unlässig begleiten wird. Sophie Hardcastle inszeniert diesen erfreulich vielschichtig, differenziert und nachvollziehbar. Die entscheidende Nacht ist hier nicht schwarz oder weiß, sondern eben auch in Grautönen changierend. Immer wieder wird Olivia die Erfahrungen neu überdenken und durchleben.

Davon erzählt Hardcastle dann in den letzten beiden Teilen des Buchs. Nach einem weiteren Zeitsprung arbeitet Olivia dann in London in einer Galerie und geht eine Beziehung mit dem Bruder ihrer Chefin ein. Die Dämonen des Übergriffs lassen sie allerdings auch in dieser Beziehung nicht los. Stets löst das Element des Wassers in ihr Abscheu aus und holt Verdrängtes wieder ans Tageslicht. Das schwierige Leben mit dem Erlebten und Verdrängten wird dann auch im letzten Teil des Buchs behandelt. So bekommen ihre Schutzengel Mac und Maggie hier noch einmal einen Auftritt.

Unter Deck erzählt vom Kampf mit dem Erlebten. Beeindruckend schildert Sophie Hardcastle die Dämonen, die Olivia nicht mehr loslassen wollen. War das Buch bis zur Schiffspassage nach Neuseeland in weiten Teilen eine nahezu paradiesische Schilderung (in der alle Elemente des Folgenden allerdings auch schon angelegt waren), so kippt das Buch ab der Hälfte völlig. Angenehm schwankend und sehr nachvollziehbar gelingt ihr diese schwierige Schilderung, wo sich andere Erzählerinnen ins Quasi-Dokumentarische verlegen. Der Fortgang des Romans wird logisch aus dem Erlebten entwickelt und man ist ganz nah an dieser Heldin dran.

Fazit

Unter Deck ist Roman mit einem schwierigen Thema, das Sophie Hardcastle bravourös schildert. Um diesen Kern herum legt sie ein Sprachgewebe, das durch seine Farbigkeit und Opulenz besticht (übersetzt von Verena Kilchling). Liegen auch die einzelnen Teile zeitlich und räumlich auseinander, so gelingt es der 1993 geborenen Autorin, diese Teile logisch miteinander zu verbinden und so die Erfahrungen eines sexuellen Missbrauchs und die Konsequenzen nachvollziehbar und plastisch zu schildern. Ihr Debüt ist kein Buch, das gute Laune oder leichte Unterhaltung bietet. Aber es ist ein wichtiges und wuchtiges Buch. Eines, in dem das Boot auf dem weiten Meer zur Metapher auf die Verfasstheit der Heldin gerät. Lohnenswert und in meinen Augen besser gelungen als Bettina Wilperts nichts, was uns passiert. Eine klare Empfehlung und deutlich mehr als „nur ein Schiffsroman“.


  • Sophie Hardcastle – Nichts was uns passiert
  • Aus dem Englischen von Verena Kilchling
  • ISBN: 978-3-0369-5831-6
  • 320 Seiten. Preis: 23,00 €
Diesen Beitrag teilen

Augustus Rose – Philadelphia Underground

Kann das gutgehen? Ein Thriller über Kunst, eine junge Ausreißerin, Lost Places, Drogen, Diebstahl und Marcel Duchamp? Was nach einer zugegeben recht wirren Mischung klingt, geht im Fall von Augustus Rose‚ Debütroman Philadelphia Underground dann doch wirklich gut. Ein Roman, der auch Leser von Donna Tartt oder A. G. Lombardo interessieren dürfte.


Der Weg des großen Künstlers von morgen, er führt ihn in den Untergrund. Dieses Zitat wird Marcel Duchamp zugeschrieben. Visionärer Künstler, Schöpfer von sogenannten Readymades (wie etwa dem berühmten Urinal), Gemälden und Installationen wie seinem letzten Werk Etats Donnés, der seine Sammlung dem Philadelphia Museum of Art vermachte. Jener Duchamp scheint auch immer wieder den Weg Lees zu kreuzen. Diese lebt entfremdet von ihrer eigenen Familie in Philadelphia. Untergeschobene Drogen haben sie ins Jugendgefängnis gebracht. Von dort bricht sie aus – und wählt den Weg in den Untergrund. Sie taucht unter, bricht in Wohnungen ein, verdingt sich als Diebin und kommt schließlich in einer Wohngemeinschaft unter. Dort lernt sie Tomi kennen, der sie in die Gemeinschaft der Urban Explorer, kurz Urbex, einführt. Gemeinsam durchstreifen sie verlassene Gebäude, auch Lost Places genannt, und brechen unter anderem in das Kunstmuseum von Philadelphia ein. Dort lernt Lee durch Tomi die Kunst Marcel Duchamps kennen.

Auf den Spuren der Société Anonyme

Augustus Rose - Philadelphia Underground (Cover)

Doch es ist nicht nur die Kunst Duchamps, die Lee beschäftigt. Auch die sogenannte Société Anonyme treibt sie um. Jene Gesellschaft, die ursprünglich von Duchamp, Man Ray und Katherine S. Dreier gegründet wurde, scheint dieser Tage in Philadelphia auferstanden zu sein. Immer wieder tauchen Jugendliche völlig abgestumpft und entrückt nach Drogenexzessen auf. Die Société scheint hinter diesen Vorkommnissen zu stecken. Und Lee ist ebenfalls in ihr Visier geraten. Die Mitglieder jener omniösen Organisation haben die Jagd auf Lee eröffnet. Doch was wollen sie von ihr? Der Gang in den Untergrund scheint für die junge Frau angeraten.

Es ist eine wirklich wilde Mischung, die Augustus Rose in seinem Debüt hier anrührt. Eine Geheimgesellschaft, drogenvernebelte Kinder, die in Philadelphia auftauchen, eine Ausreißerin auf der Flucht, eine Schnitzeljagd durch und unter der Stadt und über allem schwebend Marcel Duchamp. Wie soll so etwas zusammenfinden? Nach der Lektüre von Philadelphia Underground kann ich konstatieren, dass Rose das Kunststück gelingt, ähnlich wie in der Kunst Marcel Duchamps, scheinbar Widersprüchliches zusammenzufügen, sodass ein überzeugendes Kunstwerk entsteht.

Ein Kunstwerk, zusammengebaut aus Widersprüchlichem

Im Kern ist Philadelphia Underground eine wilde Räuberpistole, an der man sich die Freude über den Text durch ein genaues Überprüfen der Realität verleidet. Vielmehr sollte man sich wie bei der Betrachtung von Kunst einfach einlassen auf Lee und das große Abenteuer, das ihr bevorsteht. Dieses Buch ist Konzeptkunst im Sinne Duchamps, die mitreißt, die in Bunker und Röhren unter Philadelphia entführt. Die eine Coming of Age-Geschichte ist, ein großes Abenteuer mit einer Prise Momo gegen die grauen Männer. Action gepaart mit Kunstbetrachtungen, die Stadt Philadelphia als großes Abenteuerspielplatz und nicht zuletzt auch eine etwas unorthodoxe Einführung in das Schaffen Duchamps. Was hier vielleicht etwas theoretisch klingt, wird im Buch zu einer spannend zu lesenden und immer wieder überraschenden Geschichte, die zum originellsten gehört, das ich dieses Jahr bislang in die Finger bekam. Und einer, die ich bei nächster Gelegenheit gleich noch einmal lesen möchte.

Fazit

Was ist nun Philadelphia Underground von Augustus Rose? Wie sollte man es auf einen Nenner bringen? Ich würde sagen, dieses Buch ist originell, eigen, eine Hommage an die Kunst Marcel Duchamps – literarische Konzeptkunst, leicht zugänglich, inspirierend. Ein Buch, das sich dem Thema der Kunst und der Kunstvermittlung auf außergewöhnlichen Wegen nähert.


  • Augustus Rose – Philadelphia Underground
  • Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
  • ISBN 978-3-492-05797-4 (Piper-Verlag)
  • 464 Seiten, Preis: 22,00 €

Diesen Beitrag teilen

Mariam Kühsel-Hussaini – Tschudi

Ein Roman wie ein Gang durch ein Museum. Mariam Kühsel-Hussaini in „Tschudi“ über Kunst, Geschmack, Intrigen und ein brodelndes Berlin um die Jahrhundertwende. Große Sprachkunst und eine Verneigung vor dem Impressionismus.


Mariam Kühsel-Hussaini gelingt in ihrem neuen Buch (zuletzt von ihr 2012 Attentat auf Adam) das Kunststück, sich mit Worten und Beschreibungen ihrem im Buch verhandelten Subjekt so anzugleichen, dass die Grenzen zwischen Kunst und Literatur verfließen. In Tschudi erschafft sie in ihrem Roman eine ganze Ausstellungshalle aus Ideen, Bildern und Künstler*innen, die auf den Lesenden wie ein wirkliches Museum wirken. Alleine schon die auftretenden Figuren in ihrem Roman lesen sich wie ein Who’s Who der damaligen Kunstwelt.

ADN-ZB/Archiv Berlin 1904: Die Ausstellungsvorbereitung der Berliner Sezession. Vorstand und Hängekommision bei der Arbeit. v.l.n.r. Willy Döring, Bruno Cassirer, Otto Engel, Max Liebermann, Walter Leistikow, Kurt Herrmann, Fritz Klimsch. (Aufn. 1904)

Max Liebermann, Wilhelm Bode, Anton von Werner, Max Klinger, Adolph Menzel, Walter Leistikow oder Leo von König geistern durch die Seiten von Kühsel-Hussainis Roman. Und auch sonst sind es große Namen, die das Buch bevölkern. Cosima Wagner, Walther Rathenau oder auch Harry Graf Kessler sind allesamt Figuren, denen allen eines gemeinsam ist: die Bekanntschaft mit Hugo von Tschudi. Der Schweizer aus altem Adel ist das, was wir heute als Netzwerker bezeichnen würden. Ein kunstsinniger Kosmopolit mit besten Kontakten hinein in die oberen Gesellschaftsschichten und die Kunstwelt.

Und dies kam nicht von ungefähr. Schließlich war der Vater als Schweizer Diplomat und Forschungsreisender tätigt. Der Großvater mütterlicherseits war niemand Geringeres als Ludwig Ferdinand Schnorr von Carolsfeld. So war der Weg für Hugo von Tschudi gewissermaßen schon vorgezeichnet. Durch seine Kenntnisse und Beziehungen prädestiniert wurde er 1896 zum Direktor der Nationalgalerie berufen. Ab diesem Zeitpunkt setzt Kühsel-Hussainis Roman ein, der Tschudis Wesen und Wirken auf höchst beeindruckende Weise schildert.

Tschudi gegen Wilhelm II.

Es ist ein brodelndes Berlin an der Jahrhundertwende, das Mariam-Kühsel Hussaini in Tschudi inszeniert. Während die Gebrüder Aschinger das megalomanische Weinhaus Rheingold am Potsdamer Platz in Betrieb nehmen, treibt der Journalist Maximilian Harden den Kaiser Wilhelm II. vor sich her (und wird später die Harden-Eulenburg-Affäre auslösen).

Hugo von Tschudi
Hugo von Tschudi

Der Kaiser steht unter Druck – und prallt nicht nur in Sachen Kunstverständnis des Öfteren mit Tschudi zusammen. Denn während Tschudi fleißig französische Meister für die Nationalgalerie ankaufen lässt, darunter etwa Manets Im Wintergarten (der auch das Buchcover ziert), steht der Kaiser für ein traditionelleres Kunstverständnis. So kann der Monarch weder mit Impressionismus noch mit der Berliner Secession etwas anfangen. Die neuartigen Ausdrucksweisen verstören Wilhelm II. Dass ihm historisierende Maler wie Anton von Werner oder der Museumsdirektor Wilhelm Bode zusätzlich ihr traditionelles Kunstverständnis einimpfen und gegen Tschudi opponieren, macht die Sache für den visionären Schweizer Museumsmacher nicht einfacher.

Während Fans wie etwa Cosima Wagner extra aus Bayreuth anreisen, um in der Gesellschaft des Schweizers die Nationalgalerie zu besuchen, brauen sich am Berliner Himmel dunkel Wolken zusammen. Doch der unter der tückischen Hautkrankheit Lupus leidende und trotzdem höchst virile Tschudi merkt davon erst viel zu spät etwas.

Impressionismus in der Sprache

Man kann von Tschudi nicht reden, ohne von seiner Sprache zu reden. Denn was Mariam Kühsel-Hussaini hier schafft, ist außergewöhnlich. Sie schafft es, die suggestive Kraft des Impressionismus mit ihren Worten abzubilden und so ein außergewöhnliches Lesegefühl zu erzeugen.

Beispielhaft sei hier nur ein Absatz aus dem Roman zitiert, der den Suizid des Malers Walter Leistikow beschreibt. Mit nur wenigen hingetupften Worten entstehen so ganze Bildwelten.

Draußen versank Berlin in den frühen Sommerabend.

Ein Spreetaucher wurde an der Schlossbrücke herausgezogen und sah Tschudi durch das kleine rechteckige Fenster seines alten Helmkastens an.

Tschudi ihn.

Lange.

Und Walter Leistikow legte den Lauf seiner Pistole hart gegen die Braue, als er am Fenster seines Sanatoriums stand, die Stirn fest ans Glas gepresst.

Vollkommen stumm.

Drückte er ab.

Ein spätgotisches, rot zerlaufendes Kirchenfenster.

Kühsel-Hussaini, Mariam: Tschudi, S. 296 f.

Dieses Buch ist mit einer suggestiven Sprachkraft geschrieben, die ihresgleichen sucht. Mal lyrisch im Ton, mal stakkatohaft mit gerade einmal einem Wort pro Zeile, dann wieder elegisch oder vorantreibend, teilweise im Dialekt. Auch die Kapitel sind ganz unterschiedlich verteilt, springen zwischen Tschudi und Wilhelm II. hin und her, erstrecken sich über viele Seiten oder sind dann wieder ganz kurze Miniaturen. 72 dieser so unterschiedlichen Kapitel hat die 1987 geborene Autorin auf insgesamt 320 Seiten arrangiert. Kapitel, die alle für sich genommen kleine Kunstwerke sind.

Nicht alles funktioniert

Bei einem solch vielgestaltigen Bildersturm entstehen aber auch einige weniger überzeugende Produkte, das soll hier nicht verhehlt werden. Gibt es in jedem Museum wohl auch Kunstwerke, die sich dem Betrachtenden nicht erschließen oder ihm nicht zusagen, so gilt das auch für Kühsel-Hussainis Roman. Gerade zu Beginn des Romans meint es die in Kabul geborene Autorin besonders gut. Da pumpt ein Vakuum aus Traurigkeit das Herz leer oder Tschudi fliegt bewusstlos durch den Abend (wie bewusstloses Fliegen funktioniert, habe ich noch nicht verstanden, auch wenn mir klar ist, was Kühsel-Hussaini ausdrücken möchte). Hugo von Tschudi besitzt die schnellsten Tränen, die je ein Mensch geweint oder hinter Augen warten gute Gaben.

Kühsel-Hussaini - Tschudi (Cover)

Manchmal ist das etwas manieriert, pathetisch, ungewollt komisch oder im Suchen nach originellen Wortbildern etwas anstrengend. Dann gelingen Kühsel-Hussaini aber auch wieder unerhörte Metaphern, treffende Vergleiche und eindrückliche Beschreibungen vom brodelnden Berliner Nachtleben oder dem aufkommenden Antisemitismus etwa, die die wenigen nicht funktionierenden Sätze mehr als vergessen machen.

Was Kühsel-Hussaini da mit ihren Worten schafft, ist mehr als nur große Kunst. Das ist Sprachkreativität auf höchstem Niveau, mit dem sie in diesem Frühjahr sogar Valerie Fritsch übertrifft. Etwas in dieser Qualität bekommt man nicht alle Tage zu lesen.

So ist dieser Tschudi vieles. Ein sinnanregender Roman, der Lust auf einen Bummel durch die Alte Nationalgalerie macht. Ein Künstlerroman, der dem Impressionismus ein Denkmal setzt. Und nicht zuletzt ein Sprachkunstwerk, das seinesgleichen sucht.


Bild Hugo von Tschudi: Von unbekannt – www.pinakothek.de, PD-alt-100, https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=7987764

Bild „Berliner Secession“: Von Bundesarchiv, Bild 183-1986-0718-502 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5423516

Diesen Beitrag teilen

Stefan Zweig – Vergessene Träume

Nach Zweigs bekanntem Miniaturenband Sternstunden der Menschheit widmet sich Band Zwei der Salzburger Ausgabe nun den Erzählungen des jungen Stefan Zweig aus den Jahren 1900-1911.

Dabei präsentiert dieser Sammlungsband verschiedene Erzählungen aus Jugendjahren, die schon in der Anlage das ganze literarische Wirken in sich tragen oder vorzeichnen. Möchte man die Ursprünge von Zweigs Themen und Erzählkosmos finden – Vergessene Träume liefert aufschlussreiche Einblicke.

Auch das Nachwort der Herausgeber Elisabeth Erdem und Klemens Renoldner bestätigt diesen Eindruck. Es zeigt sich in diesem Band, wie Zweig schon als Maturant an seinen Novellen arbeitet und zwischenmenschliche und historische Themen im Gewand der kurzen Erzählungen bearbeitet.

Am bekanntesten aus dieser jugendlichen Schaffensperiode dürfte die Erzählung sein, die den Schluss dieses Bandes bildet: Brennendes Geheimnis erzählt die Geschichte einer sommerlichen Affäre zwischen einem alleinstehenden adligen Hotelgast und einer Dame, die ebenfalls im Hotel weilt, allerdings mit Kind. Aus Sicht des Kindes beleuchtet Zweig die Romanze, die sich zwischen Mann und Frau entspinnt – und zeigt auch gesellschaftlichen Umbrüche und Codes, die vom Kind nicht verstanden werden.

Neben einigen Novellen, die aus kindlicher Perspektive bestimmte Sachverhalte aufgreifen, gibt es auch andere Erzählungen, die als Vorabeiten zu späteren Werken gelten können. So zeigt Das Kreuz etwa die Bearbeitungsform der historischen Miniatur, einer Form, zu der Zweig immer wieder zurückkehren wird (man denke nur an seine Sternstunden der Menschheit). Auch ist die jüdische Identität auch ein Thema, das sich schon in den jugendlichen Arbeiten Zweigs wiederfindet (Im Schnee oder Die Wunder des Lebens)

Erzählungen mit großer thematischer Vielfalt

Vergessene Träume zeigt eine erstaunliche Vielfalt an schöpferischen Themen, derer Zweig sich annimmt. Über dessen Werke hinaus lassen sich auch Brücken zu anderen Autoren und Werken schlagen, so erinnert beispielsweise die Erzählung Ein Verbummelter an Herman Hesses Unterm Rad. Bis hinein in die Gegenwart reichen die Spuren, die Zweigs Oeuvre hinterlassen hat. So ist es die Erzählung Scharlach, die an Robert Seethalers Der Trafikant denken lässt. Überhaupt sind schon diese Erzählungen aus Anfangstagen ein Beweis, wie aktuell und stilistisch lesenswert Zweigs Prosa ist.

Es sind nur kleine Ausrutscher, die die Lektüre manchmal stolpern. So liest sich die erste Erzählung Vergessene Träume durch die Überfrachtung an Adjektiven und Stilfiguren reichlich holprig. Manchmal ist der Ton schwülstig, ein ander Mal reichlich pathetisch. Hier zeigt sich auf interessante Art und Weise, wie Zweig zu seinem Ton fand und sich selbst ausprobierte. Auch ein großer Autor ist manchmal nicht vor Kitsch gefeit, das zeigt Vergessene Träume auf unterhaltsame Art und Weise.

Um die Erzählungen herum gruppiert sich – wie schon im ersten Band der Ausgabe – ein umfangreicher Editionsapparat mit Quellenangaben, Vermerken zur Versionshistorie und biographischen Bezügen. Auch die Urtexte werden, wenn vorhanden, stets mit angegeben. Eine ausführliche Bibliographie rundet den Appendix ab. Das ist vorbildlich gemacht und lässt schon einmal für den folgenden Band Drei der Salzburger Ausgabe hoffen!

Diesen Beitrag teilen

Joost Zwagerman – Duell

Es gibt so Bücher, da liest man die Plotidee und ist schon überzeugt. Joost Zwagermans Novelle Duell ist genau solch ein Fall. Ursprünglich im Weidle-Verlag erschienen, liegt nun die Taschenbuchausgabe dieses nicht einmal 150 Seiten starken Buchs im Piper-Verlag vor. Ergänzt wird das Buch um ein Nachwort des Übersetzers Gregor Seferens.

Joost Zwagerman - Duell (Cover)

Im Original 2010 erschienen, erzählt das Buch die Geschichte Jelmer Verhoofs. Jener gilt als Shootingstar unter den Kunstkuratoren, stets umgibt ihn ein jugendlicher Esprit. Doch nun soll das von ihm verwaltete Holland Museum die Pforten schließen, ein Umbau steht ins Haus. DIE Möglichkeit also für eine spektakuläre Derniere in seinem Haus.

Verhoff beschließt, unter dem Ausstellungstitel Duel junge zeitgenössische niederländische Künstler*innen in einen Dialog mit den angestammten Meisterwerken seines Hauses treten zu lassen. Diese Chance eröffnet sich auch der jungen Emma Duiker, die die Chance zu einem Coup nutzt. Sie kopiert 1:1 das Gemälde Untiteld No. 18 von Mark Rothko. Doch einige Zeit nach dem Ende der Ausstellung wird Verhoof von einem seiner Restauratoren darauf aufmerksam gemacht, dass sich im Depot des Museums nunmehr offenbar die Kopie des Rothko-Bildes befindet. Verhoof stellt die junge Künstlerin zur Rede und erfährt von ihrem unglaublichen Plan, den sie rund um das Rothko-Gemälde ersonnen hat.

Was ist Kunst?

Das ist die zentrale Frage, um die sich Duell dreht. Mit seiner Versuchsanordnung schafft es Joost Zwagerman, die Leser mit dieser Frage zu konfrontieren, ohne dass es zu theorielastig wird. Zwar hat Zwagerman einen Hintergrund als Kunstkritiker und Sachverständiger, das drängt bei dieser Novelle aber dankenswerterweise nie in den Vordergrund. Stattdessen gelingt ihm mit diesem Büchlein ein kurzweiliges Abenteuer, das von Amsterdam bis nach Ljubljana führt, und das auf vielen Ebenen unterhält und anregt.

Man kann dieses Buch natürlich nur als unterhaltsame Komödie mit feinem Humor lesen. Genauso kann man aber in Duell auch eine Parabel auf den modernen Kunstbetrieb finden. Nicht umsonst ist ein Werk, auf das im Lauf des Buchs immer wieder Bezug genommen wird, der Essay The End of Arts as we know it eines fiktiven Kunsthistorikers. Die zentralen Fragen daraus greift Zwagerman mit seiner Geschichte von Zeit zu Zeit auf:

Wenn man ein Gemälde 1:1 kopiert und dann so austauscht, dass sogar den Experten der Tausch erst nach langer Dauer auffällt – welches der beiden Werke ist dann das wirkliche Kunstwerk? Wie bemisst sich der Wert eines modernen Gemäldes? Sind Kunstinstallationen gemalten Werken ebenbürtig? Duell öffnet den Raum für spannende Fragen, die natürlich ein jeder und eine jede anders beantworten wird. Eben das ist ja Kunst – die verschiedenen Blickwinkel auf ein und dasselbe Werk. Auch Zwagerman gelingt das mit seiner schmalen Novelle, weswegen das Buch in meinen Augen auf alle Fälle ein Kunstwerk ist (wenngleich die Entscheidung für die alte Rechtschreibung etwas irritiert).

Umso trauriger, dass der Künstler Joost Zwagermann nicht mehr unter uns weilt. Er nahm sich nach einer schweren Depression im Jahr 2015 selbst das Leben. Er hinterlässt ein vielfältiges Werk, das bei uns wieder oder erst noch zu entdecken ist. Die nächste Gelegenheit bietet der Weidle-Verlag, der nun Zwagermans Gimmick veröffentlich hat, das dem Holländer 1989 seinen Durchbruch bescherte.


  • Joost Zwagerman – Duell
  • Übersetzt von: Gregor Seferens
  • € 10,00 [D], € 10,30 [A]
  • Erschienen am 04.12.2018
  • 160 Seiten, Broschur
  • ISBN: 978-3-492-31355-1
Diesen Beitrag teilen