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Emma Cline – In die Schweiz

Zum Suizid In die Schweiz. In ihrem neuen Roman blickt die US-amerikanische Autorin Emma Cline ins Innerste eines begüterten Mannes, der nach einer Demenz-Diagnose seinem Leben ein Ende setzen will. Mit dem Privatjet geht es dafür in die Schweiz – und tief hinein ins zerklüftete Gebirge des eigenen Erinnerns.


Wo befindet sich das größte Turmzifferblatt Europas? Nach der Lektüre von Emma Clines neuem Roman weiß man es. In Zürich nämlich, denn dort prangt am Turm St. Peter das mit achteinhalb Metern Durchmesser größte Zifferblatt, das mit seinen Maßen sogar den Big Ben in London schlägt.

Überhaupt, an Uhren und der damit verbundenen Symbolik der verstreichenden Zeit mangelt es in In die Schweiz nicht. Dass Cline ihre Geschichte zum entscheidenden Teil in der Uhrennation Schweiz ansiedelt, ist wirklich hochsymbolisch zu lesen. Denn die Zeit von Clines Protagonist David Hastings läuft ab, er will dort in der Schweitz seinem Leben unter professioneller Aufsicht ein Ende setzen.

Früher war er als hochdekorierter Manager gefragt, steuerte Betriebe durch unruhige Zeiten und lebte als Führungskraft ein Leben im Luxus. Doch ein kognitiver Test bei einem medizinischen Check-Up förderte eine beunruhigende Diagnose zutage. So versagte ihm sein Gedächtnis beim Memorieren mehrere Begriffe den Dienst. Beim Einzeichnen einer Uhrzeit in einem vorgedruckten leeren Ziffernblatt scheiterte er völlig. Verstört muss er zur Kenntnis nehmen, dass er sich keine Dinge mehr merken kann. Rapide verschlechtert sich seine Gedächtnisleistung, sein Geist verabschiedet sich von allem, was diesen früher ausgemacht hat.

Ein Erinnerungsvermögen in Fetzen

Emma Cline - In die Schweiz (Cover)

Nur noch in Fetzen ist Davids Erinnerungsvermögen vorhanden, was Emma Cline durch eine ebenso fragmentierte Erzählweise gleich von Anbeginn an nachbildet und damit auch für uns Lesende erfahrbar macht (Übersetzung aus dem Englischen von Nikolaus Stingl).

Man muss sich selbst erschließen, in welchen Lebensumständen sich David befindet, wie er zu dem dienstbaren Geist Cody steht, der ihm als Assistent zur Seite steht. Die Absätze in In die Schweiz sind nämlich mitunter nur ein paar Zeilen lang, ehe Davids sprunghafter Geists weitereilt oder sich mit der nächsten Wahrnehmung oder Erinnerung befasst.

Wie der Manager zu seiner Tochter oder seinem Enkel Rainer steht, welche Erfahrungen sein Leben prägten, all das erschließt sich durch das pointillistische Erzählen Clines erst langsam, als David vor seiner Reise in die Schweiz noch einmal nach Großbritannien fliegt, um dort Abschied zu nehmen von einer Welt, die er in entscheidenden Teilen eigentlich bereits vergessen hat.

Ein unsteter Geist – und ein unstetes Erzählen

Immer wieder drängen verschüttete Erinnerungen und einst auswendig gelernte Schulwissen wie der Merksatz The quick brown fox jumps over the lazy dog oder das sequenzierte Schicksal der Frauen Heinrichs VIII. nach oben (Geschieden, geköpft, gestorben – geschieden, geköpft, überlebt). Solche Erinnerungspartikel schwemmt der Geist Davids neben musikalischen Zitaten wie Gustav Mahlers 9. Sinfonie – der bedeutungsschwangeren Abschiedssinfonie – nach oben.
Zudem neigt David auch zu Verballhornungen. Das Großmünster in Zürich ist für ihn ein Großmonster, die Dienstleisterin für den assistierten Suizid, den er in der Schweiz anstrebt, ist nur noch der „Ghul“ für ihn.

All das wirbelt in de Wahrnehmung des Mannes umher und macht literarisch nachvollziehbar, wie die Geistesleistung dieses früheren so alerten Managers stetig schwindet und alles in Frage stellt.

Irgendjemand hatte ihm mal gesagt: Man soll eine Party genau dann verlassen, wenn man bei sich denkt, das man sich prächtig amüsiert. Danach nämlich, hatte derjenige gesagt, konnte die Nacht nur noch den Bach runtergehen.

Es gab weitere Voraussetzungen, hatte Ghul erklärt, neben den medizinischen Unterlagen, den ärztlichen Bescheinigungen. Heiklere, mehr Geschick erfordernde. Hier glänzte Cody, hier erwies er sich als unentbehrlich.
Ghul brachte einen Brief. Es musste ein Brief von David sein, darin bestand der ganze Sinn.

Emma Cline – In die Schweiz, S. 42

Die feinen Unterschiede

Doch nicht nur auf formaler Ebene ist In die Schweiz das bisher ambitionierteste Erzählwerk Emma Clines. Wie schon in Die Einladung stellt die US-Amerikanerin auch hier wieder ihren Sinn für soziale Unterschiede und verrutschende soziale Ebenen unter Beweis.
Wie sich David langsam von den Annehmlichkeiten seines früheren elitären Lebens inklusive Privatjet verabschieden muss, wie er nun ohne Betreuung fast nicht mehr handlungsfähig ist und trotzdem in manchen Momenten noch sein ehemals so scharfer Geist aufflackert, das ist bestrickend gut erzählt.

Meisterhaft führt Cline das in einer zentralen Szene zusammen. Dort weilt David nun in einem Luxushotel, wie es einst Standard für ihn war, allein an der Hotelbar. Den Weg vom Flirt mit einer jüngeren Prostituierten an der Bar bis hin zum gemeinsamen Aufsuchen von Davids Hotelzimmer unter der Vorspiegelung eines besseren kognitiven Zustands, als er David eigentlich zu eigen ist, das ist bestechend erzählt und zeigt Clines Gespür für die feinen Unterschiede im Sozialleben ihrer Figuren.

Verbunden mit einer wagemutigen Erzählweise und einem unbequemen Thema wir aus In die Schweiz ein Buch, das den Höhepunkt von Clines bisherigem literarischen Schaffen markiert.
Wie sich die junge Autorin hier in den Geist und die Lebenswelt eines Dementen einfühlt und plastisch davon zu erzählen weiß, das ist enorm beeindruckend.

Dass Switzy, so der schöne Originaltitel des Buchs, in diesem Jahr für den Booker Prize nominiert wurde, wird auch im Deutschen in der wendigen Übertragung von Nikolaus Stingl klar nachvollziehbar und lässt vorfreudig auf kommende Werke der US-Amerikanerin schauen!


  • Emma Cline – In die Schweiz
  • Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl
  • ISBN 978-3-446-28837-9 (Hanser)
  • 384 Seiten. Preis: 25,00 €

Norbert Scheuer – Holunderholz

Prosa, die verweht wie Nebelschwaden über der Urft. Einmal mehr kehrt Norbert Scheuer zurück in die Eifel, um in Holunderholz über Erinnerung und die Anfälligkeit von Erinnerungsinstrumenten zu schreiben.


Wie bewahrt man Erinnerungen auf, wie nähert man sich der eigenen Geschichte? Judith Hermann schrieb mit Ich möchte zurückgehen in der Zeit einen der meistdiskutierten Romane des Frühjahrs, der sich mit den Erinnerungen, dem Umgang mit dem familiären Erbe aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs und den Möglichkeiten, sich der Vergangenheit anzunähern, auseinandersetzt..

Norbert Scheuer folgt ihr thematisch nun nach und widmet sich mit Holunderholz ebenfalls diesen Themen.
Ausgangspunkt ist der Tod der Mutter des Erzählers Johann. Mit ihrem Tod geht auch ein gewisser Strömungsabriss in Sachen Erinnerung und eigener Familiengeschichte einher. Doch die Erinnerungen seiner Mutter sind nicht ganz verloren, teilweise sind sie in Form von Notizheften konserviert.

Auch aus der Generation zuvor haben sich Aufzeichnungen erhalten, diese liegen dem Erzähler Johann in Form von Tonbändern eines Magnetophons vor. Doch obschon beide Erinnerungsmittel in schriftlicher und klanglicher Weise Zugang zum Denken und Erleben der früheren Generationen erlauben, sind sie auch beide keine sonderlich zuverlässigen Instrumente. Wo den Notizbücher zumeist eher der Ton lyrischer Notate und weniger zuverlässiger Erkenntnisse zu eigen ist, so ist es um die Tonbänder noch schlimmer bestellt.

Erinnerungen zwischen Notizheften und Tonbändern

Norbert Scheuer - Holunderholz (Cover)

Immer wieder brütet Johann überm Rauschen der Tonbänder, auf denen sich nur Fetzen von Gesprächen und Lautmalereien erhalten haben. Mit viel Akribie und technischen Basteleien versucht er, die Bänder zu retten, bei deren Übertragung und Flickschusterei auch unwillkürlich immer wieder eine Stück Vergangenheit verschwindet, wenn die Bänder im Übertragungsprozess Schaden nehmen.

Dennoch lässt sich Johann nicht entmutigen und versucht über das Abhören der Bänder ein Bild von der Nachkriegszeit dort in der Eifel zu erhaschen. Die kurzen Skizzen des den Bändern Abgelauschten fließen in den Text ein und geben in Schlaglichtern Eindrücke jener Zeit, die Scheuer auch in seinem vorletzten Roman Winterbienen eingehend erkundete.

Das Suchen nach einem angeblichen von den Amerikanern in einem Maar-See versenkten Schatz, Dorfgeheimnisse, ein explodierter Bunker in der Nachkriegszeit. Was an sich schon ein rechtes Kauderwelsch auf den Bändern wäre, wird größtenteils noch unverständlicher, da im ripuarische Dialekt gesprochen wird, der in der Gegend um den bei Scheuer literaturgewordenen Ort Kall gepflegt wird.

Wie ein Leitmotiv dieses inhaltlichen und klanglichen Durcheinanders gesellt sich noch der Klang einer aus Holunderholz geschnitzten Flöte, der auf den Bändern zu hören ist. So blitzt immer wieder die Vergangenheit durch den Klang der Tonbänder in die Gegenwart hinein. In den Text fließen diese kurzen verschriftlichten Klangstücke in Form von drehbuchartigen Skizzen ein.

Vom Fassen des Konkreten

Der Versuch des Fassens von Konkretem inmitten des Unkonkreten setzt sich auch in der Gegenwartsebene von Scheuers Roman fort. Denn beruflich arbeitet Johann als Programmierer in einer Firma, deren wichtigstes Softwareprodukt beunruhigende Fehlerbilder zeigt. Doch auch hier erweist sich die Fehlersuche als unerquickliche Angelegenheit. Ohne das Wissen seines absenten Kollegen und nur mit einer unzureichenden Dokumentation des schon fast palimpsestartigen Codes ausgestattet wird die Suche nach dem Fehler im System zu einer kräftezehrenden Angelegenheit, bei der nur die Arbeit mit dem Magnetophon des Großvaters und der regelmäßige, durch Schlafstörungen bedingte nächtliche Besuch der nahegelegenen Raststätte Pausen verheißt.

Vergangenheit und Gegenwart, Tod und Bewahrung, alles geht hier ineinander über. Zudem ist Holunderholz ein Roman, der fast beiläufig das Spektakuläre in das Gewöhnliche integriert. Die Explosion eines Bunkers in der Nachkriegszeit ist hier genauso zu nennen wie eine nicht minder spektakuläre Schlusswendung in Johanns Arbeitsbiografie, die Scheuer beiläufig in sein Erzählen einfließen lässt.

War es bei Judith Hermann das Bild der Grabung in der Erde, die ihr Suchen nach Vergangenem illustrierte, ist es bei Norbert Scheuer eher das Greifen nach Nebelschwaden, wie man sie im Urftland dort in der Eifel besonders im Herbst beobachten kann. Das Heraushören einzelner Tonfetzen inmitten des Rauschens der Tonbänder, die Suche nach dem schadhaften Fehlerzeilen inmitten eines hochkomplexen, immer wieder geflickschusterten Codes, auf verschiedenen Ebenen zieht sich dieser Versuch des Fassens von Konkretem durch Norbert Scheuers Roman.

Nicht ganz so zersplittert wie in seinem letzten Roman Mutabor ist sein Erzählen hier, das trotzdem wenig fasslich bleibt. Vieles ist nur hingetupft oder zerfasert beim Versuch es zu greifen. Ein letztes Beispiel wäre hier das Geheimnis von Johanns Mutter, das im letzten Teil aus Holunderholz fast so etwas wie einen Krimi macht, der dann doch keine allzu befriedigenden Antworten liefert.

Begibt man sich in Norbert Scheuers Erzählkosmos, dann kommt einem Vieles bekannt vor. Die Grauköpfe im Café des örtlichen Supermarktes, die die unglaublichsten Geschichten kennen, der Kneipenwirt Evros, dessen Geschichte im schon erwähnten Mutabor von Scheuer aufgegriffen wurde – mit Holunderholz schreibt der Eifeler Autor weiter an seiner literarischen Chronik des Städtchens Kall, das mit dem vorliegenden Band weiterwächst.

Fazit

Kann man eine Nebelschwade greifen oder den Ton einer Flöte festhalten? Natürlich nicht, aber man kann versuchen, ihn mit technischen Mitteln zu bewahren oder eben das Vergängliche in Literatur zu bannen. Norbert Scheuer probiert letzteres, indem er von ersterem in Holunderholz erzählt. So erschafft er einen Roman zwischen Nachkriegszeit und Gegenwart, in dem die Zeitebenen und Themen ineinander übergehen. Der Unzuverlässigkeit von technischen Erinnerungsmitteln stellt er der die Möglichkeit der Literatur gegenüber und findet in der Suche nach dem Konkreten inmitten des Vergänglichen sein großes großen Leitmotiv.


  • Norbert Scheuer – Holunderholz
  • ISBN 978-3-406-85117-9 (C. H. Beck)
  • 256 Seiten. Preis: 26,00 €

Claire Fuller – Das Gedächtnis der Tiere

Im wahrsten Sinne tief eintauchen kann man mit Claire Fuller in ihrem neuen Roman Das Gedächtnis der Tiere. Was dem Titel nach wie ein Sachbuch klingt, entpuppt sich als Werk, das Erinnerungen an die Zeit der Pandemie weckt und das von einer Frau erzählt, die vor radikalen Schritten nicht zurückschreckt.


Schon einmal bearbeitete die Britin Claire Fuller das Thema der Endzeit, die in Unsere unendlichen Tage ein Vater gemeinsam mit seiner Tochter in einer Hütte verbrachte. Dieser Roman war das literarische Debüt Fullers, das im Original bereits 2015 erschien und dann sechs Jahre später in der Übersetzung von Susanne Höbel auf Deutsch erschien. Darin erzählte sie von der jungen Peggy, die zusammen mit ihrem Vater acht Jahre in einem Wald hauste, während ihr Vater sie im Irrglauben ließ, die Welt sei untergegangen.

Ganz untergegangen ist die Welt im Roman Das Gedächtnis der Tiere noch nicht, doch sie ist hier kurz davor. Denn ein unbekanntes Virus ist über die Welt gekommen, das die Menschheit dezimiert und die Wissenschaftler vor große Probleme stellt. Die Hoffnung ruhen auf einer wissenschaftlichen Versuchsreihe, für die ein Labor Freiwillige rekrutiert hat. Sie werden mit dem tödlichen Virus infiziert und einem Gegenmittel geimpft, um so eine mögliche Bekämpfung des um sich greifenden Virus zu ermöglichen.

Eine dieser Freiwilligen, die sich auf das Himmelfahrtskommando einlässt, ist Nefeli, genannt Neffy. Zusammen mit den anderen Freiwilligen bekommt ein isoliertes Zimmer zugewiesen und wird unter medizinischer Beobachtung mit dem Virus infiziert.
Doch als Neffy nach überstandener Krankheitsphase nach Tagen wieder erwacht, scheint die Endzeit wirklich gekommen zu sein.

Von der Quarantäne in die Endzeit

Claire Fuller - Das Gedächtnis der Tiere (Cover)

Medizinische Angehörige haben die Einrichtung verlassen, einige Mitpatienten scheinen den Versuch in Quarantäne nicht überlebt zu haben und nur eine Handvoll von Überlebenden findet sich nun im Komplex zusammen, während draußen die Welt dem Untergang nahe scheint.
Menschleere Straßen, kollidierte und verlassene Autos, dieses Bild bietet sich den überlebenden Probanden, wenn sie aus den Fenstern des biotechnischen Instituts blicken.

Während bei Nefeli das Vakzin gewirkt zu haben scheint, scheint das Medikament bei den anderen nicht angeschlagen zu haben. Draußen versinkt die Welt im Chaos, drinnen steigt die Spannung — und Nefeli taucht tief ab in ihre eigenen Erinnerungen.
Diese vermittelt uns Claire Fuller teilweise über Briefe, die Nefeli während der Zeit der Isolation verfasst. Dadurch lernen wir die junge Frau besser kennen und erfahren von ihrer Verbindung zu Oktopussen, mit der sie Sy Montgomerys Rendezvous mit einem Oktopus fast Konkurrenz macht.

Wenn die Realität schriftstellerische Fiktionen einholt

Dass die Realität die schriftstellerische Fiktion manchmal schneller einholen kann, als einem lieb ist, davon zeugt auch Das Gedächtnis der Tiere.
Claire Fuller begann nach eigenem Bekunden ihren Roman über die fiktive Pandemie im Jahr 2019, nachdem sie über ihren Sohn von einem medizinischen Versuch in Quarantäne erfahren hatte, der ihr Material für das im Buch beschriebenen Experiment lieferte.

Kurz darauf brach weltweit die Covid-Pandemie aus und zeigte, wie schnell die eigene Fiktion von der Welt da draußen überholt werden kann. Dennoch hielt Fuller an ihrem Projekt fest, dass dann pünktlich zum Abflauen der Pandemie 2023 veröffentlicht wurde — und schon nach den ersten Seiten wieder starke Erinnerungen an die Zeit weckt, die einerseits weit weg erscheint, und dennoch erst kurz hinter uns liegt.

Man muss sich freilich darauf einlassen, auf diese dystopische Welt aus Quarantäne, verlassenen Straßen, toten Menschen und unsichtbarer Gefahr. Dennoch dominiert nicht die Endzeitstimmung dort im medizinischen Labor – sondern die Erinnerung, in die sich Neffy zunehmend versenkt und die uns mit Fortgang der Erzählung ein immer konkreteres Bild von Neffys Werden liefert (Übersetzung aus dem Englischen von Andrea O’Brien).

Das Gedächtnis der Tiere stellt eine kompromisslose Heldin in den Mittelpunkt, die in der Meereswelt vor der Küste ihrer griechischen Heimat den Zustand von Glück gefunden hat. Immer wieder taucht sie ab in diese Welt von früher. Auch mithilfe eines technischen Tools, das ihr ein Mitpatient zur Verfügung stellt, gelingt das in zunehmenden Maße, bis die Vergangenheit fast die Gegenwart überlagert und sich die erzählten Ebenen aueinanderschichten.

Fazit

Zwischen Oktopoden und Isolation, Endzeit und Vergangenheit nimmt uns dieser literarische Tauchgang tief mit hinein in die Wahrnehmung von Nefeli, die sich als widerständige und komplexe Persönlichkeit erweist.
Und Claire Fuller, sie erweist sich mit Das Gedächtnis der Tiere abermals als höchst originelle Autorin, die sich mit jedem Buch wieder ein Stück weit neu erfindet und zuvor nicht gekanntes literarisches Terrain betritt.


  • Claire Fuller – Das Gedächtnis der Tiere
  • Aus dem Englischen von Andrea O’Brien
  • ISBN 978-3-910372-69-6 (Kjona-Verlag)
  • 336 Seiten. Preis: 25,00 €

Julian Barnes – Abschied(e)

Wie geht Abschied? Der britische Schriftsteller Julian Barnes verabschiedet sich mit seinem letzten Werk Abschied(e) von der literarischen Bühne und seinen Leser*innen — und nimmt sie mit in die Welt seiner Gedanken und Reflektionen. Großes Thema, lose Form.


Der Gedanke, der hinter Julian Barnes von ihm selbst als letztes Werk betitelten Abschied(e) steckt, ist ein großer. Wie geht man von der literarischen Bühne ab, wie verabschiedet man sich als Autor von seinem Publikum, wenn man noch selbst in der Lage ist, über den Abschied zu bestimmen?

Berühmt etwa das Beispiel von Jacob Grimm, der zusammen mit seinem Bruder Wilhelm das Grimm’sche Wörterbuch verfasste, in dem sie alle Wörter ihrer Zeit und deren Bedeutungen und Herkunft sammelten und erfassten. Auf der Seite 259 heißt es da in einer Fußnote zur Eintragung des Begriffs Frucht: Mit diesem Worte sollte Jacob Grimm seine Feder von dem Werke leider für immer niederlegen.

Ein selbstbestimmtes letztes Werk

Julian Barnes - Abschied(e) (Cover)

Julian Barnes möchte es da anders machen und selbstbestimmt ein letztes Werk vorlegen, da ihm sein Ende schon vor Augen steht. Myeloproliferative Neoplasie heißt die Diagnose, die er erhalten hat. Ein Art seltener Blutkrebs, zwar behandelbar, aber dennoch letal, sodass ihm noch etwas Zeit gegeben ist, um sich von der Welt zu verabschieden.
Er hat diese Zeit über die letzten drei Jahre hinweg genutzt , um Abschied(e) zu verfassen und zu nehmen.

Sein Buch ist ein Spaziergang durch Erinnerungen, dessen Ausgangspunkt der literarische Versuch eines sogenannten IAMs bildet, eine Involuntarily Autobiographical Memory, also eine unwillkürliche autobiographische Erinnerung, die eine Erinnerungskaskade auslöst.

Ähnlich wie bei seinem Hausheiligen Marcel Proust, bei dem ein in den Tee getunkter Madeleine die von Erinnerungen getriebene Handlung seines Mammutwerks Auf der Suche nach der verlorenen Zeit in Gang setzt, die sich über ganze viereinhalbtausend Seiten erstreckt. Ganz so viele Seiten werden es bei Barnes nicht, ihm genügen 240 Seiten für die Coda seines über vierzig Jahre währenden Karriere als Schriftsteller.

Erinnerungen eines Lebens

Reich an Erinnerungen ist aber auch Barnes Werk. Im leichten Parlando begibt er sich ausgehend von der Theorie der IAM auf eine Erinnerungsreise, die ganz unterschiedliche Themen berührt. Barnes begreift sein Buch nämlich wirklich als Gespräch mit uns als Leser*innen, was er auch so klar formuliert.

Was mich betrifft, ich bin jetzt achtundsiebzig , und dies ist definitiv mein letztes Buch — mein offizieller Abgesang, mein letztes Gespräch mit Ihnen. Dass ich mein letztes Buch in aller Ruhe zu Ende schreibe und dann verstumme, hat zumindest eine nützliche Folge: Es bedeutet, dass man nicht mitten im Schreiben — wie Brian Moore fürchtete — unterbrochen wird. So spricht man dem Tod seine Handlungsmacht ab. Wenn auch, zugegeben, in sehr bescheidenem Maße.

Julian Barnes – Abschied(e), S. 229

Möchte man kritikasterhaft sein, könnte man sagen, dass Barnes‘ Werk wirklich das Gespräch mit einem älteren Herrn ist. Seine Erinnerungen kreisen um die alterstypischen Themen Krankheit, Tod und die hell glänzenden Erinnerungen der eigenen Jugend, hier in Form der Studienjahre des Erzählers in Oxford, als auch einmal ein Mädchen im Zimmerspind versteckt wurde und die olfaktorischen Spuren von deren Anwesenheit mit fleißigen Rauchen überdeckt wurden, um die Nase des Zimmerinspekteurs auf eine falsche Fährte zu locken.

Ein Gespräch mit Julian Barnes

Nun hat man aber das Glück, dass Julian Barnes der Gegenüber in diesem Gespräch ist. Denn das, was leicht in eine peinliche oder larmoyante Beschwörung der eigenen Jugend und der Hinfälligkeit hätte werden können, ist in der Realität eine durchaus charmantes Unterfangen, das von Barnes Distinguiertheit und feinem, britischen Witz getragen ist.

Egal ob Krankenhausaufenthalt zu Coronazeit, bei der Barnes als berühmter Schriftsteller erkannt wird, oder die Geschichte seiner guten Freunde, für die er gleich zwei Mal im Leben zum Beziehungsstifter wird, immer liegt über allem ein augenzwinkernder Ton, der mal wehmütiger und mal heiterer ist.

Was Abschied(e) fehlt, ist ein roter Faden. Ein wenig arg unbehauen stehen die Themen hier nebeneinander. Jugend in Oxford, der um ihn herum wegsterbende Freundeskreis von Intellektuellen wie Martin Amis oder Christopher Hitchens, der Verlust seiner Frau und die eigene Diagnose über den nahenden Tod. Immer wieder springt Barnes in seiner Erinnerungskaskade hin und her, ergeht sich in Gedanken, literarischen Betrachtungen oder biografischen Splittern.
Auch ist der Text durchwirkt von Zitaten, die von Goethe über den ebenschon erwähnten Marcel Proust bis hin zu George Sand reichen.

Fazit

So entzieht sich sein Text auch einer klaren Zuordnung. Ist es Autofiktion, ein Memoir, literarische Meditation oder in seiner Vielgestaltigkeit etwas womöglich ganz anderes? Abschied(e) lässt Fragen offen, womöglich sogar die, ob es sich hier um Julian Barnes wirklich letztes Werk handelt.

Ich würde es dem mittlerweile achtzig Jahre alten Schriftsteller auf alle Fälle wünschen, damit es ihm dann wirklich nicht so geht wie Jacob Grimm und dessen Feder, die ihm noch vor der Vollendung seines Lebenswerks aus der Hand fiel. Ein interessanter Schlusspunkt ist hier auf alle Fälle gefunden.


  • Julian Barnes – Abschied(e)
  • Aus dem Englischen von Gertraude Krueger
  • ISBN 978-3-462-00919-4
  • 240 Seiten. Preis: 23,00 €

Maylis de Kerangal – Brandung

Als die Polizei aus Le Havre die namenlose Erzählerin in Maylis de Kerangals Roman Brandung kontaktiert, fällt sie wie aus allen Wolken. Ein ebenfalls namenloser Toter wurde an einer Mole in Le Havre aufgefunden. Den einzigen Rückschluss auf seine Identität lässt ein Zettel mit einer Telefonnummer zu — es ist die der Erzählerin. Wie kam er der Tote an ihre Nummer und was verbindet ihn mit der Erzählerin? Sie selbst und die Polizei stehen vor einem Rätsel…


Es hatte drei Tage lang gebraucht, um den Toten zu identifizieren, den man in einer Märznacht 1974 im Bahnhof Penn Station in Manhattan aufgefunden hatte. Erst nach Ablauf der drei Tage ließ sich die Identität des Mannes klären, dessen Äußeres verwahrlost und sein Personalausweis derart zerkratzt war, dass die Behörden kaum ein Rückschlusse betreffend seiner Daten wollte. Zur Verblüffung der Nachwelt handelte es sich bei dem Toten um Louis Kahn, einen einflussreichen Architekten, der sich unter anderem mit dem Bau großer öffentlicher Projekte rund um Philadelphia hervorgetan hatte und zu den Stararchitekten der Nachkriegszeit zählte.

Jene Episode um die langwierige Identitätsermittlung kommt der hochgebildeten Erzählerin in Maylis de Kerangals Roman in den Sinn, als sie auf der erste Seite des Romans durch ein klingelndes Telefon aus ihrer Routine gerissen wird.

Der Anruf kam um zwei, ich war gerade nach Hause zurückgekehrt, hatte noch den Mantel an und meine Tasche über der Schulter, schwer wie Stein, ich kramte darin, ohne mein Handy zu finden, leerte schließlich alles auf den Tisch in der Diele, der uns als Ablage dient, aber nichts, ich hielt inne, die Wohnung war verlassen, die Vibration des Telefons deutlich zu hören, aber die Quelle schien fern zu sein, unsituierbar, ich tastete meine Manteltaschen ab, die tief waren und weit untern, voller zerknitterter Zettel, Krümel, Späne, ich spürte es durch den Stoff unter meinen Fingern pulsieren, und als ich es endlich hervorgezogen hatte, zeigte das Display eine Festnetznummer, Vorwahl 02, Westen, ich hob an, ein Mann meldete sich mit „Kriminalpolizei“ und verlangte mich zu sprechen, ich sagte, das bin ich, während ich wie ein Automat auf den nächsten Stuhl zusteuerte, denn es zog mir schon jetzt den Boden unter den Füßen weg, und als ich dann saß, hörte ich zu, wie mich der Beamte mit der neutralen, sachlichen Ausdrucksweise derjenigen, die Verfahren durchführen, aufforderte, im Kommissariat von Le Havre zu erscheinen: Wir möchten Sie im Rahmen einer Angelegenheit sprechen, die Sie betrifft.

Maylis de Kerangal, S. 9f.

Eine Leiche in Le Havre

Maylis de Kerangal - Brandung (Cover)

Diese ominöse Angelegenheit ist der Fund einer Leiche im Hafenbereich von Le Havre aufgefunden worden. Die Polizei steht vor einem Rätsel, was die Identität des Mannes anbelangt. Die einzige Spur ist ein Zettel in seinen Hinterlassenschaften, auf denen eine Telefonnummer notiert ist. Bei der Nummer handelt es sich um den Anschluss der Erzählerin, wodurch sie die Polizei kontaktiert hat.

Doch wie kommt der Tote an ihre Nummer und wer ist der Mann? Die Erzählerin, die ihr Geld als Synchronsprecherin verdient, fühlt sich schon bald selbst wie im falschen Film. Denn die Nachricht von dem Toten lässt sie nicht länger ruhen und so begibt sie sich nach Le Havre, um erst bei der Polizei vorstellig zu werden und dann selbst mit einer Suche in der Stadt ihrer Kindheit und Jugend, zu beginnen.

Literarisch bestechend komponiert

Brandung ist ein Roman, der der Brüchigkeit unserer eigenen Existenz und den spärlichen Spuren nachgeht, die wir manchmal im Leben anderer und der Nachwelt hinterlassen. Die Plötzlichkeit, mit der die Erzählerin aus ihrem Alltag mit Mann und Tochter gerissen wird und die schleichende Unruhe, die die Nachricht um den Toten und ihre Nummer in ihr eigenes Leben bringt, fängt Maylis de Kerangal hervorragend ein.

So wird die Synchronsprecherin selber zur Ermittlerin gleich der Filme, die sie vertont. Sie findet sich in Gespräch mit Offiziellen der Polizei wieder und nimmt passenderweise die Fährte des Toten in einem Kino auf, in dem sich der Tote vor seinem Exitus offenbar einen Film ansah. Diese Ermittlungen kommen ihr unverhofft nahe, denn je weiter sie sich in das Leben des Toten einfühlt, umso mehr wird sie auch in ihre eigene Vergangenheit gesogen.

Aus dieser Gemengelage entsteht ein hochreflexives Werk, mit der Maylis de Kerangal eine normannische Version von Patrick Modianos erinnerungsgetränkten Paris-Spazierromanen abliefert, was zugleich auch an Percival Everetts Erschütterung erinnert, wo ebenfalls ein unverhoffter Zettel mit einer Notiz den Alltag eines unbescholtenen Mannes durcheinanderwirbelt und diesen schließlich zum handelnden Ermittler macht.

Doch nicht nur die Handlung macht de Kerangals Roman aus, auch viele weitere Aspekte tragen zum gelungenen Charakter des Buchs bei. So ist Brandung neben seinem leichten kriminalliterarischen Einschlag um die Ermittlung der Identität des Toten auch ein literarisches Stadtporträt Le Havres, das sorgfältig gearbeitet und mit vielen Themen klug durchsetzt ist.

Erzählerischer Rhythmus wie ein Wellenschlag

Die in den ersten Sätzen benannten und ausgebreiteten Gegenstände in der Tasche der Erzählerin, sie haben auf den letzten Seiten des Romans noch einmal ihren Aufritt. Auch fließt die Architektur stark in den Roman ein, was sich unter anderem im Aufgreifen von Architekten wie dem eben schon erwähnten Louis Kahn oder Oscar Niemeyer äußert — Brandung steckt so voller Details, die auch eine zweite Lektüre reizvoll machen.

Neben diesen thematischen Raffinessen besticht Brandung aber auch durch seine sprachliche Kraft und den Rhythmus. Es sind häufig lang gebaute Satzperioden, wie der eingangs zitierte Auftakt zur Geschichte. Sie sind es, die das Tempo des Erzählens bestimmen und die wie die Wellen an die Molen Le Havres schlagen (Übersetzung durch Andrea Spingler).

All diese Elemente machen aus Maylis de Kerangal ein wunderbar komponiertes Buch um Erinnerung und Ermittlung, das Le Havre und dessen manchmal so brutalistischer Architektur und Rauheit ein literarisches Denkmal setzt und das die genaue Lektüre belohnt!


  • Maylis de Kerangal – Brandung
  • Aus dem Französischen von Andrea Spingler
  • ISBN 978-3-518-43278-5 (Suhrkamp)
  • 238 Seiten. Preis: 25,00 €