Tag Archives: Jugend

Lukas Rietzschel – Mit der Faust in die Welt schlagen

Der Osten Deutschlands. Abgehängte, Landflucht, AFD und Pegida-Kernland. So die Buzzwords der Medien, wenn es um die ostdeutschen Bundesländer geht. Der Debütautor Lukas Rietzschel, selbst aus Ostsachen stammend, wagt sich nun literarisch weit hinein in dieses Gebiet und erzählt von der Provinz und ihren Bewohnern.

Dies tut er mithilfe zweier Brüder, die die erzählerische Grundachse seines Romans Mit der Faust in die Welt schlagen bilden. Von ihrer Kindheit an begleitet er Philipp und Tobias, die mit ihrer Familie in Neschwitz an der Grenze zu Polen aufwachsen.

Dort verwirklichen ihre Eltern ihren Traum vom Eigenheim und bauen in die Provinz ein Haus. Doch der Traum von Eigenständigkeit und Angekommensein erweist sich als brüchig. Da ist schon zum einen die Familie selbst, deren Zusammenhalt äußerst fragil ist. Der Großvater tritt immer auf das Gaspedal, wenn Philipp und Tobias mit ihren Großeltern die Flüchtlingswohnheime in Hoyerswerda passieren. Und auch ansonsten schweigt man sich über so manches aus.

Und zum anderen ist da das Umfeld  So etwas wie große Perspektiven gibt es nicht. Namhafte Firmen, Karrieremöglichkeiten? Alles Fehlanzeige. Lieber schimpft man auf die Sorben oder die Zecken, die man als Feindbilder ausgemacht hat.

Bonjour Tristesse

Und so gleiten Tobias und Philipp auch schon in der Schule in einen verhängnisvollen Kreislauf ab, der durch einzelne Klassenkameraden und Freude bedenklich angestachelt wird. Fremdenhass, Gewalt und Nullbock-Mentalität sind die Folgen.

Bestes Symbol für dieses Gefühl der Frustration und Stagnation ist dabei der Schulhof, den die beiden Jungen frequentieren. Blicken sie zunächst als Schüler noch respektvoll bis neidisch auf die halbwüchsigen Schulabgänger, die trotz der schon zurückliegenden Schulzeit noch immer mit ihren Mofas jeden Tag zum Pausenhof kommen. Jeden Tag tauchen diese auf, um besonders den Mädchen ihre Aufwartung zu machen. Am Ende des Romans ist es Philipp selbst, der auf seiner Maschine als Ritual wieder oder immer noch – das kann man sehen wie man will – den Pausenhof frequentiert. Entwicklung und Perspektive sehen anders aus.

Dieses In-Worte-Fassen des Alltags, das macht Mit der Faust in die Welt schlagen aus. Präzise zeichnet der 24-jährige Rietzschel nach, wie aus die großen Träume platzen und langsam der Hoffnungslosigkeit Platz machen. Dass diese dann in Mutproben ihr Ventil finden, die nahezu nahtlos in  fremdenfeindlichen Aktionen übergehen, das wirkt hier in seinem Roman nur konsequent.

Über mehrere Jahre beobachtet er die Brüder und ihr Umfeld, zeigt wie Beziehungen in die Brüche gehen, Hoffnungen platzen und der Frust immer größer wird über dieses Gefühl des Abgehängt-Seins.

Im Osten nichts Neues

Recht viel Neues kann Rietzschel seinem Thema dabei aber nicht abgewinnen. Die latente Fremdenfeindlichkeit, die Perspektivlosigkeit und die Wut – die kennt man ja bereits hinlänglich aus Reportagen und Berichten aus dem Osten. Spätestens nach jeder Wahl in den neuen Bundesländern, die der AFD Stimmgewinne bringt, wird die Ursachenforschung betrieben, die auch Lukas Rietzschel hier vollbringt – jeweils mit ähnlichen Ergebnissen.

Als Erklärung für den Rechtsdrift und als Analyse der gesellschaftlichen Verwerfungen taugt Mit der Faust in die Welt schlagen insofern nur bedingt – auch wenn viele Medien und Blogs aus Rietzschels Buch gerne mehr als das machen würden, als was er eigentlich geschrieben hat.

Ist das Buch dennoch lesenswert? In meinen Augen ja, denn hier zeigt sich ein junger Erzähler, der genau hinschaut und sich als Chronist ostdeutscher Befindlichkeiten bewährt und der mit reduzierten sprachlichen Mitteln die Geschichte des Heranwachsens zweier Brüder schildert. Ein Talent, das man weiterhin im Blick haben sollte!

Thomas Klupp – Wie ich fälschte, log und Gutes tat

Dieses Buch ist wie eine Zeitmaschine – man steigt ein und wird unvermittelt in die eigene Jugend zurückgebeamt. Denn die Geschichte, die Thomas Klupp in seinem neuen Roman erzählt, hat weist viele Elemente auf, die man selbst aus den „wilden“ Jugendtagen kennt.

Bei ihm ist der Ich-Erzähler Benedikt „Ben“ Jäger, der in Weiden in der Oberpfalz lebt. Von den tatsächlichen Wirtschafts- und Arbeitslosigkeitsverhältnissen ist in Klupps Version der oberpfälzischen Stadt nichts zu merken. Stattdessen prosperiert die Stadt an der Grenze zu Tschechien, die Lion-Ladies laden zum Wohltätigkeitsbrunch in das Eigenheim der Jägers, die Flüchtlinge präsentieren am Büffet Speisen aus ihrer Heimat.

Eigentlich eine richtige Klischeerevue, dieses Weiden. Doch Thomas Klupp kontrastiert die Vorzeigewelt mit Abgründen, die sich vor Ben auftun. An diesen lässt er uns Leser durch eine Art Tagebuch teilhaben, in dem er seine Eskapaden und Abenteuer chronologisch schildert.

So bewahrheitet sich der Buchtitel schon bald und zeigt, welche kleinen und großen Notlügen Ben auffährt, um sich unbeschadet durch sein Leben zu schummeln. Doch eine Lüge führt zur anderen und stellt ihn alsbald vor wirklich enorme Herausforderungen. Da ist es kein Wunder, dass sich Ben in einer Englisch-Schularbeit die Hasardeure Jay Gatsby oder Tom Ripley für eine Charakterisierung herauspickt.

Von kleinen und großen Lügen

Diese kleine Lügen, dieses Schummeln (auch wenn natürlich nicht in dem Maße, in dem es Ben betreibt) – das kennt wohl jeder von uns. Die eine Notlüge, die zum anderen führt oder die eine Ausrede, die unnötig war, uns das Leben aber vereinfacht. Egal ob Erwachsene oder Jugendliche, in Klupps Welt erfassen diese Lügen uns alle – und das lädt natürlich zur Identifikation ein.

Wohl keiner von uns, der nicht schon einmal daran gedacht hat, nach einer Klausur das Ergebnis zu fälschen oder sich in einem besseren Licht dastehen zu lassen. Wie ich fälschte, log und Gutes tat zeigt, was das bedeuten kann. Doch dabei verzichtet Klupp wohltuende auf eine Moralisierung – er lässt Ben einfach auf der schiefen Ebene seiner Täuschungsmanöver schlittern – und wir schauen ihm dabei wohlig zu.

Das Ganze ist in eine jugendlichen Sprache gekleidet, die zwar manchmal knapp am Klischee vorbeischrammt, aber das passende Vehikel zu Klupps Text ist. Als Coming-of-Age-Geschichte passt hier alles recht gut zusammen und weiß besser als Ben selbst zwischen Nostalgie und Realismus zu balancieren.

Fazit

Das Buch als Jugendbuch zu klassifizieren, greift zu kurz. Wie ich fälschte, log und Gutes tat lädt ein zu einer Reise zurück in die eigene Jugend und lässt den Fälscher in uns wieder ans Tageslicht kommen. Ungelogen – ein tolles Buch!

Michael Ondaatje – Kriegslicht

Michael Ondaatje ist zurück. Kürzlich wurde sein Roman „Der Englische Patient“ im Rahmen des Man Booker Prize zum besten Buch der letzten 50 Jahre gewählt. Nun kehrt er mit „Kriegslicht“ wieder zu seinen Topoi von Kindheit, Erinnerung und Krieg zurück.

Im Jahr 1945 gingen unsere Eltern fort und ließen uns in der Obhut zweier Männer zurück, die möglicherweise Kriminelle waren. (Ondaatje, Michael: Kriegslicht, S. 13)

So erzählt es uns der Ich-Erzähler Nathaniel, der in Kriegslicht (Deutsch von Anna Leube) die Erinnerung an seine Kindheit in London während und nach dem Zweiten Weltkrieg heraufbeschwört. Jene beiden möglicherweise Kriminellen, denen die Betreuung von Nathaniel und seiner Schwester Rachel übertragen wird, werden von den Kinder Der Boxer und Der Falter tituliert.

Von einer Betreuung der Kinder zu sprechen, ist allerdings zu hoch gegriffen. Rachel und Nathaniel bleiben sich meist selbst überlassen und werden manchmal von den beiden Erwachsenen für halbseidene Touren eingespannt. So wird das Flussnetz und die Architektur Londons Nathaniel schon bald sehr vertraut, da er immer wieder mit dem Boxer zu Touren aufbricht, bei denen sie Hunde für Rennen schmuggeln und Ähnliches wagen, das die Grenze der Legalität überschreitet. Doch alle Abenteuer im Dschungel der Großstadt Londons können nicht darüber hinwegtäuschen, dass eine offene Wunde bei den Geschwistern zurückgeblieben ist – das Verschwinden ihrer Eltern.

Der alte Fluss Tyburn verschwand, auch Geografen und Historiker verloren seine Spur. So ähnlich glaubte auch ich, meine sorgfältig verzeichneten Gebäude an der Lower Richmond Road seien gefährlich gefährlich provisorisch,so wie große Gebäude im Krieg verlorengegangen waren, so wie wir Mütter und Väter verlieren (Ondaatje, Michael: Kriegslicht, S. 43)

Doch – ohne hier Entscheidendes der Handlung vorwegnehmen zu wollen: Dieser Verlust ist kein dauerhafter. Denn Kriegslicht ist genauso die Geschichte von Nathaniel wie die seiner eigenen Mutter, deren Geheimnisse zentral für die Handlung von Ondaatjes neuem Roman sind. So schafft das Buch den Bogen vom Zweiten Weltkrieg hin zum Kalten Krieg, der aus den Ergebnissen jenes Zweiten Weltkriegs erwächst.

Ondaatjes Buch ist zum Teil eine Spionagegeschichte und zum Teil die Rekonstruktion eines Verlustes. Diese Ambivalenz macht das Buch reizvoll, lässt aber auch etwas Tiefe vermissen. So wird viel angerissen, vertieft wird es hingegen kaum. Dieses fragmentarische Schreiben lässt auch keinen durchgängigen Lesefluss entstehen, vielmehr muss man sich als Leser einen Teil der Geschichte selbst ausmalen. Das ist nicht immer bequem für den Rezipienten, funktioniert allerdings von der inneren Logik des Romans her ganz ausgezeichnet. In die Kategorie Saftiger Schmöker passt dieses Buch so eindeutig nicht (auch wenn der Inhalt dies eigentlich impliziert) – zudem lässt die Länge von gerade einmal 320 Seiten so etwas wie ein tiefes Abtauchen in die Doppelgeschichte kaum erwarten.

Kriegslicht hat unterschiedliche Themenschwerpunkte. So ist das Buch eine Hymne an ein London, das im Zuge von Gentrifizierung und Bauboom völlig zu verschwinden droht. Die Flüsse, die Gebäude, die Geschichte – all das drückt sich in diesem Buch genauso aus wie das Thema des Zweiten Weltkriegs und seiner Folgen. Die Kindheit und die Erinnerung fasziniert Ondaatje ebenso unübersehbar (es sei hier nur an seinen letzten Roman Katzentisch erinnert) – und so liest sich sein neues Buch tatsächlich auch ein Stück weit wie eine Synthese aus dem Englischen Patienten und letzterem Werk. Kein ganz leichtes oder zugängliches Buch, im Gegenteil. Das Sperrige ist hier immer präsent und zeigt einmal mehr, wie wahr das Zitat aus Benedict Wells Vom Ende der Einsamkeit ist

Eine schwierige Kindheit ist wie ein unsichtbarer Feind. Man weiß nie, wann er zuschlagen wird.

Lize Spit – Und es schmilzt

Eine Frau fährt mit einem Eisblock in einer Tiefkühlbox durch die flämische Provinz. Wie es dazu kam und was hinter der Aktion steckt, das erklärt Lize Spit in ihrem Debüt Und es schmilzt, das in Belgien sage und schreibe ein Jahr an der Spitze der Bestsellercharts stand.

Spit fährt in ihrem Roman zweigleisig. Die Rahmenhandlung bildet die Kurierfahrt des Eisblocks, die Eva frühmorgens beginnt. Immer wieder springt Spit mit der Angabe der aktuellen Uhrzeit zurück zu dieser Fahrt durch Belgien. Den Hauptanteil nimmt aber ein großer Flashback ins Jahr 2002 ein – es war ein Sommer, der Eva und ihre Freunde immer verändern sollte. Und am Ende dieses Sommers wird dann auch klar, warum sich nun Eva mit dem Eisblock im Gepäck auf den Weg gemacht hat – denn die Vergangenheit zieht ihre Kreise bis in die Gegenwart.

Stellenweise war ich während der Lektüre geneigt, in Lize Spit eine flämische Schwester von Charlotte Roche zu sehen, mit solcher Hingabe blickte sie im Detail auf Bereiche unserer Leben und Körper, die man normalerweise ausspart. Da wird die eigene Sexualität erforscht oder aus abgestanden Pfützen (Kaulquappen inklusive) getrunken. Das Personal ihres Buches sind Metzgersöhne, vernachlässigte Kinder aus dysfunktionalen Familien und generell Menschen, die man gemeinhin mit dem wenig treffenden Ausdruck sozial schwach versieht.

Und es schmilzt fordert den LeserInnen vieles ab – die ekligen Szenen sind das eine, zum Ende des Buchs kommen weitere explizite Schilderungen hinzu, auf die hier nicht tiefer eingegangen werden soll, um die Lesefreude nicht zu schmälern. Durch diese Passagen wird das Geschehen dann rund und verfugt die Vergangenheit mit den aktuellen Geschehnissen. Die psychologisch eindringlich gelungenen Szenen berühren und machen nachdenklich – und ließen mich das Buch dann schlussendlich unschlüssig zuklappen.

Stößt das Buch jetzt ab oder fasziniert es? Es ist wohl eine Mischung aus beidem, und darin liegt auch für meine Begriffe der Reiz des Buchs. Die Knausgard’sche Detailfülle entführt den Leser geradewegs zurück in die eigene Teenagerzeit und ruft mannigfaltige Erinnerungen wach. Auch der Kniff um den Eisblock im Kofferraum von Eva ist dazu angetan, den Leser bei der Stange zu halten. Und diese Qualitäten überwiegen für mich in der Endabrechnung trotz einer manchmal zu krassen und plakativen Schilderungswut der jungen Autorin.

Ich prophezeie dass sich an diesem Buch sicherlich die Geister scheiden werden. Es gibt gute Argumente sowohl für Lobeshymnen als auch für Kritik oder gar Verrisse. Sicherlich ein Buch, das Potential für Debatten hat und das die Diskussionen der Feuilletons in diesem Bücherherbst dominieren könnte – und wie stets empfehle ich gerne, sich auch in diesem Fall einen eigenen Eindruck zu verschaffen und die Meinungen auch gerne hier kundzutun!