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Amy Waldman – Das ferne Feuer

Quasi aus dem dem Nichts heraus gelang Amy Waldman im Jahr 2011 mit ihrem Debütroman Der amerikanische Architekt ein veritabler Bestsellererfolg. Amy Waldman ist gelernte Journalistin, die zum Zeitpunkt ihrer Buchveröffentlichung für die New York Times tätig war. Diese, die Washington Post oder auch das Esquire-Magazin kürten Waldmans Debüt gleich nach dem Erscheinen zum beachtenswertesten Roman des Jahres. Zahlreiche weitere Auszeichnungen sollten folgen.

Man kann die Lobpreisungen verstehen, schließlich legte Waldman aus dem Nichts heraus einen Great American Novel vor, der die Befindlichkeiten der amerikanischen Seele nach den Anschlägen des 11. September hellsichtig analysierte. Sie ließ darin verschiedene Menschen zu Wort kommen, die nach der Entscheidung, einen Muslim mit der Gestaltung einer Gedenkstätte für den Platz des Anschlags zu beauftragen, ihre ganz eigene Sicht auf die Dinge hatten. Die Dynamiken rund um die Entscheidung betrachtete sie mit Lust an der Widersprüchlichkeit und Vielschichtigkeit.

Kurzum: ein Werk, das neugierig stimmte auf das, was da noch folgen sollte. Nun, acht Jahre seit dem Erscheinen der deutschen Übersetzung von Der amerikanische Architekt, liegt nun das neue Buch von Amy Waldman vor. Aus A door in the earth wurde nun in der deutschen Übersetzung Das ferne Feuer. Die Übersetzung besorgte abermals Brigitte Walitzek.

In ihrem neuen Buch wendet sie sich von den USA als Schauplatz ihrer Geschichte ab, führt aber zugleich die in Der amerikanische Architekt gesetzten Themen weiter.

Mutter Afghanistan

So heißt das Buch, das für Parvin Schams zum Wendepunkt ihres Lebens wird. Darin erzählt der Autor Gideon Crane, wie er einst nach einem halbseidenen Lebenswandel in Afghanistan Erfüllung fand und nach dem Tod einer jungen Frau beschloss, vor Ort ein Krankenhaus zu gründen. Das Buch avancierte zum Bestseller und Crane zum gefeierten Star. TED-Talks, Auftritte vor ausverkauften Häusern und Millionenauflagen seines Buchs sollten folgen. Sogar das Militär empfahl den Rekruten und sonstigen Militärangehörigen die Lektüre des Buchs, um Afghanistan besser zu verstehen.

Amy Waldman - Das ferne Feuer (Cover)

Auch für Parvin wurde das Buch zur Bibel. Als junge Frau mit afghanischem Migrationshintergrund fand sie sich im Buch wieder, sodass sie beschloss, Crane nachzufolgen und das im Buch beschriebene Krankenhaus und Dorf zu besuchen. Von ihrer Professorin aus der Ferne kritisch begleitet begibt sich Parvin also nach Afghanistan. Dort begnen wir ihr zu Beginn des Buchs.

Doch schnell stellt sich der Kontakt mit der Realität als schmerzhaft für Parvin heraus. Nicht nur zur Dorfgemeinschaft findet sie keinen rechten Zugang. Auch das Krankenhaus erscheint ganz anders, als in Mutter Afghanistan beschrieben. So kommt eine Ärztin gerade einmal in der Woche in die Klinik, um die Frauen des Dorfs dort zu behandeln. Auch ist das soziale Gefüge im Dorf ein ganz anderes, als Parvin sich dies aufgrund der Lektüre von Cranes Werk ausgemalt hatte.

Zwischen Buch und Realität klafft ein großer Unterschied, vor dem Parvin so gut es geht viele hundert Seiten in diesem Buch die Augen verschließt. So gut es geht, versucht sie Gideon Crane in Schutz zu nehmen. Sie missversteht die Dorfbewohner*innen absichtlich, betreibt eine Apologetik des Bestsellerautors. Aber schließlich muss auch sie einsehen: mit der Realität hat Mutter Afghanistan nur bedingt etwas zu tun.

Amerikas Probleme mit Afghanistan

Das müssen auch die amerikanischen Truppen einsehen. Stellvertretend für diese macht Parvin die Bekanntschaft mit Colonel Trotter, der ebenfalls Gideon Cranes Buch gelesen hat. Auch er wurde von der Lektüre berührt. Und so will er mit seinen Truppen die afghanische Zivilbevölkerung unterstützen. Die amerikanischen Militärs möchten eine befestigte Straße ins Dorf bauen, damit dieses besser versorgt werden kann. Doch die Pläne der Amerikaner finden bei der lokalen Bevölkerung keinen Zuspruch. Schon bald drohen Anschläge das ambitionierte Projekte zum Erliegen zu bringen.

Sowohl Parvin als auch die Militärtruppen müssen erkennen, dass ein Land mit einer so wechselvollen Geschichte wie Afghanistan nicht einfach mit amerikanischer Selbstherrlichkeit von Heute auf Morgen modernisiert werden kann. Diese Hybris soll sich noch als tödliche Gefahr herausstellen.

Ein Buch, das nicht so recht weiß, was es will

Es sind viele Themen, die Amy Waldman in ihrem zweiten Buch zusammenrührt. Der Idealismus einer jungen Frau, die Hochstaplereien eines Mannes, der clash of culture. Die amerikanische Invasion in Afghanistan, und die Gründe für deren Misserfolg, die wechselvolle Geschichte Afghanistans, weibliches Empowerment. All das sind Themen, die für sich genommen durchaus spannend sind. Leider wird in ihrer Fülle hier kein gutes Buch daraus.

Löblich, dass sich Amy Waldman dafür entscheidet, mit dem zeitgenössischen Afghanistan einen Schauplatz zu wählen, der in unserer Wahrnehmung fast nur mit den Themen Krieg und Taliban besetzt ist. Und gut auch, dass sie aufzeigt, warum die amerikanische Strategie dort keinen Erfolg hat.

Aber denoch hätte eine entschiedenere literarische Stoßrichtung dem Buch gutgetan. Das ferne Feuer schwankt unentschieden zwischen Arztroman, ethnologischen Betrachtung eines afghanischen Dorfs und der Enthüllung einer Hochstapelei. Später wird das Buch dann zu einer Abrechnung mit der Strategie Amerikas in Afghanistan (die ja wohl eher gar keine ist), trotzdem: so recht stimmig und stringent mag sich das alles nicht entwickeln und fügen.

Schon nach wenigen Seiten ist den Leser*innen klar, dass Gideon Crane wohl das amerikanische Pendant zu Claas Relotius sein muss. Nichts passt in seinen Schilderungen zusammen – aber Parvin verschließt munter ihre Augen vor der Wahrheit und betet ihr Idol Crane weiterhin an.

Eine blasse und nervtötende Heldin

Überhaupt, Parvin: mit ihr wählt Amy Waldman eine blasse Heldin. Eine, die zumindest meine Nerven das ein ums andere Mal strapazierte. Ihre Naivität, gepaart mit der verblendeten Vergötterung Gideon Cranes, ihre Impulsivität, schwankenden Sympathien und teilweise überhebliche westliche Art, machten sie zumindest für mich zu keiner Figur, der ich besonders gebannt über die Länge des knapp 500 Seiten starken Romans gefolgt wäre. Zwar kippt die Monotonie des ausgiebig beschriebenen dörflichen Alltags später noch in eine Actionsequenz, auch findet der öffentliche Diskurs durch eine Tat von Parvins Professorin in das Buch. Besonders stimmig wirkte das allerdings nicht. Da, wo Der amerikanische Architekt souverän mit unterschiedlichen Perspektiven auftrumpfte, dominiert in Das ferne Feuer der Blick einer naiven Heldin, die mich ein ums andere Mal aufgrund ihrer verblendeten und naiven Sichtweise verärgerte.

Doch vielleicht stehe ich auch noch unter den Nachwirkungen des Relotius-Skandals, als das mich die Beschreibungen der recht offensichtlichen Flunkerei-Enthüllungen in Das ferne Feuer besonders überrascht oder emotional gepackt hätten.

Fazit

So bleibt leider Das ferne Feuer ein Buch, dem es nicht gelingt, an Waldmans Erstling anzuknüpfen. Gewiss kein schlechtes Buch, auch durchaus mit interessanten Themensetzungen. Die literarische Ausgestaltung des Ganzen überzeugt dann aber leider nicht. Mit einer Idee weniger, dafür einer entscheideneren Umsetzung des Ganzen, wäre hier mehr drin gewesen. Leider!

Eine weitere Meinung zum Buch gibts bei Bookster HRO.


  • Amy Waldman – Das ferne Feuer
  • Aus dem Amerikanischen von Brigitte Walitzek
  • ISBN 978-3-89561-168-1 (Schöffling)
  • 496 Seiten. Preis: 26,00 €

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Alexi Zentner – Eine Farbe zwischen Liebe und Hass

I said if you’re thinkin’ of being my brother, it don’t matter if you’re black or white.

Diese Worte aus der 1991 erschienen Single „Black or White“ von Michael Jackson klingen knapp 30 Jahre seit Erscheinen so falsch wie selten zuvor. Während Rassismus und Ausgrenzung grassieren, ist Ideal von der friedlichen Koexistenz von Schwarz und Weiß in weite Ferne gerückt. Besonders in den USA lässt sich das beobachten. Verband man mit Barack Obama noch die Hoffnung auf Einheit und Überwindung der gesellschaftlichen Risse, so ist mit der Wahl Donald Trumps diese Hoffnung völlig zunichtegemacht. Im Gegenteil – Rassismus ist geradzu wieder hoffähig geworden. Eine Verrohung in der Sprache und im Denken ist feststellbar, Bewegungen wie Black Lives Matter sind Symptom eines gefährlichen Auseinanderdriftens zwischen den gesellschaftlichen Schichten des Landes.

Wie tief die Risse in der amerikanischen Gesellschaft sind, das beleuchtet der kanadische Autor Alexi Zentner in seinem Roman Eine Farbe zwischen Liebe und Hass eindrücklich. Ein Roman über White Supremacy und die Frage, welche Eigendynamik eine Lüge im aufgeheizten gesellschaftlichen Klima dieser Tage entfalten kann.


Die Motivation für seinen Roman erklärt Alexi Zentner im Vorwort seines Buchs. So waren seine Eltern Aktivisten gegen Antisemitismus und Rassismus, wofür sie auch angefeindet wurden. Trauriger Höhepunkt dessen war ein Anschlag, bei dem auf das Haus der Eltern ein Brandbombenanschlag durch eine Gruppe von Neonazis verübt wurde. Bis heute haben ihn die Erinnerung an die damaligen Ereignisse nicht losgelassen.

Mit diesem Roman wollte ich näher untersuchen, wie sich, während wir heranwachsen, unser Moralbewusstein verändert und festigt. Ich wollte erkunden, wie Hass die Liebe verkompliziert, wie ide Liebe uns blind machen kann für die Gefahren um uns herum, und wie Rassismus und Hass auch in den Leben derer wirken, die denken, sie haben sich auf niemandes Seite geschlagen.

Zentner, Alexi: Eine Farbe zwischen Liebe und Hass, S. 7

Zwischen Schule und Kirche

Das ist ihm – um das gleich einmal vorwegzunehmen – wirklich gelungen. Denn Zentner schafft es, die Widersprüche und Verwerfungen die Familie, Liebe und Loyalitäten verursachen können, mit seinem Roman erfahrbar zu machen. Ihm gelingt das, indem er den Jugendlichen Jessup in den Mittelpunkt seines Romans stellt. Zusammen mit seiner Mutter, seinem Stiefvater und zwei weiteren (Halb-)Geschwistern wohnt er in Cortaca in Upstate New York in einem Trailerpark. Auch wenn die Übersetzung (Werner Löcher-Lawrence) faktisch richtig von einem Wohnwagen spricht, ist es vielmehr eine mobile Wohnung mit mehreren Zimmern, die Jessups Familie dort in Cortaca bezogen hat.

Die Stadt gilt eigentlich als liberal, eine Ivy-League-Universität sorgt für einen regen Zulauf von Studenten und einen intellektuellen Nährboden. Doch auch in Cortaca ist nicht alles Gold, was glänzt.

Die Universität entwickelt ihre eigene Schwerkraft. Sie ist der größte Arbeitgeber der Stadt, aber sie ist nicht alles. Es gibt da noch die ganz andere Welt derer, die durch den Rost gefallen sind. Fünfunddreißig Prozent der Bevölkerung des Countys leben unterhalb der Armutsgrenze. Es gab mal jede Menge gute Jobs, aber es ist überall das Gleiche im Rust Belt des Landes.

Zentner, Alexi: Eine Farbe zwischen Liebe und Hass, S. 37

Sein Stiefvater schlägt sich als Klempner durch, die Mutter geht schwarz putzen, um die Familie irgendwie zu ernähren. Gerade sind die Zeiten noch härter, da Jessups Bruder Ricky und sein Stiefvater nicht da sind. Sie sitzen im Gefängnis ein. Sein Bruder hat zusammen mit seinem Vater vor einer Bar zwei schwarze Studenten getötet. Notwehr sagen sie, das Gericht sagt etwas anderes. Vor allem, da Videoaufzeichnung von der Tat vorliegen.

Erschwerend kommt hinzu, dass Jessups Stiefvater mit seiner Familie ein Anhänger der Heiligen Kirche des Weißen Amerikas ist. Eine Art KuKluxKlan mit pastoralem Anstrich und nur etwas weniger radikalen Auftreten. Aber ebenso strikt in der Trennung von Weiß und Schwarz, rassistisch und fremdenfeindlich. Wenngleich man das natürlich nicht zugibt und sich stattdessen lieber Ethnorealist nennt. Die Worte mögen sich unterscheiden, die Ansichten sind die gleichen

Zwischen Liebe und Hass

In diesem Umfeld wächst der 17-jährige Jessup heran. Halt findet er im Sport und in der Liebe. Auf dem Feld wird er von Coach Diggins beim Football trainiert. Er erweist sich als talentierter Footballer (wovon ein eingangs episch geschildertes Match Zeugnis ablegt). Heimlich liebt er die Tochter von Coach Diggins, Deanne. Die Liebe verheimlicht er allerdings dem Coach und seiner Familie. Denn Deanne ist schwarz. Und wenngleich Jessup die Heilige Kirche des Weißen Amerikas schon vier Jahre nicht mehr besucht hat – seine Herkunft wird man doch nicht so einfach los.

Dann wird Jessup auch noch auf einer Party von Freunden und Mitspielern in einen tödlichen Unfall verwickelt. Er beschließt, vor der Verantwortung davonzulaufen und seine Tat zu vertuschen. Und damit setzt er Ereignisse in Gang, die schon bald eine fatale Eigendynamik entwickeln. Bald muss er sich der Frage stellen, ob Liebe oder Hass in seinem Leben stärker sind. Wem gilt seine Loyalität? Und kann man das überhaupt – vor seiner Verantwortung davonlaufen?

Es sind komplexe Fragen, die Alexi Zentner in seinem Buch aufwirft. Und es spricht wirklich für ihn, dass er es sich nicht zu leicht macht. Denn mit Jessup erleben wir ein wirkliches Wechselbad der Gefühle. Da ist die heimliche Liebe zu Deanne, die den 17-jährigen euphorisiert. Dann ist da aber auch die Schuld nach dem Unfall, die immer drückender auf seinen Schultern lastet. Und auch wenn Jessup seinen Stiefvater eigentlich verachtet, muss er doch anerkennen, wie sehr dieser für seine Familie kämpft und diese beschützen will. All diese Widersprüche (auch in den Figuren selbst) vermittelt Zentner glaubhaft und plastisch. Ihm gelingt es, dass man sich selbst in der moralischen Zwickmühle wiederfindet. Wem gehört meine Loyalität? Was ist für mich das wichtigste? Wie hätte ich entschieden? Und kann man das wirklich? In Schwarz und Weiß denken?

Zwischen Gesellschaft und Familie

Mit seinem Buch gelingt Alexi Zentner ein präziser Blick sowohl auf Familie als auch auf Gesellschaft. Wie funktioniert Ausgrenzung und Rassismus? Wie vertiefen Menschen die Gräben zwischen Schwarz und Weiß und welcher Instrumente bedienen sie sich dabei? Seine Schilderungen besitzen dabei etwas Allgemeingültiges und sind vielfach anwendbar. Und auch Jessups Familie besitzt viel Symbolkraft. Wie die Patchwork-Familie mit ihren unterschiedlichen Ansichten Probleme löst, aber auch verursacht, das demonstriert Zentner in seinem Buch auf sehr glaubwürdige Art und Weise. Da verzeiht man dem Autoren auch locker das missglückte Ende.

Wenngleich es der Übersetzung manchmal an Präzision fehlt und es sich das Cover für meinen Geschmack zu einfach macht, so ist Eine Farbe zwischen Liebe und Hass doch ein eindrucksvolles Leseerlebnis. Diese Milieu- und Gesellschaftsstudie aus dem Hinterland der USA zielt mitten hinein in unsere heutigen Debatten. Ein Buch, das ich aufgrund seiner rasanten und gelungen Erzählweise und seinem Helden auch schon Jugendlichen dringend ans Herz legen möchte. Ein kluger Debattenbeitrag, der Alexi Zentner da gelungen ist. Denn es spielt oftmals eben doch eine Rolle, ob man schwarz oder weiß ist. Und ob man die Welt dann auch so sieht, oder auch empfänglich für ihre Grautöne ist.

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Angie Kim – Miracle Creek

Von den kleinen Lügen, die Großes bewirken, erzählt Angie Kim in ihrem Roman Miracle Creek. Ein Gerichtsroman darüber, was Lügen auslösen können und wie weit man gehen sollte, um die Wahrheit hinter dem Berg zu halten.


Eine Lüge kann manchmal wie ein Streichholz sein. Es bedarf nur eines kleinen Reibens über die Zündfläche, und das Streichholz steht in Flammen. Und wenn man damit nicht aufpasst, kann am Ende ein ganzes Haus in Flammen aufgehen. Und das alles nur mit einer ursprünglich ganz winzigen Aktion.

Angie Kim - Miracle Creek (Cover)

Ein Streichholz ist es auch, das im Roman Miracle Creek (Übersetzung von Marieke Heimburger) eine Katastrophe auslöst. Dieses Miracle Creek ist eigentlich ein typisches amerikanisches Durchschnittskaff, in dem nichts passiert. Doch plötzlich ist alles anders. Das Gericht tagt, Elizabeth Ward muss sich vor der Justiz verantworten. Der Vorwurf: sie hat bei einer sogenannten HBO, einer Hyperbaren Oxygenierung, also einer Sauerstoffbehandlung bei Überdruck in einer abgeschlossenen Kammer, Feuer gelegt. Zwei Menschen sind dadurch zu Tode gekommen, darunter Elizabeths eigener Sohn, der sich während des Feuers in der Kammer befand. Die Spurenlage ist eindeutig. Schon lang trug sie sich mit dem Gedanken, die Therapie abzubrechen. Zudem verzweifelte sie des Öfteren an ihrer Rolle als Alleinerziehende mit einem autistischen Sohn. Für die Öffentlichkeit steht es schon vor dem Prozess fest: Elizabeth ist ein Monster, eine Mutter, die ihren eigenen Sohn durch Brandstiftung getötet hat. Alles klar also?

Mitnichten. Denn dass das mit der Wahrheit eine komplizierte Angelegenheit ist, das zeigt sich in Miracle Creek schon bald. Nachdem uns Angie Kim im Prolog an der Katastrophe teilhaben lässt, die sich in der Scheune in Miracle Creek ereignete, als die HBO-Druckkammer und mit ihr die Patienten in Flammen aufging, geht es dann im Hauptteil des Buchs um die Gerichtsverhandlung. Auf der Anklagebank sitzt Elizabeth, die sich mit ihrer Rolle als Schuldige abgefunden hat. Staatsanwälte, Richter, Verteidigung, alle sind bereit, um über sie Recht zu sprechen. Sogar eine Hinrichtung als Schuldspruch steht im Raum.

Lügen über Lügen

Doch dann beginnt Angie Kim damit, die verschiedenen Lagen aus Lüge, die sich um die Wahrheit gruppiert haben, langsam abzutragen. Auf Basis des Gerichtsprozesses kommen verschiedene Personen zu Wort. Da ist der Arzt, der mit den zwei Müttern und ihren autistischen Kindern in der Druckluftkammer saß. Da ist die koreanische Familie, die die Druckluftkammer und Scheune eigentlich betreuen sollte. Elizabeth selbst ist auch Teil der Wahrheit. Je weiter die Befragungen durch den Staatsanwalt und die Verteidigerin voranschreiten, umso klarer zeigt sich, dass in Miracle Creek gar nichts klar ist. Wie in einer Rückwärts-Kamerafahrt gelangen wir als Leser*innen von Angie Kim angeleitet langsam vom Scheunenbrand bis zurück zum Streichholz, das die Katastrophe auslöste.

Jede Figur hat ihre eigenen Geheimnisse. Untreue, Missgunst, Hoffart – die sieben Todsünden könnte man in diesem kleinen amerikanischen Kaff wunderbar durchexerzieren. Geschickt schafft es Angie Kim, die Widersprüche im Verhalten und die großen und kleinen Lügen Stück für Stück zu enthüllen. Eingeteilt in die vier Prozesstage wechselt sie immer wieder die Perspektiven und behandelt eine Vielzahl an Themen. Die Bewahrung der eigenen Identität in einem fremden Land, Anpassung, die Rolle als Mutter, der Wunsch nach Kindern – das alles sind Themen, die in Miracle Creek angerissen werden. Den inhaltlichen Schwerpunkt bilden in meinen Augen aber Missverständnisse und Lügen im Miteinander, die Kim uns zeigt.

Im Strudel der Unwahrheiten

Er versuchte mehrfach, Marys Blick zu fangen, sie zu warnen, ihm nicht zu widersprechen, aber sie starrte weiter auf den vollen Teebecher. Als Pak fertig war, herrschte längeres Schweigen, dann sagte Young: „Du hast nichts weggelassen? Das ist wirklich die ganze Wahrheit?“ Ihre Miene war gefasst, aber in ihrer Stimme schwang ein leises Flehen mit, eine Traurigkeit, umhüllt von verzweifelter Hoffnung, und er wünschte, er könnte sagen, selbstverständlich hatte er nichts ausgelassen, sie würde ihn doch kennen, sie wüsste doch, dass er kein Mann war, der für Geld das Leben anderer Menschen aufs Spiel setzte.

Aber das sagte er nicht. Manche Dinge waren einfach wichtiger als Ehrlichkeit, selbst der eigenen Frau gegenüber. Er sagte „Ja, das ist die ganze Wahrheit.“ und redete sich ein, dass es nur zu ihrem Besten war. Denn die wirkliche Wahrheit würde sie nicht verkraften.

Kim, Angie: Miracle Creek, S. 457

Angie Kims Buch ist ein Gerichtsthriller, aber auch ein Familienroman, der trotz des klassischen Settings näher an Celeste Ng als an John Grisham ist. Natürlich hält sie mit immer neuen Enthüllungen und Twists die Geschichte am Laufen. Aber im Kern ist Miracle Creek in meinen Augen ein Familiendrama, das eindringlich die möglichen Konsequenzen von fehlender Kommunikation und psychologischen Eigendynamiken belegt. Ein Blick tief hinein in einen Strudel aus Unwahrheiten und Lügen, der sich spannend und psychologisch glaubhaft liest.

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Benedict Wells – Die Wahrheit über das Lügen

Zehn Geschichten aus zehn Jahren

Das Lügen und das Dichten sind Künste.

(Oscar Wilde)

Welche Zitat würde besser zum neuen Buch von Benedict Wells passen als dieses Zitat des irischen Nationalheiligen Oscar Wilde? Dichtung, Wahrheit und Lüge – in Wells Kurzgeschichten finden all diese Themen ihren Platz und sorgen für beste Unterhaltung.

Nach seinem großen Erfolg von Vom Ende der Einsamkeit hatte sich Wells rar gemacht. Zunächst gab es keine Ankündigungen für ein neues Werk – ehe dann die Ankündigung zu Wells fünftem Buch erschien. Dieser Band stellt ein Novum im Schaffen des jungen Autors dar – denn zum ersten Mal liegt kein abgeschlossener Roman, sondern eine Kurzgeschichtensammlung vor.

Wells ganz eigener Dekameron

Diese umfasst zehn Geschichten aus zehn Jahren – Wells ganz eigener Dekameron sozusagen. Zwei dieser Geschichten stammen aus dem Erzählkosmos vom eingangs schon erwähnten Vom Ende der Einsamkeit; eine Erzählung, nämlich Das Grundschulheim erschien bereits schon vorher im Sammelband Unbehauste.

Inhaltlich spannt Wells den Bogen weit, von der rätselhaften Auftaktgeschichte Die Wanderung bis hin zu einer sentimentalen Erinnerung einer alten Dame in Richard reicht die Spanne. Mal sind die Erzählungen mysteriös und leicht verstörend (Ping-Pong), ein andermal eine Hommage an die Star-Wars-Filme von George Lucas (Die Wahrheit über das Lügen). Das ist abwechslungsreich, gut geschrieben und wirklich unterhaltsam – wenngleich die Qualität der Geschichten schwankt.

Eine Tatsache zeigt auch dieser Sammelband wieder – Benedict Wells ist ein großer Melancholiker, der sich zwischen Dur und Moll am wohlsten fühlt. War in die Entwicklung hin zu einer gewissen Traurigkeit schon ab Fast genial spürbar, tritt sie hier erneut ganz offen zutage.

Die Wahrheit über das Lügen zeigt die Entwicklung eines Autors, der es schafft, den Kern seiner Geschichten freizulegen, ohne alles immer auszuerzählen. Stattdessen überlässt er vieles auch der Fantasie seiner Leser und begnügt sich mit minimalistischen Anlagen seiner Erzählungen.

Fazit

Wells ist mit seinem ersten Kurzgeschichtenband ein kurzweiliges, überraschendes und sehr unterhaltsamer Dekameron voller heterogener Erzählungen gelungen. Zum Zwischendurch-Lesen, zum Vorlesen, zum Gedanken-Fließen-Lassen – kurzum: gute Unterhaltung!

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Thomas Klupp – Wie ich fälschte, log und Gutes tat

Dieses Buch ist wie eine Zeitmaschine – man steigt ein und wird unvermittelt in die eigene Jugend zurückgebeamt. Denn die Geschichte, die Thomas Klupp in seinem neuen Roman erzählt, hat weist viele Elemente auf, die man selbst aus den „wilden“ Jugendtagen kennt.

Bei ihm ist der Ich-Erzähler Benedikt „Ben“ Jäger, der in Weiden in der Oberpfalz lebt. Von den tatsächlichen Wirtschafts- und Arbeitslosigkeitsverhältnissen ist in Klupps Version der oberpfälzischen Stadt nichts zu merken. Stattdessen prosperiert die Stadt an der Grenze zu Tschechien, die Lion-Ladies laden zum Wohltätigkeitsbrunch in das Eigenheim der Jägers, die Flüchtlinge präsentieren am Büffet Speisen aus ihrer Heimat.

Eigentlich eine richtige Klischeerevue, dieses Weiden. Doch Thomas Klupp kontrastiert die Vorzeigewelt mit Abgründen, die sich vor Ben auftun. An diesen lässt er uns Leser durch eine Art Tagebuch teilhaben, in dem er seine Eskapaden und Abenteuer chronologisch schildert.

So bewahrheitet sich der Buchtitel schon bald und zeigt, welche kleinen und großen Notlügen Ben auffährt, um sich unbeschadet durch sein Leben zu schummeln. Doch eine Lüge führt zur anderen und stellt ihn alsbald vor wirklich enorme Herausforderungen. Da ist es kein Wunder, dass sich Ben in einer Englisch-Schularbeit die Hasardeure Jay Gatsby und Tom Ripley für eine Charakterisierung herauspickt.

Von kleinen und großen Lügen

Diese kleine Lügen, dieses Schummeln (auch wenn natürlich nicht in dem Maße, in dem es Ben betreibt) – das kennt wohl jeder von uns. Die eine Notlüge, die zum anderen führt oder die eine Ausrede, die unnötig war, uns das Leben aber vereinfacht. Egal ob Erwachsene oder Jugendliche, in Klupps Welt erfassen diese Lügen uns alle – und das lädt natürlich zur Identifikation ein.

Wohl keiner von uns, der nicht schon einmal daran gedacht hat, nach einer Klausur das Ergebnis zu fälschen oder sich in einem besseren Licht dastehen zu lassen. Wie ich fälschte, log und Gutes tat zeigt, was das bedeuten kann. Doch dabei verzichtet Klupp wohltuende auf eine Moralisierung – er lässt Ben einfach auf der schiefen Ebene seiner Täuschungsmanöver schlittern – und wir schauen ihm dabei wohlig zu.

Das Ganze ist in eine jugendlichen Sprache gekleidet, die zwar manchmal ins Klischee kippt, aber das passende Vehikel zu Klupps Text ist. Als Coming-of-Age-Geschichte passt hier alles recht gut zusammen und weiß besser als Ben selbst zwischen Nostalgie und Realismus zu balancieren. Dass das Buch so etwas wie eine Meta-Ebene nicht enthält, zeigt, dass Wie ich fälschte, log und Gutes tat nicht viel mehr ist, als ein Unterhaltungsroman. Aber ein gut relativ gemachter.

Fazit

Das Buch als Jugendbuch zu klassifizieren, greift zu kurz. Wie ich fälschte, log und Gutes tat lädt ein zu einer Reise zurück in die eigene Jugend und lässt den Fälscher in uns wieder ans Tageslicht kommen. Ungelogen – eine unterhaltsame Empfehlung.

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