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Daniela Dröscher – Lügen über meine Mutter

„Die Kleinfamilie“, zitiere ich, „ist gegründet auf die offene oder verhüllte Haussklaverei der Frau. Er ist der Bourgeois, sie das Proletariat.“

„Wer sagt das? Marx?“, will meine Mutter wissen.

„Nein, Engels.“

Sie nickt

„Vielleicht hat er nicht ganz unrecht, dein Engels.“

Daniela Dröscher – Lügen über meine Mutter. S. 204

Nicht erst seit der Zuerkennung des diesjährigen Literaturnobelpreises an die Französin Annie Ernaux ist die Erkundung der eigenen weiblichen Identität in Verschränkung mit der Klassenfrage in den literarischen Fokus gerückt. Annie Ernaux in Frankreich, Elena Medel in Spanien, Autorinnen wie Daniela Dröscher oder Marlen Hobrack hierzulande gehen mal mehr und mal weniger fiktionalisiert ihrer eigenen Familiengeschichte und Herkunft auf den Grund, um Klassismus und die Prägung der eigenen Identität durch die Herkunft zu ergründen und offenzulegen.

Gab es zwar schon vereinzelt schreibende Selbsterkunderinnen wie Ulla Hahn, doch bislang war das Feld in Deutschland bislang eher in der Hand schreibender Männer wie Andreas Maier, Christian Baron oder Alem Grabovac. Nun sind es verstärkt weibliche Schreibende, die dieses Genre auch durch die Mittel der Autofiktoentscheidend prägen und bestimmen.


So ist es bei Daniela Dröscher die Ich-Erzählerin Ela, die sich an ihre eigene Kindheit erinnert. Einsetzend im Jahr 1983 wird die Erzählerinnen chronologisch vier Jahre ihrer Kindheit präsentieren. Jahre, in denen das Unglück der eigenen Mutter wie Blei auf den Schultern der Erzählerin lag, was die Geschichte der Mutter auch zu ihrer höchsteigenen Geschichte macht, wie sie im Prolog des Buches erklärt.

Dabei sind den vier Jahren vier Attribute zugeschrieben, die ironischerweise der Beziehung der eigenen Eltern und der zu ihrem Kind spotten. So beginnt das Jahr 1983 als Jahr der Kommunikation, es folgen das Jahr der Frauen in Südafrika, das Jahr der Vereinten Nationen, ehe 1986 zum Jahr des Friedens getauft wird. Doch weder Frieden, noch Kommunikation, Einheit oder gar Respekt vor dem Weiblichen sind der Beziehung der eigenen Eltern eingeschrieben, wie Daniela Dröscher eindrucksvoll zeigt.

Eine Familie im Grabenkampf

Denn obschon Elas Eltern ein heteronormatives BRD-Eigenheim-Leben in der fiktiven Kleinstadt Obach im Hunsrück führen, hat die Beziehung der Eltern Risse oder gleicht besser gesagt eher einem Grabenkampf.

In den Tagen zuvor war es eisig bei uns zu Hause zugegangen. Martha-Oma schwieg beleidigt, mein Vater ebenso. Auch meine Mutter hatte neuerdings das Schweigen für sich entdeckt. Nun hatte ich also zwei Elternteile, die schwiegen. Es war wie im Kalten Krieg, nur dass ich keine Ahnung hatte, wer von beiden jetzt der OSTBLOCK war.

Daniela Dröscher – Lügen über meine Mutter, S. 98
Daniela Dröscher - Lügen über meine Mutter (Cover)

Dabei sind die Konflikte und beharkten Themenfelder äußerst vielfältig. Das präsenteste ist sicherlich das vom Vater ständig bemängelte Übergewicht seiner Frau, das ihm ein Dorn im Auge ist. Er fordert ihr Diäten ab und sorgt mit seiner beständigen Kritik und Disziplinierungsversuchen durch Wiegen für eine Scham auch bei Ela. Doch auch ansonsten sind die Konfliktfelder vielfältig. Die Abwertung der Mutter durch die Schwiegereltern, die ungleich verteilte Sorgearbeit (neben Ela werden in den folgenden Jahren noch eine weitere Tochter, ein Pflegekind und die demente Großmutter in ihren Aufgabenbereich fallen) reicht bis hin zu den Finanzen, die völlig ungleich verteilt sind. So hat der Vater „Spielgeld“ zur eigenen Verfügung, den eigentlichen Unterhalt der Familie muss die Mutter aus ihrem Vermögen bestreiten.

Der Versuch von beruflicher Qualifizierung und ökonomischer Selbstständigkeit wird von ihrem Mann argwöhnisch beäugt und abgewertet. Als dann eine Erbschaft den Bau eines neuen Eigenheims ermöglicht, ist es vor allem der Vater, der dann mit extravaganzen Ausgaben für luxuriöse Autos auffällt.

Das Kind im Spannungsfeld

Die Beziehung der Eltern ist von Taktieren, Heimlichkeiten, Lügen und der Aufführung einer fadenscheinigen Komödie (oder eher Tragödie) vor den Augen des eigenen Kindes bestimmt, das in die Konflikte hineingezogen wird und oftmals gar nicht weiß, wie es sich verhalten soll, wenn die Konfliktregeln der Erwachsenen so undurchschaubar sind, wie es in der eigenen Familie der Fall ist.

„Wir werden das schon schaffen“, sagte sie. „Aber du musst mir versprechen: kein Wort zu Papa.“

Mir war flau im Magen. Ich fühl[t]e mich beklommen, gleichzeitig aber machte es mich stolz, dass sie mir so geheime Sachen erzählte.

„Klar“, sagte ich. „Mach ich.“

Das war meine Rolle. Inzwischen war ich geübt darin, Geheimnisse zu hüten. Und allmählich verstand ich, dass Geheimnisse eine gewisse Verwandschaft zu Lügen besaßen.

Daniela Dröscher – Lügen über meine Mutter, S. 254

Eine noch größere Fallhöhe bekommt das Beschriebene durch die Kommentierung der erwachsenen Erzählerin, die sich vor den einzelnen Kapiteln zu Wort meldet und mit einem emanzipierten und gebildeten Blick das damalige Schauspiel analysiert und sich auch in ihre Mutter einzufühlen und zu verstehen versucht. Hier wird aus dem chronologisch voranschreitenden Familienbild dann ein Sachbuch, das die Frage von Klasse, Herkunft, der Prägung des sozialen Milieus verhandelt und untersucht.

Und nicht zuletzt auch die Sprache stimmt in diesem Buch. Gelungen schafft es Daniela Dröscher, sich die Perspektive eines Kindes anzueignen und aus den Augen der kindlichen Ich-Erzählerin auf diesen elterlichen Kampf nach undurchsichtigen Regeln zu blicken. Immer wieder sind Floskeln und Redewendungen der Erwachsenen kursiv gesetzt (was etwas an die erzählerischen Mittel von Heinz Strunks letztem Roman erinnert) und zeigen Sprache beziehungsweise den Dialekt, der in vielen Dialogen zum Einsatz kommt, als Marker von Bildung, Alter und sozialem Rang. Auch dieser Aspekt des Buches ist gut gelungen und hochinteressant.

Fazit

Vor dem Hintergrund der 80er Jahre, der diffusen Angst vor dem Atomunglück in Tschernobyl, dem sowjetischen Feind oder der Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf, dem Tennisfieber rund um Steffi Graf und Boris Becker und dem sozialen Druck der Kleinstadt seziert Daniela Dröscher das Kleinbürgertum, die Unterdrückung der Frau in der Ehe und den Blick eines Kindes auf die seltsame Welt der Eltern, das sie zugleich mit dem späteren analytischen und gebildeten Blick der erwachsenen Erzählerin vergleicht und kontrastiert.

Toll erzählt und genussvoll spielend mit den Möglichkeiten der (Auto-)Fiktion dringt sie mit ihrem Roman ganz tief in das Geflecht von Familie ein, zeigt Widersprüche und patriachale Strukturen auf und unternimmt den Versuch, ihre Mutter zu verstehen – und setzt der fiktiven Mutter damit auch ein höchst plastisch und anschaulich geratenes Denkmal, das es völlig verdient in die Endrund des diesjährigen Deutschen Buchpreises geschafft hat.


  • Daniela Dröscher – Lügen über meine Mutter
  • ISBN 978-3-462-00199-0 (Kiepenheuer & Witsch)
  • 448 Seiten. Preis: 24,00 €
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Vendela Vida – Die Gezeiten gehören uns

Zwei Strände an der Küste San Franciscos, getrennt durch vorspringende Klippen. Zwei unterschiedliche Mädchen, die diese geschickt überwinden. Und zwei ganz verschiedene Leben zwischen Wahrheit und Lüge, Inszenierung und Realität. Sie stehen im Mittelpunkt des Romans Die Gezeiten gehören uns der amerikanischen Autorin Vendela Vida.


Vendela Vida wurde 1971 geboren und hat bislang sechs Romane veröffentlicht, darunter zuletzt den 2016 im Aufbau-Verlag erschienen Flucht- und Identitätsroman Des Tauchers leere Kleider. Mit Die Gezeiten gehören uns liegt nun der erste Roman im Hanser Berlin-Verlag vor, der von Monika Baark ins Deutsche übertragen wurde.

Während Vida bei uns noch keine allzu große Bekanntheit erlangt hat, ist es bislang eher der Name ihres Mannes, der aufhorchen lässt. Vida ist die Partnerin von Dave Eggers, der spätestens seit seinem Bestseller Der Circle auch hierzulande zu den großen amerikanischen Autorennamen zählt. Doch sollte man nicht den Fehler machen, Vida als schreibendes Anhängsel von Eggers zu betrachten. Denn Vida schreibt eine ganz eigenständige Prosa, die deutlich nuancierter und tiefgreifender ist, als die doch oftmals etwas unterkomplexen und auf Effekt zielenden Romane ihres Mannes.

Familien in Sea Cliff

Vendela Vida - Die Zeiten gehören uns (Cover)

Zusammen mit ihm und den Kindern lebt Vendela Vida in der San Francisco Bay Area, in der auch ihr neuer Roman angesiedelt ist, genauer gesamt im Stadtviertel Sea Cliff. Dort geht die Erzählerin Eulabee zusammen mit anderen aus wohlbehüteten und privilegierten Haushalten stammenden Mädchen auf die Privatschule Spragg. Ihre beste Freundin ist Maria Fabiola, die Eulabee bewundert und mit der sie sich am nahegelegenen China Beach in der Kunst des Klippenrennens übt.

Denn die beiden Mädchen sind Meisterin in dieser Kunst. Genau abgestimmt mit den Gezeiten und gefährlichen Wellen überwinden sie die rutschigen Klippen, um von einem Strand an den nächsten zu wechseln, ohne Umwege in Kauf nehmen zu müssen. Maria Fabiola und Eulabee sind genau aufeinander abgestimmt und ergänzen sich so gut miteinander, dass sie sogar all den Nachbar*innen in Sea View weismachen, dass Maria Fabiola ein neues Familienmitglied von Eulabee ist.

Doch die Freundschaft und Harmonie erleidet schon bald tiefe Risse. Denn als Maria Fabiola und weitere Spragg-Schülerinnen behaupten, von einem Exhibitionisten angesprochen worden zu sein, stützt Eulabee diese These nicht, da sich ihre Wahrnehmung von der ihrer Freundin unterscheidet. Es setzen die typischen sozialen Ausgrenzungen in Schule und Freizeit ein, die man seit den 80ern, in denen das Buch angesiedelt ist, bis heute kennt. Kleine Botschaften im Spind, Ausladungen bei Feten – so weit, so bekannt.

Dieses hinlänglich bekannte Teenagerdrama steigert sich allerdings, nachdem Maria Fabiola dann tatsächlich verschwindet und eine öffentliche Suche einsetzt. Zwar taucht sie nach ein paar Tagen wieder auf, sie erzählt aber von einer Entführung, die sie durchlebt habe. Eulabee will ihr so recht nicht glauben, findet sich dann aber auch bald in einer ähnlichen Situation wieder.

Freundschaften und Neid, Lügen und Inszenierungen

Die Zeiten gehören uns ist ein Buch, das von einer Teenagerfreundschaft am Rande zum Erwachsenenwerden erzählt, angesiedelt in den 80er Jahren. Der typische Coming of Age-Stoff wird bei Vendela Vida aber dankenswerterweise um weitere Fragen und Themen ergänzt. So spielt ihr Buch immer wieder mit der Dualität und Dichotomien. Maria Fabiola mit ihrer reichen Herkunft und ihrem Willen zum Drama, Eulabee mit ihrer Mittelschichtfamilie und dem Neid auf Maria. Die kleinen und großen Lügen, die offenen und verdeckten Kämpfe um Gunst und Anerkennung, sie werden von Vida immer wieder durchdekliniert und tauchen in verschiedenen Abwandlungen auf, sogar auf dem abstrakt gehaltenen Cover, das die zwei getrennten Strände zeigt.

Models inszenieren sich in der Öffentlichkeit, Eulabees Vater, ein Auktionator hat Zweifel an der Echtheit eines seiner im Laden ausgestellten Gemälde, Eulabee versucht ihrem nachbarschaftlichen Umfeld falsche Aussagen über Maria unterzujubeln. Und wenn vom familieneigenen Haus die Golden Gate Bridge immer wieder im Nebel verschwunden zu sein scheint, ehe der Nebel dann später wieder aufreißt und ihren Anblick preisgibt, dann ist das nur eine Vorausdeutung des gesamten Erzählkonzeptes dieses Buchs. Es geht in Die Gezeiten gehören uns um Schein und Sein, um Lüge und Wahrheit, Inszenierung des Ichs und Glaubwürdigkeit. Das wird spätestens dann im Epilog klar, der im Jahr 2019 spielt und in dem Maria und Eulabee als erwachsene Frauen ein letztes Mal aufeinandertreffen.

Fazit

In kurzen Kapiteln nimmt schildert Vendela Vida diese Beziehung komplex und ambivalent, nimmt uns mit nach Sea Cliff und und an den Strand von China Beach, lässt uns Lügen lauschen und die Kämpfe der Pubertät noch einmal nacherleben. Sie stellt eine humorbegabte, originelle junge Erzählerin in den Mittelpunkt ihres Buch und beweist mit diesem Buch, dass sie mehr ist als Die Frau von und dass sie über eine genuin eigene Erzählstimme verfügt. Eine Buch voller Nostalgie, das die Jugend und ein heute gar nicht mehr existentes San Francisco heraufbeschwört, fernab von Social Media-Beschleunigung und Tech-Gentrifizierung.

Ein Buch, das aber auch trotz des rückblickenden Settings zeitgemäß und aktuell ist. Da verzeiht man dem Buch und dem Verlag auch die Tatsache, dass Die Gezeiten gehören uns als Titel bei Weitem nicht so stark ist wie das Original: We run the tides.


  • Vendela Vida – Die Gezeiten gehören uns
  • Aus dem Englischen von Monika Baark
  • ISBN 978-3-446-27226-2 (Hanser Berlin)
  • 288 Seiten. Preis: 22,00 €

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Amy Waldman – Das ferne Feuer

Quasi aus dem dem Nichts heraus gelang Amy Waldman im Jahr 2011 mit ihrem Debütroman Der amerikanische Architekt ein veritabler Bestsellererfolg. Amy Waldman ist gelernte Journalistin, die zum Zeitpunkt ihrer Buchveröffentlichung für die New York Times tätig war. Diese, die Washington Post oder auch das Esquire-Magazin kürten Waldmans Debüt gleich nach dem Erscheinen zum beachtenswertesten Roman des Jahres. Zahlreiche weitere Auszeichnungen sollten folgen.

Man kann die Lobpreisungen verstehen, schließlich legte Waldman aus dem Nichts heraus einen Great American Novel vor, der die Befindlichkeiten der amerikanischen Seele nach den Anschlägen des 11. September hellsichtig analysierte. Sie ließ darin verschiedene Menschen zu Wort kommen, die nach der Entscheidung, einen Muslim mit der Gestaltung einer Gedenkstätte für den Platz des Anschlags zu beauftragen, ihre ganz eigene Sicht auf die Dinge hatten. Die Dynamiken rund um die Entscheidung betrachtete sie mit Lust an der Widersprüchlichkeit und Vielschichtigkeit.

Kurzum: ein Werk, das neugierig stimmte auf das, was da noch folgen sollte. Nun, acht Jahre seit dem Erscheinen der deutschen Übersetzung von Der amerikanische Architekt, liegt nun das neue Buch von Amy Waldman vor. Aus A door in the earth wurde nun in der deutschen Übersetzung Das ferne Feuer. Die Übersetzung besorgte abermals Brigitte Walitzek.

In ihrem neuen Buch wendet sie sich von den USA als Schauplatz ihrer Geschichte ab, führt aber zugleich die in Der amerikanische Architekt gesetzten Themen weiter.

Mutter Afghanistan

So heißt das Buch, das für Parvin Schams zum Wendepunkt ihres Lebens wird. Darin erzählt der Autor Gideon Crane, wie er einst nach einem halbseidenen Lebenswandel in Afghanistan Erfüllung fand und nach dem Tod einer jungen Frau beschloss, vor Ort ein Krankenhaus zu gründen. Das Buch avancierte zum Bestseller und Crane zum gefeierten Star. TED-Talks, Auftritte vor ausverkauften Häusern und Millionenauflagen seines Buchs sollten folgen. Sogar das Militär empfahl den Rekruten und sonstigen Militärangehörigen die Lektüre des Buchs, um Afghanistan besser zu verstehen.

Amy Waldman - Das ferne Feuer (Cover)

Auch für Parvin wurde das Buch zur Bibel. Als junge Frau mit afghanischem Migrationshintergrund fand sie sich im Buch wieder, sodass sie beschloss, Crane nachzufolgen und das im Buch beschriebene Krankenhaus und Dorf zu besuchen. Von ihrer Professorin aus der Ferne kritisch begleitet begibt sich Parvin also nach Afghanistan. Dort begnen wir ihr zu Beginn des Buchs.

Doch schnell stellt sich der Kontakt mit der Realität als schmerzhaft für Parvin heraus. Nicht nur zur Dorfgemeinschaft findet sie keinen rechten Zugang. Auch das Krankenhaus erscheint ganz anders, als in Mutter Afghanistan beschrieben. So kommt eine Ärztin gerade einmal in der Woche in die Klinik, um die Frauen des Dorfs dort zu behandeln. Auch ist das soziale Gefüge im Dorf ein ganz anderes, als Parvin sich dies aufgrund der Lektüre von Cranes Werk ausgemalt hatte.

Zwischen Buch und Realität klafft ein großer Unterschied, vor dem Parvin so gut es geht viele hundert Seiten in diesem Buch die Augen verschließt. So gut es geht, versucht sie Gideon Crane in Schutz zu nehmen. Sie missversteht die Dorfbewohner*innen absichtlich, betreibt eine Apologetik des Bestsellerautors. Aber schließlich muss auch sie einsehen: mit der Realität hat Mutter Afghanistan nur bedingt etwas zu tun.

Amerikas Probleme mit Afghanistan

Das müssen auch die amerikanischen Truppen einsehen. Stellvertretend für diese macht Parvin die Bekanntschaft mit Colonel Trotter, der ebenfalls Gideon Cranes Buch gelesen hat. Auch er wurde von der Lektüre berührt. Und so will er mit seinen Truppen die afghanische Zivilbevölkerung unterstützen. Die amerikanischen Militärs möchten eine befestigte Straße ins Dorf bauen, damit dieses besser versorgt werden kann. Doch die Pläne der Amerikaner finden bei der lokalen Bevölkerung keinen Zuspruch. Schon bald drohen Anschläge das ambitionierte Projekte zum Erliegen zu bringen.

Sowohl Parvin als auch die Militärtruppen müssen erkennen, dass ein Land mit einer so wechselvollen Geschichte wie Afghanistan nicht einfach mit amerikanischer Selbstherrlichkeit von Heute auf Morgen modernisiert werden kann. Diese Hybris soll sich noch als tödliche Gefahr herausstellen.

Ein Buch, das nicht so recht weiß, was es will

Es sind viele Themen, die Amy Waldman in ihrem zweiten Buch zusammenrührt. Der Idealismus einer jungen Frau, die Hochstaplereien eines Mannes, der clash of culture. Die amerikanische Invasion in Afghanistan, und die Gründe für deren Misserfolg, die wechselvolle Geschichte Afghanistans, weibliches Empowerment. All das sind Themen, die für sich genommen durchaus spannend sind. Leider wird in ihrer Fülle hier kein gutes Buch daraus.

Löblich, dass sich Amy Waldman dafür entscheidet, mit dem zeitgenössischen Afghanistan einen Schauplatz zu wählen, der in unserer Wahrnehmung fast nur mit den Themen Krieg und Taliban besetzt ist. Und gut auch, dass sie aufzeigt, warum die amerikanische Strategie dort keinen Erfolg hat.

Aber denoch hätte eine entschiedenere literarische Stoßrichtung dem Buch gutgetan. Das ferne Feuer schwankt unentschieden zwischen Arztroman, ethnologischen Betrachtung eines afghanischen Dorfs und der Enthüllung einer Hochstapelei. Später wird das Buch dann zu einer Abrechnung mit der Strategie Amerikas in Afghanistan (die ja wohl eher gar keine ist), trotzdem: so recht stimmig und stringent mag sich das alles nicht entwickeln und fügen.

Schon nach wenigen Seiten ist den Leser*innen klar, dass Gideon Crane wohl das amerikanische Pendant zu Claas Relotius sein muss. Nichts passt in seinen Schilderungen zusammen – aber Parvin verschließt munter ihre Augen vor der Wahrheit und betet ihr Idol Crane weiterhin an.

Eine blasse und nervtötende Heldin

Überhaupt, Parvin: mit ihr wählt Amy Waldman eine blasse Heldin. Eine, die zumindest meine Nerven das ein ums andere Mal strapazierte. Ihre Naivität, gepaart mit der verblendeten Vergötterung Gideon Cranes, ihre Impulsivität, schwankenden Sympathien und teilweise überhebliche westliche Art, machten sie zumindest für mich zu keiner Figur, der ich besonders gebannt über die Länge des knapp 500 Seiten starken Romans gefolgt wäre. Zwar kippt die Monotonie des ausgiebig beschriebenen dörflichen Alltags später noch in eine Actionsequenz, auch findet der öffentliche Diskurs durch eine Tat von Parvins Professorin in das Buch. Besonders stimmig wirkte das allerdings nicht. Da, wo Der amerikanische Architekt souverän mit unterschiedlichen Perspektiven auftrumpfte, dominiert in Das ferne Feuer der Blick einer naiven Heldin, die mich ein ums andere Mal aufgrund ihrer verblendeten und naiven Sichtweise verärgerte.

Doch vielleicht stehe ich auch noch unter den Nachwirkungen des Relotius-Skandals, als das mich die Beschreibungen der recht offensichtlichen Flunkerei-Enthüllungen in Das ferne Feuer besonders überrascht oder emotional gepackt hätten.

Fazit

So bleibt leider Das ferne Feuer ein Buch, dem es nicht gelingt, an Waldmans Erstling anzuknüpfen. Gewiss kein schlechtes Buch, auch durchaus mit interessanten Themensetzungen. Die literarische Ausgestaltung des Ganzen überzeugt dann aber leider nicht. Mit einer Idee weniger, dafür einer entscheideneren Umsetzung des Ganzen, wäre hier mehr drin gewesen. Leider!

Eine weitere Meinung zum Buch gibts bei Bookster HRO.


  • Amy Waldman – Das ferne Feuer
  • Aus dem Amerikanischen von Brigitte Walitzek
  • ISBN 978-3-89561-168-1 (Schöffling)
  • 496 Seiten. Preis: 26,00 €

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Alexi Zentner – Eine Farbe zwischen Liebe und Hass

I said if you’re thinkin’ of being my brother, it don’t matter if you’re black or white.

Diese Worte aus der 1991 erschienen Single „Black or White“ von Michael Jackson klingen knapp 30 Jahre seit Erscheinen so falsch wie selten zuvor. Während Rassismus und Ausgrenzung grassieren, ist Ideal von der friedlichen Koexistenz von Schwarz und Weiß in weite Ferne gerückt. Besonders in den USA lässt sich das beobachten. Verband man mit Barack Obama noch die Hoffnung auf Einheit und Überwindung der gesellschaftlichen Risse, so ist mit der Wahl Donald Trumps diese Hoffnung völlig zunichtegemacht. Im Gegenteil – Rassismus ist geradzu wieder hoffähig geworden. Eine Verrohung in der Sprache und im Denken ist feststellbar, Bewegungen wie Black Lives Matter sind Symptom eines gefährlichen Auseinanderdriftens zwischen den gesellschaftlichen Schichten des Landes.

Wie tief die Risse in der amerikanischen Gesellschaft sind, das beleuchtet der kanadische Autor Alexi Zentner in seinem Roman Eine Farbe zwischen Liebe und Hass eindrücklich. Ein Roman über White Supremacy und die Frage, welche Eigendynamik eine Lüge im aufgeheizten gesellschaftlichen Klima dieser Tage entfalten kann.


Die Motivation für seinen Roman erklärt Alexi Zentner im Vorwort seines Buchs. So waren seine Eltern Aktivisten gegen Antisemitismus und Rassismus, wofür sie auch angefeindet wurden. Trauriger Höhepunkt dessen war ein Anschlag, bei dem auf das Haus der Eltern ein Brandbombenanschlag durch eine Gruppe von Neonazis verübt wurde. Bis heute haben ihn die Erinnerung an die damaligen Ereignisse nicht losgelassen.

Mit diesem Roman wollte ich näher untersuchen, wie sich, während wir heranwachsen, unser Moralbewusstein verändert und festigt. Ich wollte erkunden, wie Hass die Liebe verkompliziert, wie ide Liebe uns blind machen kann für die Gefahren um uns herum, und wie Rassismus und Hass auch in den Leben derer wirken, die denken, sie haben sich auf niemandes Seite geschlagen.

Zentner, Alexi: Eine Farbe zwischen Liebe und Hass, S. 7

Zwischen Schule und Kirche

Das ist ihm – um das gleich einmal vorwegzunehmen – wirklich gelungen. Denn Zentner schafft es, die Widersprüche und Verwerfungen die Familie, Liebe und Loyalitäten verursachen können, mit seinem Roman erfahrbar zu machen. Ihm gelingt das, indem er den Jugendlichen Jessup in den Mittelpunkt seines Romans stellt. Zusammen mit seiner Mutter, seinem Stiefvater und zwei weiteren (Halb-)Geschwistern wohnt er in Cortaca in Upstate New York in einem Trailerpark. Auch wenn die Übersetzung (Werner Löcher-Lawrence) faktisch richtig von einem Wohnwagen spricht, ist es vielmehr eine mobile Wohnung mit mehreren Zimmern, die Jessups Familie dort in Cortaca bezogen hat.

Die Stadt gilt eigentlich als liberal, eine Ivy-League-Universität sorgt für einen regen Zulauf von Studenten und einen intellektuellen Nährboden. Doch auch in Cortaca ist nicht alles Gold, was glänzt.

Die Universität entwickelt ihre eigene Schwerkraft. Sie ist der größte Arbeitgeber der Stadt, aber sie ist nicht alles. Es gibt da noch die ganz andere Welt derer, die durch den Rost gefallen sind. Fünfunddreißig Prozent der Bevölkerung des Countys leben unterhalb der Armutsgrenze. Es gab mal jede Menge gute Jobs, aber es ist überall das Gleiche im Rust Belt des Landes.

Zentner, Alexi: Eine Farbe zwischen Liebe und Hass, S. 37

Sein Stiefvater schlägt sich als Klempner durch, die Mutter geht schwarz putzen, um die Familie irgendwie zu ernähren. Gerade sind die Zeiten noch härter, da Jessups Bruder Ricky und sein Stiefvater nicht da sind. Sie sitzen im Gefängnis ein. Sein Bruder hat zusammen mit seinem Vater vor einer Bar zwei schwarze Studenten getötet. Notwehr sagen sie, das Gericht sagt etwas anderes. Vor allem, da Videoaufzeichnung von der Tat vorliegen.

Erschwerend kommt hinzu, dass Jessups Stiefvater mit seiner Familie ein Anhänger der Heiligen Kirche des Weißen Amerikas ist. Eine Art KuKluxKlan mit pastoralem Anstrich und nur etwas weniger radikalen Auftreten. Aber ebenso strikt in der Trennung von Weiß und Schwarz, rassistisch und fremdenfeindlich. Wenngleich man das natürlich nicht zugibt und sich stattdessen lieber Ethnorealist nennt. Die Worte mögen sich unterscheiden, die Ansichten sind die gleichen

Zwischen Liebe und Hass

In diesem Umfeld wächst der 17-jährige Jessup heran. Halt findet er im Sport und in der Liebe. Auf dem Feld wird er von Coach Diggins beim Football trainiert. Er erweist sich als talentierter Footballer (wovon ein eingangs episch geschildertes Match Zeugnis ablegt). Heimlich liebt er die Tochter von Coach Diggins, Deanne. Die Liebe verheimlicht er allerdings dem Coach und seiner Familie. Denn Deanne ist schwarz. Und wenngleich Jessup die Heilige Kirche des Weißen Amerikas schon vier Jahre nicht mehr besucht hat – seine Herkunft wird man doch nicht so einfach los.

Dann wird Jessup auch noch auf einer Party von Freunden und Mitspielern in einen tödlichen Unfall verwickelt. Er beschließt, vor der Verantwortung davonzulaufen und seine Tat zu vertuschen. Und damit setzt er Ereignisse in Gang, die schon bald eine fatale Eigendynamik entwickeln. Bald muss er sich der Frage stellen, ob Liebe oder Hass in seinem Leben stärker sind. Wem gilt seine Loyalität? Und kann man das überhaupt – vor seiner Verantwortung davonlaufen?

Es sind komplexe Fragen, die Alexi Zentner in seinem Buch aufwirft. Und es spricht wirklich für ihn, dass er es sich nicht zu leicht macht. Denn mit Jessup erleben wir ein wirkliches Wechselbad der Gefühle. Da ist die heimliche Liebe zu Deanne, die den 17-jährigen euphorisiert. Dann ist da aber auch die Schuld nach dem Unfall, die immer drückender auf seinen Schultern lastet. Und auch wenn Jessup seinen Stiefvater eigentlich verachtet, muss er doch anerkennen, wie sehr dieser für seine Familie kämpft und diese beschützen will. All diese Widersprüche (auch in den Figuren selbst) vermittelt Zentner glaubhaft und plastisch. Ihm gelingt es, dass man sich selbst in der moralischen Zwickmühle wiederfindet. Wem gehört meine Loyalität? Was ist für mich das wichtigste? Wie hätte ich entschieden? Und kann man das wirklich? In Schwarz und Weiß denken?

Zwischen Gesellschaft und Familie

Mit seinem Buch gelingt Alexi Zentner ein präziser Blick sowohl auf Familie als auch auf Gesellschaft. Wie funktioniert Ausgrenzung und Rassismus? Wie vertiefen Menschen die Gräben zwischen Schwarz und Weiß und welcher Instrumente bedienen sie sich dabei? Seine Schilderungen besitzen dabei etwas Allgemeingültiges und sind vielfach anwendbar. Und auch Jessups Familie besitzt viel Symbolkraft. Wie die Patchwork-Familie mit ihren unterschiedlichen Ansichten Probleme löst, aber auch verursacht, das demonstriert Zentner in seinem Buch auf sehr glaubwürdige Art und Weise. Da verzeiht man dem Autoren auch locker das missglückte Ende.

Wenngleich es der Übersetzung manchmal an Präzision fehlt und es sich das Cover für meinen Geschmack zu einfach macht, so ist Eine Farbe zwischen Liebe und Hass doch ein eindrucksvolles Leseerlebnis. Diese Milieu- und Gesellschaftsstudie aus dem Hinterland der USA zielt mitten hinein in unsere heutigen Debatten. Ein Buch, das ich aufgrund seiner rasanten und gelungen Erzählweise und seinem Helden auch schon Jugendlichen dringend ans Herz legen möchte. Ein kluger Debattenbeitrag, der Alexi Zentner da gelungen ist. Denn es spielt oftmals eben doch eine Rolle, ob man schwarz oder weiß ist. Und ob man die Welt dann auch so sieht, oder auch empfänglich für ihre Grautöne ist.

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Angie Kim – Miracle Creek

Von den kleinen Lügen, die Großes bewirken, erzählt Angie Kim in ihrem Roman Miracle Creek. Ein Gerichtsroman darüber, was Lügen auslösen können und wie weit man gehen sollte, um die Wahrheit hinter dem Berg zu halten.


Eine Lüge kann manchmal wie ein Streichholz sein. Es bedarf nur eines kleinen Reibens über die Zündfläche, und das Streichholz steht in Flammen. Und wenn man damit nicht aufpasst, kann am Ende ein ganzes Haus in Flammen aufgehen. Und das alles nur mit einer ursprünglich ganz winzigen Aktion.

Angie Kim - Miracle Creek (Cover)

Ein Streichholz ist es auch, das im Roman Miracle Creek (Übersetzung von Marieke Heimburger) eine Katastrophe auslöst. Dieses Miracle Creek ist eigentlich ein typisches amerikanisches Durchschnittskaff, in dem nichts passiert. Doch plötzlich ist alles anders. Das Gericht tagt, Elizabeth Ward muss sich vor der Justiz verantworten. Der Vorwurf: sie hat bei einer sogenannten HBO, einer Hyperbaren Oxygenierung, also einer Sauerstoffbehandlung bei Überdruck in einer abgeschlossenen Kammer, Feuer gelegt. Zwei Menschen sind dadurch zu Tode gekommen, darunter Elizabeths eigener Sohn, der sich während des Feuers in der Kammer befand. Die Spurenlage ist eindeutig. Schon lang trug sie sich mit dem Gedanken, die Therapie abzubrechen. Zudem verzweifelte sie des Öfteren an ihrer Rolle als Alleinerziehende mit einem autistischen Sohn. Für die Öffentlichkeit steht es schon vor dem Prozess fest: Elizabeth ist ein Monster, eine Mutter, die ihren eigenen Sohn durch Brandstiftung getötet hat. Alles klar also?

Mitnichten. Denn dass das mit der Wahrheit eine komplizierte Angelegenheit ist, das zeigt sich in Miracle Creek schon bald. Nachdem uns Angie Kim im Prolog an der Katastrophe teilhaben lässt, die sich in der Scheune in Miracle Creek ereignete, als die HBO-Druckkammer und mit ihr die Patienten in Flammen aufging, geht es dann im Hauptteil des Buchs um die Gerichtsverhandlung. Auf der Anklagebank sitzt Elizabeth, die sich mit ihrer Rolle als Schuldige abgefunden hat. Staatsanwälte, Richter, Verteidigung, alle sind bereit, um über sie Recht zu sprechen. Sogar eine Hinrichtung als Schuldspruch steht im Raum.

Lügen über Lügen

Doch dann beginnt Angie Kim damit, die verschiedenen Lagen aus Lüge, die sich um die Wahrheit gruppiert haben, langsam abzutragen. Auf Basis des Gerichtsprozesses kommen verschiedene Personen zu Wort. Da ist der Arzt, der mit den zwei Müttern und ihren autistischen Kindern in der Druckluftkammer saß. Da ist die koreanische Familie, die die Druckluftkammer und Scheune eigentlich betreuen sollte. Elizabeth selbst ist auch Teil der Wahrheit. Je weiter die Befragungen durch den Staatsanwalt und die Verteidigerin voranschreiten, umso klarer zeigt sich, dass in Miracle Creek gar nichts klar ist. Wie in einer Rückwärts-Kamerafahrt gelangen wir als Leser*innen von Angie Kim angeleitet langsam vom Scheunenbrand bis zurück zum Streichholz, das die Katastrophe auslöste.

Jede Figur hat ihre eigenen Geheimnisse. Untreue, Missgunst, Hoffart – die sieben Todsünden könnte man in diesem kleinen amerikanischen Kaff wunderbar durchexerzieren. Geschickt schafft es Angie Kim, die Widersprüche im Verhalten und die großen und kleinen Lügen Stück für Stück zu enthüllen. Eingeteilt in die vier Prozesstage wechselt sie immer wieder die Perspektiven und behandelt eine Vielzahl an Themen. Die Bewahrung der eigenen Identität in einem fremden Land, Anpassung, die Rolle als Mutter, der Wunsch nach Kindern – das alles sind Themen, die in Miracle Creek angerissen werden. Den inhaltlichen Schwerpunkt bilden in meinen Augen aber Missverständnisse und Lügen im Miteinander, die Kim uns zeigt.

Im Strudel der Unwahrheiten

Er versuchte mehrfach, Marys Blick zu fangen, sie zu warnen, ihm nicht zu widersprechen, aber sie starrte weiter auf den vollen Teebecher. Als Pak fertig war, herrschte längeres Schweigen, dann sagte Young: „Du hast nichts weggelassen? Das ist wirklich die ganze Wahrheit?“ Ihre Miene war gefasst, aber in ihrer Stimme schwang ein leises Flehen mit, eine Traurigkeit, umhüllt von verzweifelter Hoffnung, und er wünschte, er könnte sagen, selbstverständlich hatte er nichts ausgelassen, sie würde ihn doch kennen, sie wüsste doch, dass er kein Mann war, der für Geld das Leben anderer Menschen aufs Spiel setzte.

Aber das sagte er nicht. Manche Dinge waren einfach wichtiger als Ehrlichkeit, selbst der eigenen Frau gegenüber. Er sagte „Ja, das ist die ganze Wahrheit.“ und redete sich ein, dass es nur zu ihrem Besten war. Denn die wirkliche Wahrheit würde sie nicht verkraften.

Kim, Angie: Miracle Creek, S. 457

Angie Kims Buch ist ein Gerichtsthriller, aber auch ein Familienroman, der trotz des klassischen Settings näher an Celeste Ng als an John Grisham ist. Natürlich hält sie mit immer neuen Enthüllungen und Twists die Geschichte am Laufen. Aber im Kern ist Miracle Creek in meinen Augen ein Familiendrama, das eindringlich die möglichen Konsequenzen von fehlender Kommunikation und psychologischen Eigendynamiken belegt. Ein Blick tief hinein in einen Strudel aus Unwahrheiten und Lügen, der sich spannend und psychologisch glaubhaft liest.

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