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Lutz Seiler – Stern 111

Ganz egal wo wir landen. Mein Zuhause ist kein Ort. Das bist du.

Fynn Kliemann: Zuhause (2019)

Wo gehören wir eigentlich hin? Und was ist dieses Zuhause eigentlich? In Stern 111 findet Lutz Seiler ganz eigene Antworten auf diese Fragen und erzählt von Wohnungsbesetzern, DDR-Auswanderern und einer schwebenden Ziege.


Ja was ist nun mit diesem Zuhause? Ist es ein Ort? Ist es der Verbund von Menschen? Oder der Ort, dem die eigene Familie entstammt? Im Falle Carl Bischoffs wäre das Zuhause Gera. Doch da halten es weder er noch seine Eltern Inge und Walter lange aus. Denn wir schreiben die Zeit kurz nach der Wende im Winter 89/90. Die Grenzer schießen nicht mehr, der sagenumwobene Westen lockt die Eltern, und so lassen sie sich von ihrem Sohn in der Nähe der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze absetzen.

Der Grenzübergang war bevölkert: Spaziergänger, Neugierige, Autoschlangen und Fußgängerströme – das Land schien sich aufzulösen in einer einzigen Wanderschaft. Darunter nicht wenige mit Rucksäcken und Koffern, junge kräftige Wanderer, die wie auf Verabredung zusammenfanden und sich unterstützten, niemand im Alter seiner Eltern. Mit dem großen schwarzen Akkordeonkasen auf dem Rücken sah sein Vater wie ein Kriegsvertriebener aus, der versuchte, ein Stück Hausrat zu retten. Dazu passend ragten die Ruinen einer unfertigen Autobahnbrücke aus dem Tal.

Seiler, Lutz: Stern 111, S. 29 f.

Während Walter und Inge den Westen erkunden, soll der Sohn derweil das Zuhause in Gera und den Shiguli hüten. Doch schon bald fällt Carl die Decke auf den Kopf, während draußen ein Land zerfällt und ein neues entsteht. Und so schnappt er sich den Wagen aus russischer Fabrikation und macht sich auf nach Berlin. Dort, in der nun nicht mehr geteilten Hauptstadt, landet er einem Schiffbrüchigen gleich und muss feststellen, dass der Osten und der Westen in Berlin doch noch existieren.

Ein neues Zuhause

Er entdeckt dort eine Welt, die wie von einem anderen Stern wirkt. Ganze Straßenzüge sind verlassen, monolotische Wohnblöcke, in denen keine Menschen mehr wohnen und Grenzposten, die immer noch ein Land bewachen, das es so nicht mehr gibt.

Carl bewunderte dieses goldgelbe Gebäude [die Staatsbibliothek], das wie ein Raumschiff auf der staubigen Brache weit hinter den Plattenbauten der Ebertstraße gelandet war. Von Osten her bis dorthin vorzudringen war ein Kampf, als durchquerte man eine Wüste, die abweisend, kalt und bei Wind grau war von Staub (und Wind wehte dort eigentlich immer, auch wenn im Rest der Stadt Windstille herrschte), vorbei am Container des Grenzübergangs (niemand, der dort seinen Pass verlangte) und vorbei an den Hügeln, unter denen, wie es hieß, die Bunker lagen. Die Brandmauern, die Ruinen, die Pfeiler der Magnetschwebebahn – als durchschritte man ein verlassenenes Versuchsgelände, dachte Carl, das man niemals hätte betreten dürfen, ein Trümmerplatz, auf dem man sich hüten musste, nicht verlorenzugehen.

Seiler, Lutz: Stern 111, S. 134 f.

Eine fast außerirdisch wirkende Welt, kein Ort, in dem man normalerweise Quartier bezieht. Doch wie das so ist mit dem Zuhause – der Ort bildet nur die eine Hälfte der Rechnung. Zuhause ist doch auch das soziale Umfeld. Mitmenschen, Gesellschaft, Freunde, Familie. Und diese findet Carl auf ungewöhnliche Art und Weise. Nach ersten Übernachtungen im Shiguli wird er als Teil der A-Guerilla Hausbesetzer eines dieser verlassenen und eroberten Wohnblöcke zwischen Rykestraße und Oranienburger.

Die A-Guerilla

Lutz Seiler - Stern 111 (Cover)

Hinten dran am Haus ein kleines Bombenwäldchen, von der Ferne blinkt der Wasserturm. Dort, wo heute das hippe Leben im Prenzlauer Berg pulsiert, sind es 1990 die heruntergekommen Häuser, die das Straßenbild prägen. Ein kleiner Ofen mit Schamottsteinen, ein paar Matratzenteile mit Schnur umwickelt, mehr braucht Carl für seine Anfänge im besetzten Haus nicht. Für weiteres Interieur bedient sich die Gruppe aus den umliegenden Häusern, bricht in Wohnungen ein oder erobert sich verlassene Geschäfte. Zusammen bilden die Bewohner des Hauses eine verschworene Gruppe, die auf den Namen A-Guerilla getauft wird.

Carl wird schnell als Teil der Gruppe akzeptiert und verdingt sich in der Folge als Maurer und als Teilzeitpoet mit Ambitionen.

Der Sommer begann mit dem Hissen der Fahne. Im Fenske-Keller hatte der Hirte ihren edlen Stoff entrollt: schwarze Seide, auf die ein scharlachrotes A aufgenäht war. „Das ist unser A“, sagte der Hirte. „Es erzählt von der Schwer des Anfangs, von der Würde der Arbeit, und es erzählt von uns, der Arbeiter-Guerilla. Es ist ein dreifaches A.“

Seiler, Lutz: Stern 111, Seite 217

Es ist eine ungewöhnliche Gemeinschaft von Outcasts, die hier ihr im Kiez ihr eigenes Utopia gründen möchte. Schnell wird Carl als Maurermeister einer der Helden der Arbeits-Guerilla. Die Assel dient ihnen dabei als Ausgangspunkt. Eine Kneipe, die sich schnell als Wohnzimmer und Lebensmittelpunkt etabliert. Bald steht schon eine Mikrowelle unter dem Tresen, dann wird in Kindergarten-Manier eine beschriftete Garderobe für die lokalen Freudenmädchen angebracht. Schon bald wächst die höchst heterogene Kundschaft. Die A-Guerilla werkelt an der Kneipe und diese wird in der Ost-Berliner Untergrundszene zusehends „Kult“.

Zu diesem Kult trägt auch die bunte Mischung aus Hausbewohnern bei. Fantasten, Revoluzzer und Gestrandeten inklusive Dodo, einer Ziege, die später im Buch sogar noch das schweben lernt.

Auch ein Gentrifizierungsroman

Besetztes Haus in der Kollwitzstraße 1990 (Quelle:Bundesarchiv, Bild 183-1990-1211-013 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de)

Stetig wächst die Gemeinschaft, Wohnungen werden neu besetzt, andere Mitglieder der Gemeinschaft gehen wieder ihrer Wege. Aber auch wenn Stern 111 nur ein wenig mehr als ein Jahr in diesem Berliner Kiez beschreibt, ist das Buch doch auch Gentrifizierungsroman, der im Kleinen vorwegnimmt, worüber wir heute gesellschaftlich übergreifend diskutieren. Der Berliner Mietendeckel, ganze Wohnblöcke, die von Investoren aufgekauft werden, die Gentrifizierung, die ganze Stadtteile verödet. Alle Schlagwörter und Probleme, die dieser Tage zirkulieren, können auf Stern 111 rückgebunden werden. Das Wohnen als kostenloses Grundrecht, wie es Carl bald begreift, es wird im Buch immer wieder thematisiert.

An die Wand über den Briefkästen hatte jemand WRUBEL-KAPITALISTENSAU geschrieben. Tatsächlich hatten alle Mieter den Brief einer Erbengemeinschaft empfangen, unterzeichnet von einem Mann namens Wrubel. Die Miete, hieß es, würde demnächst erhöht, für Carls Wohnung von 31,80 auf glatte 50 DM.

„Aber du hast ja gar keinen Vertrag“, hatte So-nie gesagt, ohne jeden Beiklang in seiner Stimme. „Schlagen hier auf auf von irgendwo und wollen Kasse machen.“

Seiler, Lutz: Stern 111, S. 366

Im Epilog schildert Carl dann, wie er dann kurz darauf von der Erbengemeinschaft auf 143,25 DM erhöht wird. Die Grundmiete sei ein paar Mark pro Quadratmeter gestiegen, dazu kämen die Betriebskosten. Eine Szene, die angesichts der heutigen Mietpreise leicht lächeln lässt. Aber schon hier deutet sich alles an, worüber heute umso erbitterter gestritten wird, da der Wohnraum immer knapper und die Preise immer exorbitanter werden, und das nicht nur in der Hautptstadt. Zuhause ist eben mittlerweile auch zu einer Sache geworden, die man sich leisten können muss.

Ein sicherer Sieger

Etwas mokant könnte man sagen, dass die Jury des Preises der Leipziger Buchmesse Lutz Seilers Roman geradezu prämieren MUSSTE. Allzu verlockend die Melange der Themen, die bei solchen Preisen zumeist ausgezeichnet werden: Ein Berlinroman, ein Buch über die Wendezeit und dazu noch eine gut gemachte Coming of Age-Geschichte mit Liebesirrungen und Liebeswirrungen? Ein Setzen auf Stern 111 als Preisträger hätte im Wahlbüro wahrscheinlich gerade einmal ein wenig mehr als den Wetteinsatz als Gewinn gebracht.

Natürlich kann man dabei beklagen, dass die Wahl sehr berechenbar und das Thema des Buchs alles andere als neu ist. Schon einmal beackerte Lutz Seiler bekanntlich mit Kruso das Feld des deutschen Wenderomans (der auch im Stern 111 seinen Auftritt hat). Der wie sein Protagonist in Gera geborene Dichter heimste dafür 2014 den Deutschen Buchpreis ein. Das Wendethema ist omnipräsent, auch im Suhrkamp-Verlag erschienen schon diverse Bücher mit diesem Sujet (die dann wie im Falle Uwe Tellkamps ebenfalls gerne mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurden). Eine sichere Bank also für einen Gewinn.

Aber durch die feinfühlige Sprache, die bildmächtigen Schilderungen und die Präzision, mit der Seiler sein Milieu in aller Akribie schildert, ist der Roman auch als Preisträger nachvollziehbar. Ähnlich wie der Fotograf Daniel Biskup vor kurzem in seinem Bildband Wendejahre: Ostdeutschland 1990-1995 diese vergangene Welt mit seinen Fotografien noch einmal in die Jetztzeit zu holen, gelingt es im vorliegenden Fall auch Lutz Seiler. Allerdings setzt er eben auf das Gestaltungsmittel Worte, das aber mehr als gekonnt.

Die Qualität der Prosa Seilers ist unbestritten, der Roman trotz seiner hohen Seitenzahl atmosphärisch dicht und genau – und in seiner Vielzahl an Themen vielgestaltig interpretierbar. Ein Buch, das den Sieg des Leipziger Buchpreises verdient hat, und das auch mir als Nachwendegeborenen und Nicht-Berlin die Welt in den Straßen und Häusern der Hauptstadt 1990 nahegebracht hat.

Weitere Besprechungen:

Weitere Meinungen zum Buch findet man hier: Buchrevier und Aufklappen haben über das Buch geschrieben genauso wie Marina Büttner und Letteratura.

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Wenn im Garten die Neurosen blühen

Lola Randl – Der große Garten

Mit Der große Garten steht die Filmemacherin und Autorin Lola Randl auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2019. Ein Buch, das viele boomende Themen aufgreift: Gärtnern, Flucht aufs Land, das Dorf als Kulturclash, Naturerfahrung. Kein Wunder also, dass sich dieser Titel unter den Nominierten findet. Für mich persönlich ist die Platzierung aber fraglich, denn Randls Buch gelang es nur in Ansätzen, mich gut zu unterhalten. Woran das liegt? Hier im Folgenden ein paar Gründe für meine Probleme mit dem Buch.

Zu unentschieden

Ja, im Grunde basiert Der Große Garten auf dem Zyklus eines ganzen Gartenjahres. Und ja, es gibt einige Handlungsstränge, die Lola Randl hin und wieder aufgreift. Aber so etwas wie eine durchgängige Handlung, ein übergeordneter erzählerischer Bogen oder ein narratives Konzept vermisste ich in Randls großem Garten. Das Buch hat mehr Kapitel als Seiten (315) und zeichnet sich durch eine große Sprunghaftigkeit aus. Betrachtungen über den Garten werden von Reflektionen über das Zusammenleben mit dem Mann der Erzählerin abgelöst. Während es in einem Kapitel über die Tunnelgrabungen des Maulwurfs geht, sinniert die Erzählerin wenige Zeilen später über die Verwendung von Spritzgiften für die Pflege von Bordsteinkanten. Mal dreht sich alles um ihr Verhältnis zu ihrem Liebhaber, der ebenfalls im Dorf weilt, dann ist sie wieder bei der Geschlechtsreifung von Fröschen.

Alles ist drin in diesem Buch, das einer wild blühenden Gartenlandschaft gleicht. Zwischenmenschliches, Natürliches, soziale Betrachtungen, Philosophie. Allem wird in diesem Buch Platz gegeben, eine wilde Entropie herrscht vor. Dabei fehlte mir, um im Bild des Gartens zu verweilen, ein Gärtner oder eben eine Gärtnerin. Eine, die dem wild wuchernden Durcheinander zu Leibe rückt, die eine Idee für die formale und inhaltliche Ausgestaltung hat und auch einmal beherzt eine Schneise in das Durcheinander schlägt. Will das Buch ein Gartenratgeber sein? Oder ein Dorfroman? Oder das Psychogramm einer gestressten Berlinerin? In dieser Form ist der Garten eher ein Urwald, in dem man sich verlieren kann.

Die Erzählerin als Neurosengärtnerin

Ebenso sprunghaft wie die Handlung dieses Buchs ist die Erzählerin selbst. Mir drängte sich der Eindruck auf, dass in Lola Randls großem literarischen Garten das Einzige, das mit Beständigkeit und großem Ertrag blüht, die Neurosen sind. Ständig schwankt die Erzählerin zwischen ihrem Mann und dem Liebhaber hin und her. Dessen Funktion als Liebhaber möchte sie in ihrem Dorf (ausgerechnet einem Dorf!) verschleiern, weshalb sie sich stets durch die Hintertür zu ihrem Geliebten schleicht.

Dann ist da auch noch ein Analytiker in Berlin, den die Erzählerin immer wieder konsultiert. Bei diesen Sitzungen steht aber eher die gegenseitige Lustbefriedigung im Mittelpunkt. Weswegen es natürlich zur Ergänzung eine Therapeutin gibt, die die Erzählerin aufsucht. Diese rät ihr zu Achtsamkeitsübungen, mit denen sie die eigene Mitte finden soll (siehe auch der Punkt Klischees). Die Elternrolle ihren Kindern gegenüber füllt die Erzählerin nur höchst sporadisch aus. Ihrem Kind Gustav Schranken zu setzen und Regeln durchzusetzen, das ist nicht so das Ding der großen Gärtnerin. Oder wie sie selbst konstatiert:

Es muss irgendeine Möglichkeit geben, ihm [Gustav] meine Überlegenheit zu beweisen, aber mir fällt außer Bestechung oder Gewalt keine ein. Wahrscheinlich gibt es keine andere Möglichkeit, weil ich dem Gustav ganz einfach nicht überlegen bin, sondern der Gustav mir. Ich kann nur versuchen, ihn mir wohlgesonnen zu stimmen, dann habe ich mit ein wenig Glück ein etwas angenehmeres Leben. Ich habe nicht damit gerechnet, dass Gustav Waffen hat, gegen die ich wehrlos bin. Ich kann eigentlich nur noch überlegen, ob ich mich jetzt gleich ergebe oder später.

Randl, Lola: Der Große Garten, S. 196

Erinnere: Wir sprechen hier von einem Kleinkind. Es liegt auch an mir, aber eine derartige Schluffigkeit bis Zahnlosigkeit einer Erzählerin, das macht mich schier wahnsinnig und lässt sich nicht mit Humor wegargumentieren. Da helfen auch keine Sitzungen beim Analytiker oder bei der Therapeutin.

Der Tonfall

Ebenso naiv wie die Erzählerin in vielen Szenen auftritt, so naiv ist auch der Tonfall des Buchs. Alle Charaktere werden stets mit Artikel präsentiert, viele erhalten nur Rollenbezeichnungen. So gibt es den Liebhaber, den Mann, den Hermann und die Irmi. Wenn von menschlichen Ausscheidungen die Rede ist, dann wird hier von Pippi und Kacka gesprochen. Ausgesprochen infantil, in einem Charlotte-Roche-mäßigen Erzählton, so kam mir die Prosa aus der Feder Lola Randls vor.

Stellenweise ist das auch wirklich witzig oder erinnert mit seinem Duktus in den Naturkundebeschreibungen an Die Sendung mit der Maus. Oder es findet sich so etwas hier:

Die junge Glucke aber, die sich entschieden hatte, Kinder zu bekommen, von dem Hahn, der sie tags zuvor besprungen hatte, war eine moderne Glucke, die nicht mehr als zwei Kinder wollte. Auch der Vater blieb treu und übernahm Betreuungsaufgaben, sodass sich auf dem Permakulturhof mit zwei Elternteilen auf zwei Küken ein für Hühner ungewöhnlich guter Betreuungsschlüssel ergab.

Randl, Lola: Der Große Garten, S. 176

Aber als erwachsener und mit Roman übertitelte Roman konnte mich das über die Länge hinweg allerdings nicht überzeugen.

Die Klischees

Ich kann mir nicht helfen, aber der Große Garten ist für mich eine einzige Ansammlung von Klischees. Da ist schon einmal die Erzählerin selbst, die diese in sich versammelt: gestresste Berlinerin, Sitzungen beim Analytiker, Polyamorie, Achtsamkeitsübungen, Flucht aufs Land, Gärtnern als meditative Übungen. Diese Erzählerin fusioniert alle Klischees von Berlin Mitte bis Prenzlauer Berg in sich.

Dann gibt es ja auch noch das Dorf, das einerseits von Gestalten wie der Erzählerin selbst heimgesucht wird, sowie auf der anderen Seite die lokale Bevölkerung. Dicke Ex-LPG-Mitarbeiter, die nun die im eigenen Garten weiterhin die Broiler halten treffen auf sinnentleerte Kommunikationsdesignern, die im Dorf Workshops abhalten, um Inspiration für andere Workshops zu erhalten. Japaner, die das Dorf für sich entdecken und in Horden einfallen, Bauten, die seit der Wende verfallen. All diese Bilder und Klischees kennt man schon zur Genüge.

Wie man klug und dabei auch höchst unterhaltsam die Stadt-Land und Ost-West-Bruchlinien offenlegt, das zeigte Juli Zeh in ihrem Bestseller Unterleuten um Klassen besser. Im Falle des Großen Gartens finde ich die Inszenierung platt und unspannend. Dem Genre des modernen Dorfromans fügt Lola Randl so nicht viel Neues hinzu.

Die Außengestaltung

Ein letzter Minuspunkt, der neben der Bewertung des Inhalts für mich noch ins Gewicht fällt, ist der der Außengestaltung. Natürlich ist die Weisheit Never judge a book by it’s cover unverbrüchlich und der Verlag Matthes & Seitz Berlin ist eigentlich ein Hort des Geschmacks und der Stilsicherheit (man schaue sich nur einmal die Naturkunden an). Wie bei diesen zeichnet sich auch hier Judith Schalansky für die Gestaltung des Buchs kenntlich. Aber was ist diesmal dabei herausgekommen?

Ein Cover, für die ich eher eine Grundschulklasse aus Augsburg-Oberhausen oder die Büchergilde Gutenberg verdächtigt hätte, als den renommierten Indie-Verlag aus Berlin. Naiv gezeichnete Maulwürfe, barbusige Frauen, die hinter Felsen hervorlugen, und ein streckbankverlängerter Wolf, der einem orangegesichtigen Grillz-Träger die Brust anknabbert. Was wollten uns Judith Schalanksy und der Cover-Illustrator Künstler Cristóbal Schmal damit sagen? Es bleibt wie so vieles im Buch ein Rätsel.

Aber immerhin konsequent – hier ergeben Cover und Leseeindruck eine stimmige Gesamterfahrung. Für mich eine Enttäuschung, die ich nicht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises in diesem Jahr sehe!


Nicht versäumen wollte ich, noch auf dieses Interview mit Lola Randl auf dem Buchpreisblog hinzuweisen, in dem sie Auskunft über ihr Buch und das Leben auf dem Dorf gibt.

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Kai Wieland – Amerika

Manche Manuskripte gehen verschlungene Wege, ehe sie dann als Bücher in die Buchhandlungen oder Bibliotheken finden. Amerika von Kai Wieland ist hierfür das Paradebeispiel.

Wieland reichte sein Manuskript beim ersten Durchgang des Blogbuster-Preises ein. Autoren mit unveröffentlichten Manuskripten in der Schublade (oder wahrscheinlich eher auf dem Rechner) konnten diese an teilnehmende Blogger schicken. Diese kürten aus den ihnen zugegangenen Einsendungen ein preiswürdiges Manuskript. Diese Manuskripte fanden sich dann auf der Longlist, aus denen dann eine Shortlist mit drei Finalisten gekürt wurde.

Wieland schafft es mit seinem Buch auf diese Shortlist, den Preis gewann dann aber der Titel Wer ist B. Traven? von Torsten Seifert. 

Das hätte es nun sein können – doch wie es dann eben so ist mit den Manuskripten und den verschlungenen Wegen: ein Jahr nach dem ersten Blogbuster-Preis steht Amerika nun doch noch in den Buchhandlungen und Bibliotheken. Der Klett-Cotta-Verlag hat es möglich gemacht und lässt damit alle interessierten Leser*innen nach Rillingsbach im schwäbischen Hinterland reisen. Dorthin verschlägt es nämlich den namenlosen Chronisten in Wielands Debüt.

Tief im Schwäbischen Wald, fernab der Zivilisation selbst solch bescheidener Metropolen wie Backnang und Murrhardt, liegt ein kleines Dorf, in dem kaum noch einer wohnt.

Wieland, Kai: Amerika, S. 5

So märchenhaft und betulich der Ton dieses Auftaktes, so birgt dieser Kern doch schon alles, was das Buch im Folgenden kennzeichnen soll. Die Einsamkeit, die Verwurzelung im Schwäbischen und doch zugleich auch die Suche nach Entgrenzung, mögen die Eckpfeiler der Welt auch Backnang oder Murrhardt heißen und hinter Heilbronn Terra Incognita lauern.

Ein schwäbischer Dorfroman

All das sind Themen, die diesen Dorfroman kennzeichnen. Ein Dorfroman im besten Sinne, am ehesten vielleicht zu vergleichen mit Saša Stanišićs Vor dem Fest. Doch auch andere Bücher kommen über der Lektüre von Wielands vielschichtigem Werk in den Sinn. Da wären Bücher wie etwa Unterleuten von Juli Zeh oder der dauerboomende Renner Was man von hier aus sehen kann von Mariana Leky. Im weiteren Sinne könnte man auch Altes Land von Dörte Hansen hier noch aufführen, um Referenzen für die Einordnung zu nennen.

Je mehr man dann darüber nachdenkt und all diese jüngst erschienen Titel und ihre Verkaufszahlen betrachtet, dann kommt man auch unweigerlich zu einer Beobachtung: der Dorfroman in der deutschen Gegenwartsliteratur boomt. Heimatgefühle, Orientierung in unübersichtlichen Zeiten, Entschleunigung und Versenkung ins Bekannte, Landlust-Literatur. All das Erklärungsversuche und Schlagwörter, die aufgerufen werden, wenn es um diese Gattung geht.

Und natürlich lässt sich auch Amerika wunderbar in dieses Raster einpassen. Eine bekannte Region, ein abgeschlossener Mikrokosmos, schrullige Dorfbewohner und ein protokollierender Chronist – es ist alles angerichtet, was es an Ingredenzien für einen erfolgreichen Dorfroman braucht. Zu wünschen wäre Wieland dieser Erfolg auf alle Fälle, denn sein Buch hat es wirklich verdient.

Angenehm fällt zum einen schon die Sprache Wielands auf. Wo anderen Autor*innen die Sprache gerne einmal lediglich das Vehikel für den Plot ist, ist sie im Falle von Wielands Buch deutlich sorgfältiger und eingänglicher gearbeitet. Immer wieder findet er schöne Sprachbilder und Vergleiche für das ländliche Milieu, in dem er seine Geschichte ansiedelt.

Dinge nehmen ihren Gang, wie die Blätter im Herbst von den Buchen und den Birken schweben. Auf und ab, in Schwingen und im Kreis, aber letzten Endes stets abwärts, zum Boden hin.

Wieland, Kai: Amerika, S. 197

Doch nicht nur die Sprache ist es, die Amerika über das Gros der boomenden Dorfromane hinaushebt. Mit seinem Chronisten hat Wieland eine clevere Brechstange gefunden, die das Fundament des Dorfes zumindest kurzzeitig aus den Angeln hebt. Ausgehend vom  Schippen, der Dorfkneipe, die der Ankerpunkt des ganzen Dorfs ist, werden Episoden erzählt, Figuren vorgestellt und sogar die Chronologie der Zeit wird überwunden.

Das große Über-Thema dabei ist die Erinnerung, die auch den Chronisten bei dieser schwäbischen Oral History aus Rillingsbach beschäftigt. Wie erinnern wir uns? Haben wir das, was wir erinnern und weitergeben, überhaupt erlebt? Wie zuverlässig ist unser Geist? Alles höchst spannende Themen, die Wieland en passant in seiner Erzählung anreißt.

Zudem gelingt es Wieland neben den vielen Subthemen, Sehnsüchten und Motiven auch wunderbar, mit seinem Roman den ausgelutschten Begriff der Heimatliteratur auf ganz eigene Art und Weise neu zu beleben. Brauchtum, Kultur und Pflege. Alle diese abgenutzten Begriffe werden von Amerika wieder frisch und mit neuem Leben aufgeladen.

Fazit

Ja, Amerika ist ein Dorfroman. Ein Buch, das all die klassischen Themen dieser Gattung bedient. Aber das Buch ist eben auch so viel mehr als das. Ein kluges, stilistisch ansprechendes Buch, bei dem man froh sein muss, dass es seinen Weg als Manuskript zu einem Verlag gefunden hat.

Oder um ein letztes Mal mit einem der Bewohner Rillingsbachs zu sprechen, und zwar in Form des Schriftstellers Schattenbach:

Es ist gar nicht so schwer, mein junger Freund. Ein Buch ist wie ein Mensch. Wenn du es immer fleißig fütterst, setzt es den Speck irgendwann von ganz alleine an. Jeder, der es wirklich möchte, kann ein Buch schreiben.

Wieland, Kai: Amerika, S. 112

Bei vielen Menschen bin ich sehr froh, dass sie keine Bücher schreiben. Bei Kai Wieland hingegen freue ich mich sehr, dass er es getan hat und sein Buch bis zum Erscheinen angefüttert hat. Der Genuss desselben lohnt!

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Juli Zeh – Unterleuten

„Unterleuten ist ein Gefängnis“ (Kathrin Kron-Hübschke)

„Unterleuten bedeutet Freiheit“ (Gerhard Fließ)

Zwischen diesen zwei Zitaten von Bewohnern des fiktiven Örtchens Unterleuten spielt sich im neuen Buch von Juli Zeh alles ab. Unterleuten liegt irgendwo in Brandenburg, eine Autostunde aber auch eine ganze Welt von Berlin entfernt. Das Dorf ist eigentlich recht pittoresk und wirkt aus der Zeit gefallen (keine Gehsteige, kein gemeinsames Abwassersystem, Lohn und Brot durch die Agrarwirtschaft) – doch wehe man blickt hinter die Fassade.

Unterleuten von Juli Zeh

Unterleuten von Juli Zeh

Der doppeldeutige Titel Unterleuten gibt in diesem Buch eindeutig die Schlagrichtung vor. Juli Zeh lässt vor den Augen des Lesers ein Dorf mit einem Personaltableau entstehen, das so disparat wie funktional ist. Jedes Kapitel wird aus der Sicht eines anderen Dorfbewohners erzählt und so beobachtet man das wunderliche Geschehen, dass sich sukzessive durch immer wieder neue Augen betrachtet ergibt, mit einer Mischung aus Befremden und Faszination,

Das auslösende Momentum für alle Dynamiken, die sich auf über 640 Seiten im Dorf entfalten werden, ist der geplante Bau einer Windkraftanlage. Die Heidelandschaft rund um Unterleuten wurde als Bebauungsgebiet ausgewiesen – diese Pläne lassen nun das ganze Dorf förmlich explodieren. Während die einen um die aus der DDR hinübergerettete Agrargemeinschaft fürchten, sieht ein Vogelschützer die ornithologische Vielfalt in Unterleuten bedroht. Dabei könnte das Geld, das der Bau der Windräder staatlich subventioniert einbrächte, das ganze Dorf auf Vordermann bringen.

Mit großer Lust stößt Juli Zeh den ersten Dominostein in diesem Roman um, dem viele weitere Steine folgen werden. Sie lässt die unterschiedlichen Lebensmodelle aufeinander prallen, lässt Westler an Ostler geraten, lässt Resignierende auf Veränderer stoßen und beobachtet aus den wechselnden Perspektiven, wie sich die ganzen kleinen schlummernden Glutnester langsam zu einem Großfeuer entzünden. Sie arbeitet hierbei auch stark mit den Mitteln der Komödie, denn immer wieder reden die Unterleutner Bewohner aneinander vorbei, wittern Konflikte, wo eigentlich nur Missverständnisse herrschen und manövrieren sich in Situationen, die eigentlich niemand wollte.

Ihr Figuren legt Juli Zeh dabei auch mit einer ordentlichen Lust an der Karikatur an. Im Haus der Vogelschützers (der eigentlich ein gescheiterter Berliner Soziologieprofessor ist) gibt es Hirseauflauf, der Großgrundbesitzer ist feist und versteht es seine Pfründe zu bewahren. Dies ist zwar nicht allzu subtil, macht aber Freude zu lesen. Dieses Dorf könnte man sich auch in einer Serienverfilmung gut vorstellen – hinziehen möchte man aber auf keinen Fall!

 

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