Sebastian Barry – Annie Dunne

Die Pandemie, sie erlegt uns allen Verzicht auf. Besonders schade für mich: das Reisen entfällt, und damit auch der liebgewonnene Besuch Irlands. Doch die Literatur verschafft dieser Misere Abhilfe. Denn das Lehnstuhlreisen funktioniert ja mit guter Lektüre einwandfrei. Und besonders gut in Sachen Irland-Sehnsucht eignet sich der neu auf Deutsch erschienene Roman Annie Dunne von Sebastian Barry. Einfühlsam erzählt er darin von der eigenwilligen Annie Dunne, die in den irischen Wicklows 1959 einen prägenden Sommer erlebt.


So alt wie das Jahrhundert, so alt ist auch Annie Dunne, die uns ihr Leben erzählt. Geboren 1900 in Dublin verbrachte sie ihre Kindheit im Dublin Castle, in dem ihr Vater Kommandat war. Ihr Bruder Willie fiel früh im ersten Weltkrieg (siehe Ein langer, langer Weg). Auch ihr Vater starb, geistig umnachtet. Mit seinem Tod endete Annies Zeit im Dublin Castle. Spannungen innerhalb der Familie und der angeheirateten Verwandschaft brachten es mit sich, dass Annie ausziehen musste. Unterschlupf fand sie in den Wicklows bei ihrer Cousine. Die beiden Damen teilen sich nun den Hof, den man kaum als solchen bezeichnen kann. Ein störrisches Pony, ein paar Hühner, ein Bett, ein geteilter Brunnen. Viel mehr ist da nicht. Und denoch genügt Annie dieser kleine Kosmos, der nach seinem eigenen Takt funktioniert.

Zu Beginn des Romans gerät dieser Takt allerdings etwas aus dem Tritt. Denn plötzlich sind da die beiden Kinder von Annies Neffen. Sie sollen den Sommer über bei den beiden Frauen bleiben. Ihre Eltern wollen derweil in London die Chancen auf ein neues und besseres Leben ausloten. Die Kinder bringen das geordnete und ruhige Leben der beiden betagten Damen gehörig durcheinander. Doch nicht nur hier gibt es Veränderungen. Auch wird Annies Cousine von einem Arbeiter umworben, sodass Annies sicheres Zuhause bald Geschichte sein könnte. Annie reagiert auf diese Nachrichten, wie sie es immer zu tun pflegte. Schroff, abweisend und innerlich aufgelöst, äußerlich verhärtet.

Ein besonderer Sommer

Sebastian Barry - Annie Dunne (Cover)

Die große Kunst von Sebastian Barry ist ja die Zeichnung von Figuren. Auch in seinem ursprünglich bereits 2002 erschienen Roman stellt er diese Kunst einmal mehr unter Beweis. Würde man Annie auf einer Straße in Wicklow begegnen, sähe man wahrscheinlich eine unansehnliche und verbitterte Frau, mit der nicht gut Kirschen essen wäre. Die Kunst Barrys ist es nun, dass wir ins Innere von Annie Dunne blicken dürfen. Ihre Geschichte, ihre prägenden Erfahrungen, all ihre inneren Konflikte und Unsicherheiten werden so offenbar. Wir entwickeln Verständnis für Annie und sehen plötzlich eine hochinteressante Figur, mit der man im wahren Leben wahrscheinlich keine drei Worte gewechselt hätte.

Wie sie innerlich trauert, unsicher und wehmütig ist, das alles aber in sich verschließt und niemanden an ihren Zweifeln teilhaben lässt, das schildert Barry höchst nachvollziehbar und plausibel. Zudem überzeugt nicht nur die Figur der Annie Dunne. Auch das Setting in Irland im Jahr 1959 ist mehr als gelungen. Das Leben dort im kleinen Weiler an der Schwelle zwischen jahrhundertelanger Tradition und einbrechender Moderne ist mitreißend geschildert. Barry vermag es, den irischen Sommer dort auf dem Land mit all seinen Formen und Farben derart plastisch zu schildern, dass ich keinen anderen Begriff als „Große Kunst“ dafür finde.

Fazit

Egal ob Kutschfahrt mit einem widerspenstigen Pony, Beschreibungen der landwirtschaftlichen Tätigkeiten innmitten der grünen Hügel der Insel oder Annies Blick auf die noch unschuldigen Kinder: Barry gelingt es, Figuren und ihre Umgebung in passende Worte zu kleiden und so ein hervorragendes Leseerlebnis zu kreieren. Zudem wurde das Buch einmal mehr von Hans-Christian Oeser und Claudia Glenewinkel sehr ansprechend ins Deutsche übertragen. Und dass die Aufmachung ebenfalls mehr als überzeugt, das muss man beim Namen Steidl eigentlich gar nicht mehr extra erwähnen. Deshalb sei diese Lehnstuhlreise nach Irland hiermit wärmstens empfohlen!


  • Sebastian Barry – Annie Dunne
  • Aus dem Englischen von Claudia Glenewinkel und Hans-Christian Oeser
  • ISBN 978-3-95829-934-4 (Steidl)
  • 280 Seiten. Preis: 24,00 €
Diesen Beitrag teilen
0 0 vote
Article Rating
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

0 Comments
Inline Feedbacks
View all comments