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Michael Maar – Leoparden im Tempel

Ob Elias Canetti, der Oger, das wechselhafte Gemüt Virginia Woolfs oder der Teufel bei Thomas Mann – in seinem wiederveröffentlichten Werk Leoparden im Tempel widmet sich Michael Maar abwechslungsreich den von ihm verehrten Schriftsteller*innen und nimmt ihr Werk und ihre exzeptionelle Bedeutung für die literarische Welt in den Blick.


Man könnte es sich leicht machen mit dem eigentlich nicht ganz so neuen Buch Michael Maars. Nach einer Erstveröffentlichung im Berenberg-Verlag vor sechzehn Jahren erscheint Leoparden im Tempel nun als Neuauflage im Rowohlt-Verlag, gehalten im Design seines 2020 erschienen Stil-Opus Magnum Die Schlange im Wolfspelz.

Schon der Blick auf die schmale Seitenzahl macht klar, dass es sich mitnichten um ein Werk handelt, dass an Maars ebenso voluminöses wie kenntnisreiches Literaturbergwerk anschließt. Vielmehr will er sich den von ihm verehrten Schriftstellern widmen, wobei ein Gendern des Untertitels tatsächlich fast überflüssig scheint. Denn von zwölf Schriftstellerporträts ist lediglich eines einer Frau gewidmet, nämlich Virginia Woolf.

Hier zeigt sich, dass in der den sechzehn Jahren seit Erscheinen des Buchs viel Sensibilisierung gegenüber der hier im Speziellen wie auch im Allgemeinen zuvorderst männlichen Kanonbildung stattgefunden hat. So sei nur an die Aktion #frauenzählen, das daraus entstandene Sachbuchprojekt Frauen Literatur von Nicole Seifert oder die hervorragende Kurzporträtsammlung Dichterinnen & Denkerinnen von Katharina Herrmann erinnert, die dem Maar’schen Männerüberschuss und Geniekult entgegenwirken, der sich in diesem Buch äußert.

Porträts von Schriftstellern

Sollte man es sein lassen? Diese offensichtliche Ungleichbehandlung von Schriftstellerinnen als Anlass nehmen, das Buch in die Ecke zu stellen? Das wäre tatsächlich ein Fehler, denn obgleich die nicht zu leugnende maskuline Schlagseite ebenso wie die veraltete Rechtschreibung des Buchs rückwärtsgewandt scheint, gelingt es Maar vorzüglich, seine Verehrung der offensichtlicheren (Thomas Mann, Franz Kafka) und die hierzulande noch immer zu unbekannten Autoren (Anthony Powell, Gilbert Keith Chesterton) begeisternd vorzubringen und Lust auf ihr Schreiben zu machen (obgleich natürlich Größen wie Ingeborg Bachmann, Marlen Haushofer, Gabriele Tergit oder vergessene Autorinnen wie die gerade wieder neu entdeckte Helga Schubert durchgehend fehlen).

Michael Maar - Leoparden im Tempel (Cover)

Neben solchen Leerstellen merkt man auch den Aufsätze an, dass einige ihrer aufgegriffenen Punkte in der Zwischenzeit etwas anders betrachtet werden müssen. So ist beispielsweise Maars Frage, ob man Giuseppe Tomasi di Lampedusa vielleicht noch mit einer Labelung als Geheimtipp postum die Ehrung verschaffen könnte, die ihm für sein Werk Der Leopard gebührt, in meinen Augen hinfällig. Denn die glänzende Neuübersetzung von di Lampedusa Meisterwerk durch Burkhart Kroeber vor vier Jahren hat doch erheblich Staub von diesem Werk gepustet und dieses neu ins öffentliche Bewusstsein gebracht.

Genauso ergeht es den Klagen, die Maar in seinem Kapitel über Anthony Powell äußert. Dort beklagt er, dass Powell hierzulande völlig unbekannt sei und man ihm dem deutschen Publikum kaum schmackhaft zu machen vermag. Während letztere Beobachtung wahr zu sein scheint, ist die Vermittlungsarbeit doch in der Zwischenzeit weiter geraten (dem Maar auch in dem leicht angepassten Quellenverzeichnis Rechnung trägt, da er dort die 2015 begonnene Neuausgabe von Powells Gesamtwerk unter dem Titel Dance aufführt). So wurde diese Neuausgabe des Werkes im Februar 2016 von Maxim Biller an maximal prominenter Stelle im deutschen Fernsehen vorgestellt, nämlich beim Literarischen Quartett.

Sich verändernder literarischer Zeitgeist

Es sind einige Punkte dieser Art, an denen man feststellen kann, dass sich der literarische Zeitgeist gewandelt hat. So sind neue Blicke und Maßstäbe auf Literatur eingezogen, der Geschmack hat sich gewandelt, kurz: die Zeit seit dem ursprünglichen Erscheinen des Buchs ist nicht stehengeblieben. Das merkt man bei dem Blick auf die Äußerlichkeiten des Buchs durchaus.

Davon unberührt ist aber der Kern von Michael Maars Buch, dem man in seiner ganzen Begeisterung und dem sprudelnden Stil auch Stilblüten wie die folgende gerne verzeiht:

Man merkt seiner [Anthony Powells] Prosa nicht an, dass sie nach Joyce entstand. Um Modeströmungen hat dieser Autor sich nie geschert. Erst jetzt, nachdem sich deren Wasser verlaufen haben, kann man erkennen, wie einsam er herausragt.

Michael Maar – Leoparden im Tempel, S. 111

Jener Kern seiner kurzen Porträts, er gleicht nach wie vor einem brodelnden Magmakern voller heißglühender Lava (um hier einmal den bildhaften und blumigen Stil Maars aufzugreifen). Überraschend seine Erkenntnisse, wenn er etwas die Bedeutung des Teufels im Werk Thomas Manns herausarbeitet oder die ewige Rätselhaftigkeit im Werk Franz Kafkas beschreibt, der es mit seinem Bild der Leoparden im Tempel auch auf den Titel von Maars Buch geschafft hat.

Literaturverehrung, die begeistert

Gelungen stellt Maar auf nur wenigen Seiten die Besonderheiten im jeweiligen Werk der Autoren heraus und erklärt, was ihr Werk so faszinierend und über alle Zeiten erhoben macht. Das tut er in gut lesbaren und nachvollziehbaren Aufsätzen, von denen die Porträts Mann, Nabokov und di Lampedusa in meinen Augen zu den gelungensten zählen.

Aus allen Zeilen spricht die Verehrung Maars, der mit seinen Porträts wie auch später in der Schlange im Wolfspelz seine immense Belesenheit herausstellt. Seine Einführung in das Schaffen der oftmals alles andere als umgänglichen und bescheidenen Autoren macht Lust, sich mit den Werken genauer zu beschäftigen. Er gibt einen Eindruck, wie Literaturvermittlung zu begeistern vermag, wie ein genauer Blick beim Lesen den unverkennbaren Stil zutage treten lässt – und wie man mitreißend davon zu erzählen vermag.

Das wiegt in meinen Augen die klar benennbaren Kritikpunkte an Leoparden im Tempel auf alle Fälle wieder mehr als auf, sodass ich für dieses Büchlein eine große Empfehlung aussprechen möchte. Gerne sei der Band auch als Geschenk allen Literaturfans empfohlen, Ich empfehle im Anschluss an die Lektüre danach dann die Lektüre von Dichterinnen & Denkerinnen, denn dann hat man auch einen ausgewogenen Eindruck von Schriftstellerinnen, die es durchaus auch mit den hier vorgestellten Männern aufnehmen können!


  • Michael Maar – Leoparden im Tempel
  • ISBN: 978-3-498-00398-2 (Rowohlt)
  • 144 Seiten. Preis: 22,00 €
  • Zum Buch bei Yourbookshop
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Sebastian Barry – Annie Dunne

Die Pandemie, sie erlegt uns allen Verzicht auf. Besonders schade für mich: das Reisen entfällt, und damit auch der liebgewonnene Besuch Irlands. Doch die Literatur verschafft dieser Misere Abhilfe. Denn das Lehnstuhlreisen funktioniert ja mit guter Lektüre einwandfrei. Und besonders gut in Sachen Irland-Sehnsucht eignet sich der neu auf Deutsch erschienene Roman Annie Dunne von Sebastian Barry. Einfühlsam erzählt er darin von der eigenwilligen Annie Dunne, die in den irischen Wicklows 1959 einen prägenden Sommer erlebt.


So alt wie das Jahrhundert, so alt ist auch Annie Dunne, die uns ihr Leben erzählt. Geboren 1900 in Dublin verbrachte sie ihre Kindheit im Dublin Castle, in dem ihr Vater Kommandat war. Ihr Bruder Willie fiel früh im ersten Weltkrieg (siehe Ein langer, langer Weg). Auch ihr Vater starb, geistig umnachtet. Mit seinem Tod endete Annies Zeit im Dublin Castle. Spannungen innerhalb der Familie und der angeheirateten Verwandschaft brachten es mit sich, dass Annie ausziehen musste. Unterschlupf fand sie in den Wicklows bei ihrer Cousine. Die beiden Damen teilen sich nun den Hof, den man kaum als solchen bezeichnen kann. Ein störrisches Pony, ein paar Hühner, ein Bett, ein geteilter Brunnen. Viel mehr ist da nicht. Und denoch genügt Annie dieser kleine Kosmos, der nach seinem eigenen Takt funktioniert.

Zu Beginn des Romans gerät dieser Takt allerdings etwas aus dem Tritt. Denn plötzlich sind da die beiden Kinder von Annies Neffen. Sie sollen den Sommer über bei den beiden Frauen bleiben. Ihre Eltern wollen derweil in London die Chancen auf ein neues und besseres Leben ausloten. Die Kinder bringen das geordnete und ruhige Leben der beiden betagten Damen gehörig durcheinander. Doch nicht nur hier gibt es Veränderungen. Auch wird Annies Cousine von einem Arbeiter umworben, sodass Annies sicheres Zuhause bald Geschichte sein könnte. Annie reagiert auf diese Nachrichten, wie sie es immer zu tun pflegte. Schroff, abweisend und innerlich aufgelöst, äußerlich verhärtet.

Ein besonderer Sommer

Sebastian Barry - Annie Dunne (Cover)

Die große Kunst von Sebastian Barry ist ja die Zeichnung von Figuren. Auch in seinem ursprünglich bereits 2002 erschienen Roman stellt er diese Kunst einmal mehr unter Beweis. Würde man Annie auf einer Straße in Wicklow begegnen, sähe man wahrscheinlich eine unansehnliche und verbitterte Frau, mit der nicht gut Kirschen essen wäre. Die Kunst Barrys ist es nun, dass wir ins Innere von Annie Dunne blicken dürfen. Ihre Geschichte, ihre prägenden Erfahrungen, all ihre inneren Konflikte und Unsicherheiten werden so offenbar. Wir entwickeln Verständnis für Annie und sehen plötzlich eine hochinteressante Figur, mit der man im wahren Leben wahrscheinlich keine drei Worte gewechselt hätte.

Wie sie innerlich trauert, unsicher und wehmütig ist, das alles aber in sich verschließt und niemanden an ihren Zweifeln teilhaben lässt, das schildert Barry höchst nachvollziehbar und plausibel. Zudem überzeugt nicht nur die Figur der Annie Dunne. Auch das Setting in Irland im Jahr 1959 ist mehr als gelungen. Das Leben dort im kleinen Weiler an der Schwelle zwischen jahrhundertelanger Tradition und einbrechender Moderne ist mitreißend geschildert. Barry vermag es, den irischen Sommer dort auf dem Land mit all seinen Formen und Farben derart plastisch zu schildern, dass ich keinen anderen Begriff als „Große Kunst“ dafür finde.

Fazit

Egal ob Kutschfahrt mit einem widerspenstigen Pony, Beschreibungen der landwirtschaftlichen Tätigkeiten innmitten der grünen Hügel der Insel oder Annies Blick auf die noch unschuldigen Kinder: Barry gelingt es, Figuren und ihre Umgebung in passende Worte zu kleiden und so ein hervorragendes Leseerlebnis zu kreieren. Zudem wurde das Buch einmal mehr von Hans-Christian Oeser und Claudia Glenewinkel sehr ansprechend ins Deutsche übertragen. Und dass die Aufmachung ebenfalls mehr als überzeugt, das muss man beim Namen Steidl eigentlich gar nicht mehr extra erwähnen. Deshalb sei diese Lehnstuhlreise nach Irland hiermit wärmstens empfohlen!


  • Sebastian Barry – Annie Dunne
  • Aus dem Englischen von Claudia Glenewinkel und Hans-Christian Oeser
  • ISBN 978-3-95829-934-4 (Steidl)
  • 280 Seiten. Preis: 24,00 €
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