Tag Archives: Land

Melissa Harrison – Vom Ende eines Sommers

Langsam werden die Folgen des Brexit sichtbar. Während sich die Regierung des Landes in symbolischen restituierenden Maßnahmen wie der Einführung von alten Gewichtseinheiten wie Unzen oder antiquierter Eichmaße we dem Crown Stamp übt, herrscht in Weiten Teilen des Landes die Lorry Crisis. Zahlreiche Facharbeiter*innen oder Fahrer*innen sind im Zuge des Abschieds aus der EU zurück auf den Kontinent gegangen, was sich nun in zahlreichen Bereichen des täglichen Lebens bemerkbar macht. So sind die Versorgungsketten brüchig geworden, was häufig zu leeren Supermarktregalen genauso wie zu langen Schlangen vor den Tankstellen führt. Egal ob Nahrungsmittel oder Benzin, der Brexit hat gezeigt, dass es mit der versprochenen neuen Stärke Großbritanniens nicht weit her ist.

Ein ganz anderes Bild zeigt sich da auf dem Buchmarkt. Auf ihm treten vermehrt Bücher in Erscheinung, die ein gegenläufiges Bild Großbritanniens zeichnen. In den Dorfromanen sind es zumeist Protagonist*innen, die auf Bauernhöfen wohnen, in der ländlichen Umgebung fest verwurzelt sind und die aus der sie umgebenden Natur ihre Stärke ziehen. Zu nennen wäre hier beispielsweise Sebastian Barry mit seinem Roman Annie Dunne, der eine widerborstige Frau in den Wicklows 1959 zeigt. J. L. Carr beschreibt in seinem Roman Ein Monat auf dem Land die Gesundung eines Weltrkiegsveteranen im ländlichen Yorkshire. Benjamin Myers lässt in Offene See einen jungen Mann kurz vor dem Ernst des Lebens durch die englische Natur wandern . Und Reginald Arkell zeigt in Pinnegars Garten ein ebenso gegensätzliches Paar, das die Liebe zur englischen Natur, insbesondere der Flora, zusammengeführt hat.

Melissa Harrison - Vom Ende eines Sommers (Cover)

Viele Bücher also, die die Vorstellungen eines unberührten aus der Zeit gefallenen Vereinigten Königreichs bedienen und so konträr zu den aktuellen Entwicklungen stehen. Einmal mehr erscheint nun im Dumont-Verlag ein weiteres Buch, bei dem das Cover an genau die Sorte der obigen Beispiele erinnert. Schwalben, die eine blühende Natur aus Feldern und gesunden Bäume bestehend durchmessen. Helle Farben, blühende Sträucher und Sicht bis zum Horizont. Das verspricht der Melissa Harrisons Roman rein äußerlich – erschöpft sich dann aber gottseidank nicht Landschaftskitsch. Vielmehr ist Vom Ende eines Sommers der genaue Blick auf das Erwachsenwerden einer jungen Frau und die Probleme der ländlichen Bevölkerung vor dem Zweiten Weltkrieg, fernab von jeglicher Empire-Romantik.

Sommer in Suffolk 1933

Wir schreiben das Jahr 1933 – es herrscht Sommer in Suffolk. Als Kind von Bauern weiß die vierzehnjährige Edie um die Fülle und den Reichtum der Natur. Mit den Gleichaltrigen vermag sie nicht allzu viel anzufangen. Stattdessen fasziniert die plötzlich in ihrem Dorf aufgetauchte Constance FitzAllen das junge Mädchen ungemein. Die Journalistin recherchiert über das Dorfleben und hegt ganz eigene Ansichten über den Lebensstil der Dorfbevölkerung. In ihrer Andersartigkeit wird sie für Edie zum Orientierungspunkt und zeigt dem Mädchen eine Alternative zum Altbekannten auf. Doch auch Constance FitzAllen hat ihre nicht so schönen Seiten, die Edie erst spät kennenlernen wird.

Vom Ende eines Sommers ist ein Roman, der die ganze Fülle des britischen Landlebens und der Natur atmet. Insofern verspricht das Cover nicht zu viel. Hier steht alles in voller Blüte, in den Hecken zwischen den Feldern ziept und zirpt es beständig. Melissa Harrisons Buch nimmt aber auch die weniger pittoresken Seiten des Dorflebens der 30er Jahre in den Blick. So grassiert die Armut, Edie Eltern leben am unteren Existenzminimum und sind auf gute Ernten angewiesen, um halbwegs die Schulden auf Abstand zu halten. Der lokale Adel wirft einmal im Jahr ein Fest und fällt ansonsten durch größtmögliche Distanz zur normalsterblichen Bevölkerung auf. Heruntergekommene Höfe und Armut, sie sind ein entscheidender Teil vom Bild des lokalen Englands.

Auch der zurückliegende Weltkrieg hat die Bevölkerung nachdrücklich geprägt und die Erinnerung an die damaligen Ereignisse ist bei den meisten Menschen noch immer präsent. Auf den Feldern Flanderns oder Frankreichs sind viele junge Männer zurückgeblieben, auch auf Edies Hof gab es tragische Verluste zu beklagen. Die Verluste wurden nicht richtig verarbeitet, Männer nehmen sich, was sie wollen. Gleichberechtigung und gegenseitige Achtung sind hier noch nicht wirklich festzustellen. Deshalb übt die so unangepasste und starke Constance einen derartigen Reiz auf Edie aus, die so wenig in die ländliche Umgebung passt, aber gerade deshalb umso mehr vom einfachen Landleben angezogen wird, in das sie sich ganz hineingibt.

Fazit

Durch den genauen Blick auf die Lebensverhältnisse der damaligen Zeit besticht Melissa Harrisons Roman, der sich eben nicht alleine mit Naturschilderungen und Verklärung der „guten, alten Zeit“ begnügt. Das Buch ist in seiner Verschmelzung von romantischen und naturalistischen Ansätzen sehr reizvoll und kombiniert den klassischen Coming-of-Age-Roman mit zeitgeschichtlichem und naturnahem Kolorit. Von Werner Löcher-Lawrence wurde das Ganze in seiner ganzen Beschreibungsfülle ins Deutsche übertragen.

Ein Buch, das wenig beschönigt und nicht den Fehler begeht, die Geschichte der Landbevölkerung zu verklären. Und gerade dadurch gewinnt Vom Ende eines Sommers, das eben kein pures Nostalgiebedürfnis der Leserschaft befriedigt, sondern einen genauen Blick auf die ländliche Geschichte der 30er Jahre in Suffolk liefert. In diesem Buch steckt deutlich mehr, als es das Cover suggeriert!


  • Melissa Harrison – Vom Ende eines Sommers
  • Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
  • ISBN 978-3-8321-8152-9 (Dumont)
  • 320 Seiten. Preis: 22,00 €
Diesen Beitrag teilen

Jennifer Haigh – Licht und Glut

Die Amerikaner und ihre unersättliche Gier nach günstiger Energie – dieses Thema behandelt die Autorin Jennifer Haigh in ihrem neuen auf Deutsch erschienen Roman (übersetzt von Juliane Gräbener-Müller).

Ausgangspunkt ist das kleine Städtchen Bakerton in Pennsylvania im Jahr 2010. Das Dorf hat schon bessere Zeiten gesehen, alles wirkt ein wenig heruntergekommen. Der Knast, die Bar, die Häuser – eigentlich ein typisches Beispiel, wenn heute von abgehängten Regionen und Menschen gesprochen wird. Doch da kommt Bobby Frame in das Dörfchen und wirft die althergebrachte Ordnung über den Haufen. Den Bobby Frame arbeitet für einen Energiekonzern, der entdeckt hat, dass sich unter dem Schiefer Bakertons große Gasvorkommen befinden. Und diese sollen mithilfe von Fracking gefördert werden, dem Energieriesen Gewinn und den Bewohnern Bakertons Wohlstand bringen.

Doch so wie es geplant ist, mag das alles nicht funktioniert. Als Leser wohnt man den Verwicklungen bei, die sich mit dem Auftauchen Frames entwickeln. Die Dorfbewohner entzweit die Frage, ob man sein Land verpachten soll oder nicht. Hoffnungen und Träume sind mit dieser Frage verbunden – doch auch Befürchtungen und Gefahren. Beim Energieriesen setzt man auf Expansion um so die Aktionäre bei Laune zu halten. Doch auch Widerstand formiert sich unter den Anwohnern und so speist sich das Buch aus den Reibungen, die aus dem Dorf heraus entstehen.

Jennifer Haigh bettet ihre multiperspektivisch erzählte Geschichte auch mithilfe von Zeitsprüngen in einen größeren Kontext ein, der zeigt, dass der Hunger nach Energie schon immer ein bestimmendes Motiv amerikanischer Geschichte war. Vom Ölförderboom im Prolog bis hin zur Reaktorkatastrophe von Harrisburg – stets dominiert das Energiemotiv die Geschichte.

Daneben ist Licht und Glut auch ein aktueller Einblick in die Befindlichkeiten auf dem Land – ein dringend notwendiger Blick, der nach der Wahl Donald Trumps als Manifestation genau dieser Probleme zutage trat, schon wieder aus dem Blick der Öffentlichkeit gerät.

Neben Annie Proulx aktuellem Roman das Beste aus Amerika, was sich zurzeit zum Thema Umwelt(schutz), Kapitalismus und Streben nach Energien auf dem Buchmarkt aus Übersee finden lässt!

Diesen Beitrag teilen

Adventskalender – Türchen 21

Eine wunderbare Preziose und Wiederentdeckung verbirgt sich hinter dem heutigen Adventskalendertürchen – die Rede ist vom Büchlein „Ein Monat auf dem Land“ von J.L. Carr.

Dieses im Original 1980 erschienene Büchlein wurde nun vom Dumont-Verlag in einer wunderschön gestalteten bibliophilen Ausgabe herausgegeben, die Übersetzung hat Monika Köpfer besorgt. Der Titel des Buchs trifft nicht ganz zu, denn mehr als ein Monat auf dem englischen Land soll es dann für den Kriegsveteran und Ich-Erzähler Tom Birkin schon werden.

Dieser kommt ins verschlafene Dörfchen Oxgodby auf dem Land, hier gehen die Uhren noch anders. In einer Kirche soll er ein Deckengemälde restaurieren und freilegen – doch die Arbeit ist eigentlich nur Metapher. So behutsam wie er Schicht um Schicht an der Kirchendecke abträgt, so behutsam enthüllt J. L. Carr langsam die Details über das Leben seines Protagonisten. Seine Vergangenheit und seine Versuche sich ins Leben zurückzutasten verfolgt man gebannt und freut sich über Birkins neu erwachenden Lebensmut.

J.L. Carr benötigt nicht viele Worte oder Passagen und die Schrecken des Weltkrieges zu skizzieren, die zur Verunstaltung und den Leiden von Tom Birkin führen. Ebenso gelingt im die Gratwanderung zwischen Idylle und  Sentimentalität fernab von jeglichem Pilcher-Cornwall-Dramolett. Das Buch vermeidet jeden Kitsch, den man fürchten könnte und ist ein wunderbares Kleinod, das unter jedem Weihnachtsbaum gut aufgehoben ist!

Diesen Beitrag teilen

Stuart MacBride – In Blut verbunden

Schottland, kurz hinter Aberdeen, am Rande der Welt. Ein Landstrich, der außer Meer und Wiesen nicht viel zu bieten hat. Die Käffer tragen Namen wie Banff oder MacDuff – und inmitten dieser Ödnis Detective Sergeant Logan McRae. Dieser hat es wieder einmal geschafft, zugleich einen Fall zu lösen und sich damit  ein Stück auf der Karriereleiter hinabzuarbeiten. Nachdem er einen Entführer im Alleingang stellte, droht nun der ganze Fall wie ein Baiser in sich zusammenzufallen. Die Öffentlichkeit und die Interne Ermittlung toben, und so heißt es für Logan – ab aufs Land: Spektakuläre Fälle wie in Schlangenlinien fahrende Autos, verschwundene Senioren oder Brände sind hier an der Tagesordnung, mit denen er sich nun als diensthabender Sergeant herumschlagen darf.

In Blut verbunden von Stuart MacBride

In Blut verbunden von Stuart MacBride

Doch schon bald schlagen McRaes kriminalistische Instinkte an. Immer wieder verschwinden pädophile Männer ohne jegliche Spur in der Region Aberdeenshire. Als dann auch noch in einem verlassenen Strandbad die Leiche eines kleinen Mädchens gefunden wird, lässt sich der schottische Kriminalbeamte auch von Komptenzen oder Kollegen nicht mehr stoppen. Er beginnt zu ermitteln, wobei ihm auch seine alte Nemesis/Busenfreundin DI Roberta Steel zur Seite steht. Schnell wird es für Logan McRae dann auch persönlich, als die Mutter des mutmaßlichen Opfers bei ihm vor der Tür steht. Und dann ist da noch die Interne Ermittlung, die ihm am Zeug flicken will.

In Blut verbunden ist abermals ein Ziegelstein von Buch, wie von Stuart MacBride nicht anders gewohnt. Über 700 Seiten verwendet der schottische Autor, um den Kosmos um Logan McRae erneut einen Besuch abzustatten (dies ist nun auch schon der neunte Band aus der ganzen Reihe, zuletzt erschien Das Knochenband). Neben dem veränderten Setting (hier ist nun statt der granite city Aberdeen das vermeintlich beschauliche Hinterland der Schauplatz) setzt Stuart MacBride wieder auf die bekannten Charaktere und Dynamiken (noch immer zählen die Schlagabtausche zwischen Roberta Steel und McRae zum lustigsten, was die britische Kriminalliteratur derzeit hervorbringt).

Das Buch ist mit seiner gut gelungenen Mischung aus dunklem Humor und Krimi eine nahtlose Fortsetzung der McRae-Reihe und fällt auch in der neunten Fortsetzung nicht ab. Einen stringent durchgehenden Kriminalfall gibt es auch in diesem Buch nicht, zwar dominiert die Suche nach der Identität und des Mörders des Mädchens, doch McBride reichert sein Buch wieder mit allerhand sonstigen Episoden an. So muss hier eine Bande gestellt werden, die Raubüberfälle auf Geldautomaten verübt, Drogen-Ermittlungen laufen, eine Undercover-Ermittlerin wurde erschossen, Steels Gattin wird abermals Mutter, etc. – viel zu tun also für McRae!

Auch im neunten Band um Detective Sergeant Logan McRae lässt sich Stuart McBride nicht lumpen und beschenkt Fans der Reihe um den sturköpfigen Ermittler mit dem Hang zum Griff ins Klo wieder mit einem tollen Buch!

 

Diesen Beitrag teilen

Ben Aaronovitch – Fingerhut-Sommer

Peter Grant auf dem Land

Ab in die Provinz: Nachdem er sich in London nur knapp seiner Haut erwehren konnte (siehe Der böse Ort) muss Peter Grant dem wimmeligen London diesmal den Rücken kehren. Ein Fall von Kindsentführung in der englischen Provinz fordert ihn. Also ab ins Grüne, oder wie es Peter selbst formuliert:

„Jenseits des Flüsschens Teme gab es dann nur noch verschlungene, einspurige Sträßchen, die durch ein derart fotogenes Idyll führten, dass ich nicht überrascht gewesen wäre, wenn mir hinter der nächsten Kurve Bilbo Beutlin persönlich entgegengekommen wäre, immer vorausgesetzt, der hatte sich inzwischen einen Nissan Micra angeschafft.“

Ben Aaronovitch, Fingerhut-Sommer, S. 17

Dort sind zwei Mädchen zusammen spurlos verschwunden. Weil nicht ausgeschlossen werden kann, dass eine übersinnliche Kraft mal wieder ihre Finger im Spiel hat, wird der Constable von seinen Vorgesetzten auf Mission geschickt. Vor Ort stößt er auch schnell auf erste Spuren, die ihn daran zweifeln lassen, dass es bei der Entführung mit rechten Dingen zugegangen ist.

Freunde berichten von einem unsichtbaren Pferd, mit dem eines der Mädchen befreundet gewesen sein soll. Die Mobiltelefone der Mädels scheinen von Magie pulverisiert worden zu sein und ein Schaf liegt plötzlich von einem großen Horn getötet auf einer Weide.

Was verbindet all diese einzelnen Vorkommnisse? Der smarte aber auch manchmal leicht tollpatschige Peter ermittelt sich von Vorgarten zu Vorgarten und erhält Unterstützung von der Flusstochter Beverley Brook, die die Fans schon aus den Vorgängerbänden kennen.

Eine Binnenfolge in der Serie

Ben Aaronovitch - Fingerhut-Sommer (Cover)

Fingerhut-Sommer ist wie eine hervorragende Binnenfolge einer Fernsehserie, die die Zeit zwischen zwei essenziellen Folgen bindet. Zwischenmenschlich entwickeln sich die Charaktere fort, doch die spektakulären Ereignisse, die in Der böse Ort ihren Anfang nahmen, werden nur angerissen und scheinen erst im Folgeband eine wichtige Rolle zu spielen. Die Spannung darauf bleibt auch nach dem Ende des Titels bestehen.

Auch in diesem Band, dem mittlerweile fünften Band der Reihe, feuert Ben Aaronovitch seine bewährte Mischung aus Magie, Ironie und Krimi ab, ohne irgendwelche Ermüdungserscheinungen zu zeigen.

Das Einzige, das bei Fingerhut-Sommer für mich negativ ins Gewicht fiel, war der Schluss, der unter dem Herannahen einer Abgabefrist geschrieben worden zu sein scheint.

Dies schmälert das Buch ansonsten aber nicht in großem Rahmen, Ben Aaronovitch ist und bleibt mit diesem Buch weiterhin ein Garant für unglaubliche, spannende und witzige Titel mit dem gewissen Schuss Britishness.

So bleibt nach dem Ende des Fingerhut-Sommers nur zu hoffen, dass der Brite Aaronovitch schnell nachliefert!

Diesen Beitrag teilen