Tag Archives: Flüchtling

Kurz und Gut

Heute gibt es wieder eine Fuhre von Büchern, die ich in der letzte Zeit gelesen habe. Kurze Besprechungen neuer Titel – los gehts!

Jacqueline Woodson – Ein anderes Brooklyn

Es sind oftmals die kleinen und unscheinbaren Bücher, die aufgrund ihrer Konzentration dann den größten Eindruck hinterlassen. Jacqueline Woodsons Ein anderes Brooklyn zählt zu genau diesen Büchern. Bislang trat Woodson als Autorin von Büchern für Kinder und Jugendliche in Erscheinung – nun also ihr Debüt im Erwachsenengenre. Kurz nachdem das Buch im Deutschen erschienen war (Übersetzt von Brigitte Jakobeit), wurde die Autorin mit dem Astrid-Lindgren-Preis geehrt – nach der Lektüre dieses Buchs weiß man warum. Die Held*innen in Woodsons Buch sind August und Clyde, ein Geschwisterpaar, das mit ihrem Vater aus Tennessee nach Brooklyn gezogen ist. In der flirrenden Atmosphäre der Großstadt im Jahr 1973 sitzen die beiden zunächst noch beständig am Fenster, um das Treiben auf den Straßen zu beobachten. Doch bald öffnet sich die Welt der beiden und sie finden Anschluss auf den Straßen Brooklyns.

Auf nicht einmal 160 Seiten gelingt es Jacqueline Woodson, das komplexe Heranwachsen Augusts in einer schwierigen Umgebung zu skizzieren. Das komplexe Innen- und Außenleben der Held*innen wird von der Autorin gut eingefangen und glaubhaft vermittelt. Ein unglaublich präsentes, klares und unsentimentales Buch über die Kindheit. Auch meine geschätzte Mitbloggerin Birgit Böllinger war sehr angetan.

 

Nicolás Obregón – Schatten der schwarzen Sonne

Von Amerika aus geht es mit dem nächsten Buch auf einen ganz anderen Kontinent, nämlich Asien. Diesen bespielt der Debütautor Nicolás Obregón mit seinem Thriller Schatten der Schwarzen Sonne. Das Buch ist der Autakt zu einer geplanten Reihe um den Ermittler Kosuke Iwata. Dieser wurde zur Mordkommission in Tokio versetzt und bekommt es gleich mit einem gerissenen Täter zu tun. Dieser ermordete eine ganze Familie und hinterließ am Tatort eine gezeichnete Schwarze Sonne. Dieses Symbol wird dem Polizeibeamten noch öfter an Tatorten begegnen und führt ihn bis nach Hongkong. Doch die wahren Hintergründe bereiten Iwata  Kopfzerbrechen. Handelt es sich um Taten der Triaden, gibt es im privaten Umfeld der Ermordeten Motive oder steckt etwas ganz anderes hinter den Taten? Um den Täter zu stellen, muss Iwata ein hohes Tempo an den Tag legen – denn der Täter ist mit so ziemlich allen Wassern gewaschen.

Mit Schatten der Schwarzen Sonne hat Nicolás Obregón einen wirklich multikulturellen Thriller geschrieben. Obrégon selbst hat eine französische Mutter und einen spanischen Vater. Sein Buch hingegen wurde in Englisch verfasst, ins Deutsche von Thomas Stegers übertragen und in spielt in Japan und China. Wäre dieses Buch ein Fluggast, es hätte wohl so einige Bonusmeilen gesammelt. Obregón erfindet zwar das Rad nicht neu, bietet dafür aber einige spannende Lesestunden.

 

Horst Eckert – Der Preis des Todes

Horst Eckert schaut dahin, wo wir unseren Blick lieber abwenden. Mit seinen Kriminalromanen spürt er gesellschaftlichen Entwicklungen nach und bringt auch Themen aufs Tapet, die sonst eher unpopulär sind. Zuletzt untersuchte er in Wolfsspinne die Verflechtungen von NSU und den aktuellen rechten Bewegungen. In Der Preis des Todes richtet er seinen Blick von Deutschland aus nach Afrika. Genauer gesagt spielt eine große Stadt Afrikas im Buch eine tragende Rolle – die offiziell nicht einmal eine Stadt ist. Die Rede ist von Dadaab, einem der größten Flüchtlingslager der Welt. Dorthin führen die Spuren, denen die TV-Talkerin Sarah Wolf nachgeht.

Diese moderiert eigentlich im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen eine Talkshow. Privat ist sie mit einem parlamentarischen Staatssekretär liiert, was beide zu einem Versteckspiel zwingt. Dramatisch wird es, als ihr Geliebter tot in seiner Berliner Wohnung aufgefunden wird. Sarah zweifelt am offiziellen Tathergang und beschließt, auf eigene Faust die Hintergründe des Todes aufzuklären. Schließlich versteht sie sich ja qua Job aufs kritisches Nachhaken und Analysen. Und so führen sie die Spuren schon bald ins Flüchtlingslager nach Dadaab, wo sie einem Skandal auf die Spur kommt.

Im Gewand des Kriminalromans bietet Horst Eckert eine ungewohnte und betrachtenswerte Perspektive auf die internationalen Fluchtbewegungen. Ist hierzulande die Debatte über Flüchtlinge durch starre Lagerbildung, Meinungskämpfe und viel Geschrei aufgeladen, so bietet dieser Krimi die Gelegenheit, noch einmal einen Schritt zurückzutreten. Eckert bietet Einblicke in das Geschäft mit der Flucht, Lobbyismus und das Treiben hinter den Kulissen einer Talkshow. Relevant und auf Höhe der Zeit!

 

Hans Pleschinski – Wiesenstein

Da liegt es also, dieses Haus namens Wiesenstein: tief im Riesengebirge verborgen, die Schneekoppe in Sichtweite, abgelegen an einem Berghang befindlich. Erker, Türmchen, im Keller sogar ein Schwimmbad – und der Bewohner dieser mondänen Villa im Schlesischen ist kein Geringerer als Gerhart Hauptmann. Jener Gerhart Hauptmann, der 1912 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde, Erschaffer von Dramen wie Vor Sonnenaufgang, Die Weber oder Bahnwärter Thiel. Seine letzten Jahre wird er umgeben von seiner Entourage in diesem Häuschen leben, das ihm zum Refugium vor Krieg und Bedrohung wird. Wie er diese Jahre verbringt, das zeigt Hans Pleschinski eindringlich in seinem neuesten Roman, der nach des Dichters Wohnstätte benannt ist.

Schon hochbetagt weilt Gerhart Hauptmann mit seiner Frau Margarete 1945 in einem Sanatorium in Dresden, als das Bombardement der Alliierten die Stadt in Schutt und Asche legt. Unter größten Mühen wird der Dichter mitsamt seiner Frau, Sekretärin und dem fahnenflüchtigen Masseur Metzkow aus der Stadt evakuiert und zurück in sein Haus in Agnetendorf gebracht. Fortan harrt ganz Wiesenstein der Dinge, die da kommen. Könnte man anfänglich Hauptmanns Haus für das Paradebeispiel eines weltfernen Gelehrten in seinem Elfenbeinturm halten (der Dichter pflegte sich nächtens zum Dichten und Philosophieren in sein Turmzimmer zurückzuziehen, gewandet in eine Mönchskutte), so lässt Pleschinski aber sehr schnell die grausame Realität in Wiesenstein einbrechen. Die Alliierten erobern langsam die deutschen Gebiete im Westen, der Volkssturm wirft mit Kindern und Greisen dem Feind sein letztes Aufgebot entgegen. Die Rote Armee nähert sich von Osten und schiebt panisch flüchtende Menschenströme vor sich her. Inmitten dieses Orkans liegt Wiesenstein zunächst noch relativ geschützt. Doch schon bald dringen die fatalen Nachrichten von der Kapitulation der Deutschen und den nahenden Truppen auch bis ins Haus zu Hauptmann und seinem Gefolge. Ängste und Panik erfassen auch Wiesenstein.

Wie werden die russischen Besatzer mit Hauptmann verfahren? Während die Rote Armee brandschatzt, vergewaltigt, Deutsche aus ihren Häusern vertreibt und ihre Besitztümer akquiriert, bangt man in Wiesenstein um das Leben und wirft alles in die Wagschale. Hat man doch an des Dichters Tafel Kommunisten genauso wie Gauleiter beherbergt, sich einst für Frieden mit Russland eingesetzt und unauffällig die von Hauptmann kommentierte Ausgabe von Mein Kampf verschwinden lassen. Pleschinski zeigt über dieses Bangen und Warten sehr geschickt die schwankende moralische Haltung Hauptmanns selbst. Er zeichnet einen widersprüchlichen Menschen, dessen Sympathien und Unterstützung nicht weniger verworfen sind, als es die Frontlinien vor der Haustür in Agnetendorf sind. Mal ganz stolz-national, dann aber wieder mit dem kommunistischen Dichter Johannes R. Becher befreundet und in Austausch stehend – Hauptmanns Leben ist kompliziert und findet in Wiesenstein ein angemessenes literarisches Abbild.

Immer schwankend lässt Pleschinski seinen greisen Dichter räsonieren, umgeben von seiner zweiten Ehefrau und einem Ensemble von Figuren mit ganz eigenen Schicksalen. Neben der angemessen-ambivalenten Annäherung an Hauptmann gelingt Pleschinski über diese Figuren auch eine höchst eindrückliche Schilderung der Schrecken und des Terrors, der durch den Begriff der Vertreibung noch viel zu harmlos umschrieben ist. Das unermessliche Leid der Menschen, aber auch das Mitläufertum und die Verehrung der Nationalsozialisten in der breiten Bevölkerung – Pleschinski bringt hier ein ebenso glaubhaftes wie detailliertes Zeit- und Sittengemälde aufs Tapet.

Margarete und Gerhart Hauptmann

Er findet hierfür genauso wie für das alltägliche Leben in Wiesenstein eindrückliche Bilder und inszeniert seine Erzählung meisterhaft. Immer wieder fließen bisher unveröffentlichte Stücke aus dem Tagebuch Margarete Hauptmanns in die Erzählung ein, die das fiktionale Werk stringent ergänzen. Auch fügt Pleschinski immer wieder Auszüge aus dem reichhaltigen und teilweise schon wieder vergessenen Ouevre des Dichters ein (das in seiner Qualität und Stilistik nicht minder schwankend wie Hauptmanns Haltung und Einstellung ist). Dem normalen Leser mögen naturalistische Werke wie Der Biberpelz oder das eingangs erwähnte Sozialdrama Die Weber wenn schon nicht aus dem Schulunterricht, dann zumindest dem Namen nach bekannt sein. Andere Werke aus dem Schaffen des schlesischen Dichters hingegen sind schon lange dem Vergessen anheimgefallen und dürften wirklich nur noch in Germanistenkreisen bekannt sein. Ein Beispiel hierfür ist das mehrmals im Buch zitierte dichterische Werk Till Eulenspiegel. Hier lässt sich vieles entdecken, was auch Pleschinski in seinem Nachwort noch einmal betont. Wiesenstein steckt voller Wiederentdeckungen und lädt zum erneuten Kennenlernen dieses Dichters ein, den einige Protagonisten im Buch auch als Sprachmagier rühmen.

Der Fairness halber sollte man aber auch erwähnen, dass die Bezeichnung des Sprachmagiers nicht nur auf Hauptmann zutrifft, sondern auch auf Hans Pleschinski selbst. Denn die Sprache, in die er seine Annäherung an Gerhart Hauptmann kleidet, ist von größter Brillanz und Eindringlichkeit. Wiesenstein bietet Sprachkino auf höchstem Niveau. Wie fein der Münchner seine Sätze, Sprachbilder und Szenen webt, das ist mehr als meisterlich. Auf jeder Seite versteckt sich eine Fülle an Anspielungen und Metaphern, sodass man diesen 520 Seiten starken Roman wirklich langsam und aufmerksam genießen sollte, um die ganze Detailfülle an Eindrücken aufnehmen zu können.

Wiesenstein ist so vieles: Dokumentation des Kriegsjahres 1945 und der Vertreibung im Osten, Hauptmann-Biografie, Sprachfest – schon jetzt ein Anwärter für den Roman des Jahres (mit einer Nominierung für den Preis der Leipziger Buchmesse oder den Deutschen Buchpreis sollte man auf alle Fälle rechnen) – und ein Geschenk für jeden Germanisten und für alle Liebhaber guter Literatur!

 

 

 

[Quelle Foto Margarete und Gerhart Hauptmann: Bundesarchiv, Bild 102-14016 / CC-BY-SA 3.0]

Imbolo Mbue – Das geträumte Land

Willkommenskultur, Migration, Asyl- wer bei diesen Schlagwörtern jetzt schon genervt abwinkt, dem entgeht mit Das geträumte Land von Imobolo Mbue ein wunderbares Buch, das diese Themen sehr lesenswert behandelt (Deutsch von Maria Hummitzsch).

Ausgangspunkt ist die Familie von Jende Jonga, die aus Kamerun in die USA übergesiedelt sind. Sie haben in den USA Asyl beantragt, das Verfahren schwebt – und um die Familienkasse aufzubessern, beschließt sich Jende als Fahrer bei dem Banker Clark Edwards als Fahrer zu bewerben. Jener ist im Jahr 2008 als Banker bei Lehmann Brothers angestellt (der geneigte und informierte Leser weiß hier natürlich schon, welche Entwicklungen das zur Folge haben wird) und engagiert tatsächlich Jende. Durch die Tätigkeit als Fahrer kommen sich die beiden Männer näher – und auch die beiden Frauen freunden sich an. So verschränken sich die Schicksale der Edwards und der Jongas, auch wenn sie natürlich auf ganz anderen gesellschaftlichen Stufen stehen. Continue reading

Astrid Sozio – Das einzige Paradies

„Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann“ (Jean Paul)

Dieses Motto hat Astrid Sozio für ihre Heldin Frieda Troost konsequent umgesetzt, die dem Leser im Debüt der 36-jährigen Hamburgerin begegnet. Denn mehr als Erinnerungen hat die Dame eigentlich nicht mehr. Sie arbeitete einst im Hotel „Zum Löwen“ irgendwo im Ruhrgebiet. Doch der Charme des Hotels ist genauso verblasst wie die Erinnerungen der hochbetagten Frieda Troost. Doch sie schleppt sich jeden Tag noch von Zimmer zu Zimmer und putzt – beziehungsweise  könnte man es eher den Versuch nennen, eine Form von Normalität und Routine aufrecht zu erhalten.

SozioEigentlich ist das Hotel nur noch eine Ruine, der Strom wurde schon lange abgestellt, Schimmelpilze wuchern genauso wie die wilden Erinnerungen der Dame. Denn je weiter man im Text voranschreitet, umso klarer wird, dass Frieda Troost schwer dement ist und in ihrem ganz eigenen Paradies der Erinnerung lebt. Viele der Erinnerungen hat sie auch hinter die Türen des Hotels gebannt und will ihnen nicht mehr begegnen. Doch da steht plötzlich eines Tages die junge Nasefe vor der Tür, ein Flüchtlingsmädchen. Und das ausgerechnet bei Frieda, für die alle Fremden und Flüchtlinge Kroppzeug oder Ölaugen sind. Denn Frieda ist nicht nur dement, sondern auch eine Fremdenfeindin, mit der nicht gut Kirschen essen ist. Doch plötzlich wird der Löwe von zwei völlig konträren Gestalten bevölkert, die doch auch einiges verbindet.

Das Einzige Paradies hat unbestreitbar Schwächen. Es scheint nicht ganz einleuchtend, warum Frieda Troost auf Pidgin-Englisch mit Nasefe kommunizieren kann bzw. des Englischen in Grundzügen mächtig ist. Für eine Dame ihren Alters und mit ihrem Hintergrund schien mir dies etwas konstruiert zu sein. Mag auch mancher Flüchtlingsbezug von der Autorin etwas aufdringlich in die Geschichte eingewebt worden sein, die Grundidee dahinter verfängt dann doch.

Für ihr beim Bachmannpreis vorgetragenes Stück Prosa aus dem Buch musste die Autorin viel Kritik einstecken. Diese heftige Kritik kann ich nach der abschließenden Lektüre des Buchs nicht teilen. Die Idee der dementen und rassistischen Erzählerin, deren Geschichte erst Stück für Stück offenbar wird – trägt das Buch sehr gut. Auch findet Sozio einen ganz eigenen ältlichen Ton für ihre Ich-Erzählerin, der dem Buch Rhythmus und Struktur gibt. Mit ihrer Protagonistin geht sie über die ganze Distanz und schafft auch ein konsequentes Finale. Abseits der breit in den Medien geführten Flüchtlingsdebatte wirkt das Buch stark und bietet einige Impulse.

 

Pierre Jarawan – Am Ende bleiben die Zedern

Pierre Jarawan kannte man bisher als feste Größe in der Poetry-Slam-Szene des Landes. 2012 konnte er sogar den Titel des deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisters mit nach Hause nehmen. Mehrmals durfte ich Jarawan schon live lauschen, wobei er es stets schaffte, mit seinem subtilen Witz und poetischen Gedanken im Teilnehmerfeld der Slams herauszuragen. Nun hat er den Wechsel von der Kurz- zur Langform gewagt und mit Am Ende bleiben die Zedern seinen ersten Roman vorgelegt, der zu keinem anderen Zeitpunkt als in diesen Tagen hätte erscheinen dürfen.

ZedernEr erzählt in seinem Debüt von Samir, einem Flüchtlingskind, der mit seinen Eltern aus dem Libanon nach Deutschland flüchtete. Als Kind macht er mit seiner Familie die typischen Stationen einer Flucht durch (Erstaufnahme in einer Turnhalle, Bürokratie, Bangen um den Bleibebescheid, Unterkunft in einer Sozialwohnung, etc.), die sich auch in den 80ern nicht von unseren heutigen Verhältnissen unterschied. Das Glück der kleinen Familie könnte dann eigentlich perfekt sein, doch da verschwindet eines Tages plötzlich der Vater ohne Vorwarnung. Samir und dessen Schwestern erschüttert dieser Verlust und sorgt für Traumata, denen sie ganz unterschiedlich begegnen. Da Samir schon immer eine tiefe Verbundenheit mit dem Libanon spürte, beschließt er sich in das von Kriegen gebeutelte Land aufzumachen, um dort seinem Vater nachzuspüren. Welche Schritte trieben seinen Vater zu seinem plötzlichen Verschwinden und welche Geheimnisse gibt es, die Samir als Kind verborgen blieben?

Jarawans Buch setzt sich aus der Spurensuche Samirs im Zedernland Libanon und Rückblicken zu seinem Familienleben in Deutschland zusammen. Stück für Stück puzzelt der Ich-Erzähler die Geheimnisse und die Vergangenheit seines Vaters zusammen und erhält sukzessive ein völlig anderes Bild seines Vaters, als er es für möglich hielt. Aufgeteilt ist Am Ende bleiben die Zedern in drei Teile, von denen der Mittelteil den größten Raum einnimmt. Dieser behandelt die Spurensuche im Libanon sowie die Rückblicke zu Samirs Leben in Deutschland nach dem Verschwinden seines Vaters.

Bildquelle: Flickr / (c) Frode Ramone

Bildquelle: Flickr / (c) Frode Ramone

Pierre Jarawans Debüt ist nicht nur die Lebensgeschichte eines jungen Mannes, der zerrissen zwischen den Kulturen lebt, sondern auch ein Ausflug in die wechselvolle und von Gewalt gezeichnete Geschichte des Libanons und des Nahen Ostens. Jarawan führt vor Augen, dass die heutigen Auswirkungen der Flüchtlingskrise und damit auch des syrischen Bürgerkriegs tiefer wurzeln, als man es sich so vor Augen hält. Immer wieder geht er auf die Beziehung des so pluralistisch-heterogenen Libanon zu seinen Nachbarstaaten ein und sensibilisiert damit für die Hintergründe der aktuell schwelenden Konflikte. Auch wenn sich diese Exkurse manchmal etwas trocken ausnehmen, so sind sie doch wichtig und schaffen Wissen, das in der heutigen Flüchtlingsdebatte vonnöten ist.

Doch nicht nur die Verknüpfung von Politik, Landesgeschichte und aktuellen Bezügen macht diesen Roman so lesenswert, auch die in einer klaren Sprache geschilderte Lebensgeschichte Samirs weiß zu überzeugen. Seine Spurensuche und die Auswirkungen, die der Verlust seines Vaters in ihm hinterlassen hat, sind plausibel beschrieben. Jarawan stellt in seinem Buch die universelle Frage nach Identität und Herkunft und verhandelt diese höchst lesenswert. Das Buch der Stunde, Chapeau Pierre Jarawan!