Eva Menasse – Dunkelblum

Etwas wächst und wuchert da im Dunkeln. Ist es eine Blume oder doch eher dicht verflochtenes Wurzelwerk, kaum zu durchdringen, tückisch und an der Oberfläche fast nicht sichtbar? Eva Menasse erzählt in Dunkelblum von der Vergangenheit, die doch nicht tot ist, vielleicht noch nicht einmal vergangen. In Dunkelblum, kommen Knochen ans Tageslicht und mit ihnen viele Geschichte, die man in dort im kleinen österreichischen Dorf an der Grenze zu Ungarn doch lieber vergessen hätte.


Eigentlich ist es ein ganz unscheinbares Dorf, dieses Dunkelblum. Gelegen an der österreichisch-ungarischen Grenze im Burgenland wirkt es auf den ersten Blick recht austauschbar. Früher gab es ein wenig Adel, eine Synagoge und als besondere Sehenswürdigkeit eine Pestsäule. Erstere sind verschwunden, die Pestsäule in der Dorfmitte hat Bestand. Dass der Zahn der Zeit allerdings stark an dieser genagt hat, ist nicht nur für die Säule bezeichnend. Das ganze Dorf ist im Niedergang inbegriffen, so ganz weiß man auch nicht, wo man sich hinentwickeln will. Risse durchziehen hier nicht nur Bauwerke, sondern die ganze Gemeinschaft.

Es gibt einen historischen Ortskern und einen neueren Teil, den Bahnhof hat man gleich mehrfach abgerissen und neugebaut (immer schiacher allerdings, wie man dort sagen würde). Man ist sich uneins ob der Schwerpunktsetzung eines geplanten Museums (soll es eher die Geschichte der Grafen Dunkelblums oder handwerkliche Aspekte in den Vordergrund rücken?), man separiert sich in Stammtischbrüder und Auswärtige, der geografisch nicht weit von Dunkelblum entfernte Grenzzaun, er lässt sich in vielen Abwandlungen überall in Dunkelblum finden.

Sauber abgegrenzte Geschichte

Auch die Vergangenheit hat man dort im Burgenland sauber abgegrenzt und hinter sich gelassen. So meint man jedenfalls, bis einige Ereignisse beweisen, dass die Vergangenheit eben nicht tot ist, nicht einmal vergangen. Bei Probegrabungen auf einer Dorfwiese tauchen alte Knochen auf, die unschöne Erinnerungen wecken. Zudem ist es die Tochter einer Dorfbewohnerin, die sich ebenfalls sehr für die Dunkelblum’sche Vergangenheit interessiert. Flocke Malnitz tut sich mit dem Besitzer des Reiseladens zusammen, um die Geschichte ihres Heimatortes zu ergründen.

Das schmeckt nicht jedem in Dunkelblum, die die Vergangenheit lieber ruhen lassen würden. Schließlich gibt es einiges zu verbergen. Da war dieses Fest der Gräfin von Dunkelblum, in dessen Folgen es zu einem Massenmord kam, über den man sich lieber ausschweigt. Dass die jüdischen Mitbewohner aus Dunkelblum auf mal mehr oder weniger subtile Art und Weise einst aus dem Dorf verschwanden, auch das möchte man besser nicht so genau hinterfragen. Die letzten Tage vor dem Einmarsch der Russen, die Endphaseverbrechen, all das hat man recht erfolgreich aus dem kollektiven Gedächtnis getilgt.

Da passt es jetzt ganz schlecht ins Bild, dass die junge Frau alten Staub aufwirbelt und hartnäckig die Nerven der Dunkelblumer und Dunkelblumerinnen strapaziert. Noch dazu kümmern sich plötzlich junge Menschen um den vergessenen alten jüdischen Friedhof, der doch so pittoresk vor sich hinverfallen ist und. Vom honorigen Alt-Nazi bis zum überforderten Ersatz-Bürgermeister – sie alle sind beunruhigt. Kann man es nicht einfach gut sein lassen mit diesen alten Geschichten?

Von der Kontinuität der Geschichte

Dunkelblum ist ein Roman, der sich mit der Kontinuität von Geschichte sowie der kollektiven Verdrängung beschäftigt. Die große Kunst des ganzen Buchs ist dabei die Tatsache, dass der Kern ihres Buchs ausgespart und nahezu gar nicht berührt wird. Die schier unfasslichen Verbrechen in der Endphase des Kriegs, die ihr historisches Vorbild im Massaker von Rechnitz haben, werden hier nur touchiert, manchmal in Gesprächen angerissen, ansonsten wird das Verbrechen hier gar nicht ausbuchstabiert. Menasse interessiert sich in Dunkelblum mehr für den Umgang mit dieser Schuld, die viele im Dorf auf sich geladen haben. Die Verarbeitung bzw. Verdrängung sind Themen, die die Österreicherin vielschichtig und nuanciert herausarbeitet.

Dabei gibt es zahlreiche Aspekte, die man an Eva Menasses Roman rühmen kann. Die Mühelosigkeit, mit der sie von Vergangenem zu Gegenwärtigem und wieder zurück wechselt. Die Sicherheit, mit der sie diese verschiedenen Zeitebenen verbindet und aus ihnen das Zeitlose destilliert. Die Frage von Schuld und Verdrängung. Die, welchen Preis Aufarbeitung haben kann und die, wie man sich mit dem Bösen arrangiert. Ihr Werk ist in viele Richtungen deutbar, besitzt Anknüpfungspunkte zu vielen Debatten unserer Tage und ist darüber hinaus nie schwer, sondern nur böse, unterhaltsam und von großem Anspruch.

Die Vermessung der österreichischen Seele

Ihr gelingt es hier, die österreichische Seele aus einem Dorfroman herauszudestillieren. Während die DDR-Flüchtlinge am Grenzzaun zu Österreich rütteln und ein leibhaftiger Flüchtling sogar im Dorf auftaucht, ist schon klar, dass mit aller Macht eine neue Zeit heranbricht. Dennoch versucht man in Dunkelblum alles so handzuhaben, wie man es immer schon gemacht hat. Nicht von ungefähr wird hier kurz auf den unseligen Kurt Waldheim und die damit verbundene Waldheim-Affäre angespielt. Erst diese Affäre, immerhin schon Anfang der 90er Jahre, setzte in Österreich einen Prozess der Aufarbeitung der eigenen Geschichte während des Dritten Reichs in Gang. Der falsche Mythos, dass Österreich immer Opfer gewesen sei, er wird auch in Eva Menasses Buch thematisiert und deutlich widerlegt.

Aber die in Berlin lebende Autorin blickt in Dunkelblum nicht nur zurück auf die dunklen Kapitel der Geschichte Österreichs – sie schafft auch Anknüpfungspunkte in die Gegenwart, etwa dann, wenn Nazi-Schmierereien auf dem jüdischen Friedhof auftauchen. Eine „b’soffene G’schicht“ sei das, nicht mehr, so redet der Bürgermeister dieses antisemitische Delikt klein. Jener Ausruf lässt doch dann sehr an H.C. Strache und dessen Verteidigungslinie im Ibiza-Skandal denken, der unlängst die Alpenrepublik erschütterte. Und so gibt es in diesem Buch viele Beispiele von Anknüpfungspunkten aus der Vergangenheit bis hinein in unsere Gegenwart. Das verleiht dem Buch in seiner Offenlegung historischer Kontinuitäten etwas Zeitloses, das ihn zum Klassiker der österreichischen Literatur bzw. Anti-Heimatliteratur machen könnte.

Auch sprachlich überzeugend

Auch auf der sprachlichen Ebene überzeugt ihr Buch vollends. Sie schafft ein gut lesbares österreichisches Kunst-Idiom, das vor wunderbaren Einfällen und (im Appendix erklärten) Austriazismen nur so strotzt. So verkündet etwa ein Nachfahre des Dunkelblumer Adels, dass die lokale Gruft dringend renovierungsbedürftig sei, da „die Vorfahren safteln“. Immer wieder sind es originelle Sprachbilder und Vergleiche, die Eva Menasse für ihre Erzählung findet. Gedanken „sedimentieren“ da bei einer Frau, der Aushilfsbürgermeister erinnert an ein Murmeltier, dass hilflos mit seinen Händchen ringt, der Geruch eines geschälten Eis ist hier „mephistophelisch“. Hier offenbar eine Autorin einen originellen Zugriff auf die Sprache, die ihre Erzählung zu jedem Zeitpunkt unterstützt.

Umso bedauerlicher der Umstand, dass dieses Buch für keinen großen Buchpreis in diesem Jahr nominiert wurde. mit diesem Roman nicht auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat, lässt einen doch verwundert die Augen reiben. Dass dieser Roman dann noch nicht einmal für die Auswahl des Österreichischen Buchpreises beachtet wurde, lässt einen dann gar nicht mehr aus dem Staunen herauskommen. Wie konnten all die Jurys die Qualität verkennen, die diesem Werk innewohnt? Man sollte den Fehler dieser Literaturjurys nicht machen und in diesem Herbst an diesem Buch vorübergehen. Man würde es bereuen.

Fazit

Eigentlich bietet dieses Buch alles, was Literaturjurys hierzulande mögen und was im Trend liegt. Dunkelblum ist die Aufarbeitung von Historie, vom Dritten Reich bis zum Fall des Eisernen Vorhangs. Dunkelblum ist ein Dorfroman, der eine ganze Gesellschaft mithilfe einer Dorfgemeinschaft vor Augen ruft. Dunkelblum ist eine Erzählung von Erinnern und Vergessen, von Verdrängung und Aufdeckung. Ein stilistisch großartiger Roman, der zum besten zählt, das die österreichische Literatur seit Langem hervorgebracht hat. Dass er für die großen Preise in diesem Herbst übergangen wurde, man muss es nicht verstehen.


  • Eva Menasse – Dunkelblum
  • ISBN 978-3-462-04790-5 (KiWi)
  • 528 Seiten. Preis: 25,00 €
Diesen Beitrag teilen
4.5 2 votes
Article Rating
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

2 Comments
Newest
Oldest Most Voted
Inline Feedbacks
View all comments
sören
1 Monat zuvor

Das fehlen auf beiden Longlists hat mich auch überrascht. Es ist ja nicht nur ein Roman des Jahres sondern überhaupt einer der ganz wenigen jüngeren Romane, der wirklich Chancen hat zu überdauern. Nicht aus der Zeit gefallen, aber auch nicht dem Zeitgeist hinterher rennend. Sich formal ganz auf den Gegenstand einlassend, aber nicht künstlich kompliziert gemacht.

Hat Menasse den Betrieb vll irgendwie brüskiert? Solche Preise sind ja letztendlich auch Netzwerk-Preise…