Helena Falke – Noch fünf Tage

Endlich mal wieder ein guter deutscher Thriller, der mit eigenen Ideen überzeugt! In Noch fünf Tage kreuzt die unter Pseudonym schreibende Helena Falke die Welt der Sternekulinarik mit einem unbarmherzig tickenden Countdown. Denn eine Spitzenköchin liegt im Sterben und hat noch fünf Tage, um herauszufinden, warum nur.


Davos, das ist spätestens seit Thomas Manns Zauberberg ein Hort der Literatur – und seit den 70er Jahren auch ein Hort der Hochfinanz, wenn alljährlich im Januar die Spitzen aus Politik und Wirtschaft einfliegen, um beim Weltwirtschaftsforum vor montaner Kulisse über den Zustand und das Ziel der westlichen Wirtschaftswelt und Gesellschaft zu debattieren.

Helena Falke kreuzt nun für ihren in Davos spielenden Thriller Literatur, Wirtschaft und Kulinarik zu einem ganz besonderen Buch. Die zugrundeliegende Idee des Ganzen ist nämlich enorm bestechend.

Polonium im Essen

Helena Falke - Noch fünf Tage (Cover)

Die Köchin Lis Castrop liegt in einem Krankenhaus in Davos und ihr bleiben Noch fünf Tage. In ihrem Körper findet sich eine hohe Dosis des radioaktiven Giftes Polonium-210, das vor ihr schon für den Tod etwa des russischen Überläufers Alexander Litwinenko sorgte.

Die Industriellenfamilie Harman, die Lis am Abend zuvor bekochte, starb durch das hochdosierte Gift, nur sie als Köchin hat eine geringere Menge des Gifts im Körper. Letal ist die Dosis aber auf alle Fälle und lässt ihr somit nicht mehr viel Zeit, um sich von ihrer Tochter Cosima und der Krankenpflegerin Esme zu verabschieden.

Ich habe beschlossen, dass die Uhr meine Freundin ist. Wenn ich die zwei Blonden im Krankenwagen wörtlich nehme, bleiben mir noch 110 Stunden und 48 Minuten. Das ist machbar. Schließlich habe ich mal ein Sieben-Gänge-Menü für zwölf Leute in weniger als dreieinhalb Stunden zubereitet.

Helena Falke – Noch fünf Tage, S. 37

Für die Polizei ist sie Lis selbst die Hauptverdächtige, was die Köchin nicht auf sich beruhen lassen will und selbst vom Krankenbett aus zu ermitteln beginnt. So steht sie vor der kuriosen Aufgabe, ihren eigenen Mörder zu finden, ehe sie in Bälde stirbt.

Wie gelangte das Gift ins Essen und wer wollte die Familie tot sehen? Im Wettlauf mit der Zeit versucht sie zu ergründen, wie es zu den Todesfällen kommen konnte und wer ein Motiv für die Auslöschung der schwerreichen Familie dort in den Bergen von Davos hatte.

Ermitteln in Häppchen

Dabei taucht sie tief in ihre Erinnerungen ein, serviert uns — wir haben es schließlich mit einer hochtalentierten Köchin zu tun — in appetitanregenden Häppchen von ihrem Tun und ihren ersten Kontakten mit der Familie Harmann, die ironischerweise mit Burgerketten in den USA ihr Vermögen gemacht hat.

Die Welt der Hochfinanz, das Leben im Flieger und der persönlichen Yacht, die kulinarischen Höhenflüge und die Koexistenz mit der Familie, das Wissen um deren Tod und Lis‘ eigenen nahenden Exitus, das verbindet sich zu einem Thriller, der stets vorwärtstreibt, obwohl er strenggenommen zumindest in puncto Schauplatz auf der Stelle tritt.

Mit dem Stilmittel des Countdowns leitet Helena Falke die Kapitel ein, die die verrinnende Zeit symbolisiert und weder der grübelnden Heldin noch uns eine wirkliche Verschnaufpause gönnt. Immer näher rückt das Ende und damit die Frage, ob das überhaupt klappen kann: den Fall alleine vom Krankenlager aus aufklären, gestützt nur von Erinnerungen und Nachgrübeln.

Fazit

Das ist originell erzählt, besitzt Tempo und Drive, besticht durch die Schauplätze und das Milieu und lässt ein wenig mitermitteln, wer jetzt diesen so aufwändigen Tod der Industriellenfamilie und der Köchin zu verantworten hat. Damit hebt sich Noch fünf Tage vom üblichen Krimieinheitsbrei kriminalliterarisch so ab, wie es die hochambitionierten Gerichte kulinarisch tun, die Lis hoch oben in den Bergen oder auf der familieneigenen Yacht zubereitet.

Kurzum: das ist nun wirklich ein Thriller, der Appetit macht. Appetit auf mehr Bücher dieses Kalibers, die uns Helena Falke in Zukunft gerne servieren dürfte!


  • Helena Falke – Noch fünf Tage
  • Herausgegeben von Thomas Wörtche
  • ISBN 978-3-518-47538-6 (Suhrkamp)
  • 303 Seiten. Preis: 20,00 €
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