Mit seinem Sachbuch Entscheidung in Spanien beleuchtet Paul Ingendaay das blutige Kapitel des Spanischen Bürgerkriegs in den Jahren 1936 bis 1939 und zeigt, welche Rolle darin die Kultur spielte. Er blickt auf Künstler und Schriftstellerinnen von George Orwell über Simone Weil bis hin zu Pablo Picasso und zeigt, wie sie sich auf ganz unterschiedliche Weise in den Bürgerkrieg einbrachten.
Es ist eines der wohl ikonischsten Kunstwerke des 20. Jahrhunderts — und eine Erinnerung an die Gewalt des Spanischen Bürgerkriegs, dessen Entstehungsgeschichte Paul Ingendaay in seinem Sachbuch Entscheidung in Spanien beleuchtet. Die Rede ist von Pablo Picassos monumentalen Werk Guernica, das an die Kriegsgräuel erinnert, die die Legion Condor über die kleine spanische Stadt am 26. April 1937 brachte.
„Dieses Bild hat Augen, mit denen es unser Tun beobachtet.“ Mit dieser Feststellung über Picassos fast acht Meter lange und dreieinhalb Meter hohe Kunstwerk schließt Ingendaays Werk nach 312 Seiten. Dass Guernica aber auch immens viel Geschichte und Bedeutung in sich trägt, das legt Ingendaay in seinem Sachbuch wieder frei und zeigt, wie sich die Gräuel des Kriegs in Spanien auch in der Kunst und im Leben ihrer Schöpfer*innen wiederspiegelte.
Im Ton einer historischen Schaltkonferenz
Dafür wählt er jenen Erzählton einer historischen Schaltkonferenz, dessen sich auch andere Autoren aus dem Hause C. H. Becks bedienen, allen voran Uwe Wittstock, der in seinem jüngsten Werk die Flucht von Literaten nach Marseille nachzeichnete und dabei von Intellektuellen wie Franz Werfel, Anna Seghers, Hannah Arendt oder Max Ernst erzählte, wie diese durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten in ihrer Kunst behindert und zur Aufgabe ihres bisherigen Lebens gezwungen wurden.
Von dort ist es nicht mehr weit zu Paul Ingendaay, der seine Geschichte des Spanischen Bürgerkriegs ebenfalls mit starkem Fokus auf die Kulturwelt gewichtet und immer wieder von Künstler zu Künstler springt, um den Fortgang des Kriegs und die persönlichen Entwicklungen von Größen wie den Fotografen Robert Capa und Gerda Taro bis hin zu Schriftstellern wie Arthur Koestler nachzuzeichnen.
Ein spanischer Vorgeschmack auf die Brutalität des Zweiten Weltkriegs
Sein Buch liest sich wie eine Vorgeschichte zu jenen Ereignissen, in die der blutige Bürgerkrieg in Spanien dann im Jahr 1939 schließlich enden sollte.
Dass der Spanische Bürgerkrieg dem Zweiten Weltkrieg in Sachen Grausamkeit und Brutalität um nichts nachstehen sollte und schon einen Vorgeschmack auf das gab, was den halben Erdball vier Jahre nach Ausbruch des innerspanischen Konflikts erwarten sollte, das arbeitet sein Werk plastisch heraus.
Paul Ingendaay erzählt die vier Jahre dieses blutigen spanischen Präludiums zum großen Weltkrieg eng chronologisch nach und beginnt mit den Spannungen, die im Spanien der 30er Jahre immer stärker zutage traten, ehe die Militärs um General Franco von den spanischen Exklaven Ceuta aus auf das spanische Festland übersetzen und vom Südwesten aus eine Blutspur durch die Zweite Spanische Republik zogen.
Während die von Stalin und den Kommunisten unterstützen Republikanern die großen Städte Barcelona und Madrid verteidigten, bedeutete der Bürgerkrieg auf dem Land Chaos und unglaubliche Brutalität, die Ingendaay mithilfe historischer Quellen eindrücklich schildert, etwa das Massaker in der Stierarena von Badajoz an der spanisch-portugiesischen Grenze, wo vor den Augen von 3000 Zuschauern als Spektakel unglaubliche Kriegsverbrechen verübt wurden.
Das Schlimmste ist das Massaker nach der Einnahme der Stadt, von dem wieder und wieder erzählt wird. „Noch heute diskutiert man über seine Größenordnung“, schreibt der Historiker Pierre Vilar, „nicht jedoch über seine Abscheulichkeit.“ Der süße Blutgeruch hängt auch eine Woche danach noch in den Straßen. Massenhaft wurden Festgenommene, darunter auch Frauen, mit erhobenen Armen in die Stierkampfarena getrieben. Dort warteten die Maschinengewehre auf sie. Ströme von Blut fließen, als 1800 Menschen innerhalb von zwölf Stunden niedergeschossen werden. „In 1800 Körpern“, schreibt Allen, „steckt mehr Blut, als man sich vorstellen kann.“
Paul Ingendaay – Entscheidung in Spanien, S. 67
Schier endlos scheinende Gewalt
Er blickt auf die schier grenzenlos scheinende Gewalt, die von Truppen Francos ausgeht, nimmt aber auch den Terror der Gegenseite in den Blick, bei dem etwa linke und anarchistische Gruppen Jagd auf Angehörige des spanischen Klerus machten — mit fast 7000 Opfern als Ergebnis dieser Gewalt.
Der berüchtigte rote und weiße Terror der Opponenten ist in diesem Buch ebenso Thema wie die Unterstützung der Kriegsparteien durch Stalin und kommunistische Kampfbataillone auf der einen Seite und die durch die Nationalsozialisten auf der anderen Seite.
Paul Ingendaay zeigt, wie die Unterstützung Hitlers durch Aktionen wie die zynisch „Unternehmen Feuerzauber“ getaufte Luftbrücke, die die Generäle genauso wie zahlreiche Waffenlieferungen aus Deutschland unterstützen sollte — bis hin zu den Massakern aus der Luft durch die Legion Condor, deren Folgen Pablo Picasso später zu seiner Arbeit am Werk Guernica inspirieren sollten.
Neben der historischen Dimension macht vor allem der Blickwinkel der Künste Entscheidung in Spanien so interessant.
Mehr als nur Der große Kampf der Literatur
Der Untertitel Der große Kampf der Literatur 1936 bis 1939 erweist sich dabei als zu kurz gefasst, denn es sind nicht nur alleine Literaten, die im Fokus von Paul Ingendaays Schilderungen stehen.
Natürlich gibt es die Schriftsteller wie den spanischen Dichter und Dramatiker Federico García Lorca, der von den Falangisten kurz nach Ausbruch des Militärputsches in Madrid ermordet wurde, oder die mal beobachtenden (Ernest Hemingway, Martha Gellhorn), mal teilnehmenden (George Orwell) Schriftsteller von außen, für die der Krieg wahlweise Überzeugung oder auch ein großes Abenteuer war.
Aber Entscheidung in Spanien macht ein künstlerisches Panorama auf, das weit über die Dimension der Literaten hinausweist. So haben auch Intellektuelle wie die Philosophin Simone Weil, Politiker wie der junge Willy Brandt oder der Essayist und Denker Miguel de Unamuno ihren Auftritt. Vor allem letzterer ist bis heute für sein Diktum berühmt, das er den Militärs an der Universität von Salamanca, der er vorstand, entgegenhielt: Venceréis pero no convenceréis: Ihr werdet siegen, aber ihr werdet nicht überzeugen.
Sogar Künstler wie Goya oder der eingangs schon erwähnte Pablo Picasso finden Platz in dieser Künstlerschau zu Zeiten des Bürgerkriegs, das eindrücklich zeigt, wie die Kunst und ihre Schöpfer*innen zu Kriegszielen wurden, die sich keine Neutralität leisten konnten oder wollten.
Mal wieder Thomas Mann
Da erweist sich nur DIE Stimme des guten Deutschlands als fast überflüssige Figur in diesem Kosmos, die sich zur Zeit des Ausbruchs des Spanischen Bürgerkriegs auf neutralem Boden befindet, genauer gesagt im schweizerischen Küsnacht.
Dort hat Thomas Mann sein Exil bezogen und erfährt aus der Ferne von den blutigen Ereignissen in Spanien. Immer wieder wird Ingendaay Thomas Mann über die folgenden vier Jahre in seine erzählerische Schaltkonferenz miteinbeziehen und seine Beschäftigung mit den Neuigkeiten aus dem Krieg schildern.
Nach einer Übersättigung an Mann-Biografien (Illies, Lahme, Wißkirchen, Holzer, Breloer, Mittelmeier, etc.) im vergangenen Jahr ist man den biografischen Schilderungen und der Tagebucharbeit doch etwas überdrüssig geworden. Noch einmal Mann im Exil, noch einmal das Kreisen um sich und das Bedenken der Weltlage mit politischer Sensibilität — das ist nicht verkehrt, hätte aber auch im Fall einer Weglassung nicht unbedingt gefehlt.
Fazit
Kann man über eine solche Rahmung wie auch den Untertitel des Buchs natürlich trefflich diskutieren, ist Paul Ingendaays Buch aber im Ganzen eine mehr als lohnenswerte Lektüre, die zugleich eine historische Geschichtsstunde, die Erinnerung an ein hierzulande recht schmählich behandeltes Thema, eine Einführung in die spanische (Kultur)Geschichte des 20. Jahrhunderts und ein eindrucksvolles Porträt von Künstler*innen ist, die mal zu Opfern, mal zu Protagonisten in einem Krieg wurden, dessen Schrecken dieses Buch wieder in Erinnerung ruft.
- Paul Ingendaay – Entscheidung in Spanien: der große Kampf der Literatur 1936 – 1939
- ISBN 978-3-406-84363-1 (C. H. Beck)
- 352 Seiten. Preis: 28,00 €
Titelbild von Jules Verne Times Two / www.julesvernex2.com, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=149356484
