Anne Serre – Die Gouvernanten

Ein Herrenhaus und dessen illustre Bewohnerinnen, Die Gouvernanten, sie stehen im Mittelpunkt von Anne Serres kurzem, aber eindrücklichen Text, der sich irgendwo zwischen Märchen, Erotik und schwebend feministischer Fantasie verortet.


Da ist dieses Herrenhaus, das wie einem Märchen entsprungen scheint. Hinter einem abgeschlossenen Zaun liegt es, eine Allee führt zum Haus, Wiesen, Wälder, ein Park und ein Teich umgeben das Heim, das etwas der Zeit Enthobenes versprüht. Und auch seine Bewohner wandeln auf dem Grat zwischen Traumwelt und Wirklichkeit.

Die Gouvernanten im Herrenhaus

Denn neben einer ganzen Riege von Kindern und den Hausherren, dem Ehepaar Austeur, sind es vor allem die Gouvernanten, die in Anne Serres Roman im Mittelpunkt stehen. Mal gelb, mal rot gekleidet, geistern sie im Haus und der Umgebung umher und erweisen sich als wahre Sirenen. Ab und an erliegt ein Mann den Reizen der drei Frauen Laura, Éléonore und Inès und kann dem Locken nicht widerstehen. Wie eine Fliege, die sich zu nah an eine fleischfressende Pflanze heranwagt, so klappt dann auch das Tor hinter dem Fremden zu, der von den drei Frauen in einem Akt der Wollust dann – metaphorisch gesprochen – ebenso verschlungen wird wie die Fliege von der fleischfressenden Pflanze.

Heute Abend kommt Inès. Sie werden eine Patience legen. Sie werden über Männer reden. Und morgen, in einem Monat, in einem Jahr vielleicht wird ein anderer Fremder in ihre Sphäre treten, in diese nachtsüße Falle hinter dem goldenen Tor, das sich plötzlich wie durch Zauberhand auftut.

Anne Serre – Die Gouvernanten, S. 23

Von Fasan in Aspik und manchmal von Männern ernähren sich die Gouvernanten, wie es an einer Stelle des Romans heißt. Das tun sich auch zur großen Freude des gegenüber des Herrenhaus wohnenden Alten. Dieser beobachtet das wollüstigen Treiben der Frauen im Park dort durch sein Fernrohr aus dem Haus gegenüber und sinkt abends beglückt ins Bett danieder, wenn sich die Gouvernanten wieder einmal ganz schambefreit im Garten vergnügt haben.

Tun und Treiben rund um das Herrenhaus

Anne Serre - Die Gouvernanten (Cover)

Ähnlich wie der Alte dürfen auch wir über ein Jahr lang das Tun und Treiben dort rund um das Herrenhaus verfolgen. Anne Serre gesteht uns weit über den anfänglichen Sommer hinaus zu, Gast dort zu sein und das Miteinander der Gouvernanten sowie des übrigen Romanpersonals zu verfolgen.

Der Winter kommt, die Frauen verwandeln sich, es gibt einen Empfang und es kommt sogar zu einer Geburt – aber so etwas wie ein „normales“ Leben kommt für die Gouvernanten nicht in Frage. Sie leben ein Leben, das von ihrem Begehren und dem Gang der Natur gesteuert wird, nicht von den Regeln einer Gesellschaft, die in Anne Serres Buch sowieso mit Abwesenheit glänzt.

Vielmehr konzentriert sich die französische Autorin auf die atmosphärischen Schilderungen des verzauberten Anwesens, dessen genaue Verortung zeitlich und räumlich unterbleibt. Vielmehr zeigt sie die Gouvernanten als irgendwo zwischen Sirenen, Hekaten, Erinnyen und Evelyn de Morgans berühmten Gemälde The Sea Maidens. Mal schrumpfen sie, mal scheinen sie älter, dann wieder jünger. Sie entziehen sich einer eindeutigen Bestimmung – ebenso wie Anne Serres Roman selbst.

Ein Roman, der sich einer Einordnung entzieht

Wollte man den mit nicht einmal hundert Seiten recht knappen, aber umso eindrücklicheren Text in ein klares Genre pressen, stellt sich dieses Unterfangen als schwierige Aufgabe heraus. Das hedonistische und selbstbestimmte Leben der Frauen dort lässt sich als feministische Utopie ebenso wie als modernes Märchen deuten. Die Stimmung und Setzung dort im Haus sortieren sich irgendwo zwischen Neo-Romantik und Nicholson Bakers Das Haus der Löcher ein. Der Eros ist stets zugegen, der Leser, er ist ratlos – und folgt doch gebannt dem Treiben dort.

Patricia Klobusiczky übertrug diesen Text ebenso wie den ersten, ebenfalls im Berenberg-Verlag erschienen Roman Im Herzen eines goldenen Sommers aus dem Französischen ins Deutsche. Prickelnd, märchenhaft, feministisch, erotisch und mit einem starken naturrealistischen Einschlag kommt dieses kleine Buch daher – davon kann man sich gerne auch einmal verschlingen lassen!


  • Anne Serre – Die Gouvernanten
  • Aus dem Französischen von Patricia Klobusiczky
  • ISBN 978-3-949203-67-1 (Berenberg)
  • 96 Seiten. Preis: 22,00 €
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