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Christina Walker – Verteidigung eines Gartens

Mit ihrem neuen Roman Verteidigung eines Gartens arbeitet Christina Walker weiter an ihrem Ruf als literarische Spezialistin für besondere Wohnverhältnisse. Sie erzählt von einer Frau, die durch den Rückzug in eine Gartenlaube Raum finden will, um sich neu zu sortieren. Doch dieser Raum ist in vielfältiger Hinsicht bedroht.


Schrebergarten, Gartenlaube, Laubenpieper. Es schwingt etwas Niedlich-Romantisches in all diesen Begriffen mit, die eines der größten Hobbys der Deutschen beschreiben. Knapp 900.000 Schrebergärten gibt es in Deutschland. Es sind Orte, die ihren Besitzern Gärtnern und Auszeiten im Grünen verheißen. Ein reiner Garten Eden, bar jeder Einschränkung oder Reglementierung, ist aber selbst ein Kleingarten in Deutschland natürlich nicht, so will es das Bundeskleingartengesetz.

Dieses dient als Grundlage für die jeweiligen Verordnungen und Satzungen in den Kleingärten, die von den Obmännern und Obfrauen vor Ort auf ihre Einhaltung kontrolliert werden sollen. Eine wichtiger Grundsatz des Gesetzes ist es, dass dieses das Wohnen im eigenen Kleingarten untersagt. Einzelne Übernachtungen gestattet die Gesetzgebung, alles darüber Hinausreichende ist aber verboten.

Marianne Roth, der zentralen Figur in Christina Walkers neuem Roman Verteidigung eines Gartens, ist diese Gesetzgebung aber herzlich egal. Sie hat schließlich ganz andere Probleme. Ihr Mann ist bei einem Autounfall verstorben. Hinterlassen hat er ihr nur Schulden, denn ohne das Wissen seiner Frau hat er Hypotheken auf sein Haus und die darin beheimatete Bäckerei aufgenommen – und diese verspielt.

Rückzug in den Schrebergarten

So kommt es nun zum notgedrungenen Auszug Mariannes aus ihrer eigenen Immobilie – und dem Aufbruch nach Neu-Amerika. Dieses befindet sich aber keinesfalls kontinentenweit von ihrer alten Wohnung entfernt, sondern lediglich außerhalb der namenlosen Stadt an einem Fluss mit Wehr. Es handelt sich nämlich um eine Kleingartenkolonie, in der die Witwe nun die Hütte ihres verstorbenen Mannes bezieht.

Aus ähnlichen Gründen nannte Marianne ihre Unterkunft nicht „Hütte“, sondern „Gartenhaus“ und in besser aufgelegten Momenten manchmal sogar „Kabine“. Das kleine, aber solide Gebäude im Blockhausstil war nicht billig gewesen, zumindest das hatte Carl zugegeben. Marianne hatte nicht weiter nachgefragt, weil dabei meistens nichts herauskam,

Christina Walker – Verteidigung eines Gartens, S. 9

Ihren Verstoß gegen das Bundeskleingartengesetz beäugt der Schrebergarten-Obmann Herr Gregor skeptisch, allein ist Marianne mit ihrer undogmatischen Wohnortwahl aber nicht. Auch andere Parzellen sind illegalerweise dauerhaft durch Personen belegt, die aus ganz unterschiedlichen Gründen dort in Neu-Amerika einen Rückzugsort für sich gefunden haben.

Eine Frau, eine Parzelle, ein neues Leben

Christina Walker - Verteidigung eines Gartens (Cover)

Marianne befindet sich dabei nicht nur im Roman in guter Gesellschaft, auch werkübergreifend findet die Witwe Verbündete. Denn schon in ihrem Romanen Auto (2021) und Kleine Schule des Fliegens (2023) standen bei Walker Figuren im Mittelpunkt, die ihr Leben auf kleinstem Raum führen wollten.
So erzählte sie in ihrem Debüt von einem Buchhandelsvertreter, der fortan im stillgelegten Mercedes vor seinem Haus wohnen wollte und im zwei Jahre danach erschienenen Roman war es dann ein rekonvaleszenter Krebs-Patient, der seine eigenen vier Wände nicht verlassen sollte, um angesichts seines fragilen Gesundheitszustandes Ansteckungen zu vermeiden.

Dieses Motiv führt die Vorarlbergerin auch in diesem Roman nun fort, weitet es aber zugleich, indem sie um Marianne herum ein ganzes Ensemble von Figuren stellt, das eine vollumfänglichen Rückzug von der Welt verhindert. Denn nicht nur, dass das Arbeitsamt auf eine richtige Meldeadresse von Marianne dringt, auch sucht ihre ehemalige Nachbarin Grete den Kontakt zu Marianne. Und dann ist da noch die ebenfalls regelmäßig in den Schrebergarten zurückkehrenden junge Didi, die vor häuslicher Gewalt und schulischer Ausgrenzung immer wieder nach Neu-Amerika flieht.

So ist dieser Roman der bislang „offenste“, der Marianne aus der armseligen Beengtheit ihrer Laube immer wieder in die große Welt entlässt, in der Walkers Figuren zwischen Schulfluren, den Regalen eines Supermarkts und Angelausflügen umherirren.

Fazit

Die Verteidigung eines Gartens vermeidet es, den Schrebergarten als idyllischen Ort der Selbstverwirklichung zu verklären, im Gegenteil: die Kleingärten von Neu-Amerika lassen jede Idylle vermissen. Immer wieder stolpern die Laubenpieper über Tierkadaver und Knochen, die herbstlich-graue Welt drückt Flora und Fauna darnieder.
Das Refugium vor den Toren der Stadt ist von Natur und Bürokratie bedroht, Marianne versucht unter dem Radar zu bleiben und ist doch immer wieder gezwungen, es mit der Welt da draußen aufzunehmen, Gewalt in Beziehungen ist ebenso ein Thema des Romans wie auch der genaue Blick auf die Schilderung von Armut und den Versuch, diese zu überspielen.

All das macht aus Die Verteidigung eines Gartens eine durchaus herbe Angelegenheit, der trotz Christina Walkers werkimmanenten Thema der Selbstisolation diesmal so stark wie nie zuvor auch in die Leben ihrer anderen Figuren blickt. Sie alle umranken Mariannes neue Existenz in Neu-Amerika allesamt so verschlungen, wie es die Bohnen in ihrer Parzelle dort in Neu-Amerika tun.


  • Christina Walker – Verteidigung eines Gartens
  • ISBN 978-3-7017-1828-3 (Residenz-Verlag)
  • 296 Seiten. Preis: 26,00 €

Daisy Hildyard – Notstand

Vom Steinbruch bis zum versunkenen Bullen im Moor. Daisy Hildyards Erzählerin unternimmt im Roman Notstand eine genaue Vermessung der Natur in ihrer Umgebung – und ihrer eigenen Erinnerungen, in denen die Flora und Fauna stets präsent war. Damit gelingt der britischen Autorin ein Brückenschlag von der seelischen Introspektion zum Nature Writing.


Kommt jetzt der Boome der Corona-Romane? Diese Frage trieb die Literaturkritik zu Beginn der Pandemie 2020 um. Doch während Autorinnen und Autoren ihre Protagonist*innen in Romanen mal beherzter, mal etwas scheu zur Maske greifen ließen, blieb die große Spiegelung der Krise in den Romanen aus.

Zwar gab es einige Schreibende, die die Shutdowns zur Verwirklichung eigener Romanprojekten nutzten, auch eröffneten sich durch technische Innovationen für einige Autor*innen neue Möglichkeite, so zum Beispiel für Helga Schubert, die aufgrund der Pflege ihres Mannes in Präsenz normalerweise nicht beim Bachmannwettbewerb in Klagenfurt hätte teilnehmen können, durch die digitale Zuschaltung aber auftreten und später den prestigeträchtigen Wettbewerb sogar gewinnen konnte. Der große Boom der Romane, in denen die Corona-Pandemie und ihre Folgen verhandelt wurde, er blieb aber weitestgehend aus.

Ein Roman unter Eindruck der Pandemie

Nachgereicht erreicht uns jetzt mit Daisy Hildyards Notstand aber ein Roman, der im Original 2022 erschien und der ganz unter den Eindrücken der Pandemie und der Isolation steht. Von Esther Kinsky ins Deutsche übertragen kann man zwei Jahre später nun noch einmal direkt eintauchen in die Welt, die damals infolge der Shutdowns stillzustehen schien, in der man Sozialkontakte auf das Notwendigste reduzierte und die eigenen vier Wände zur Welt wurden, in der man sich überwiegend aufhielt,

Daisy Hildyard - Notstand (Cover)

Wie vielen von uns damals geht es auch der Erzählerin in Hildyards Roman. Sanft hineingetupft in diesen Text tauchen immer wieder Insignien der damaligen Zeit wie etwa die Maske oder das Nachdenken über dieses unsichtbare Virus, dessen Wirkung aber so verheerend war. Die nun aufgrund des virulenten Notstands plötzlich zur Verfügung stehende Zeit, die man mit Betrachtungen der Außenwelt verbringt und die Nachbarn nur aus der Distanz heraus betrachtet, all das kennt man noch aus der eigenen Coronazeit- obschon sie nun zwei Jahre nach dem Erscheinen von Notstand im Original schon wieder ein ganzes Stück weit weg erscheint.

Wäre eine Beschreibung der damaligen Zustände alleine wohl auch angesichts der Erfahrungshorizonte der Lesenden recht redundant und nicht sonderlich spannend, bekommt Notstand durch seine zweite, zentrale Ebene eine ganz eigene Qualität. Denn Hildyards Erzählerin nutzt die Zeit für Spaziergänge durch die Natur in ihrerm nordenglischen Dorf – und spaziert in mindestens gleichem Maße auch in den eigenen Erinnerungen umher. Ähnlich wie beispielsweise in Mathias Enards Roman Kompass verschränkt sich auch hier eine quasi statische Außenhandlung mit einem Reichtum an Erinnerung und Beobachtung.

Ein genauer Blick auf Flora und Fauna

Die Faszination der Erzählerin für das Leben im benachbarten Bauernhof, ihr genauer Blick etwa auf das Schlüpfen von Schmetterlingslarven, die Aufzucht eines Wurfs Füchse durch die Mutter oder das Sozialverhalten einzelner Kühe, in Hildyards Roman nimmt das einen großen Raum ein. So entsteht über die Erinnerung und die Betrachtung ein Abbild dieser Welt, die im normalen Trott des Alltags den meisten Menschen verborgen bleibt und in der Menschen eigentlich eh nur stören oder mit ihrem rücksichtslosen Verhalten für eine weitere Zerstörung dieser eh schon schwindenden Lebensräume sorgen.

Mit Esther Kinsky hat der Text auch die richtige, da sprachmächtige und auf dem Feld des Nature Writings vielfach beschlagene Übersetzerin erhalten, die mit ihrem ebenfalls bei Suhrkamp erschienen Roman Rombo wie auch hier unter Beweis stellt, welches sprachliche Repertoire ihr zur Verfügung steht, um der Natur im Anthropozän möglichst viele Facetten abzuringen.

Leider zeigt Hildyards Buch wie schon auch Esther Kinskys eigenes Werk Rombo zuvor aber auch eine zentrale Schwäche auf, die sich im Genre des Nature Writing nicht wirklich vermeiden lässt. Oftmals fehlt es dieser naturnahen Prosa mit ihrer ganzen Fülle an genauen Betrachtungen von Flora und Fauna an innerer Spannung. So reihen sich doch viele Eindrücke und Beschreibungen aneinander, ohne eine nennenswerten dramatischen Bogen zu entfalten, der zum Weiterlesen motiviert.

Nicht vorhandene Spannungsbögen und amorphe Figuren

So sind die Beschreibungen von Turmfalken, weidenden Kühen, Füchsen, Schmetterlingen, dem Vergehen im Steinbruch oder die Arbeitsabläufe am Bauernhof zweifelsohne genau gearbeitet und bestechen durch ihre literarische Präzision, allein: ein nennenswerter Erzählbogen oder gar eine Entwicklung, der das Erzählen oder die Erzählerin unterliegt, das fehlt.

Notstand verzichtet auch in Bezug auf seine Figuren auf so etwas wie Tiefenschärfe und Kontur. Daisy Hildyard gelingt in ihrem Schreiben das Kunststück, trotz einer maximalen Introspektion auch durch die Ich-Perspektive der Erzählerin, diese selbst nur minimal zu gestalten. So verzichtet die britische Autorin nicht nur auf einen Namen ihrer Erzählerin, auch ansonsten bleiben sie und der Rest des im Romans auftauchende Personals amorph und schwer zu greifen. Ihr Aussehen, das soziale Umfeld und ihre Familie, ihr Werdegang, alles das tritt weit hinter ihre Naturbeobachtungen und Erinnerungen zurück.

In dieser Prosa ist der Mensch nur eine Randerscheinung. Vielmehr geht es in Notstand wirklich um die genaue Beobachtung der Umgebung, das Gespür für die Abläufe der Natur und weniger um die Menschen, die die Wahrnehmungen der Erzählerin zumeist eh nur stören.

Fazit

Wer sich an kaum vorhandener Entwicklungen und erzählerischem Vorankommen nicht stört und auf greifbare Figuren in der Handlung eines Buchs gut verzichten kann, der findet in Daisy Hildyards Notstand eine genau beobachtete Vermessung von Natur und Erinnerung und einen sprachmächtigen, von Esther Kinsky fabelhaft ins Deutsche übertragene Betrachtungsrausch, der auch das schwebende Gefühl infolge der pandemiebedingten Isolation und der zeitlichen Entschleunigung großartig in Prosa packt.


  • Daisy Hildyard – Notstand
  • Aus dem Englischen von Esther Kinsky
  • ISBN 978-3-518-43163-4 (Suhrkamp)
  • 237 Seiten. Preis: 25,00 €

Theresia Enzensberger – Auf See

Der Begriff des Neoliberalismus ist längst zur Chiffre eines entmenschlichten Kapitalismus geworden. so kündete gestern die Überschrift eines Gastbeitrags in der SZ, geschrieben vom ehemaligen bayerischen Kultusminister Hans Maier. In diesem ging er in Form einer Rezension des Buchs Liberalismus neu denken der Frage nach, ob die Idee einer freiheitlichen Ordnung überhaupt noch zu retten sei. Liest man Theresia Enzensbergers Neoliberalismus-Allegorie Auf See, so könnte man seine Zweifel an der Bejahung dieser Frage bekommen.


Nicht nur die Ströme der Globalisierung nehmen zu, auch der Gegenstrom des Eigenen, auf Eigenheit Beharrenden gewinnt an Kraft. Anstelle des Gemeinsamen suchen immer mehr Menschen das Unmittelbare, Nächste.

Hans Maier in der SZ Nr. 199 vom 30.08.2022

Dass die Gesellschaft der Singularitäten an Popularität gewinnt, ist freilich keine wirklich neue Beobachtung. Andreas Reckwitz bekam für die Ausarbeitung dieser These schon vor fünf Jahren den Bayerischen Buchpreis zugesprochen. Und tatsächlich stützen ja viele Beobachtungen in jüngster Zeit diese Beobachtung, die Hans Maier in seinem Beitrag artikuliert. Egal ob Autokraten oder America First, in diesen komplizierten Zeiten ist sich oftmals jeder selbst der Nächste und gibt den Einzelinteressen Vorrang vor der Gemeinschaft. Das reicht von Hamsterkäufen bis hin zur Stromversorgung.

Singularitäten allerorten

Auch in Theresia Enzensbergers Roman Auf See ist das nicht anders. Hier lebt die Ich-Erzählerin Yada auf der sogenannten Seestatt, die den sprechenden Projektnamen VINETA trägt, ansonsten aber lange Zeit über abstrakt bleibt.

De Insel kam mir vor wie ein großer Abenteuerspielplatz, die weißen Flächen unserer Behausungen glänzten in der Sonne, und wenn die Leute Fragen hatten, wusste mein Vater, was zu tun war. Ich war gerade mal sieben Jahre alt, deswegen verstand ich nicht genau, was hier eigentlich passierte. Ich wusste nur, dass mein Vater, dieser aufrechte und anständige Mann, uns noch rechtzeitig gerettet hatte, ehe das deutsche Festland im Chaos versunken war.

Theresia Enzensberger – Auf See, S. 12

Das deutsche Festland, es bietet keine Sicherheit mehr, weshalb die schwimmende Burg Seestatt das Refugium für viele Menschen geworden ist, die sich hier isoliert haben. Auf der wabenförmig strukturierten Plattform leben und arbeiten Ingenieure, Arbeiterinnen und viele andere nahezu autark, losgelöst von der übrigen Welt.

Eine isolierte Sektenführerin

Auch Helena, die zweite Hauptfigur im Roman lebt losgelöst von der Welt, lässt sich – ähnlich wie die Seestatt – treiben und trägt schwer an der Bürde einiger Prophezeiungen, die sich als ihr persönlicher Fluch entpuppt haben.

Irgendwo an der albanischen Grenze hatte sie in einem Moment erschöpfter Albernheit zwölf Prophezeiungen gemacht – hauptsächlich politische Ereignisse, wobei auch ein schwerer Sturm und die Ergebnisse eines Fußballspiels dabei gewesen waren. Sie hatte sehr genaue Daten angegeben, eine Tatsache, die sie seither bereute. Dadurch war es nämlich unmöglich geworden, den Leuten glaubhaft zu machen, dass das Eintreten ihrer Vorhersagen REINER ZUFALL war. Sie tat ihr Bestes, verwies immer wieder auf die hohe Wahrscheinlichkeit der angekündigten Ereignisse und darauf, dass sie bei manchen Dingen völlig falschgelegen hatte, aber es hatte keinen Sinn. Sie war und blieb das moderne Orakel.

Theresia Enzensberger – Auf See, S. 27

Ihren Status als Orakel nutzte Helena zur Gründung einer Sekte, an der sie aber das Interesse und inzwischen auch die Deutungshoheit verloren hat. Ein Mitglied drängt an die Macht der Sekte – und Helena ergeht sich in ihrem Phlegma. Malt, wird von Freunden zur Rückkehr als Führungsfigur der Sekte bekniet – und findet einen neuen familiären Anschluss.

Erst spät – aber nicht völlig überraschend – zeigt sich die Verbindung der in der Vergangenheitsform erzählten Passagen von Helena und die Präsens-Schilderungen von Yada, die von ihrem Leben auf der Seestatt erzählt, auf der ihr Vater, die Gründungsfigur, durch Abwesenheit glänzt.

Libertatia, Scientology und Poyais

Zwischen diese beiden Erzählstränge sind zahlreiche Passagen geschoben, die mit Archiv übertitelt sind und die an ein erzählendes Sachbuch erinnern. Darin schildert Enzensberger unter anderem den Mythos der Piratenrepublik Libertatia, das schwimmende Sektenschiff von L. Ron Hubbards Scientology-Sekte oder die Poyais, die Lüge um eine traumhaften Insel durch den schottischen General Gregor McGregor, die viele Menschen ins Unglück stürzte. Schlussendlich verquickt sie diese faktualen Passagen dann auch mit ihrer übrigen Fiktion, in dem sie von der Geschichte des Freihandels dann auf die Geschichte des VINETA-Projekts kommt.

Theresia Enzensberger - Auf See (Cover)

Auch erzählt Enzensberger in einer dieser Archiv-Passagen von der Gründung der Mont Pelerin Society in der Schweiz im Jahr 1947. Diese gilt als eine Art Think Tank, in der hochrangige Denker*innen und Wirtschaftswissenschaftler*innen auf Initiative von Friedrich von Hayeks den modernen Neoliberalismus begründet haben. Hier zeigt sich besonders stark die Idee jenes Neoliberalismus, der auch an vielen anderen Stellen in unterschiedlichen Ausprägungen Auf See durchzieht. Egal ob schwimmendes libertär Kapitalismusprojekt Seestatt mit eigener Währung oder Sekte mit elitärem Verständnis. Überall entkoppeln sich Menschen und Gemeinschaften von der Gesellschaft und der freiheitlichen Ordnung – mit gravierenden Folgen.

Diese theoretischen Aspekte und Gedankenspielereien rund um den Neoliberalismus sind für mich einer der interessanten Aspekte des Buchs, das auf sprachlicher Ebene nicht wirklich überrascht. Ähnlich wie schon Enzensbergers Debüt Blaupause zuvor ist die Prosa nicht wirklich spektakulär oder auch nur irgendwie besonders. Hier wird die Erzählung rund um die beiden unterschiedlichen Frauen in einen recht konventionellen und uniformen Sprachmantel gekleidet. Da nützt es auch nicht viel, wenn eine Figur mit Gendersternchen sprechen darf. Alles klingt hier recht gleich und ist auch in der Figurenzeichnung nicht immer schlüssig oder gar hervorstechend.

Das gesamte Personal bleibt weitestgehend amorph, ohne Tiefe und erfüllt eher eine funktionelle Rolle in dieser Erzählung, als durch gesteigerte Charakterzeichnung zu überzeugen. Hier hätte etwas mehr Neoliberalismus im Sinne von Förderung von selbstbestimmten Individuen mit klarer Sprache und Haltung gutgetan.

Starke Archiv-Passagen

Am stärksten – und nun mag man mich wirklich als literaturkritischen Barbaren schmähen – sind für mich die Sachbuchpassagen des Buchs, die auf den Punkt erzählt sind. Überraschend, präzise, in ihrer thematischen Auswahl überzeugend. Hier überzeugt Theresia Enzensberger dadurch, dass sich diese Wikipedia-artigen Passagen immer wieder auf das Buchgeschehen selbst beziehen und so die fiktionalen Themen mit wirklichen Fakten verbinden.

In diesen Archiven ist für mich Auf See am besten, wenngleich mich die übrige, dystopisch angehauchte Erzählwelt nicht in Gänze für sich einnehmen konnte. Vieles bleibt angedeutet, manches reichlich abstrakt – und gerade das letzte Viertel mit seiner Weitung der Erzählfiguren und der gesamten Welt bleiben für mich hinter den Erwartungen zurück. Andere Autoren wie Roman Ehrlich mit Malé oder Ben Smith mit Dahinter das offene Meer haben gezeigt, wie sich aus ähnlichen klima-dystopischen Erzählanlagen noch etwas mehr herausholen lässt.

Fazit

Hätte Theresia Enzensberger mehr Mut neoliberalen Geist im Sinne von eigenverantwortlichen Figuren und und eigenverantwortlicher Prosa bewiesen, statt jenen Neoliberalismus nur in Sachbuch-Passagen durchzudeklinieren und ihn in der übrigen Prosa zu verstecken, dann wäre das Buch zumindest für mich eindringlicher geworden. So bleibt der Eindruck eines Buchs mit spannenden Ideen, die eine etwas originellere Gestaltung abseits der bekannten Erzählwelten und-muster verdient hätte.


  • Theresia Enzensberger – Auf See
  • ISBN 978-3-446-27397-9 (Hanser)
  • 272 Seiten. Preis: 24,00 €