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Hugo Boris – Die Polizisten

„Ausgerechnet an meinem 69. Geburtstag sind 69 – das war von mir nicht so bestellt – Personen nach Afghanistan zurückgeführt worden. Das liegt weit über dem, was bisher üblich war.“

Horst Seehofer in einer Pressekonferenz am 10.07.2018 in Berlin

Die Reaktionen auf diese völlig unangebrachte Äußerung des Innenminister fielen einhellig aus. Wer sich dergestalt mit unverhohlener Freude über die Abschiebung von Menschen in ein Kriegsland freue,  sei für eine Tätigkeit als Minister kaum geeigne, so der Tenor in der öffentlichen Debatte.

Schnell hatte sich der Diskurs aber von dieser Massenabschiebung und den dahinterstehenden Schicksalen abgewendet. Stattdessen stand einmal mehr Horst Seehofer, seine CSU und das Lavieren der Großen Koalition am Rande der Handlungsunfähigkeit im Mittelpunkt.  Dass einer dieser Afghanen nur  Tage nach dieser Abschiebung Selbstmord beging, alles nur eine Randnotiz im Getöse der ewig perpetuierten Debatten rund um die Flüchtlingspolitik.

Doch was bedeutet eigentlich eine solche Abschiebung? Und was macht das mit den Menschen, die diese durchführen müssen? Darum kreist Hugo Boris‚ Roman Die Polizisten (erschienen im Ullstein-Verlag, übersetzt von Amelie Thoma)

Die Moral in Zeiten der Dilemmata

Im Mittelpunkt stehen in Boris‘ erfreulich konziser und schmaler Erzählung drei Polizist*innen (mit lediglich 192 Seiten könnte man auch von einer Novelle sprechen). Der Fokus liegt dabei auf der Polizistin Virginie, die zusammen mit ihren Kollegen Aristide und Érik zu einem Spezialfall abkommandiert wird. Aus einer Flüchtlingsunterkunft ist ein Tadschike abzuholen, der zu seinem Abschiebeflug transportiert werden muss.

Also machen sich die drei Polizist*innen auf den Weg in die Unterkunft, um den Transport in die Wege zu leiten. Doch dieser Transport wird zu einer Herausforderung für die ethischen Vorstellungen und Werte der drei Beamt*innen, eine Art Lackmustest von Moral und Anstand. Konkret stellt das Buch dabei auch uns Lesern die Frage – welche Wert messen wir heute noch dem Humanismus bei? Sind wir in unserer Gesellschaft diesen Werten noch verpflichtet oder haben wir uns von diesen Werten nicht schon heimlich verabschiedet?

Es ist dieser Kern mit der klassischen Frage „Was würdest du tun?“, der das moralische Dilemma von Die Polizisten bildet. Denn so einfach, wie es scheint, ist die Lage natürlich nicht. Den Tadschiken erwarten in seiner Heimat Folter und Verfolgung, da er als kritischer Journalist unangenehme Wahrheiten zutage gefördert hat. Ein Verfahren, um die Abschiebung zu unterbinden läuft – in den nächsten Tagen steht eine Anhörung des Flüchtlings bevor. Doch dazu sollte es nicht kommen, wenn die drei Polizisten ihren Job machten.

Seine Überzeugungen geraten ins Wanken, aber noch hält er Stand.

Jede Sekunde stirbt ein Mensch. Da geht es ihm wie allen anderen. Ein Henker ist kein Mörder. Dieser Mann hier ist Tadschike, morgen wird es ein Angolaner, Iraker, Afghane, Syrer, Tamile, Kurde oder Senegalese sein. Niemand sagt, dass man gleichgültig sein soll, aber man kann sich auch nicht für das Schickal eines jeden Menschen, dem man begegnet, verantwortlich fühlen. Wieso sollte er diesem mehr Aufmerksamkeit widmen als irgendeinem anderen?

Boris, Hugo: Die Polizisten, S. 115

Man kann den Roman Hugo Boris nicht lesen, ohne an Horst Seehofer und die von ihm gefeierten 69 Abschiebungen oder die Debatte um Samir A. denken. Erstaunlich ist auch, dass Boris‘ Buch bereits 2016 erschien, es aber dank seines Themas und der Umsetzung selbst nach zwei Jahren immer noch seinen deutschen Kolleg*innen um Jahre voraus ist.

Dass die Literatur aus Frankreich ja deutlich näher am Puls der Zeit ist und auch politisch Position bezieht, das habe ich ja schon einmal hier analysiert. Doch erstaunt es immer wieder, dass es erst Literatur aus anderen Ländern braucht, die eine Auseinandersetzung mit Themen ermöglicht, die uns auch hier schon seit Längerem beschäftigen.

Eine Erzählung, auf den Punkt geschrieben

Oftmals befallen mich im Laufe einer Lektüre (aber natürlich nicht nur da) die altbekannten Fragen: muss das jetzt alles so ausgewalzt werden? Könnte man nicht eher auf den Punkt bringen? Warum so umständlich?

Schön dass Hugo Boris nicht in diese Falle tappt, sondern stattdessen auf den Punkt zu erzählen weiß und auf unnötigen erzählerischen Firlefanz verzichtet. Vier Menschen, ein Auto, zwei Stunden – dies ist der Kern seiner Erzählung, das Setting ist rasch aufgebaut. Geradezu kammerspielartig beklemmend erzählt er aus dem Inneren des Autos heraus. Die Einheit von Handlung, Zeit und Ort verlässt er nur, um eine Vorgeschichte um Virginie herum zu erählen. Zwingend gebraucht hätte es den Aufbau dieses zweiten Feldes, das erneut um die Fage von Moral, Ehrlichkeit und Selbstverleugnung kreist, nicht zwingend. Stören tut diese zweite Handlungsebene allerdings auch nicht.

Sprachlich ist Die Polizisten Durchschnittskost – die Stärke liegt vielmehr in dieser so gut gelungenen Reduktion, die nicht nur die Polizisten sondern auch die Leser ins Dilemma stürzt.

Ihr seid vielleicht Arschlöcher“ faucht Érik wütend und haut dabei mit der Faust aufs Lenkrad, um sich Luft zu machen. „Wir sind doch nicht die Schwestern von der Heilsarmee, Herrgott nochmal! Wir sind die Polizei. Die POLIZEI!“

Boris, Hugo: Die Polizisten, S. 133

Doch was bedeutet die Polizei in diesem Falle nach? Willfährige Vollstreckungsgehilfen? Oder Menschen, die die Werte des Humanismus und der Aufklärung noch hochhalten? Wo fängt das Gewissen an, wo hört die Dienstpflicht auf? Es ist eine hochspannende Versuchsanordnung, die Die Polizisten zugrunde liegt.

Man muss die Entscheidungen, die die drei Beamten im Laufe des Buchs treffen, nicht teilen. Glänzend unterhalten und nachdenklich machen darf man sich von dem Buch allerdings in jedem Fall lassen. Eine ganz große Leseempfehlung, die man auch Horst Seehofer auf den Nachttisch drapieren möchte.


Titelbild: Von Tobias M. Eckrich – Piratpix.com, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16892080

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Ferdinand von Schirach – Terror

Der Weichenstellerfall

Der Fall, um den das Theaterstück Terror von Ferdinand von Schirach kreist, ist in der Theorie als sogenannter Weichenstellerfall bekannt. Ein Wagon rast ein abschüssiges Stück Schiene herab und droht in einen vollbesetzten Personenwaggon auf der Strecke aufzufahren. Dutzende Opfer wären die Folge – doch da gibt es eine Weiche, die man umlegen könnte. Am Ende der alternativen Strecke befinden sich allerdings 5 Gleisarbeiter, die man mit der Entscheidung, die Weiche zu stellen, ermorden würde.

Terror von Ferdinand von Schirach
Terror von Ferdinand von Schirach

Genau dieses Dilemma überträgt von Ferdinand von Schirach in seinem Stück nun auf den Bundeswehrpiloten Lars Koch. Dieser hat eine Lufthansa-Maschine abgeschossen, in der 164 Passagiere saßen. Die Maschine befand sich in der Hand eines Geiselnehmers, der drohte das Flugzeug auf die vollbesetzte Allianz-Arena abstürzen zu lassen. 70.000 Opfer wären die Folge gewesen. Lars Koch hat nun den Tod der 164 Fluggäste gegen den von 70.000 Arenabesuchern in Kauf genommen und das Flugzeug gegen die Anordnung seiner Vorgesetzten vom Himmel geholt. In der Folge sitzt er nun auf der Anklagebank und der Leser beziehungsweise der Zuschauer des Theaterstücks befindet über das Urteil. Durfte Koch das Flugzeug abschießen und damit die Verfassung im vorliegenden Einzelfall aushebeln? Oder darf man kein Menschenleben gegen ein anderes aufrechnen? Am Ende entscheidet jeder Betrachter selber.

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