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Julian Barnes – Abschied(e)

Wie geht Abschied? Der britische Schriftsteller Julian Barnes verabschiedet sich mit seinem letzten Werk Abschied(e) von der literarischen Bühne und seinen Leser*innen — und nimmt sie mit in die Welt seiner Gedanken und Reflektionen. Großes Thema, lose Form.


Der Gedanke, der hinter Julian Barnes von ihm selbst als letztes Werk betitelten Abschied(e) steckt, ist ein großer. Wie geht man von der literarischen Bühne ab, wie verabschiedet man sich als Autor von seinem Publikum, wenn man noch selbst in der Lage ist, über den Abschied zu bestimmen?

Berühmt etwa das Beispiel von Jacob Grimm, der zusammen mit seinem Bruder Wilhelm das Grimm’sche Wörterbuch verfasste, in dem sie alle Wörter ihrer Zeit und deren Bedeutungen und Herkunft sammelten und erfassten. Auf der Seite 259 heißt es da in einer Fußnote zur Eintragung des Begriffs Frucht: Mit diesem Worte sollte Jacob Grimm seine Feder von dem Werke leider für immer niederlegen.

Ein selbstbestimmtes letztes Werk

Julian Barnes - Abschied(e) (Cover)

Julian Barnes möchte es da anders machen und selbstbestimmt ein letztes Werk vorlegen, da ihm sein Ende schon vor Augen steht. Myeloproliferative Neoplasie heißt die Diagnose, die er erhalten hat. Ein Art seltener Blutkrebs, zwar behandelbar, aber dennoch letal, sodass ihm noch etwas Zeit gegeben ist, um sich von der Welt zu verabschieden.
Er hat diese Zeit über die letzten drei Jahre hinweg genutzt , um Abschied(e) zu verfassen und zu nehmen.

Sein Buch ist ein Spaziergang durch Erinnerungen, dessen Ausgangspunkt der literarische Versuch eines sogenannten IAMs bildet, eine Involuntarily Autobiographical Memory, also eine unwillkürliche autobiographische Erinnerung, die eine Erinnerungskaskade auslöst.

Ähnlich wie bei seinem Hausheiligen Marcel Proust, bei dem ein in den Tee getunkter Madeleine die von Erinnerungen getriebene Handlung seines Mammutwerks Auf der Suche nach der verlorenen Zeit in Gang setzt, die sich über ganze viereinhalbtausend Seiten erstreckt. Ganz so viele Seiten werden es bei Barnes nicht, ihm genügen 240 Seiten für die Coda seines über vierzig Jahre währenden Karriere als Schriftsteller.

Erinnerungen eines Lebens

Reich an Erinnerungen ist aber auch Barnes Werk. Im leichten Parlando begibt er sich ausgehend von der Theorie der IAM auf eine Erinnerungsreise, die ganz unterschiedliche Themen berührt. Barnes begreift sein Buch nämlich wirklich als Gespräch mit uns als Leser*innen, was er auch so klar formuliert.

Was mich betrifft, ich bin jetzt achtundsiebzig , und dies ist definitiv mein letztes Buch — mein offizieller Abgesang, mein letztes Gespräch mit Ihnen. Dass ich mein letztes Buch in aller Ruhe zu Ende schreibe und dann verstumme, hat zumindest eine nützliche Folge: Es bedeutet, dass man nicht mitten im Schreiben — wie Brian Moore fürchtete — unterbrochen wird. So spricht man dem Tod seine Handlungsmacht ab. Wenn auch, zugegeben, in sehr bescheidenem Maße.

Julian Barnes – Abschied(e), S. 229

Möchte man kritikasterhaft sein, könnte man sagen, dass Barnes‘ Werk wirklich das Gespräch mit einem älteren Herrn ist. Seine Erinnerungen kreisen um die alterstypischen Themen Krankheit, Tod und die hell glänzenden Erinnerungen der eigenen Jugend, hier in Form der Studienjahre des Erzählers in Oxford, als auch einmal ein Mädchen im Zimmerspind versteckt wurde und die olfaktorischen Spuren von deren Anwesenheit mit fleißigen Rauchen überdeckt wurden, um die Nase des Zimmerinspekteurs auf eine falsche Fährte zu locken.

Ein Gespräch mit Julian Barnes

Nun hat man aber das Glück, dass Julian Barnes der Gegenüber in diesem Gespräch ist. Denn das, was leicht in eine peinliche oder larmoyante Beschwörung der eigenen Jugend und der Hinfälligkeit hätte werden können, ist in der Realität eine durchaus charmantes Unterfangen, das von Barnes Distinguiertheit und feinem, britischen Witz getragen ist.

Egal ob Krankenhausaufenthalt zu Coronazeit, bei der Barnes als berühmter Schriftsteller erkannt wird, oder die Geschichte seiner guten Freunde, für die er gleich zwei Mal im Leben zum Beziehungsstifter wird, immer liegt über allem ein augenzwinkernder Ton, der mal wehmütiger und mal heiterer ist.

Was Abschied(e) fehlt, ist ein roter Faden. Ein wenig arg unbehauen stehen die Themen hier nebeneinander. Jugend in Oxford, der um ihn herum wegsterbende Freundeskreis von Intellektuellen wie Martin Amis oder Christopher Hitchens, der Verlust seiner Frau und die eigene Diagnose über den nahenden Tod. Immer wieder springt Barnes in seiner Erinnerungskaskade hin und her, ergeht sich in Gedanken, literarischen Betrachtungen oder biografischen Splittern.
Auch ist der Text durchwirkt von Zitaten, die von Goethe über den ebenschon erwähnten Marcel Proust bis hin zu George Sand reichen.

Fazit

So entzieht sich sein Text auch einer klaren Zuordnung. Ist es Autofiktion, ein Memoir, literarische Meditation oder in seiner Vielgestaltigkeit etwas womöglich ganz anderes? Abschied(e) lässt Fragen offen, womöglich sogar die, ob es sich hier um Julian Barnes wirklich letztes Werk handelt.

Ich würde es dem mittlerweile achtzig Jahre alten Schriftsteller auf alle Fälle wünschen, damit es ihm dann wirklich nicht so geht wie Jacob Grimm und dessen Feder, die ihm noch vor der Vollendung seines Lebenswerks aus der Hand fiel. Ein interessanter Schlusspunkt ist hier auf alle Fälle gefunden.


  • Julian Barnes – Abschied(e)
  • Aus dem Englischen von Gertraude Krueger
  • ISBN 978-3-462-00919-4
  • 240 Seiten. Preis: 23,00 €

Christina Walker – Kleine Schule des Fliegens

Ein rekonvaleszenter Mann, der eine Wohnung hütet. Im Geäst der Platane vor dem Haus: jede Menge Krähe, die sich als resilienter erweisen, als angenommen. Und über allem die große Frage, was das über unsere Gesellschaft aussagt. Christina Walker mit ihrem zweiten Roman Kleine Schule des Fliegens.


Schon in ihrem ersten Roman Auto erwies sich die in Bregenz geborene und in Augsburg lebende Autorin als Spezialistin für den kleinen Raum. Damals setzte sie einen Vertreter namens Busch ins Auto, das allerdings nirgendwo hinfuhr, sondern stattdessen im Hof parkte und zum Lebensmittelpunkt des Mannes wurde, der beschlossen hatte, aus dem Hamsterrad des täglichen Dauerlaufs aus- und ins parkende Auto einzusteigen.

Und auch in Walkers zweitem Roman taucht jetzt wieder ein Mann auf, der in einem Auto zu wohnen scheint und als Hobbyornithologe die Krähen im Geäst einer Platane beobachtet. Er ist allerdings diesmal nur eine Nebenfigur in einer Geschichte, die um einen anderen Mann kreist, der sich ebenfalls auf kleinen Raum beschränken muss. Alexander Höch ist der Name des Mannes, der sich in Isolation befindet und der die vier Wände eigentlich nicht verlassen soll.

Das bodentiefe Fenster zum Hof

Christina Walker - Kleine Schule des Fliegens (Cover)

Nach einer anstrengenden Krebsbehandlung und einer im eigentlichen Haus anstehenden Renovierung hat er die Wohnung seines Bruders als Quartier bezogen. Seine Frau Eva beaufsichtigt die Handwerker daheim, die Tochter Lilly ist in Frankreich auf Reisen und so kann sich Höch dort abgeschieden von seiner Familie auf die Gesundung nach der Chemotherapie besinnen.

Den Schutzraum der Wohnung sollte er in seinem rekonvaleszenten Zustand am besten nicht verlassen – und wenn dann am besten mit Maske und minimalem Fremdkontakt. Unterstützung erhält er im Alltag von einer Bekannten seines Bruders namens Melitta Miller, die nach ihm sieht, Besorgungen für den Alltag abnimmt und ihm auch einmal ein Essen in die Mikrowelle stellt.

So notwendige die Isolation für den Gesundungsprozess auch ist – besonders inspirierend ist sie doch nicht. Und so vertreibt sich Höch die Tage neben dem Notat flüchtiger Einfälle und Wortspielereien vor allem mit dem Beobachten des Wohnungsumfeldes. Durch das bodentiefe Fenster seiner temporären Wohnstatt beobachtet er den Hof und die Straße. Es ist neben dem angrenzenden Altenheim besonders die Platane, die vor dem Haus wächst, die ihm viel Unterhaltung bietet. Denn darin brüten Krähen. Ist es zunächst nur ein einzelnes Paar, so werden es schnell immer mehr Saatkrähen, die sich dort im Geäst niederlassen.

Kräh-Silienz

Während Altenheimbewohner*innen die Vögel anfüttern, erwächst auf der anderen Seite auch der Widerstand gegen die Rabenvögel. Lärm, Dreck und die Aussicht auf eine lange Koexistenz befeuern den Widerstand gegen die Tiere, der vor allem von Melitta Miller angeführt wird. So findet Höch eines Morgens einen Revolver auf dem Tisch der von ihm gehüteten Wohnung vor. Nur eine der zahlreichen Maßnahmen, mit denen die Anwohner*innen versuchen, die Krähen zu vergrämen.

Doch dass Ultraschall, Blinker und Ballons keine große Wirkung in Sachen Vergrämung zeigen, das liegt neben der Resilienz der Krähen auch an Höch, der die Maßnahmen immer wieder sabotiert und die Ergebnisse seiner Sabotagen in der unbenutzten Hälfte des Bettes sammelt.

Es sind aber nicht nur Dinge und Fundstücke, die Höch sammelt. Auch Erinnerungen sind mit den Funden verknüpft. So bringt etwa die Pfeilspitze, die für das Ende des Krähenschreckballons im Baum sorgte, Erinnerungen an die eigene Kindheit und das damit verbundene Indianer-Spielen zurück. Flashbacks an die Zeit im Krankenhaus, die Krankenschwester und seinen Mitbewohner, all das durchdringt immer wieder Höchs Gedanken und auch seinen Alltag.

Ein Text mit mehreren Ebenen

Christina Walker hat einen Roman geschrieben, der auf den ersten Blick recht einfach wirkt. Ein Mann hütet nach überstandenen Krebserkrankung ein fremdes Zuhause und ergreift Partei für die Krähen, die von anderen vertrieben werden wollen. Doch wie schon in Walkers Debüt zeigt sich auch, dass hinter der der vordergründigen Erzählebene eine zweite Erzählebene wartet, die eine hermeneutische Ausdeutung erlaubt, die Walker den Lesenden deutlich nahelegt.

Man kann Sätze wie diesen gar nicht ohne Bezug auf die Gegenwart lesen, etwa wenn debattierende Passanten auf der Straße angesichts der Krähenkolonie bemerken:

„Das ist eine der schönsten Straßen der Stadt“, sagte die Frau mit den kurzen blonden Haaren, „eine Krähenkolonie hat hier einfach keinen Platz“

Christina Walker – Kleine Schule des Fliegens, S. 30

Melitta Miller kippt in der Wahrnehmung von der umsorgenden Alltagsstütze zur schäumenden Wutbürgerin, wenn sie auf Höch eindringt:

(…) Und denken sie dran. Wir tun das für die gesamte Straße. Für unser aller Ruhe und Sauberkeit. Die Krähenabwehr ist ein sozialer Akt.“

„Die Vögel erscheinen mir auch sozial“ äußerte ich unbedacht.

Melitta Miller zog hörbar Luft ein. „Das ist Sabotage, zischte sie leise. Sie wisse sehr wohl, dass jemand die Krähen füttere. Natürlich funktioniere so keine Vergrämung, wenn zugleich angefüttert werde. Das spreche sich darüber hinaus noch herum, sogar bei standortfernen Vögeln. „Bald haben wir sie alle hier“, sagte Melitta Miller leise und eindringlich. Die ganze Population aus dieser Gegend, eine große, schwarze Kolonie. Wollen Sie das? Wir wollten es doch vermeiden, scharf zu schießen.“

Christina Walker – Kleine Schule des Fliegens, S. 89

Nein, die große schwarze Kolonie, sie soll bleiben, wo sie bislang war. Dass dieses Verhalten Erinnerungen der nebenan wohnenden Altenheimbewohner*innen an ähnliche Ausgrenzungen erinnert, das macht Christina Walker recht deutlich, indem eine Seniorin im Gespräch mit Höch Erinnerungen an ihr eigenes Ankommen damals in der Stadt und die Abschiebung in ärmliche Baracken außerhalb der etablierten Wohnordnung wachruft.

Fazit

Kleine Schule des Fliegens ist ein Text, der Verdrängungsmechanismen, Angst und Vorbehalte schildert, die sich nahezu deckungsgleich von der Tierwelt auf unsere heutigen Diskurse rund um den Umgang mit Zuwanderung, Geflüchteten etc. übertragen lassen. Die Angst vor Überfremdung, Abwehrreflexe, einfache Parolen und das Schwinden des Mitgefühls für das Schicksal anderer. All das sind Themen, die diesem Text tief eingeschrieben sind und die die zweite Ebene des Romans ausmachen.

Christina Walker gelingt hier ein doppeldeutiger Text, der einen Gesundungsprozess beschreibt und der einen Menschen zeigt, dessen Empathie und Gefühle noch nicht verschwunden sind. Tod, Verlust, aber auch Hoffnung und das Gefühl, nicht alleine zu sein – all das steckt in Kleine Schule des Fliegens!


  • Christina Walker – Kleine Schule des Fliegens
  • ISBN 978-3-99200-342-6 (Braumüller)
  • 208 Seiten. Preis: 22,00 €

Anthony Trollope – Weihnachten auf Thompson Hall

Wenn ein Senfwickel das ganze Weihnachtsfest in Gefahr bringen kann. Davon erzählt Anthony Trollope in seiner Geschichte Weihnachten auf Thompson Hall und legt damit seinen Fokus weniger auf das Weihnachtsfest selbst, als vielmehr auf den Anreisestress, der sich manchmal aus unvorhergesehenen Ereignissen entwickeln kann, wie Trollopes nostalgische Erzählung beweist.


Auch wenn es Chris Rea gelungen ist, die weihnachtliche Heimreise in den Schoß der Familie mit seinem Evergreen Driving home for christmas zu romantisieren und zu verklären, so sieht die Realität doch meistens anders aus. Vollgepackte Autos, Staus auf der Autobahn, ausfallende Züge und viel Hektik, die solch eine Anreise begleiten. Bei Mr. und Mrs. Brown in Anthony Trollopes Erzählung Weihnachten auf Thompson Hall ist das nicht anders.

Thompson Hall war ein altes Herrenhaus, ein Backsteingemäuer mit einer Kiesauffahrt, das hinter einem riesigen Eisentor lag. Es hatte schon dort gestanden, als Stratford noch keine Stadt oder auch nur ein Vorort gewesen war, und hieß damals Bow Place. Doch seit dreißig Jahren war es im Besitz der jetzigen Familie und weit und breit unter dem Namen Thompson Hall bekannt – ein gemütliches, geräumiges, altmodisches Haus, vielleicht ein bisschen dunkel und langweilig anzusehen, aber viel gediegener gebaut als die meisten unserer modernen Villen.

Anthony Trollope – Weihnachten auf Thompson Hall, S. 80

Dorthin nach Thompson Hall zieht es vor allem Mrs. Brown in Trollopes Geschichte. Sie entstammt der Familie, in deren Besitz das Anwesen ist – und nun, nach Jahren der Abwesenheit, möchte sie dort zusammen mit ihrem Mann wieder einmal das Weihnachtsfest im Schoß der Familie begehen.

Der eingebildete (?) Kranke

Anthony Trollope - Weihnachten auf Thompson Hall (Cover)

Ihr Mann, seit der Hochzeit mit Mrs. Brown aller materiellen Sorgen und der Erwerbstätigkeit enthoben, hat darauf allerdings so gar keine Lust. Bislang verbrachte er als Anhängsel seiner Frau die Winter immer in Südfrankreich, womit er sich sehr gut arrangiert hat. Doch nun soll es wieder Weihnachten auf Thompson Hall sein, und so tritt man in einem Winter des Jahres 187 an (über genauere zeitliche Angaben schweigt sich Trollope aus, genauso wie sein Erzähler für das begüterte Ehepaar nur ein Alias wählt, um von den Begebenheit zu berichten).

Mrs. Brown vorfreudig eilend, ihr Mann eher resignativ bis widerwillig, so geht es gen England. Doch dann kommt es noch weit vor der Überquerung des Ärmelkanals zu einem Zwischenfall im am Boulevard des Italiens gelegenen Grand Hotel. Denn Mr. Brown entwickelt plötzlich ein besorgniserregenden Kratzen im Hals, das ihm eine Weiterfahrt verunmöglicht.

Mrs. Brown beschließt daraufhin, diesem etwas an eine Frühform von Corona erinnernden Krankheitsbild (welches Mr. Brown verdächtig gelegen kommt) mit einem alten Hausrezept zu begegnen. Sie beschließt, den schmerzenden Hals mit einem Senfwickel zu kurieren, den sie auf den Hals ihres zu applizieren beschließt. Doch infolgedessen kommt es zu nächtlichen Unbill im Hotel, als sich die Suche nach einem Senftopf zu weitreichenden Verwicklungen und hochnotpeinlichen Begebenheiten führt, bei der es Mrs. Brown zunehmend schwerfällt, die Contenance zu wahren.

Nostalgisch und altmodisch

Beschreibt Anthony Trollope das Anwesen auf Thompson Hall als altmodisch, so gilt das auch für seine Erzählung, was ich allerdings auf positive Art und Weise verstanden wissen möchte. Denn Weihnachten auf Thompson Hall ist eine Erzählung, die erstmalig 1876 im britischen illustrierten Wochenmagazin The Graphic abgedruckt wurde. Dementsprechend atmet diese Erzählung den Geist, den Serien wie etwa Downton Abbey dieser Tage noch einmal zu reaktivieren versuchen.

Man artikuliert sich vornehm (was in Wahrheit ein ums andere Mal eher umständlich ist), die Krisis von Mrs. Brown ob des nächtlichen Malheurs rund um den Senfwickel und die sich daraus ergebenden Auswirkungen auf die Heimreise nach Thompson Hall werden ausführlich geschildert – und durchaus mit Ironie für den möglicherweise eingebildeten Kranken und das Chaos im Grand Hotel, das mit den heute geläufigen Schlüsselkarten so nicht passiert wäre.

In dieser schönen Ausgabe der Insel-Bücherei wird die von Andrea Ott ins Deutsche übertragene Erzählung um Illustrationen von Irmela Schautz ergänzt, die den etwas steifen Geist des Personals gekonnt in Bilder überführt.

Fazit

Wer sich nun eine nostalgische Erzählung von weihnachtlichen Tafeleien in einem englischen Herrenhaus nach alter Väter Sitte erwartet, der wird hier enttäuscht werden, obgleich das Cover diesen Verdachte nahelegt. Denn das Geschehen auf Thompson Hall ist eher das Ziel, auf das zumindest eine Hälfte des Personals beständig entgegen aller Widerstände hinarbeitet. Vielmehr ist Anthony Trollopes Erzählung eine, die von Irrungen und Wirrungen im Zuge der Weihnachtsreise erzählt, deren hauptsächlicher Schauplatz gar nicht in England, sondern in einem französischen Hotel liegt.

Weihnachten auf Thompson Hall hat Charme, setzt dem Senfwickel ein eindrückliches Denkmal und ist ein vorzügliches Geschenk, das zu Ablenkung bei akut auftretenden Reisestress oder für eine vergnügliche Lektürestunde unter dem Weihnachtsbaum angeraten sei.


  • Anthony Trollope – Weihnachten auf Thompson Hall
  • Aus dem Englischen von Andrea Ott
  • ISBN 978-3-458-19492-7 (Suhrkamp)
  • 96 Seiten. Preis: 14,00 €

Vicente Valero – Krankenbesuche

Die Ferieninsel Ibiza dürften wohl die wenigstens mit dem Topos der Krankheit und des Siechtums in Verbindung bringen. Und doch siedelt der Spanier Vicente Valero seine Erzählung Krankenbesuche auf ebenjener Insel an und erzählt aus Sicht eines zehnjährigen Jungen von den Kranken und verschränkt dabei Kindheit, Sonneninsel und moribundes Siechtum auf überzeugende Art und Weise


Schon seit langem hat sich der kleine Berenberg-Verlag auf die Herausgabe dünner Preziosen spezialisiert, die mal in Chile, mal in Palästina oder in Deutschland spielen, und die meist zumeist ihre Perspektive eint. Oftmals wird aus der Sicht der Unterschätzten, der Kinder und anderen Underdogs erzählt und deren Sicht auf die Welt in den Blick genommen. Krankenbesuche macht da keine Ausnahme

Vicente Valero - Krankenbesuche (Cover)

Hier ist es der namenlose Erzähler, der zurück in sein zehnjähriges Ich schlüpft und von seinem Aufwachsen auf der Sonneninsel Ibiza im Jahr 1973 erzählt. Seine Mutter bestreitet auch nach dem Tod der eigenen Mutter weiterhin viele Krankenbesuche bei Bekannten und nimmt dafür stets den eigenen Sohn mit, den die Zusammenkünfte am Krankenbett oder Nebenzimmer wechselweise anöden und elektrisieren.

Während die Erwachsenen bei Dessertwein und Knabbergebäck palavern und dem eigentlichen Anlass des Besuchs, den Kranken selbst, nicht allzu viel Aufmerksamkeit zukommen lassen, ist der Junge von dieser Welt so manches Mal fasziniert. Ärzte, die mit ihren Doktorenkoffern bei den Kranken die Aufwartung machen und deren Ansehen zwischen Göttern in Weiß und Kurpfuschern schwankt. Und die Patienten selbst, die manchmal eine wundersame Auferstehung feiern – oder aber überraschend schnell aus dem Leben scheiden.

Häuser, Diktatoren, Kranke – alles bröckelt

Die Feuchtigkeit und der Salpeter setzten den Häusern zu, nicht nur im Hafenviertel, sondern auch in der Altstadt, und ebenso im neuen Teil, dessen moderne Gebäude aus schlechtem Material errichtet worden waren. Wir lebten nun einmal mitten im Meer, auf einer Insel, und die Winter dort umhüllten uns mit ihrer salzigen und kalten Luft, ihrer regenschweren Musik, ihren dunklen Nebeln. Wo der Putz abbröckelte, setzte sich der Schimmel fest, und in den Ecken der Zimmerdecken bildeten sich schwärzlich-grüne Flecken, die man für schmutzige verlassene Nester hätte halten können. Wie saurer Schaum drang über Nacht zähflüssig-stockender Salpeter aus den Mauern, als überzöge sich eine Wunde mit Eiter.

Vicente Valero – Krankenbesuche, S. 21

Alles auf dieser Insel ist irgendwie bröckelig. Die Hausmauern und Bauruinen, die vom Meereswind angegriffen werden, der sieche Diktator Franco, dessen starke Hand so stark nicht mehr ist, die Buchseiten, die sich aus dem Büchern lösen – und natürlich die Patientinnen und Patienten in den Krankenbetten.

Vielleicht manchmal etwas überdeutlich

Manchmal vielleicht etwas überdeutlich beschreibt Vicente Valero diese Welt des Zerfalls, der immer und überall auf der Insel ist. Aber es gibt auch Abwechslung vom omnipräsenten Zerfall. Denn die Ankunft einer französischen Familie verheißt dem jungen Erzähler Abwechslung in seinem Lebensrhythmus, der bis hierhin durch Krankenbesuche und Schule strukturiert war.

Guillaume ist mit seiner Schwester und der gesamten Familien aus Toulouse in Frankreich auf die Insel übergesiedelt, wo der Großvater seine letzten Wochen genießen soll. Einst lebte der Großvater mit seiner Familie in hier Spanien, floh dann aber vor dem Krieg nach Frankreich, wohin er nun im Frühjahr des Jahres 1973 zurückkehrt, um als Kranker seinen Lebensabend zu genießen.

Mit Guillaume, aus dem schnell Guillermo werden soll, schließt der Erzähler Freundschaft, erlebt die typischen Kinderabenteuer (Fußball auf Brachflächen, gefährliche Rettung des Spielgeräts) und bekommt es in der Schule mit einem höchst unkonventionellen Lehrer zu tun, der das Leben des Jungen nachhaltig prägt. Doch auch in der Schule sind Krankheit und Tod präsent – und so bleibt das Siechtum ein steter Begleiter auf dem Lebensweg des kindlichen Erzählers.

Ibiza fernab aller Klischees

Mit Krankenbesuche gelingt Vicente Valero ein in sich stimmiges Büchlein über eine Kindheit auf Ibiza, die konsequent alle Klischees meidet. Hier ist nichts mit Cocktails am Meer, Sonnenbrand und Sandstrand, stattdessen besticht das Buch durch einen ungeschönten Blick auf die Insel der Balearen vor allen in den späteren Jahren folgenden Tourismusexzessen.

Vicente Valero erzählt höchst vielfältig vom Siechtum und den manchmaligen Auferstehungen der Kranken konsequent durch die Brille eines Kindes. Wenn man Krankenbesuche liest, fühlt man sich selbst wieder wie ein kleiner Besucher im Krankenzimmer, der vor lauter Beinen der Erwachsenen kaum zum Blick auf den Kranken kommt. Die verwirrenden Rituale der Erwachsenen, die sich nicht immer erschließen, die Freiheiten der eigenen Kindheit und Jugend – und nicht zuletzt das Siechtum und der Tode – es ist alles drin in diesem Buch (übersetzt von Peter Kultzen).

Fazit

Wieder einmal präsentiert der Berenberg-Verlag ein Kunstwerk, das durch Gehalt und Perspektivwahl überzeugt. Nach seinem im vergangenen Jahr erschienen Werk Schachnovellen ist hier wieder ein tolles Buch von Vicente Valero zu entdecken, in dem er zurück ins Jahr 1973 nach Ibiza entführt, ohne zu irgendeinem Zeitpunkt in die Klischeefalle zu tappen. Ein schöner Beitrag aus dem diesjährigen Buchmesse-Gastland Spanien, das vielleicht nicht für den Besuch im Krankenhaus das ideale Mitbringsel ist. Aber für alle anderen Begegnungen mit literarisch Interessierten umso mehr!


  • Vicente Valero – Krankenbesuche
  • Aus dem Spanischen von Peter Kultzen
  • ISBN 978-3-949203-39-8 (Berenberg)
  • 112 Seiten. Preis: 22,00 €

Percival Everett – Erschütterung

Was macht es mit einem, wenn dem eigenen Kind die Diagnose einer tödlichen Krankheit gestellt wird? Percival Everett hat darüber in Erschütterung geschrieben – und ein echtes Highlight in diesem jungen Bücherjahr geschaffen.


Im Mittelpunkt seines Romans steht der Geologieprofessor Zach Wells. Dieser arbeitet am Lehrstuhl seiner Universität und hat sich dem Spezialgebiet der Geologie-Paläobiologie verschrieben. So hält er (nach eigener Einschätzung) im wahrsten Sinne des Wortes knochentrockene Vorlesungen über Sedimentablaberungen und Funde von ausgestorbenen Lebewesen und unternimmt Exkursionen mit seinen Studierenden.

Ich wusste wahnsinnig viel über eine spezielle Höhle namens Naught’s Cave im Grand Canyon und die Vogelwelt, die darin heimisch war. Wie obskur ist das? Nun ja, ich wusste mehr als die meisten Leute. Der Vollständigkeit halber sollte ich darauf hinweisen, dass die meisten Leute über fast alle anderen Dinge mehr wussten als ich.

Percival Everett – Erschütterung, S. 10

Eine Erschütterung des eigenen Lebens

Percival Everett - Erschütterung (Cover)

Privat ist es vordergründig eine Bilderbuchexistenz, die Zach Wells führt. Mit seiner Frau Meg und Tochter Sarah lebt er in Altadena ind Kalifornien, hat sein gesichertes Auskommen und eigentlich keine größeren Sorgen. Zwar ist die Liebe zu seiner Frau längst einer tolerierenden Ko-Existenz gewichen und der große Sinn im Leben fehlt, doch wirkliche Probleme fühlen sich anders an.

Wie, das muss Wells nach einigen beunruhigenden Zwischenfällen erfahren. So übersieht seine junge Tochter im gemeinsamen Schachspiel eine Figur, die deutlich vor ihr steht. Gravierendere Ereignisse folgen. Die Tochter wirkt wie abwesend und hat zwischendurch Anfälle, die sich weder Zach noch seine Frau erklären können. Eine Konsultation bei Ärzten bringt die niederschmetternde Erkenntnis, dass ihre Tochter am Batten-Syndrom leidet. Hierbei handelt es sich um eine unheilbare Krankheit, die mit Erblindung, Verlust von intellektuellen und motorischen Fähigkeiten und Krampfanfällen einhergeht.

Der Verlust von Sicherheit

Die Diagnose erschüttert die zuvor so sicher geglaubte Lebenswelt des Professors und löst ebenjene titelgebende Erschütterung seiner Existenz aus. So überlegt er während einer gemeinsamen Wanderung in den den nahen Bergen:

Wie schon zuvor betrachtete ich meine Tochter von hinten, studierte ihre schreckliche Schönheit, widmete mich meiner schrecklichen Liebe. (…) Ich erinnerte mich an den Augenblick, in dem das geschehen war. Sarah war drei Monate alt, und obwohl ich bei allen mit dem Vatersein verbundenen Ängsten glücklich war, war mir meine Liebe zu meiner Tochter bis zu diesem Tag abstrakt, amorph, distanziert vorgekommen. Ich wischte mir gerade ihren sauren Speichel vom Hemd, als ich in ihr ziemlich ausdrucksloses kleines Gesicht sah, und es war um mich geschehen. Restlos. Vollständig. Unverzeihlich.

Und nun war ich hier auf diesem öden Berg, in diesen Wäldern,und ging ihr hinterher. Falls ein Bär oder ein Puma aus dem Unterholz käme, würde ich ihn mit bloßen Händen töten, um sie zu beschützen. Meine einzige Aufgabe im Leben bestand darin, dieses kleine Tier am Leben zu halten, und das konnte ich nicht. Hinter ihr auf diesem Pfad überlegte ich nicht, dass ich ein guter Vater, ein liebevoller Vater sein, sondern, dass ich weiterhin Vater bleiben wollte.

Percival Everett – Erschütterung, S. 128

Die Rettung in Form einer Jacke

Inmitten dieser Grenzerfahrung findet Zach Wells eher zufällig Ablenkung und neuen Sinn. In einer auf Ebay bestellten Secondhand-Jacke versteckt sich ein kleiner Zettel mit einem spanischsprachigen Hilferuf. Dieser setzt ihn auf die Fährte amerikanischer Nazis, die auf ihren Anteil am Verschwinden junger Frauen im kalifornisch-mexikanischen Grenzland haben. In diesem Hilferuf findet Wells Sinn und Ablenkung und erfährt damit auch einen neuen Weg aus seiner in Routine und Angst erstarrten Welt.

Erschütterung ist das Psychogramm eines mittelalten Akademikers, dessen sicher geglaubte Existenz gehörig ins Wanken gerät. Und während Richard Russo aus dieser Ausgangslage jüngst ein ironisch-heiteres Porträt zauberte, ist die Registerwahl von Percial Everett eine ganz andere.

Eindringlich und literarisch überzeugend

Zwar kann man Erschütterung auch als Campusroman lesen – es sind alle Zutaten vorhanden, inklusive Unibesetzung mitsamt aktueller Rassismus-Debatte. Aber es ist das Privatleben und die Bindung zu seiner Tochter, die in diesem Roman den größten Raum einnimmt. Everett konzentriert sich ganz unmittelbar auf Zach Wells, der als Ich-Erzähler aus seiner kleinen, abgeschlossenen Welt erzählt. Und dennoch findet sich hier bei allem Kokettieren mit der eigenen Belanglosigkeit Tiefe und Wucht, da es Everett hervorragend gelingt, die seelischen Erschütterungen seines Protagonisten zu vermitteln und fühlbar zu machen. Das Ringen mit den eigenen Gefühlen, Tochterliebe, eheliche Erstarrung – all das schildert Percival eindringlich und literarisch überzeugend.

Immer wieder zerteilen kleine Schnipsel wie etwa Schachstellungen oder wissenschaftliche Kurzbeschreibungen die Gedanken und Schilderungen von Zach Wells. Er erzählt von seinem universitären Alltag, den Verlockungen und der Suche nach der Wahrheit hinter dem Hilferuf. All das ist bestechend komponiert und entwickelt wirklich einen Sog, der erst mit der letzten Seite abreißt. Hier ist nichts zuviel, keine Belanglosigkeit oder Geschwätzigkeit. Erschütterung ist das Proträt eines Mannes, der sämtliche Gewissheiten verliert und der dennoch das Richtige tun will. Everett vermisst die Seele seines Helden, die Landschaft im amerikanisch-mexikanischen Grenzgebiet und erzählt daneben auch en passant einen Krimi, der neben der Vielzahl von anderen Romanen mit gleichem Schauplatz bestehen kann.

Fazit

Erschütterung ist ein starker Roman, der von Nikolaus Stingl übersetzt nun bei Hanser erschienen ist. Percival Everett gelingt das eindringliche Bild eines Akademikers, dem seine Gewissheit abhandenkommt und der sich mit einem drohenden Verlust abfinden muss, obwohl er sich doch so bequem in seinem Leben eingerichtet hat. Bestechend erzählt und schon jetzt einer dieser Frühjahrstitel, die man unbedingt auf dem Schirm haben sollte.

Und nicht zuletzt ist dieses Buch auch der rare Fall eines Romans, dessen deutscher Titel deutlich treffender als das amerikanische Original namens Telephone ist.

  • Percival Everett – Erschütterung
  • Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl
  • ISBN 978-3-446-27266-8 (Hanser)
  • 288 Seiten. Preis: 23,00 €