Category Archives: Historischer Roman

Mathias Menegoz – Karpathia

Ein Buch wie aus der Zeit gefallen: zwischen Räuberpistole und k.u.k.-Monarchie beschwört der Franzose Mathias Menegoz noch einmal eine lang vergange Zeit herauf, die doch Schatten auf die Gegenwart wirft. Und er geht der Frage nach, wer in den Karpaten die wirklichen Blutsauger waren.


Die Karpaten: legendenumwobenes Hochgebirge, Heimat von Vlad, dem Pfähler, alias Dracula, Schmelztiegel der verschiedenen Ethnien. In Mathias MenegozKarpathia verschlägt es den jungen Offizier Alexander Korvanyi mit seiner Ehefrau Cara in dieses Gebiet. Seit einem brutalen Massaker an seinen Vorfahren im Jahr 1784 hat keiner der Korvanyis mehr dieses Gebiet betreten – bis jetzt. Denn Alexander Korvanyi hat die Vision, die familiären Güter, Burg inklusive, wieder unter seine Herrschaft zu stellen.

Und so reist das junge Paar im Jahr 1833 aus dem kaiserlichen Wien ab, um in den Karpaten das Glück in die eigene Hand zu nehmen. Ein zuvor stattgefundenes Duell mit tödlichem Ausgang für die Gegenseit macht den Entschluss der beiden noch leichter. Doch so einfach, wie sich die beiden ihr Leben in den Karpaten vorgestellt haben, soll des dann doch nicht werden. Denn die große Armut der Bevölkerung, Leibeigene und verschiedene ethnische Einflüsse machen die Karpaten zum Pulverfass, auf dem nun auch noch ein eigenwilliger und herrischer Lehnsherr namens Korvanyi herumtrampelt.

Der Kampf um die Karpaten

Seine Ländereien, Korvanya genannt, werden von Walachen, Magyaren und Östereicheren bewohnt. Ein explosives Gemisch, dessen Miteinander nur scheinbar funktioniert, denn unter der Oberfläche brodelt es. Und einige der Karpatenbewohner haben ein vitales Interesse daran, für die eigenen Vorteile diese Mischung zur Explosion zu bringen. Ein nervenaufreibender Kampf um die Vorherrschaft der Karpaten beginnt, der sich wie eine Blaupause für andere ethnische Konflikte bis in die Gegenwart hinein liest.

Ambivalent zeigt Matthias Menegoz die Herrschaft des wankelmütigen Alexander Korvanyi über seine Ländereien. Gewollte und ungewollte Provokationen durch den Lehnsherr, große Armut und schwärender Revolutionswillen beim eigenen Volk, militärische Interessen der k.u.k.-Monarchie, die die Karpaten als letzten Außenposten des Reichs gewahrt wissen wollen – irgendwie möchte jeder sein Stück vom Kuchen der Karpaten abhaben. Dass das nicht ohne Folgen bleiben kann, das inszeniert Matthias Menegoz im Stile eines alten Abenteuerromans.

Beginnt alles noch recht überschaubar mit einem Duell, dem die Frage der Ehrverletzung einer jungen Frau vorausgeht, so wird in den Karpaten dann alles recht kompliziert. Lokale Schmuggler, die das Chaos in den karpatischen Bergen wollen, ein Burgherr, der wieder den alten Glanz zurückmöchte, k.u.k-Militärbefehlshaber, lokale Fürsten – wie in einem Historiengemälde malt der Franzose Menegoz sein Bild von skizzenhaften Anfängen ausgehend immer dichter und düsterer.

Herrlich altmodisch

Dabei liest sich Karpathia herrlich altmodisch. Szenen werden detailliert aufgebaut, manchmal wird seitenlang getafelt oder Hof gehalten. Das muss man mögen – aber als entschleunigter Abenteuerroman alter Schule ist dieses Buch wirklich großartig. Dass solche Bücher heutezutage noch in einer derartigen Qualität und Akribie geschrieben werden, das finde ich wunderbar. Hier lässt es sich wirklich wieder einmal in eine alte Welt abtauchen, seitenlange Burgerstürmungen und epische Kämpfe in den Bergen der Karpaten inklusive. Schön, dass es sowas noch gibt (und von Sina de Malafosse so gut übersetzt wurde)!

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Zurück in die Renaissance Italiens

Michael Römling – Pandolfo

Von einem verlorenen Gedächtnis, Machtkämpfen in Europa und rätselhaften Flugmaschinen erzählt Michael Römling in seinem Roman Pandolfo. Ihm gelingt ein stimmiger und außerordentlich unterhaltsamer historischer Roman, der die Leser*innen in die Epoche der italienischen Renaissance zurücktransportiert.


Alles beginnt mit einem scheinbar toten Mann, der unter einem Haufen aus Unrat und Abfällen auf einem Markt in Italien begraben liegt. Er hat ein Loch im Schädel und ist dem Tod näher als dem Leben. Zu seinem Lebensretter wird der Mailänder Magnat und Abenteurer Bernado Bellapianta, der Pandolfo unter dem Abfallhaufen herauszieht und ihn unter seine Fittiche nimmt. Er lässt den Mann zu sich nach Hause bringen und dort gesundpflegen. In der Folge wird Pandolfo im Palast des reichen Mailänders heimisch und freundet sich auch mit Bellapiantas Zwillingsbruder Giancarlo an. Jener ist weniger ein ausgebuffter Händler wie sein Bruder als vielmehr ein begnadeter Ingenieur. Egal ob Verbesserungen für Schiffe oder neue wissenschaftliche Theorien – Giancarlo macht seine körperlichen Defizite mit erstaunlichen Geistesleistungen wett. Dabei ist sein größter Wunsch, an dem er beständig arbeitet, der Traum vom Fliegen.

Die beiden Brüder sind beseelt von neuen Ideen und gestalten mit ganzer Kraft die Zukunft. Pandolfo wirkt am Tun und Treiben im Bellapiant’schen Hause mit. Doch ist es seine Vergangenheit, die ihn nicht ruhen lässt. Wer hat ihn damals angegriffen und ihn fast tödlich verwundet auf dem Markt zurückgelassen? Welche Geheimnisse hütet Pandolfo, weswegen er sterben sollte? Und warum kann Pandolfo ohne nachzudenken, die kompliziertesten Zeichnungen und Bilder auf Papier bannen?

Ein Mann ohne Erinnerung, zwei Brüder mit Expansionsstreben

Für die Erzählung von Pandolfos Geschichte und der der Gebrüder Bellapianta wählt Michael Römling einen tollen Kniff. So berichtet Pandolfo immer wieder aus der Ich-Perspektive von seinen Abenteuern und seinem Schicksal. Kontrastiert wird das Ganze von einem kommentierenden Chor, der das Geschehen einordnet und von Zeit zu Zeit in die Teleologie eingreift. So entfaltet sich neben Pandolfos Rekonstruktion der eigenen Geschichte auch die der Bellapiantas. Man ist Zeuge, wie die Brüder wagemutig ihre Expeditionen starten, mit geistigen und weltlichen Würdenträgern feilschen und beständige ihre Macht und ihr Einkommen mehren.

Vor allem über die Brüder wird die Welt der italienische Renaissance in ihrer ganzen Komplexität greifbar. Die Expeditionen treiben die Bellapiantas und Pandolfo bis nach Konstaninopel. Immer wieder begegnen sie Figuren, die auch heute noch aufhorchen lassen. Kardinäle wie die della Rovere, Medici oder ein gewisser Meister Leonardo, der für Ludovico Sforza tätig ist, sie alle haben in Pandolfo ihre Auftritte. Erbfolgekriege, Intrigen im Vatikan, Streitereien unter den lokalen Fürsten – Pandolfo atmet die italienische Renaissance.

Nun ist es höchst erfreulich, dass trotz dieser berühmten Protagonisten und Schauplätze Römling nicht den Fehler macht, lediglich eine historische Nummernrevue aufzuführen. Sein Roman hat eine durchgängige Handlung, bindet den Zeit- und Lokalkolorit gut ein und schafft einen wirklich homogenen Roman, der mich hervorragend unterhalten hat. Sprachlich überzeugt vor allem die außergewöhnliche Form mit der kommentierenden Erzählstimme und so entsteht im Ganzen betrachtet ein wirklich prima historischer Roman, den ich ausdrücklich empfehle!

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Alexander Pechmann – Die Nebelkrähe

Born to be Wilde

Das sind natürlich nur alberne Geschichten, aber Oscar wurde einige Jahre nach seinem angeblichen Tod in einer Buchhandlung in New York gesehen. Ein deutscher Student namens George Viereck will ihn erkannt haben, und als er den Buchhändler fragte, wer der fragliche Besucher gewesen sei, sagte dieser „Oscar Wilde“, als wäre dies die natürlichste Sache der Welt. Anscheinend war er Stammkunde. Andere behaupteten, man habe ihn in einem spanischen Kloster gesichtet. (…) Seine Schulfreunde nannten ihn Nebelkrähe.“

Pechmann, Alexander: Die Nebelkrähe, S. 70 f

Ist Oscar Wilde denn vielleicht gar nicht tot? Ist der Schöpfer von unsterblichen Werken wie dem Gespenst von Canterville oder Dorian Gray gar selbst unsterblich? Der Ich-Erzähler Peter Vane in Alexander Pechmanns neuem Roman Die Nebelkrähe ist sich da alles andere als sicher. Denn es hat den Anschein, als würde Oscar Wildes Geist zu ihm sprechen.

Auslöser hierfür ist eine Sitzung bei der SPR, der Society for Psychical Research. Diese sucht Peter Vane auf, nachdem ihn die Erlebnisse aus den Schützengräben des Ersten Weltkriegs nicht loslassen. Immer wieder erscheint ihm ein Kamerad, der ihn auffordert, seine Freundin Lily zu finden. Ist es ein übersinnliches Phänomen? Dies versucht er bei der SPR herauszufinden, der auch so illustre Gestalten wie etwa Arthur Conan Doyle angehörten.

Im Zuge seines Besuchs bei der Londoner Gesellschaft macht er die Bekanntschaft von Miss Cummins, die ihn einlädt, bei einem Kurs für automatisches Schreiben teilzunehmen. Dabei versuchen die Teilnehmenden an solchen Seancen, mit den Geistern aus dem Jenseits in Kontakt zu treten, um sich von ihnen dann die Schreibfeder führen zu lassen und so Botschaften aus dem Jenseits zu empfangen. Für Vane eigentlich Humbug. Doch dann beginnt plötzlich bei der Sitzung seine Hand mit der Feder über dem Blatt Papier zu schweben. Ein Geist teilt sich mit. Und dieser scheint kein Geringerer als Oscar Wilde selbst zu sein, der der Gruppe viel mitzuteilen hat. Dabei zaubert Peter Vanes Hand viel Sätze aufs Papier, die Wissen verraten, das nur Wilde selbst besitzen kann. Ist die Nebelkrähe zurückgekehrt? Die Grenzen zwischen Dies- und Jenseits scheinen zu verschwimmen.

Das Okkulte und die Faszination dafür

Alexander Pechmanns neuer Roman (zuletzt Sieben Lichter) beschäftigt sich mit dem Übersinnlichen und der Begeisterung dafür. Auch wenn vieles im Buch überzogen oder fantastisch wirken mag – das Nachwort zeigt, dass das Meiste im Roman auf Fakten beruht, mögen diese auch fiktional nachbearbeitet und angepasst worden sein. So gibt es die Gesprächsprotokolle von Oscar Wilde aus dem Jenseits tatsächlich. Die im Buch beschriebenen Sitzungen haben auch in ähnlicher Form stattgefunden.

Generell herrschte in den Zwischenkriegsjahren besonders im Vereinigten Königreich eine große Faszination für das Spirituelle. Egal ob Ouija-Brett, Seancen oder automatisches Schreiben – die Versuche, mit dem Jenseits in Kontakt zu treten waren vielfältig. Diese Faszination zeigt sich auch in Form der SPR, die die Phänomene untersuchen wollte. Viele bekannte Namen aus der britischen (Literatur)Geschichte interessierten sich brennend für diese Themen, darunter auch Algernon Blackwood oder jener eben schon erwähnte Arthur Conan Doyle. Der österreichische Übersetzer und Autor Alexander Pechmann holt dieses etwas verschüttete Kapitel wieder ans Tageslicht.

An die Geschichte tritt man zunächst auch wie ein Zweifelnder heran. Eigentlich genauso wie der Ich-Erzähler Peter Vane, der zunehmend an seinen mentalen Fähigkeiten zweifelt. Kann es sein, dass man wirklich aus dem Jenseits Botschaften empfangen kann? Lebt Oscar Wildes Geist am Ende noch? Pechmann gelingt es gut, allmählichen Zweifel beim Lesen zu säen.

Dagegen finde ich die Figuren etwas blass. Der Ich-Erzähler Peter Vane bekommt zwar eine Hintergrundgeschichte, eine wirkliche Tiefe besitzen die Figuren allerdings kaum. Das ist bei der Länge der Geschichte allerdings auch nicht wirklich verwunderlich. Gerade einmal 170 Seiten umfasst die Spukgeschichte, die dann auch noch durch 32 Kapitel unterteilt wird. Hier steht wirklich eher die Handlung denn die Figuren im Mittelpunkt.

Fazit

Die Nebelkrähe ist eine Hommage an Oscar Wilde und an die spiritistische Begeisterung der Engländer in den 20er Jahre. Alexander Pechmann entführt in seinem kurzen Buch stimmungsvoll in die Zeit und lässt die Grenzen zwischen Jenseits und Diesseits zusehends dünner werden. Ein schön gestalteter Roman, der nostalgisch das Okkulte wieder auferstehen lässt.

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Jean-Baptiste del Amo – Tierreich

Und der HERR redete mit Mose und Aaron und sprach zu ihnen: Redet mit den Kindern Israel und sprecht: Das sind die Tiere, die ihr essen sollt unter allen Tieren auf Erden. Alles, was die Klauen spaltet und wiederkäut unter den Tieren, das sollt ihr essen. Was aber wiederkäut und hat Klauen und spaltet sie doch nicht, wie das Kamel, das ist euch unrein, und ihr sollt’s nicht essen. Die Kaninchen wiederkäuen wohl, aber sie spalten die Klauen nicht; darum sind sie unrein. Der Hase wiederkäut auch, aber er spaltet die Klauen nicht; darum ist er euch unrein. Und ein Schwein spaltet wohl die Klauen, aber es wiederkäut nicht; darum soll’s euch unrein sein. Von dieser Fleisch sollt ihr nicht essen noch ihr Aas anrühren; denn sie sind euch unrein.

3. Buch Mose, Kapitel 11

Das Schwein als unreines Tier – sucht man die Ursprünge dieses Mythos, dann wird man im Alten Testament fündig. Bis heute hält sich dieses Bild, und das in mannigfaltiger Hinsicht. Sowohl in religiöser als auch in äußerlicher Hinsicht gilt vielen das Schwein als schmutzig. Es riecht stark, wälzt sich im Schlamm, verzehrt alles, was ihm vor den Rüssel kommt. Dass Schweine zu den intelligentesten Tieren im Tierreich zählen, das fällt dabei oft unter den Tisch.

Vom ambivalenten Verhältnis von Mensch und Tier erzählt auch der Franzose Jean-Baptiste del Amo in seinem Roman Tierreich (erschienen bei Matthes& Seitz). Er setzt fünf Generationen gascognischer Schweinezüchter in den Mittelpunkt seines Romans. Diese bewirtschaften zunächst einen kleinen Pachtbetrieb in Puy-Larroque, einem Dorf am Fuß der Pyrenäen. Doch schon bald geht das 19. Jahrhundert und damit das Zeitalter der Industrialisierung zuende. Doch nun setzt eine andere Industralisierung ein – die des Fleischs.

Von Schweinen und Menschen

Eindrucksvoll gelingt es Del Amo in seinem Buch aufzuzeigen, wie sich der Hunger nach Fleisch innerhalb nur weniger Generationen und Jahre exponentiell steigert. Setzt die erste Generation der Gascogner Bauern noch auf eine Co-Existenz mit dem Schwein, so wird am Ende des Buchs im Jahr 1981 eine schon fast pervers übersteigerte Schweinezuchtanlage stehen, in der die Tiere im Tagestakt werfen und zur Schlachtbank geführt werden.

Die Sublimation des Schweins vom bäuerlichen Nutztier bis hin zur reinen Mäst- und Schlachtmasse, das ist ein Thema, das in Tierreich grandios und ebenso erschütternd inszeniert wird.

Ebenso eindrucksvoll ist die Milieustudie eines Bauernhofs über die Zeit hinweg, die Del Amo mit höchster Akribie betreibt. Beginnend im Jahr 1898 zeigt er die Lebensverhältnisse der Bauern, das dörfliche Leben, das harte Ringen ums Überleben. Die Bewirtschaftung der eigenen Scholle, den kalten und effizienten Umgang der Menschen untereinander, der höchstens etwas Raum für Bigotterie lässt – all das liest sich unheimlich dicht und bildstark. Die Vorstudien für Del Amos Buch müssen von größter Genauigkeit und Detailverliebtheit gewesen sein. Anders ist dieses gekonnte Einfühlen in alle Lebensverhältnisse nicht zu erklären.

Die engen und düsteren Bauernstuben, den Wahnsinn des Schlachthauses 1. Weltkrieg, die industrialisierten Mastanlagen – stets findet der Franzose (Jahrgang 1981) Bilder, die sich einprägen und die den oder die Leser*in sicher nicht mehr so schnell loslassen. Del Amo verzichtet auf jede Art von Weichzeichner – was teilweise schwer erträglich ist, aber genau deswegen auch so gut ist.

An der Grenze des Erträglichen – und deshalb so gut

Menschen, die äußere Schönheit mit ästhetischer Schönheit gleichsetzen (oder verwechseln, wie ich meine), die dürften mit diesem Buch garantiert nicht glücklich werden. Zwar gelingt es Del Amo meisterhaft, gerade in der ersten Hälfte bis hin zum Ersten Weltkrieg, eine Natur zu schildern, die man in dieser Benennungsstärke und Dichte kaum in anderen Büchern findet. Doch damit erschlägt man eben nur einen Teil des Buchs.

Denn das entschleunigte Leben gerade vor dem Weltkrieg, es hält auch jede Menge Schmutz, Derbheit und Obszönität bereit. Konsequent naturalistisch schildert der Franzose all das, was bei uns als tabuisiert gilt – egal ob bei Tier oder Mensch. Das Sterben, Ausscheidungen, sexuelle Gelüste bei Mensch und Tier, Triebe und Abgründe – all das ist in Tierreich bis hart an die Grenze des Erträglichen (und manchmal auch darüber hinaus) ausgeführt. Da wird beschrieben, wie der Leichensaft einer aufgebahrten Leiche das Holzbett durchsickert, wie eine Mutter eine Fehlgeburt den Schweinen zum Fraß vorwirft und dergleichen mehr. Das lässt oftmals schlucken, auch wenn man ahnt, wie es in vergangen Zeit zugegangen sein muss.

Dass das alles noch vor dem Ersten Weltkrieg passiert und wir dann noch einen Sprung ins Jahr 1981 vor uns haben, lässt dann schon ahnen, dass hier konsequenterweise auch nicht alles schöner oder besser werden wird.

Um es auf eine griffige Formel zu bringen: Jean-Baptiste del Amo schaut nicht weg, sondern eben genau hin. Unbarmherzig hält er seine Blick auf die Dinge gerichtet, auch wenn diese teilweise schwer erträglich sind. Die Unreinheit und Schmutzigkeit, die ja dem Schwein attributiert wird, sie ist hier konsequenterweise allgegenwärtig. Schweinisch eben.

Und das erwarte ich auch von guter Literatur, die nicht gefallen will, sondern unangepasst und unbequem ist. Sie soll mir Dinge zu zeigen, die nicht in meiner Komfortzone liegen, sondern die mich auch herausfordern und Dinge überdenken lassen, auch eben in ästhetischer Hinsicht.

Ein Feuerwerk der Sprache und Übersetzungskunst

Dass all diese oben beschriebenen Grausamkeiten und letzten Ende auch das ganze Buch dennoch so eindrücklich und genau sind, das hat auch einen ganz bestimmten Grund: die Sprache des jungen Franzosen, die bei ihm ein Instrument von größter Präzision ist. Ich kann mich an kein Buch in zurückliegender Zeit erinnern, das für alle Milieus, Zeiten und Ereignisse so einen guten sprachlichen Zugriff gefunden hat. Dass dem so ist, ist in genauso großem Maße natürlich auch der Übersetzerin Karin Uttendöfer zuzuschreiben. Wie sie den Sound und das teilweise hochspezielle bäuerlichen Sprachgewebe zu durchdringen vermag, das ist große Übersetzungskunst. Die Nominierung für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung war und ist da mehr als nur angemessen.


Ein Buch, das zugleich schweinisch und saustark ist. Eines, das ein sprachliches Kunstwerk ist. Und eines, das die Beziehung von Schwein und Mensch neu sehen lässt. All das ist Tierreich von Jean-Baptiste del Amo.

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Kenah Cusanit – Babel

Zäh wie Sand

Besucht man berühmte Ausgrabungsstätten oder archäologische Fundstellen, so ist der Eindruck meist ernüchternd. Da bröckeln einige Bögen vor sich hin, im besten Falle sind noch ein paar Portale, Friese oder Häuser erhalten. Vom Glanz der damaligen Zeit zeugt kaum mehr etwas. Um sich Glanz und Gloria der damaligen Bauten vorzustellen, bedarf es einer elementaren Zutat: Fantasie. Ohne dieser Fantasie im Kopf des Zusehers bleibt der Steinhaufen doch nur ein Steinhaufen. Es braucht das Kopfkino, um sich aus der Realität hinein in eine Welt zu imaginieren, als diese Steinhaufen ganze Städte waren, die bewohnt und deren Kulturen wegweisend für künftige Entwicklungen waren. Ohne die Fantasie wären die Ruinen und Fundamente doch nur Ansammlungen von verwitterter Bausubstanz.

Ein Medium, das sich wie kein zweites eignet, wenn es darum geht, die Fantasie zu wecken und Kopfkino auszulösen, ist die Literatur. Die unbelebte Bausubstanz der Bücher, nämlich die Buchstaben, formen sich unter den Augen des Lesers zu Wörtern, Sätzen und im besten Falle zu mächtigen Bilderwelten. Und wenn sich dann die Literatur auch noch daran macht, eine vergangene Epoche mittels einer beschriebenen Ausgrabung aus dem Schlick der Vergangenheit freizulegen – was könnte da schon schiefgehen? So einiges, wie Kenah Cusanits Debüt Babel zeigt.

Koldewey in Babylon

Robert Koldewey (1855-1925) bei der Arbeit

So steht im Zentrum ihres Romans der Archäologe Robert Koldewey, einer der Begründer der archäologischen Bauforschung. Er ist im Zweistromland unterwegs, um im Auftrag der Deutschen Orient-Gesellschaft die Fundamente Babylons freilegen. Funde wie etwa das Ischtar-Tor haben im fernen Berlin für Aufmerksamkeit gesorgt – und so soll Koldewey nun den Beweis antreten: hat es den legendären Turm von Babel etwa gegeben? Mit seinen Mitarbeitern und Hilfsarbeitern macht er sich an die Ausgrabungen, die immer wieder durchkreuzt werden. Schließlich schreiben wir auch das Jahr 1913 und Europa steht kurz vor einer alles entscheidenden Zäsur.

Eigentlich ein hochspannendes Thema, das in der Bearbeitung von Kenah Cusanit allerdings zu Sand gerät, so zäh wie der, den Koldewey und Konsorten immer wieder durchwühlen. Selten las ich zuletzt ein Buch mit solcher Kürze (260 Seiten), durch das ich mich derart lange quälen musste.

Das liegt zum großen Teil daran, dass Kenah Cusanit ein Sachbuch mit einem Roman verwechselt. Die Autorin selbst ist Altorientalistin, was man auch diesem Buch in fast jeder Passage anmerkt. Es ist übervoll mit Fakten und Daten, was den Lesefluss ungemein hemmt. Länge von Mauern, Tiefe von Grabungsschächten, Sandschichten, Briefwechsel – am Ende von Babel könnte man selbst die ganze Ausgrabungsstelle wieder rekonstruieren.

So finden sich andauernd Stellen wie diese im gesamten Text:

Um den gesamten Grundriss des gesamten Gebäudes nachvollziehen zu können, mussten sie mehrer Tunnel in die seitlich noch stehenden Erdschichten graben, wenn sie diese nicht noch einmal 21 Meter abtragen wollten. Dennoch war noch immer nicht geklärt, ob dieser Fußboden der älteste war oder ob sich darunter ein noch älterer befand. Grund genug, an einer Stelle den gut erhaltenen Boden Nebukadnezars, zumindest was den Fußboden betraf, eine Matroschka war. Fünf weitere Fußböden lagen darunter, alle mit Kalk weiß verputzt und säuberlich getrennt durch eine Schicht aus Sand und Lehm, der zweite Fußboden war ebenso von Nebukadnezar, der dritte Boden wies Stempel des assyrischen Herrschers Assurbanipal und seines Vaters Asarhaddon auf, vielleicht hatte der Sohn die Ziegel des Vaters wiederverwendet, dessen Stempel der vierte Boden trug; der fünfte war sehr zerstört, vermutlich durch Asarhaddons Vater Sanherib, infolge seines legendären Wutanfalls, als er die Stadt bis auf die Fundamente einebnen und den Turm in den Euphrat werfen ließ, die Ziegel des sechsten Bodens trugen keinerlei Inhabervermerke, sie waren die äußerste oder innerste Schicht der Matroschka, errichtet, als man noch nicht vorhatte, eine Matroschka daraus zu machen.

Kenah Cusanit: Babel, S. 190

Abgesehen von den sprachlichen Schlampereien (gesamten Grundriss des gesamten Gebäudes? Viermal „noch“ plus ein „Dennoch“ in zwei Sätzen? ): wer möchte das wissen? Für ein Sachbuch mögen diese Informationen relevant sein, für einen erzählenden Text ist eine derartige Überfülle an für den Text nicht relevanten Daten schlicht ärgerlich. Alles wird ausdekliniert, bis ins letzte benannt, wie ein Klassenstreber, der in der Abfrage wirklich einmal zeigen möchte, wie akkurat er alles auswendig gelernt hat.

Faktenhuberei, schiefe Bilder – und eine Ente

Dass dieses System Methode hat, zeigt sich, wenn man nur ein oder zwei Sätze (die gerne einmal die halbe Seite überwuchern) weiterblickt.

Als sie den obersten Boden abgefegt hatten, war es nicht mehr zu vermeiden gewesen, auch den kleinsten Funden zu begegnen, auf diese zu achten, sie aufzulesen und jemanden damit zu beauftragen, sie zu säubern und in den Fundkatalog einzutragen. Aber nicht Buddensieg, denn Buddensieg war noch nicht auf der Grabung gewesen, sondern noch an der Technischen Hochschule im sächsischen Dresden eingeschrieben, wo er aber lieber mit Wetzel seine Zeit in einem Gesangsverein namens Erato verbrachte, der wie alle akademischen Chöre offenbar nur gegründet worden war, weil man als Schüler nie verkraftet hatte, bei den Thomanern in Leipzig nicht aufgenommen worden zu sein und nun für eine Aufnahme definitiv zu alt war. Im Chor zu singen, hatte Buddensieg erstaunlicherweise nicht dabei geholfen, seinen sächsischen Dialekt zu überwinden, mit dem er insbesondere Reuther raumgreifend auf die Nerven ging. Unmittelbar auf dem obersten Fußboden und von Buddensiegs Vorgänger zu inventarisieren, hatte ein goldener Ohrring gelegen, ein Knauf aus Silberblech, ein Rosenornament aus Stein, Onyxperlen, gravierte Muscheln und eine 1,5 Kilogramm schwere Ente aus Stein mit zurückgelegtem Kopf. Solche Enten waren als Gewicht in Gebrauch geween, die bisher schwerste jemals im Alten Orient gefundende Ente wog etwa 73 Kilogramm.

Kenah Cusanit: Babel, S. 190 f

Das ist natürlich eine höchst relevante Information, da möchte man natürlich gleich noch mehr wissen. Warum wog die Ente 73 Kilogramm? Wer hat sie gefertigt? Warum ist die Ente im Tempel nur 1,5 Kilogramm schwer? Gab es noch andere Tiere, die als Gewichte dienten? Aber keine Sorge, Kenah Cusanit liefert natürlich schon mit dem nächsten Satz.

In Assyrien waren Gewichte in Form von Löwen beliebt. In Babylonien und seiner Hauptstadt, der Stadt der Drachen und Löwen und Stiere, waren Gewichte in Form von Entenden beliebt. Die Löwen hatten hier eine andere Aufgabe. Sie schritten mit aufgerissenem Maul und bösem Blick demjenigen entgegen, der sich auf dem Teil der Prozessionsstraße dem Ischtartor näherte, der sich außerhalb der Stadt befand. 120 lebensgroße Löwenreliefs befanden sich auf den 180 Meter langen, hoch aufragenden Mauern nur dieses äußeren Teils der Prozessionsstraße, dessen abschrenkende Funktion sich auch in seinem Namen „Aiburschabu“ ausdrückte: „Nicht habe Bestand der heimliche Feind.“

Kenah Cusanit, S. 191

Sprachlich schluderig bis ärgerlich

Kenah Cusanit – Babel

Da bleiben wirklich keine Fragen offen. Hier erfahren Sie, was sie schon immer über die Welten des Alten Orients wissen wollten, aber nie zu fragen wagten. Mir bleibt da nur eine Frage: wo war das Lektorat? Gab es eines bei diesem Buch? Trockenes Dozieren, unnötige Abschweifungen, redundante Passagen. Und dann auch noch diese schiefen Sprachbilder und verunglückten Metaphern. Der ganze Text ist übervoll damit, nicht nur in den obigen Auszügen (Barrieren und sich selbst kann man natürlich überwinden, aber auch Dialekte? Legt man diese nicht eher ab? Was habe ich mir unter „raumgreifend auf die Nerven gehen“ vorzustellen?. Immer wieder finden sich Sprachbilder, die stutzig machen. Ein „gedankliches Stöhnen“, das ihm fast die Lippen passierte (S.12), ein „visueller Sinn“, der sich distanzieren muss, um wahrzunehmen (S. 41), all das ist doch zu sehr gewollt und zu wenig gekonnt. Der korrektere Titel des Buches wäre in meinen Augen wirklich Babbel gewesen.

Ich kann es mir nur damit erkläre, dass das Thema des Turms zu Babel mit der damit einhergehenden babylonischen Sprachverwirrung auch auf Kenah Cusanit und das Lektorat übergegriffen haben muss. Anders sind diese sprachlichen Kapriziosen nicht zu erklären.

Ein Buch wie eine schlechte Stadtführung

Es geht mit bei diesem Buch wie mit einem schlechten Reiseführer: die ganze Faktenhuberei, das Protzen mit angelesenem und studierten Wissen, all das sorgt für eine Überforderung, die den Blick auf das Ganze nur verstellt. Statt ein Gefühl für die damalige Zeit und das Leben zu wecken, vermag dieser Text nur trocken zu dozieren und niemals so etwas wie Empathie oder gar Kopfkino zu entfesseln.

Ein ödes Buch, zäh wie Sand und wirklich nur für Interessierte an der Archäologie des Vorderen Orients von Belang. Die Nominierung für den Preis der Leipziger Buchmesse kann ich selbst nicht nachvollziehen. Auch bei den preisenden Worte von Denis Scheck, das Buch sei allen deutschsprachigen Neuerscheinungen turmhoch überlegen, muss ich mich auch fragen, ob Herrn Scheck das gleiche Buch wie mir vorlag.

Stattdessen möchte ich an dieser Stelle lieber noch eine Empfehlung für ein wirklich interessantes und gut geschriebenes Sachbuch aussprechen. Es wäre ja schade, hier nur zu kritisieren, ohne noch eine Alternative aufzuzeigen.

In Die seltsamten Orte der Antike entführte Martin Zimmermann an ganz besondere historische Orte. Der Professor für Alte Geschichte an der LMU München bereist dabei sagenumwobene Orte wie etwa den Hängenden Gärten von Babylon oder dem Ort Etemenanki( besser bekannt als jener Turm von Babel).

Er erzählt von besonderen Stätten, Bräuchen und Bauten – fernab von Schulbuchwissen und Bildungsprotzerei wie Kenah Cusanit. Die bessere Wahl, wie ich finde.

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