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Junko Takase – Richtig gutes Essen

Mit Richtig gutes Essen legt die japanische Autorin Junko Takase einen sehr eigenwilligen Roman vor, der von der Welt der Großraumbüros und der kulinarischen Verpflegung dort erzählt. Man erkennt, dass Japan und Deutschland zwar nicht nur geografisch halbe Welten voneinander entfernt sind, in Sachen Büro-Essenpausen diese Distanz aber plötzlich verschwindet.


Es ist die ritualisierte Frage, die nicht nur in deutschen Großraumbüros regelmäßig ab 11:30 Uhr zu hören ist. Kommt ihr mit zum Essen? Bevorzugt in Gruppen macht man sich aus dem Büro auf in Richtung Kantine oder einem anderen Mittagstisch, begleitet vom vielfach ritualisierten Ausruf „Mahlzeit“ der Kolleg*innen.

Doch eine wirkliche Pause ist so eine gemeinsam verbrachte Pause selten, vermengt sich in solchen Mittagspausen das Private doch auch immer wieder mit dem Beruflichen. Man diskutiert über Themen, lästert über Kolleg*innen oder die Chefs und lässt andere an seinen Sorgen und Nöten teilhaben.
Nicht immer kann man sich da wirklich auf das Essen konzentrieren und so manches Mal ist das Essen auch mit Vorgesetzten weniger freiwillig als vielmehr ein unausgesprochener sozialer Verhaltenskodex, an den man sich eben halten sollte, will man im Büro nicht ins Abseits geraten.

Der Fluch der gemeinsamen Mittagspause

Junko Takase - Richtig gutes Essen (Cover)

In Japan ist das nicht anders, wenn man Junko Takase Roman liest. Auch dort erwarten Chefs und Kollegen, dass man sich einer Einladung für die Mittagspause umstandslos anschließt und mit den Kollegen in die Pause geht, ehe man dann am Nachmittag mit den Kollegen im Büro weiterarbeitet. Aber Nitani will bei diesem unausgesprochenen Komment nicht mitmachen. Er zählt zur Fraktion Tütensuppe und verbringt seine Zeit lieber nach dem Motto „Instantnudeln sind doch völlig in Ordnung“ – und das auch dreimal am Tag.

Generell ist für ihn Nahrungsaufnahme weniger Genuss denn Notwendigkeit, die er auf das Nötigste reduziert und dementsprechend auch den mittäglichen Gemeinschaftspausen aus dem Weg geht.

Ein abgepacktes Gericht aus dem Konbini tut es schließlich ja auch — dabei muss man dann auch keines Nitani so unverständliches Theater um die Wertschätzung von Essen aufführen.

„Die Manieren für den Verzehr von handgemachtem Gebäck: Du musst beim Essen laut reden. Du musst ein Theater der Ergriffenheit aufführen. Du musst beim ersten Bissen zunächst „Lecker“ sagen, ungefähr nach der Hälfte irgendwas fragen, das dich nicht interessiert, wie „Wow, was ist das denn für eine Sauce?“, und nachdem du aufgegessen hast, musst du mit aufgesetzter Zufriedenheit verkünden: „Das war richtig gut! Vielen Dank!“

Junko Takase – Richtig gutes Essen, S. 97

Genussverweigerer trifft auf ambitionierte Hobbybäckerin

Ganz anders da seine Bürokollegin Ashikawa. Diese bringt im Lauf des Romans ihre immer kunstvoller werdenden Backwerke mit ins Büro, wo sie diese unter den Kollegen verteilt und damit eine gern gesehene Kollegin ist. Für ihre Koch- und Backleidenschaft fährt sie am Wochenende schon einmal bis nach Tokio, um dort in einem Kurs die Kunst der Nappé-Technik zu erlernen, die Technik der fugenlose Verzierung von Backwerk mit Dekorschichten.

So sind nicht nur die Geschmäcker der beiden höchst verschieden, auch ihre Mentalität ist es. Unverständnis für Zeit und Hingabe in Sachen Zubereitung und Verzehr von Essen trifft auf ebenjene Hingabe von Ashikawa, die abends ihre Kreationen vervollkommnet, um sie am nächsten Tag ins Büro zu bringen.

In der Folge nehmen die Spannungen zwischen der angepassten Ashikawa und ihrem Arbeitskollegen zu, die sich nicht nur besonders auf Nitanis Verhalten auswirken, sondern in letzter Konsequenz auch die Bürogemeinschaft dort durcheinanderwirbeln werden.

Doch Richtig gutes Essen ist nicht nur ein Roman über Wertschätzung von Essen, verschiedene Geschmäcker und soziale Codes – es ist auch einer über den Sinn beziehungsweise die Sinnlosigkeit moderner Büroarbeit und den Alltag dort.

Ein Roman auch über modernen Büroalltag

In Zeiten, in denen hierzulande über einen Unfug wie den Begriff der Lifestyle-Teilzeit und eine angeblich mangelnde Leistungsbereitschaft der Deutschen debattiert wird, einen wohltuenden Blick auf andere Länder richtet, die die gleichen Probleme kennen. Die Idee hinter der Mittagspause zur Steigerung von Produktivität und des Teamgefühls, er geht nämlich nicht bei allen auf, wie Nitanis Kollegin Oshio dem Genussverweigerer bei einem Umtrunk zu zweit in einer Bar gesteht.

Wahrscheinlich werde ich bis zur Rente weiter vor mich hin arbeiten, hasse meinen Job aber jeden Tag. Einem Kollegen aus der gleichen Firma sollte ich das vielleicht nicht erzählen. Aber das sagen doch alle, dass ihr Job belastend ist. Das ist also ganz normal. Ich hasse es jeden Tag, mache aber jeden Tag brav meine Arbeit, deshalb wird es wohl immer so weitergehen, denke ich mal

Junko Takase – Richtig gutes Essen, S. 89

Mit ihrer illusionslosen Darstellung der tristen Routinen und dem dafür umso ausufernden Essensgenuss steht Junko Takase in der Tradition von Romanen wie New York Ghost von Ling Ma, in dem diese eine chinesischstämmige Büroangestellte zeigt, die sich in ihrem Leistungsbewusstsein noch nicht einmal von einer Pandemie stoppen lässt – oder den Roman Die Vegetarierin der mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Südkoreanerin Han Kang, in dem eine Frau von heute auf Morgen plötzlich Schluss macht mit ihrem Fleischkonsum und dabei auf das Unverständnis ihrer Umwelt trifft.

Ein eigenwilliger Roman aus Japan

Richtig gutes Essen passt in diese Riege, ist doch auch dieses Buch sehr eigenwillig, zeigt die triste Bürowelt, die Welt des Genusses und die subversive Rebellion gegen die etablierte Ordnung. Dabei ist das Erzählen von Junko Takase bisweilen sperrig, die Charaktere bleiben recht ungrundiert, unvermittelt fällt die Ich-Perspektive in das Erzählen ein, Raum und Zeit bleiben im Ungefähren und eine Handlung lässt sich auch nur in Ansätzen erkennen.

Der Humor, er ist ebenfalls nur grundiert und erschöpft sich im zunehmend skurrilen Gegeneinander der Büroangestellten und der Zeichnung des Alltags, in dem die Tortenbackkunst als Mittel der Arbeitsplatzsicherung dient und die schon fast archetypischen Kollegen, vom feisten Teamleader von vorgestern bis hin zum stillen Mitläufern miteinander interagieren.

In diesem kleinen Soziotop blickt Junko Takase ganz genau hin und zeigt, wie verbindend und spaltend doch selbst solche Wirkweisen der Arbeitskultur sind, die vordergründig nur den Genuss in den Mittelpunkt stellen – ob in Japan oder auch hier in Deutschland.

Fazit

So ist Junko Takase ein Buch gelungen, das sich auch wunderbar eignet, anstelle dem zwanglosen Zwang zu einer gemeinsam verbrachten Mittagspause zu folgen, sich einmal zu widersetzen und die Zeit zu nutzen, um sich diesen schön gestalteten literarischen Snack von gerade einmal 160 Seiten zu Gemüte zu führen. Ich wünsche schon einmal guten Appetit und „Mahlzeit“!


  • Junko Takase – Richtig gutes Essen
  • Aus dem Japanischen von Yoko Ann Hamann
  • ISBN 978-3-7558-0085-9 (Dumont)
  • 160 Seiten. Preis: 23,00 €