Kurz und Gut

In letzter Zeit haben sich wieder viele Bücher gesammelt, für die aus verschiedensten Gründen keine Zeit für ausführliche Rezensionen war. Da ich trotzdem eine Meinung zu ihnen habe, sollen diese nun im Rahmen der Kurz und Knackig Kategorie nachgetragen werden:

Michael Ondaatje kennt man vielleicht als Autor der Romanvorlage zum oscargekrönten Film Der englische Patient. Für sein Buch Katzentisch (Deutsch von Melanie Walz) begibt er sich zurück an jenen Katzentisch auf einem Ozeandampfer. Dieser bringt ihn (bzw. sein im Buch autobiographisch recht kongruentes alter Ego Michael) von Sri Lanka nach England und in damit auch zurück in seine Kindheit. Denn Michaels Schiffsreise ist nicht nur ein nostalgischer Trip zurück in eine längst vergangene Welt sondern auch zugleich eine Metapher des Erwachsenenwerdens.

Wie Michael Ondaatje die Geschehnisse an Bord des Dampfers beschreibt, mit welchen kuriosen Persönlichkeiten Michael Kontakt hat, wie die Kolonialzeiten in diesem Buch noch einmal aufleben, das ist bravourös gemacht. Ein toller Roman – an diesen Katzentisch hätte man sich auch selbst gerne begeben!

 

Chris Kraus hingegen ist der Gegenentwurf zu Michael Ondaatje. Er ist Regisseure und hat Erfolge wie Poll und Vier Minuten gedreht. Für seinen neuesten Film Die Blumen von gestern hat der Diogenesverlag nun das Drehbuch als Filmbuch veröffentlicht. Eine groteske Fehlentscheidung, denn das Büchlein ist so missraten wie der Preis für unglaublich gestreckte 163 Seiten Taschenbuch mit 20 Euro überzogen ist. Die Geschichte ist die des Holocaust-Forschers Totila Blumen und seiner neuen französischen Assistentin Zazie. Diese verlieben natürlich ineinander, nur stehen dem die familiären Verstrickungen im Dritten Reich entgegen.

Man kann das Buch an nahezu allen Stellen aufschlagen und findet einen dilettantischen Dialog, der einen schaudern lässt: Bestes Beispiel auf Seite 118. „Ich habe … Aids. Es gibt natürlich Medikamente und alles. Aber es ist, wie es ist. Du … du kannst dir das nicht vorstellen“. – „Isch habe auch Aids.“ – „Wirklich? Oh Gott, das tut mir leid.“ -„Ja.“ – „Das ist … das ist ja toll, dass du noch so Fahrrad fahren kannst mit Aids. Und prügeln.“ – „Ja“. „Scheiße. Ich habe nämlich gar kein Aids.“ – „Isch habe auch kein Aids.“

Man kann nur den Kopf schütteln und sich fragen, was den Verlag veranlasst hat, ausgerechnet jenes unterirdische Drehbuch auch noch mit einem Filmbuch zu adeln. Hanebüchene Dialoge, die nur von der hanebüchenen Story noch getoppt werden. Ein einzig Ärgernis!

 

Bevor Eleanor Catton für ihren überaus wuchtigen Roman Die Gestirne den Man Booker Prize bekam, veröffentlichte sie bereits einen Titel, der nun vom btb-Verlag erneut aufgelegt wurde – Die Anatomie des Erwachens. Darin erzählt sie die Geschichte eines Skandals, der die Schule Abbey Grange erschüttert. Denn die 17-jährige Victoria hat eine Affäre mit ihrem deutlich älteren Musiklehrer. Als die Beziehung publik wird, planen Schüler ein Stück über diese Affäre aufzuführen. Die Grenzen verschwimmen und man könnte die Vorgänge mit Schuld und Bühne überschreiben. Sie lässt die pubertierenden Schülerinnen und Schüler aufeinanderprallen. Dynamiken nehmen ihren Lauf.

Das Ganze ist wie auch schon in Die Gestirne sehr anspruchsvoll geschrieben (Deutsch von Barbara Schaden). Man muss beim Lesen wirklich Geduld und Aufmerksamkeit aufbringen, um die Geschehnisse ganz zu überblicken. Immer wieder springt die Autorin durch ihre Erzählstränge und variiert die Schilderungen. Ein forderndes Buch – wer vor Cattons Opus Magnum Die Gestirne wissen will, ob ihm die Autorin liegt, der könnte hier einen Blick riskieren!

 

2 comments

  1. Also, ich bin gerade über einem anderen Titel von Chris Kraus, „Das kalte Blut“, (diogenes) – und der ist lang (insgesamt über 800 Seiten) – aber die lohnen sich! Spannend, überraschende Wendungen und manchmal total verrückt, so verrückt, dass man echt is Grübeln kommt….
    Zu oben genannten Filmbuch von C. Kraus kann ich nix sagen, aber nach deinem Kommentar kann ich mir das sparen!
    LG

    1. Liebe Monika,
      dieses Filmbuch kannst du dir wirklich sparen. Aber dem kalten Blut muss ich dann fast noch eine Chance geben …

      Beste Grüße

      Marius

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