Viv Albertine – A typical girl

A typical girl ist Viviane Albertine, genannt Viv, keineswegs. Vielmehr heißt einer der Songs so, den die Künstlerin im Laufe ihrer Karriere geschrieben hat. Denn Viv Albertine war die Mitbegründerin der Band The Slits, einer der ersten feministischen Punkbands im Vereinigten Königreich Ende der 70er Jahre.  Von ihrem Werdegang und noch viel mehr zeugt ihre Autobiografie, die kraftvoll übersetzt von Conny Lösch nun im Deutschen vorliegt.

Viv Albertine - A typical girlAufgeteilt in eine A- und B-Seite (und im Übrigen als Buch ganz hervorragend gestaltet) erzählt Viv Albertine chronologisch von ihrem Aufwachsen in England der 60er bis hin zum Jahr 2013, in dem ihre Memoiren enden. Dabei streift sie Themen wie die englische Punk-Bewegung, Femininismus, Krebserkrankung, künstlerische Verwirklichung und das unglamouröse Leben, das zwischen all diesen Dingen liegt.

Den Bogen, den Viv Albertine in ihrem Memoir spannt, geht ungefähr so: Aufwachsen in einem schwierigen Haushalt, zielloses Herumtreiben zur Jugendzeit, Entdeckung der Musik, Gründung der Band The Slits, anschließende Erfolge, bürgerliches Leben und dann Ringen um erneute künstlerische Selbstverwirklichung im fortgeschrittenen Alter. Dieser Bogen wird durch die meist etwa 3 Seiten dicken Kapitel flüssig strukturiert und ist gut zu lesen, auch wenn Viv Albertine sprachlich ihre Herkunft nicht verhehlt. Doch der Sound, den sie im Buch anschlägt, ist kraftvoll und ungeschönt – Punk in Buchform quasi.

Die Namen, die in A typical girl und damit in Albertines Leben auftauchen sind durch und durch illustrer. Bands wie The Kinks, Sex Pistols oder The Clash beeinflussen Viv genauso wie die Köpfe hinter diesen Projekten. Sid Vicious, Johnny Rotten, Chrissie Hynde oder Paul Weller tauchen immer wieder im Buch auf. Das Ganze liest sich wie ein Who’s Who der englischen Punk- und Popbewegung, denn in der damaligen Szene ist Albertine gut vernetzt und hat auch mit (späteren) Ikonen wie Vivienne Westwood viel Kontakt.

Doch das Buch versammelt nicht nur Rockstar-Geschichten und Einblicke in diese flirrende Zeit, das Buch ist auch schonungsloses Porträt all dieser Kämpfe, die sich Leben nennen. So nehmen neben dem Rock’n-Roll auch die zahlreichen Schicksalsschläge der Künstlerin großen Raum ein (Trennungen, Krebserkrankung, Abtreibung, etc.), die Albertine verhandelt und in ihrer ganzen Drastik aufs Tapet bringt.  Hier zeigt sich, dass man sich auf der Bühne so wild geben kann, wie man mag – am Ende meistert man auch als Rockstar oder als Ikone einer Bewegung sein Leben keinen Deut leichter als jeder andere.

 

A typical girl ist eine spannende, eine radikale und eine mit vielen Einsichten aufwartende Musikerbiografie über ein spannendes Kapitel Zeitgeschichte und ein wichtiges Dokument in Sachen Emanzipation und feministischer Bewegung. Das Buch nimmt den Leser mit hinter die Bühnen und lässt (auch Nachgeborene) in den wild brodelnden Kosmos des Englischen Punk eintauchen. Diese Memoiren sind Punk!

 

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