Belinda Bauer – Das Ding der Unmöglichkeit

Ei, ei, ein Ei. Belinda Bauer blickt in ihrem Roman Das Ding der Unmöglichkeit auf die vielfältigen Geschehnisse, die der Fund eines besonderen Vogeleis an der britischen Steilküste auslöst. Damit gelingt ihr ein interessanter Roman, der Einblicke liefert in die Szene der Ei-Sammler und der durch seinen Mix aus Lehrstunde über Ei-Faszination, Krimi und historischem Roman überzeugt.


Ist der Sammler an sich durchaus schon spleenig und durchaus eigen, so ist die Gattung von Sammlern, denen sich Belinda Bauer in ihrem Roman Das Ding der Unmöglichkeit widmet, noch einmal spezieller. Denn ihr Buch rückt die Gruppe der Ei-Sammler in den Mittelpunkt, genauer gesagt die Spezies der Vogelei-Sammler.

Auslöser des Ganzen ist der Fund eines ganz besonderen Vogeleis an der Küste Yorkshires in Großbritanniens. An einer Stelle der Steilküste, an die sich aufgrund eines halsbrecherischen Überhangs niemand anderes wagt, lässt sich die junge Celie Sheppard im Jahr 1926 mit dem Mut der Verzweiflung abseilen, um die Nester der dort brütenden Seevögel zu plündern.

Ganz besondere Eier

Die Eier, die dort an der Steilküste von einigen Familien „geerntet“ werden, erfreuen sich bei Händlern und Touristen großer Beliebtheit. Als Celie bei der waghalsigen Aktion einer in den Steilklippen brütenden Lumme ein ganz besonders gemustertes, mit seiner markanten roten Schalenfarbe höchst auffälliges Ei entwendet, macht die Kunde von dem besonderen Fund schnell die Runde und weckt Begehrlichkeiten.

Die feinen Härchen an Patricks Unterarmen stellten sich auf.
Die Eier waren rot.
Nicht rötlich, sondern rot.
Eine satte königliche Farbe, ungetrübt durch die Geschichte und der Natur zum Trotz.
Ein Ding der Unmöglichkeit.

Belinda Bauer – Das Ding der Unmöglichkeit

Viele Jahrzehnte später suchen Verbrecher das Zuhause von Patricks Kumpel und Nachbar „Weird“ Nick heim. Auslöser des Ganzen muss wohl ein Ei gewesen sein, das Nick auf dem Dachboden gefunden hat und das er auf Ebay veräußern wollte. Die beiden jungen Freunde wollen sich nicht mit dem Umstand des Ei-Raubs abfinden und beginnen auf eine Faust zu recherchieren, wer hinter dem Diebstahl des seltsamen Eis stecken könnte…

Eier allerorten

Belinda Bauer - Das Ding der Unmöglichkeit (Cover)

Spart schon die Aufmachung des von Conny Lösch ins Deutsche übertragenen Buchs nicht mit Eiern, die sich auf dem Vorsatz, dem Buchdeckel wie auch dem augenfälligen Cover zeigen, so ist auch Bauers Roman selbst gewissermaßen ein Nest voller kleiner erzählerischer Eier.

Sie erzählt ihren Roman nämlich weniger als stringente Erzählung, sondern gruppiert verschiedene Erzählstränge und Episoden zu einem abwechslungsreichen Leseerlebnis. So gibt es historische Exkurse zur Praxis des Ei-Sammelns an der Steilklippe und den Geschehnissen, die Celies Fund vor hundert Jahren in Gang setzt. Die zweite Haupterzählung ist die der Kumpels Nick und Patrick, die bei ihrer Suche nach den gestohlenen Eiern manch übergroße Naivität auf charmante Weise mit umso größerer Beharrlichkeit und Erfindungsreichtum wettmachen.

Das bringt auch ein komödiantisches Element in den Roman, der bei der Bergung der Eier und der Jagd nach den verschwundenen Exemplaren hauptsächlich auf jugendliches Personal setzt, das der kalten kapitalgetriebenen Welt der Erwachsenen, die nur den Geldwert in den Eiern sehen, ihre ganz eigene Perspektive entgegensetzt.

Zwischen Vogelschützern, Eiersammlern, den Ei-Bergern und Jugendlichen springt Das Ding der Unmöglichkeit immer wieder hin und her – und zeigt den Wahnsinn, in den sich jene Sammler von Vogeleiern immer wieder stürzten, die Oliver Kahns legendären Ausspruch „Eier, wir brauchen Eier“ vielleicht doch etwas zu wörtlich nahmen. Tief taucht der Roman in die Szene jener Menschen ein, die für Eier von Seevögeln oder anderen Flugtieren fast jeden Preis zu zahlen bereit sind.

„Weil er verflucht nochmal irre ist“, sagte Garrett grob, tippte sich mit einem Finger an die Stirn. „Genau wie die ganzen anderen Eier-Fetischisten. Völlig bescheuert. Du hast ja sein Haus gesehen. Da liegt Pappe auf dem Fußboden. Sein ganzes Geld hat er für schicke Vitrinen, er selbst lebt in einem Loch. Dass seine Eier jetzt zerschlagen sind, wird ihn von nichts abhalten. Würde man ihm die Beine brechen, würde ihn das auch von nichts abhalten. Essen, Klamotten, seine eigene verdammte Familie – das ist ihm alles egal. Das Einzige, was ihm wichtig ist, sind Eier. Das ist eine Obsession. Er kann nichts dagegen machen. Der Typ ist krank. Die sind alle gleich, diese Sammler. Krank.

Belinda Bauer – Das Ding der Unmöglichkeit

Eine überzeugende Mischung

Trat Belinda Bauer bislang meist mit recht durchschnittlichen Krimis in Erscheinung, so ist Das Ding der Unmöglichkeit in seiner Verschmelzung aus Geschichtsstunde und Eierjagd ein weitaus interessanterer Roman geworden, der viele unterschiedliche Leser*innen hinter sich versammeln kann.

Es ist dem herausgebenden Kunstmann-Verlag zu wünschen, dass diese abwechslungsreiche Mischung hierzulande ebenso verfängt, wie es Bauers Roman schon im englischen Sprachraum gelungen ist. Die Z-Ei-chen dafür stehen aber gut!


  • Belinda Bauer – Das Ding der Unmöglichkeit
  • Aus dem Englischen von Conny Lösch
  • ISBN 978-3-95614-687-9 (Kunstmann)
  • 344 Seiten. Preis: 25,00 €
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