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Dennis Lehane – The Drop – Bargeld

Die Drop-Bar

Dennis Lehane ist einer der interessantesten und besten Erzähler von Kriminalliteratur im anglistischen Sprachraum, der bisher nur ein Schattendasein auf dem deutschen Markt fristete. Mit seinem Verlagswechsel von Ullstein hin zu Diogenes könnte ihm nun endlich einmal die Aufmerksamkeit zukommen, die seinem Schaffen gebührt.

Mit „The Drop“ wurde nun wieder eine seiner zahlreichen Erzählungen mit anspruchsvoller Besetzung für’s Kino adaptiert (andere auf Lehanes Erzählungen basierende Verfilmungen wären z.B. „Shutter Island“ oder „Gone Baby Gone“). Die Vorlage hierzu erschien bei Diogenes im Hardcover und wird hauptsächlich aus der Perspektive Bobs erzählt. Dieser verlebt seine Tage als Barkeeper in einer Drop-Bar. Diese dient der Mafia als zentraler Knotenpunkt für die Geldwäsche der verschiedenen krummen Geschäfte.

Zusammen mit seinem Cousin Marv, der eigentlich gar nicht Bobs Cousin ist, fristet er antriebslos in der Drop-Bar seine kümmerliche Existenz. Doch alles ändert sich, als die Bar überfallen wird und dies einen Polizisten auf den Plan ruft. Zudem verliebt sich Bob auch noch und dann wird alles richtig kompliziert.

Mit „The Drop – Bargeld“ hat Dennis Lehane einen knackigen Mobster-Krimi verfasst, dessen lakonischer Stil die brutale Handlung eigentlich konterkarikiert. Mit großem Geschick schafft er es, auf lediglich nicht einmal 260 verschiedene Themen anzuschneiden und selbst dem etwas verbrauchten Mafia-Thema neue Facetten abzuringen.
Eine knackige Lektüre und eine echte Empfehlung

Jo Nesbø – Der Sohn

Tödliches Erbe

Sonny Lofthus sitzt im Gefängnis Staten in Oslo. Er ist ein mustergültiger Gefangener, der seinen Mithäftlingen Beichten abnimmt. Doch eines Tages wird er mit einer tödlichen Wahrheit konfrontiert. Die Verbrechen, für die Sonny büßt, haben andere begangen und zudem tauchen Neuigkeiten über Sonnys Vater auf. Dieser war ein aufrechter Polizist, doch eines Tages verübte er Suizid und ein Abschiedsschreiben legte nahe, dass er ein Maulwurf für die Drogenkönige Oslos gewesen sei. Sonny wittert die Chance, der Gerechtigkeit und dem Ruf seines Vaters Genüge zu tun und bricht aus dem Staten aus. Schon bald zieht sich eine Schneise der Verwüstung und der Morde durch ganz Oslo – und nur der alternde Polizist Simon Kefas mit junger Partnerin stellt sich ihm entgegen.
Zugegeben, ganz neu ist die Idee hinter Nesbøs „Der Sohn“ nicht: ein unschuldig hinter Gittern sitzender Verbrecher, der hereingelegt wurde und nun seinen Ruf reinwaschen will, notfalls auch mit Gewalt. Doch der norwegische Autor schafft es, dieser schon etwas ausgekauten Story neues Leben einzuhauchen. Selten hat man einem Verbrecher für seine Mission mehr die Daumen gedrückt und gehofft, dass sein Morden zum Ziel und damit der Wahrheit führen möge.
Ist man anfangs eingedenk der vielen Personen, die Nesbø einführt, etwas verwirrt, so lichtet sich schon bald der Nebel und die Hauptprotagonisten kristallisieren sich heraus. Da ist auf der einen Seite Sonny, der Sohn, und auf der anderen Seite Simon Kefas, der genügend eigene Probleme mit sich herumschleppt. Den Reiz der Geschichte macht zu großen Teilen auch die Tatsache aus, dass viele Charaktere im Laufe des Buches ganz unterschiedliche Facetten enthüllen und nicht jeder gleich automatisch gut oder böse ist. So schwankt man beim Lesen immer mit der Bewertung der Personen und hetzt durch die Seiten, um ihre Geheimnisse zu ergründen.
Mit „Der Sohn“ beweist Jo Nesbø erneut, dass er für einen spannenden Thriller nicht unbedingt seinen charismatischen Serienheld Harry Hole benötigt. Über 500 Seiten hält der Ökonom und Musiker die Spannung und treibt durch immer neue Wendungen und Blickwinkel die Geschichte voran. Auch wenn der Plot des Sohnes nicht ganz neu ist – dieser Thriller bringt alles mit, was Fans an Nesbø zu schätzen wissen. Und alle anderen sollten ihn endlich kennen lernen!

Dave Eggers – Der Circle

Überwachung total

Mae Holland hat es geschafft. Sie ist im „Circle“ angekommen, dem hipsten und trendigsten Betrieb des ganzen Silicon Valley. Voller Begeisterung stürzt sie sich in ihren neuen Job und ist vom inspirierenden Umfeld mehr als angetan. Kostenlose Speisen, ein toll designter Campus, ein Laden der mehr Wert auf ausgeglichene Mitarbeiter legt denn auf Arbeiten nach Stechuhr (der Name „Circle“ klingt nicht unbeabsichtigt genauso wie Google).

Und genauso wie Google „Don’t be evil“ als Parole ausgegeben hat, so will auch der Circle nur eine bessere, transparentere und sicherere Welt erschaffen. Dank des Systems TruYou, einer Art digitalen Zwangsidentität wider Datenmissbrauch und Shitstorms, wurde der erste Schritt dahin schon gemacht. Mae bringt sich dank ihrer Freundin Annie, einer hochgestellten Circle-Persönlichkeit gut ein und schafft es rasch, im Geschäft Fuß zu fassen und dank eigener Ideen zu einem elementaren Teil des Circles zu werden.
Der Leser beobachtet in einer Mischung aus Faszination und Angst den Aufstieg Maes hin zu einem führenden Mitglied im Circle. Mit jedem Schritt auf der Karriereleiter wird Mae gläserner und die digitale Sicherheit und Transparenz totalitärer. Ähnlich wie in Orwells „1984“ oder Huxleys „Schöne Neue Welt“ bekommt man rasch einen Eindruck, was die neue Offenheit für uns alle bedeuten würde. Was „Der Circle“ so verstörend macht, ist die Naivität und Begeisterungsfähigkeit der Bevölkerung, sich in die neue Offenheit zu stürzen, koste es was es wolle. Denn die drei Grundsätze des Circles lauten: „Geheimnisse sind Lügen. Teilen ist Heilen. Alles Private ist Diebstahl.“

Ähnlich begeistert wie sich Mae in ihren neuen Job stürzt, geht es dem Leser mit dem Roman. Von der ersten Seite an ist man angetan von den Visionen und dem Leitbild des Circles, seiner Motivation und der herrschenden Arbeitsmoral. Doch das Grauen kommt auf leisen Pfoten – auch wenn Eggers auf starke Antipoden zu Maes Daten-Striptease-Haltung verzichtet, wird der Leser unmittelbar in den Sog gezogen und muss selber Position wider die globale Transparenz beziehen.

Abgesehen von zwei drei sprachlichen Schnitzern ist die Übertragung ins Deutsche von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann gut gelungen. Sie schaffen es, das technologisierte Vokabulars des Circles gut lesbar und adäquat ins Deutsche hinüberzuretten. Dank der schriftstellerischen Geschick Eggers entfaltet sich rasch eine Sogwirkung, die bewirkte, dass ich den Roman an einem Wochenende mit seinen ganzen 560 Seiten weglas.

Ein Roman, der wachrüttelt, zu eigener Initiative einlädt und zeigt, wie weit wir uns mit unserer Lust auf digitales Blankziehen und Präsentieren schon gebracht haben. Pflichtlektüre für jeden Freund von Social Media, Bewertungsportalen und Überwaschungstools. Höchst lesenswert!

Marja-Liisa Vartio – Männer wie Männer, Frauen wie Frauen

Die unendliche Geschichte

Es ist eine Geschichte, die man auch nach fünfundfünzig Jahren noch kennt: ein junges Mädchen verliebt sich in einen verheirateten älteren Mann – sie wird schwanger und muss nun alleine mit den Konsequenzen ihres Tuns leben. Im Falle von „Männer wie Männer, Frauen wie Frauen“ heißt das Mädchen Leena und der Mann, in den sie sich verliebt ist ein verheirateter Straßenarbeiter in Finnland. Gleich zu Beginn wird sie schwanger, verheimlicht zunächst noch das Kind, das in ihrem Inneren heranwächst, und flüchtet dann vor den Vorwürfen ihrer Familie zu einer anderen Familie, wo sie als Haushaltshilfe anheuert und gebärt ihr Kind.

So weit eigentlich eine recht lineare Geschichte, die der ein oder andere vielleicht sogar in abgewandelter Form aus Bekanntenkreisen kennt. Was „Männer wie Männer, Frauen wie Frauen“ von Marja-Liisa Vartio dann aber so besonders macht, das ist ihre Sprache und das Gefühl, dass diese Geschichte bei aller Antiquiertheit doch zeitlos ist. Da werden zwar noch Eilgespräche bestellt, es ist eine Katastrophe wenn der Büstenhalter in den Staub auf den Boden fällt, und die Mutter webt Bettwäsche mit Spitze, doch abseits von diesen Atavismen jedoch bleibt das Buch aktuell.

Vartios Prosa wirkt – obwohl 55 Jahre alt – doch frisch und unvergänglich und überzeugt durch einen ganz eigenen lyrischen Tonfall. Bereits 1961 im Alter von 41 Jahren gestorben, lohnt es sich, die finnische Autorin vielleicht im Rahmen der Frankfurter Buchmesse, wo Finnland 2014 ja Gastland ist, neu zu entdecken und sich mit ihrem Schaffen zu befassen!

Arne Dahl – Der elfte Gast

Der elfte Roman

Wer sich von der Aufmachung und dem Klappentext dieses Buch in die Irre führen lässt, könnte glatt glauben, mit „Der elfte Gast“ den elften Fall für die A-Gruppe aus der Feder Arne Dahls vor sich zu haben. Allen, die die Erwartung eines letzten, finalen und spannenden Falles haben, kann man nur empfehlen, die Finger schleunigst von diesem Buch zu lassen.
„Der elfte Gast“ ist vielmehr eine Bonus-Geschichte und eine Art Brückenkopf zum neuen Quartett um die Europol-Gruppe, in dem noch einige Charaktere aus dem A-Team fortbestehen.
Der Autor Arne Dahl treibt in seinem Buch ein doppeltes Spiel und schreibt eine Art Verbeugung vor Giovanni Boccaccios legendärem Decamerone-Zyklus. In Dahls Buch treffen sich die zehn Mitglieder, die der A-Gruppe angehörten, noch einmal zu einem finalen Abend in einem alten Herrenhaus. Ein mysteriöser Gastgeber hat zu diesem Mahl eingeladen, doch niemand kann sich einen Reim darauf machen, wer dieser elfte Mann sein sollte.

Bis die Identität dieses Gastgebers gelüftet ist, erzählen sich die Mitglieder einander zehn Geschichten, die allesamt auf irgendeine Art miteinander verbunden sind. Diese Geschichten variieren in ihrem Erzählduktus stark und machen so aus dem Roman ein Buch mit Episoden-Charakter.
Dementsprechend würde ich dieses Buch auch nicht als Kriminalroman bezeichnen, vielmehr hat das Buch durch seine Fokussierung auf die zehn Geschichten und zehn Protagonisten der A-Gruppe den Charakter eines Kurzgeschichtenbandes, der allerdings in sich geschlossen ist..
Erst mit der Identität und der Erzählung des mysteriösen elften Gastes bekommt die literarische Konstruktion des Buchs Sinn und bildet einen Ringschluss.
Dies ist literarisch großartig gemacht – erneut stellt Dahl seine schriftstellerischen Fähigkeiten unter Beweis. Die zehn Kurzgeschichten, die im Buch verbaut sind, künden vom Talent des Autors, Spannung mit anspruchsvoller Prosa zu verbinden.
So ist das Buch ein aus dem Dekalog der A-Gruppen-Romane herausstehender Roman, der die bisherigen Bände abrundet und zugleich eine literarische Spielerei, die dem Leser vor Augen führt, welch ein großartiger Schriftsteller Arne Dahl doch ist.