Cihan Acar – Hawaii

Vier Tage und die Welt steht Kopf. Beziehungsweise Heilbronn. Aber in diesem Buch kommt das letzten Endes auf das Gleiche heraus. Cihan Acars Debüt „Hawaii“ über einen jungen Mann zwischen den Welten und eine Stadt im Ausnahmezustand. Ein politischer Flaneurroman, der punktgenau hineinblickt, in die Verwerfungen unserer Gesellschaft.


Es sind vier Tage im Sommer, die Cihan Acar in seinem Flaneurroman beschreibt. Alles beginnt dabei eigentlich ganz harmlos. Es ist eine dieser Hochzeiten, auf denen man eigentlich gleich wieder gehen sollte. Man kennt kaum jemanden, die Hälfte der Gäste ist schon betrunken und irgendwie gehört man nicht hierher. Auch Kemal fühlt sich etwas deplaziert auf jener Hochzeit, auf der er sich zu Beginn des Buchs wiederfindet. Doch nicht nur auf dieser Hochzeit fühlt er sich fehl am Platz. Auch im wahren Leben weiß er eigentlich überhaupt nicht, wo er hingehört.

Aufgewachsen im migrantisch geprägten Stadtteil Hawaii in Heilbronn war es früh sein Fußballtalent, das ihn aus dem Gros seiner Mitschüler*innen heraushob. So schmiss er die Schule kurz vor dem Abitur, wurde in der Türkei Fußballprofi und ruinierte bei einem Verkehrsunfall sein Bein. Nun ist er mit 21 Jahren wieder in Deutschland zurück. Von den Hawaiianern ebenso misstrauisch beäugt wie von den „normalen“ Deutschen da draußen. Irgendwo zwischen zwei Welten steckend, nirgends wirklich daheim.

Es gärt in Heilbronn

Cihan Acar - Hawaii (Cover)

So beschließt er bei der eingangs geschilderten Hochzeit, einfach zu gehen. In der Folge lässt er sich durch Heilbronn treiben, besucht seine Eltern, Spielhallen und wird Zeuge, wie etwas in der Gesellschaft kippt. Denn jene Hundstage im Juli, die Acar in seinem Buch beschreibt, steigen einigen Heilbronner*innen zu Kopf. So gärt es schon lange in der Bevölkerung, aber in jenen Tagen brechen die Gräben zwischen „Biodeutschen“ und „Migranten“ endgültig auf. Auf der einen Seite die Vereinigung HWA, kurz für Heilbronn Wach Auf. Sogenannte besorgte Bürger, rassistisch, gewaltbereit und bereit für den großen Clash. Auf der anderen Seite die Kankas, eine Gruppe zumeist türkischer Jugendlicher, die sich gegängelt und in dieser Gesellschaft nicht repräsentiert fühlen. Beide Gruppen prallen am Ende der vier Tage aufeinander. Und Kemal wider Willen mittendrin in diesem Clash der Kulturen. Cihan Acar inszeniert diese Konfrontation aufrüttelnd, realitätsnah und weckt Erinnerungen an ähnliche Vorkommnisse in Chemnitz.

Cihan Acar [(c) Robin Schimko]

Die große Stärke von Cihan Acars Roman sehe ich in dieser Realiätsnähe. In Zeiten, in denen Rassismus und Extremismus auf immer krassere Art und Weise um sich greifen, ist Hawaii ein Kommentar der Gegenwart. Er weckt Verständnis für die Probleme von Menschen mit Migrationshintergrund und thematisiert die Frage migrantischer Idenität auf nachvollziehbare Art und Weise. Leider ist ausgerechnet Acars Titelheld für mich ein weitestgehend belangloser Pappkamerad.

Schulabbrecher, Fußballstar, Millionär, dann gescheitert Heimkehrender. Kemal als Ich-Erzähler fehlen für meine Begriffe leider die Brüche und die Reibungspunkte, die eine interessante Persönlichkei ausmachen. So darf Kemal zwar in der Tiefgarage mit seinem geschrotteten Auto plaudern wie weiland Macbeth mit dem Geist Banquos. Das macht aus ihm aber lange noch keine Figur mit Tiefgang. Zudem ist die Sprache in Hawaii für mich auch nur durchschnittlich zu nennen.

Wie ist „Hawaii“ zu bewerten?

So gilt es für mich, zwei Seiten abzuwägen. Da sind zum einen die Figuren, allenvoran Kemal, denen es an Tiefe gebricht. Eine interessante Biografie oder einigermaßen komplexe Charaktere haben sie alle nicht. Auf der anderen Seite schafft es Cihan Acar aber auch wirklich gut, trotz oder vielleicht gerade wegen der Schablonenhaftigkeit seiner Figuren, gesellschaftliche und politische Themen in Hawaii zu verhandeln. Die Aktualität, mit der Acar Verwerfungen in unserer Gesellschaft beschreibt, ist nach Chemnitz und Hanau kaum zu übertreffen. Und aufgrund dieser Unmittelbarkeit, die Acar in Hawaii gelingt, bin ich doch geneigt, dieses Buch als äußerst gelungen zu bewerten, trotz aller Einwände, die ich habe. Ein hochaktueller, politischer Flaneurroman, der zeigt, das Heilbronn literarisch deutlich mehr als nur das Käthchen bietet.


  • Cihan Acar – Hawaii
  • ISBN 978-3-446-26586-8 (Hanser Berlin)
  • 256 Seiten, 22,00 €

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