Sag niemals nie – diese Wahrheit hat auch Don Winslow beherzigt. Denn statt weiter in schriftstellerischer Rente zu verharren, legt er mit The final score einen Sammlung von Kurzgeschichten vor, bei der er passenderweise gleich noch einen alten Helden aus frühen Karrieretagen reaktiviert.
Eine allzu hohe Wertung erreicht dieser finale Score allerdings nicht – ist aber doch zugleich auch sehr bemerkenswert.
Es war ein ambitioniertes Vorhaben, für das Don Winslow seine Karriere als erfolgreicher Thrillerautor vor vier Jahren an den Nagel hängte. Statt weiter Krimis zu schreiben, wollte er mit seinem Engagement auf dem Kurznachrichtendienst Twitter und der Anfertigung von kurzen Filmen die Wiederwahl Donald Trumps verhindern. Ein Vorhaben, das bekanntermaßen von wenig Erfolg gekrönt war – und auch Winslows Medium, der Kurznachrichtendienst Twitter, hat seither einen rasanten Niedergang hingelegt.
Nun erscheint nun mit The final score ein neues Buch von Don Winslow, das vom herausgebenden Harper Collins-Verlag als Thriller geführt wird. Es stellt unter Beweis, dass es mit der Ankündigung des Karriereendes nicht allzu weit her war.
Ein Thriller im klassischen Sinne ist das Buch allerdings nicht, vielmehr enthält das Werk sechs Kurzgeschichten, von denen eigentlich keine wirklich in die Gattung Thriller passt.
Don Winslows Rückkehr aus der Rente

Vielmehr sind manche der Erzählungen das Gegenteil eines Spannungsromans, etwa die Erzählung Die Sonntagsliste, die um einen jungen Mann kreist, der im Sommer des Jahres 1970 als Lieferant illegaler Spirituosen jobbt, um sich ein Studium zu finanzieren.
Sonntags herrschte im Bundesstaat Rhode Island zu jener Zeit nämlich ein eintägiges Alkoholkaufverbot, was der junge Mann in Winslows Erzählung zu nutzen weiß, um für einen Getränkelieferanten die am Tag des Herrn die illegale Auslieferung des Alkohols zu übernehmen, den er an die höchst unterschiedliche Kundschaft vertreibt.
Daneben gibt es Knast-Erzählungen wie die mit hundert Seiten längste Story Kollisionen am Ende des Buchs. Diese handelt von einem eigentlich unbescholtenen Familienvater, der er erst ins Gefängnis und dann in Abhängigkeit von einer Bande gerät.
Thematisch recht deckungsgleich die Erzählung Der Nordflügel, die ebenfalls von einem Verurteilten handelt, derm durch einen Deal seines Cousins ein schwereres Schicksal im Knast erspart werden soll, wofür sich dieser Cousin — ein Streifenpolizist — mit der Mafia einlässt.
Dazu gesellen sich noch die titelgebende Erzählung eines klassischen Heist-Coups um einen letzten Einbruch in ein Casino, eine Erzählung, die in reine Dialogform gegossen wurde und ein kurzes Wiedersehen mit dem surfenden Privatdetektiv Boone Daniels (Pacific Private), mit dem Winslow das Motiv der zu beschützenden höchst extenrischen damsel in distress aufgreift, die er schon im frühen Neal-Carey-Krimi A long walk up the waterslide behandelte und dann im Mittelteil seiner letzten Trilogie um den auf den Spuren der Aeneis wandelnden Mobster Danny Ryan erneut verwendete.
Bekannte Themen, kraftloses Erzählen
Hochspannung und temporeiche Verwicklungen gibt es kaum, vielmehr setzen die von der bewährten Winslow-Übersetzerin Conny Lösch ins Deutsche übertragenen Geschichten auf den typischen, schnell geschnittenen Erzählstil Winslows und umkreisen immer wieder das Thema von Gewalt, Familie und Mafia.
Sind Werke Don Winslows — von einigen erzählerischen Gurken abgesehen — in den letzten Jahren wirkliche Ereignisse gewesen, so wirkt beim erzählerischen Comeback des mittlerweile 73-jährigen Winslow alles seltsam saft- und kraftlos. Der finale Score ist erschütternd niedrig, um im Bild des Buchtitels zu bleiben.
Es mutet einigermaßen rätselhaft an, warum Winslow ausgerechnet mit einem Werk aus der Rente zurückkehren musste, das so wenig zu sagen hat. Dringlichkeit besitzt hier gar nichts.
Da nützt auch die seltsame Nobilitierung durch ein Vorwort des hierzulande kaum übersetzten und dementsprechend unbekannten Reed Farrel Coleman mit seinen Lobpreisungen oder das auf den Titel gedruckte Zitat Stephen Kings nichts.
Dessen Versicherung, dass das Buch das Beste sei, das er seit zwanzig Jahren gelesen gabe, lässt allenfalls Zweifel an der übrigen Lektüre Stephen Kings aufkommen. Was um Himmels Willen liest der Mann sonst so, wenn ihm in zwanzig Jahren kein besseres Buch als dieses untergekommen ist?
Dass das Buch nicht sonderlich gut lektoriert ist, sich deutliche Rechtschreibfehler wie Weinachten oder taugh im Text finden, passt ins Bild zu diesem ebenfalls mit wenig Mühe gestalteten Werk, das angefangen von der Covergestaltung bis hin zum Satz ein Gefühl von Lieblosigkeit verströmt.
Die bemerkenswerte Abwesenheit eines Themas
Das Ganze wäre an sich jetzt nicht sonderlich bemerkenswert. Das Muster eines Künstlers, der sein angekündigtes Karriereende revidiert, um unter großer Aufmerksamkeit ein bestenfalls mittelmäßiges Werk abzuliefern, gibt es in der Popkultur ja häufig.
Spannender wird der Fall, da im Falle von Winslows Geschichten gerade die Abwesenheit eines Themas besonders ins Auge sticht, nämlich die völlige Absenz von Gegenwartsbezug und Politik. So wirkt dieses auch im Original erst heuer erschienene Werk wie mit einem Dampfstrahler gereinigt von allen Spuren amerikanischer Gegenwart und Politikkritik, die Don Winslows Schreiben ja bislang auszeichnete.
Neben seinem digitalen Kampf gegen Donald Trump prangerte Winslow die Umtriebe des US-amerikanischen Präsidenten und die fatalen Auswirkungen des war on drugs auf die US-amerikanisch-mexikanische Grenzregion immer wieder in seinen Werken an, etwa im krimipreisgekrönte Epos Tage der Toten und den Nachfolgeromanen Das Kartell und Jahres des Jägers.
Kaum verhohlen hatten Personen wie Donald Trump der sein Schwiegersohn Jared Kushner neben Kartellbossen wie von Joaquín „El Chapo“ Guzmán in den Romanen ihre Auftritte und bekamen den literarischen Furor Winslows zu spüren.
Jetzt aber – dröhnendes Schweigen über die politische Gegenwart in den USA.
Don Winslow in einer Phase des Biedermeier?
Es scheint fast, als befände sich Don Winslow sich in einer Phase des Biedermeiers. Nostalgie und apolitische Mobster-Themen dominieren, und das in dem Jahr, in dem Donald Trump so unverhohlen wie noch nie in seiner Regierungszeit auf Recht und Ordnung pfeift, Machthaber aus anderen Ländern entführen lässt, illegale Bombenschläge auf Ländern anordnet oder diese gleich annektieren möchte, während auf den Straßen des Landes eine Prügeltruppe wie ICE schaltet und waltet und die Demokratie langsam errodiert.
Material für Kritik oder eine kriminalliterarische Aufarbeitung der Zustände wäre ja mehr als genug vorhanden – und mit seinem 2020 erschienenem Kurzgeschichtenband Broken stellte Don Winslow ja eindrücklich unter Beweis, dass er es kann. Sowohl in der langen wie auch in der kurzen Form ist er zu ebenso spannendem wie gesellschaftskritischen Erzählen in der Lage (man lese nur die ergreifende letzte Geschichte in Broken, die den Titel The last ride trägt. Darin erzählt er von einem Grenzschützer, der dem Unrecht in der Grenzregion nahe der mexikanischen Grenze zur Zeit des Trump’schen Mauerwahnsinns nicht länger zusehen kann und selbst die Initiative ergreift).
Nun aber nur zahnloses und unkritisches Erzählen, bei der kein Mächtiger kritisiert wird, kein Missstand in den Blick gerückt wird, allenfalls von Kämpfen im Knast erzählt wird, wie man es aus der Popkultur zur Genüge kennt.
Dröhnendes Schweigen zu den Zuständen in den USA
Mit diesem Schweigen über die Gegenwart in den USA und die rasanten Veränderungen, die die Regierung Donald Trumps bedeutet, ist Winslow nicht alleine, nur dröhnt dieses Schweigen angesichts seiner bisherigen Positionierung gegen Trump und Co., den er noch vor weniger als zwei Jahren einen Möchtegern-Diktator nannte, gegen der er in die Schlacht ziehen wollte, nun umso lauter.
Literarisch zeigt sich mit The final score das, was auch schon anderen Bereichen der USA von der Musikindustrie bis hin zum Hollywood dieser Tage zu beobachten ist. Stars scheuen eine kleine Positionierung und ein auf einer Preisverleihung getragener Anstecker gilt schon als größte Geste des Protests gegen die Zustände im Land. Man verzwergt sich lieber selbst, statt Shitstorms und Gegenwind in Kauf zu nehmen.
Nun fügt sich auch die Kunst Don Winslows in diese apolitische Starre der Künstler*innen ein, bei der eine klare Positionierung gegen das Wirken der Regierung gescheut wird, da aufgrund der Polarisierung des Landes auch künstlerisch kaum mehr eine Verständigung möglich ist und Sozialkritik zum gefährlichen Gegenstand geworden zu sein scheint.
Das ist symptomatisch für die Zeit und ist — wennauch vielleicht persönlich verständlich — in Bezug auf Don Winslows bisheriges Auftreten und Wirken in doppelter Hinsicht enttäuschend – sowohl was die Qualität seines Comebacks als auch sein fehlender Mut zu literarischer Kritik an den Zuständen seines Heimatlandes anbelangt.
- Don Winslow – The final score
- Aus dem amerikanischen Englisch von Conny Lösch
- ISBN 978-3-365-01337-3
- 335 Seiten. Preis: 24,00 €
Die Frage, die sich mir stellt: Ist bekannt, ob das wirklich neu geschriebene Geschichten sind. Gibt es Hinweise dazu?