Ist das ne schwarzes Ding? Percival Everett schreibt mit Ausradiert eine Satire auf den Literaturbetrieb und unsere Voreingenommenheiten – und stellt dabei eine für ihn ganz typische Figur in den Mittelpunkt dieses schon fast hyperaktiven Romans.
Es gibt wahrscheinlichere Orte, um literarische Entdeckungen zu machen, als die Literaturabteilung der amerikanischen Supermarktkette Walmart. Aber ebendort erblickt Percivals Held, der hochgebildete Literaturprofessor und Schriftsteller Thelonious „Monk“ Edison einen Roman, der sein bisherig recht erfolgloses Dasein als Schriftsteller auf den Kopf stellen soll.
In der eigenwilligen Abteilung „Afroamerikanische Literatur“ entdeckt er den Roman Ghettoleben der Autorin Juanita Mae Jenkins, der zum absoluten Bestseller geworden ist. Allein die Taschenbuchrechte des Buchs haben sich für eine halbe Million verkauft und die Kritik überschlägt sich, wie Percival Everett mit viel Wonne beschreibt. So stößt Monk in Atlantic Monthly auf folgende „Rezension“:
Juanita Mae Jenkins hat ein Meisterwerk afroamerikanischer Literatur geschrieben. Man kann tatsächlich die Stimmen der Menschen hören, die ihren Weg durch die Erfahrung gehen, die man Schwarzes Amerika nennt.
Percival Everett – Ausradiert, S. 61 f.
Die Geschichte beginnt mit Sharonda F’rinda Johnson, die ein typisches schwarzes Leben in einem namenlosen Ghetto lebt. Sharonda ist fünfzehn und mit ihrem dritten Kind schwanger, vom dritten Vater. Sie lebt mit ihrer drogensüchtigen Mutter und ihrem geistig zurückgebliebenen, Basketball spielenden Bruder Juneboy. Als Juneboy aus einem fahrenden Auto von einer rivalisierenden Gang getötet wird, die Kugel durchschlägt außerdem seinen angebeteten, von Michael Jordan signierten Basketball, sieht Sharonda den Kummer ihrer Mutter und beschließt, die Dinge zu ändern.
Sie prostituiert sich, um genug Geld für Tanzstunden im Gemeindezentrum zu verdienen. Im Stepptanzkurs bemerkt der Produzent einer Broadway-Show ihr Talent und entdeckt sie. Sie steigt an die Spitze auf, kauft ihrer Mutter ein Haus, doch ihre Herkunft holt sie ein und sie fällt zurück auf den Boden der Tatsachen.
Ein Englischprofessor liefert ab
Thelonious Edison hat zwar auch schon mehrere Bücher geschrieben, diese von griechischer Geschichte und Philosophie durchsättigten Romane sind aber wahres Kassengift und haben sich weder dem Publikum noch der Kritik erschlossen. So schlägt sich der hochgebildete Mann, der einst immerhin an der Harvard-Uni studierte, nun als Professor mit befristeten Seminaren an Unis in Kalifornien und Minnesota durch.
Eine besondere Rolle spielt dabei auch seine Hautfarbe. Denn Thelonious ist Schwarz und fügt sich damit in eine ganze Riege von Schwarzen Professoren und nerdigen Figuren ein, mit denen Percival Everett seine Romane bevorzugt besetzt.
Das reicht vom Geologieprofessor Zach Wells in Erschütterung, bis hin zu Wala Kitu, dem Experten für Nichts, der in seinem zuletzt auf Deutsch veröffentlichten Roman Dr. No auf den Spuren von Ian Flemings James Bond wandeln durfte.
Mit dem prekären Dasein als Geisteswissenschaftler und verkannter Dichter ist aber schon bald Schluss in Ausradiert. Denn, inspiriert von Jenkins‘ Ghettoleben, haut nun auch der Englischprofessor unter Pseudonym in die Tasten und gibt dem Affen ordentlich Zucker. Er setzt nicht nur eins, sondern mindestens gleich zehn auf den klischeestrotzenden Roman von Juanita Mae Jenkins drauf. Bei Monk gibt es einen Auftritt im Unterschichten-TV, eine Autoverfolgungsjagd, Misogynie und derbste Sprache, wie Everett recht deutlich zeigt, indem er einen langen Teil aus Monks‘ Werk mit dem sprechenden Titel Fuck zitiert.
Ein literarischer Witz wird ernst
Sein Agent ist erschüttert ob dieses literarischen Ausfalls, den ihm sein sonst so feinsinniger und vergeistigter Autor präsentiert. Dabei bleibt es aber nicht lange.
Es war Mitte Juli und Washington eine große, dampfende Suppenschüssel. Ich saß im Arbeitszimmer und hantierte mit der Klimaanlage. Dann nahm ich das schwere schwarze Telefon und rief meinen Agenten an. Er erkannte sofort meine Stimme und sage ohne große Umschweife: „Bist du wahnsinnig geworden?“
Percival Everett – Ausradiert, S. 170
Denn das Entsetzen über die Qualität des vorgesetzten Schunds weicht bald ungläubigem Staunen über die Reaktion der Buchbranche auf dieses Machwerk. Aus dem Witz wird ernst, als es erst einen hochdotierten Vertrag über dreihunderttausend Dollar für den „Roman“ und eine Positionierung als Spitzentitel hagelt, dem die millionenschwere Recht an der Verfilmung folgen, plus ein Talkshowauftritt und eine begeisterte Öffentlichkeit für dieses „echte“ Buch Schwarzer Lebenswelt.
Eine Satire auf den Literaturbetrieb und seine Mechanismen
Mit viel Spielfreude und Lust an der Satire nimmt Percival Everett hier den Literaturbetrieb, seine Mechanismen und prägenden Figuren aufs Korn. So begnügt er sich nicht nur mit dem Aberwitz von Monks literarischem Harakiri, er lässt den Schriftsteller dann sogar noch zum Jurymitglied eines Literaturpreises werden, dessen Juroren sich ebenfalls der Faszination von Fuck entziehen erliegen.
Dazu gesellen sich schräge Aphorismen, immer wieder eingestreute Dialoge mit Figuren wie Paul Klee, Alain Resnais und Mark Rothko, Briefe, wild fabulierte Romanauszüge, Vorträge und mehr, die das wilde Durcheinander bilden, das Ausradiert ausmacht.
Zudem verhandelt auch dieses, eigentlich aus dem Jahr 2001 stammende Buch, wie auch die späteren Titel immer wieder die Frage Schwarzer Identität. Die Faszination für die billigsten Abziehbilder und Klischees über Schwarzen Leben, die offenkundigen und subtilen Mechanismen des Rassismus, Ausradiert erzählt auch alles das temporeich mit.
Im Gegensatz zu den bisher im Hanser-Verlag erschienenen, stets von Nikolaus Stingl übersetzten Bücher leistete hier Jens Seeling die Übersetzungsarbeit, in dessen eigenem Verlag das Buch ursprünglich 2008 erschien und nun vom Hanser-Verlag zum Start des ersten eigenen Taschenbuchprogramms noch einmal neu aufgelegt wird. Ihm gelingt ein guter Job, die zwischen Ghetto- und akademischer Hochsprache changierenden Duktus ins Deutsche zu übertragen.
Nicht zuletzt die Ocar-Preisverleihung vor zwei Jahren dürfte für die Wiederveröffentlichung auch eine Rolle gespielt haben. Denn damals erhielt der Film American Fiction einen Preis für das beste adaptierte Drehbuch. Der Film basiert auf dem vorliegenden Roman Erasure bzw. American Fiction.
So können jetzt Filmfans ebenso wie die wachsende Fangemeinde von Percival Everett preisgünstig ein Frühwerk entdecken, in dem schon alles angelegt ist, was seine späteren Werke immer wieder verhandeln werden.
- Percival Everett – Ausradiert
- Aus dem Englischen von Jens Seeling
- ISBN 978-3-446-28622-1
- 346 Seiten. Preis: 14,00 €
