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Thomas Hettche – Liebe

Langmütig ist sie und freundlich, sie eifert nicht, treibt nicht Mutwillen und bläht sich nicht auf. So definiert die Liebe zumindest der berühmte Korintherbrief, hier zitiert nach der Einheitsübersetzung nach Martin Luther. Und doch ist diese Definition nur eine unter vielen. Thomas Hettche versucht sich in seinem neuen Roman Liebe ebenfalls am Versuch, ein Gefühl in Worte zu bannen. Kann das gutgehen?


Liebesgeschichten gibt es mindestens so viele, wie es auch Definitionen für die Liebe gibt. Auch Thomas Hettches Buch ist voll von ihnen, mal zitiert er indirekt Biblisches und dann wieder direkt Poetisches, nämlich die berühmten Zeilen von Erich Fried: Es ist, was es ist. Auch der Auftakt zu seinem Roman versucht sich in einer philologischen Betrachtung der Liebe und ihrer sprachlichen Besonderheit.

Liebe ist eines jener seltenen Wörter, die uns auffordern zu tun, was sie bezeichnen.

Thomas Hettche – Liebe, S. 5

Aber was ist es denn nur mit der Liebe? Nach Hettches Roman ist man auch nicht schlauer, wenngleich er Anschauungsunterricht in Sachen intensiver Liebe erteilt.

Bei ihm ist es der Ocularist Max, der wie schon zuvor schon sein Vater im Institut für künstliche Augen mit großer Kunstfertigkeit jene Glaskörper formt, die dann blinden Menschen in ihre Augenhöhlen eingesetzt werden, auf dass sie zumindest den Anschein einer Sehfähigkeit vermitteln.

Max drehte die kleine weiße Glaskugel vor sich auf dem Arbeitstisch in der fauchenden Flamme. Das Menschenaugenglas wird seit über hundert Jahren im Thüringer Wald in Form kleiner Röhrchen hergestellt, ein bläulich schimmerndes Glas, dem man Kryolith beimischt, was es weicher macht und den Schmelzpunkt verringert. Max hatte es über dem Bunsenbrenner geschmolzen, ein Ende mit den Lippen umschlossen und vorsichtig hineingeblasen, bis die Kugel sich gebildet hatte. Nach und nach griff er jetzt die bunten Glasstäbe vom Tisch, die aussahen wie lange bunte Bleistiftminen, und schmolz die Iris als feines Glasgespinst in den Augapfel, blau, braun, mit hellen Sprenkeln, dunklen Pünktchen, einem leuchtenden Kranz, schließlich als schwarzer Glastropfen die Pupille, anschließend die Äderchen aus hauchfeinen gelben und roten Fäden und zuletzt aus durchsichtigem Kristallglas die Hornhaut.

Thomas Hettche, Liebe, S. 14 f.

Ein Augenmacher, blind vor Liebe

Thomas Hettche - Liebe (Cover)

Dass man aber auch als kunstfertiger Spezialist für Augen förmlich blind werden kann, das erfährt der in Trennung lebende Max mit einer Heftigkeit, die ihn selbst am meisten überrascht. Als Gast eines Sommerfestes am Saaler Bodden lernt er im Dunkel der Nacht eine Frau kennen, die ihn nicht mehr loslässt und ihn, ja, blind vor Liebe werden lässt.

In Chats kommunizieren sie und das Verlangen wächst, ehe sie sich das erste Mal nach dem Sommerfest begegnen können. Das Sich-Sehen ist bei ihnen alles andere als leicht, schließlich ist Anna mit einem Notar verheiratet und kann sich nur mit Aufwand Zeit abseits von diesem ermöglichen. Diese geheimen Treffen sind dann aber umso intensiver. Mal auf Hiddensee, mal zwischen den Buden eines Weihnachtsmarkt finden ihre Treffen statt, bei denen beide kaum das Bett verlassen, ehe man sich wieder trennen muss, bis sich wieder ein neues Zeitfenster öffnet.
So beginnt im fortgeschrittenen Alter eine leidenschaftliche Affäre, die in Max aber auch den Wunsch nach mehr weckt…

Chronologisch arbeitet sich Thomas Hettche durch diese Liebesgeschichte hindurch, die immer wieder von eingeschobenen Chats unterbrochen wird. Intensives Begehren, Sehnsucht, aber auch die Neigung, sich im Rausch der Hormone der Lächerlichkeit preiszugeben, all das konjugiert auch seine Liebesgeschichte durch.

Die Liebe in Literatur, Philosophie, Poesie, Kunst und Musik

Dabei zitiert der preisgekrönte Schriftsteller munter neben der schon erwähnten Literatur und Poesie auch aus der Philosophie (Hegel), der Kunst (Caravaggios Amor als Sieger) und der Musik (Jaques Offenbachs Hoffmanns Erzählungen). Vor allem letzteres Kunstwerk weist überdeutlich auf eine Fährte, die schon der Beruf von Max legt. Leere Augenhöhlen und künstliche Augen, das ist doch E. T. A. Hoffmanns Der Sandmann, der darin von dem Wahn und der Liebe Nathanaels zu Olimpia erzählt.
Jene Olimpia, die sich später als Phantasmagorie erweisen wird, bekommt auch in Offenbachs Bearbeitung des Hoffmann-Stoffes eine eigene Arie, die wiederum Max und Anna in einer Theateraufführung erleben.

Auch Max‘ Beruf um die Erschaffung künstlicher Augen ist gewissermaßen mit dem Stoff verbunden. So weist der Wetterglashändler Giuseppe Coppola mit dem Ruf nach den „Schönen Augen“ auf sein Angebot hin, das eigentlich auch Max‘ Slogan im Institut für Künstliche Augen sein könnte.
Nicht zuletzt ist es auch der Schauder, den Max bei einer Begegnung in seiner Werkstatt verspürt, den auch E. T. A. Hoffmanns Werk aus der schwarzen Seite der Romantik kennzeichnet. Das Gefühl des Unheimlichen hält in einer kurzen Begegnung Einzug, wird dann aber nicht weiter ausgedeutet.

Viel weiter als ein Spiel mit diesen Motiven geht die Deutung der dunklen Hoffmann’schen Erzählwelt in Hettches Roman —zumindest für mich — aber erkennbar nicht. Später bricht Corona über die Welt herein, die Belastungen und Chancen einer Liebe gegen Widrigkeiten werden angedeutet, der unter verschiedenen Umständen geführte Dialog zwischen zwei Seelen durchzieht das Buch, dann gibt es wieder höchst explizite Beschreibungen des Liebeslebens der beiden, was alles für sich genommen auch sprachlich durchaus interessant gemacht ist.

In seiner Mischung aus Motiven und Versatzstücken der Kunst ist das Ganze aber zu unentschlossen, um wirklich überzeugen zu können.


  • Thomas Hettche – Liebe
  • ISBN 978-3-462-00204-1
  • 176 Seiten. Preis: 22,00 €