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Megan Abbott – El Dorado Drive

Wer am Rad dreht, dem ist in Megan Abbotts neuem Roman möglicherweise finanzieller Gewinn beschieden. Genauso kann das System, das einige Vorstadtdamen ersonnen haben, aber auch zum Tod führen, wie El Dorado Drive zeigt.


Es gibt wohl kaum eine Stadt, die den tiefgreifenden wirtschaftlichen Wandel so symbolisiert, wie Detroit. Motown und Motoren, das war einmal. Der Strukturwandel macht auch vor der ehemaligen Herzkammer automobiler Produktion nicht Halt.

Über 60 Prozent der Bevölkerung seit der Spitzenzeit in den 1950er Jahren hat die Stadt verloren, zeitweise war die Metropole so insolvent, dass sie unter finanzielle Zwangsverwaltung gestellt wurde. Hier ist nicht nur die Autorin Megan Abbott geboren, hier siedelt sie auch ihren neuen Roman an, der um die drei Schwestern Debra, Harper und Pam Bishop kreist.

Der Strukturwandel und die Bishop-Schwestern

Sie alle haben die finanzielle Sorglosigkeit kennengelernt, doch der Strukturwandel hat auch die drei Schwestern erreicht – und ihr Leben nicht zum Besseren gewendet, im Gegenteil. Pam wurde von ihrem Mann Doug verlassen, die Schwestern helfen sich gegenseitig aus und wollen das Leben mit Partys nicht lassen – die Finanzierbarkeit ihres Lebensstils steht aber auf wackeligen Füßen. Dennoch will der Schein gewahrt sein, auch für Pams Sohn Patrick, der nun seinen Abschluss feiert.

Alle kamen sie in Pams Haus im El Dorado Drive, in dem sie zur Miete wohnte, zur Feier zusammen, die sie schon seit Wochen, wenn nicht Monaten vorbereitet hatte. Die Planungen glichen denen für eine Hochzeit, eine königliche Hochzeit geradezu, und Harper erwartete beinahe, dass Patrick in einer Pferdekutsche vorfuhr.
Mom, das musst du doch nicht, versicherte Patrick ihr immer wieder, bis zur letzten Minute beunruhigt, dass er die Gnaden-Drei in Trigonometrie vielleicht doch nicht schaffen würde. Wir können auch einfach nur abhängen. Ist doch cool.
Doch Pam war die Schwester, die Partys plante, eine gute Gastgeberin sein wollte, sich mit dem Feuereifer eines Generals, der seine Truppen in die kriegsentscheidende Schlacht wirft, in alles hineinstürzte. Das ergab einen gewissen Sinn, als sie noch mit Doug verheiratet, Vorsitzender der Junior League und des Elternbeirats war, als sie in einer Villa mit fünf Schlafzimmern und Säulenfassade an einer prächtigen Allee in der Nähe des Sees wohnte und mindestens drei Gesellschaften im Monat gab – Dinnerpartys, Benefizpartys, Kennenlernpartys, Mittagsgesellschaften, Empfänge.
Diese Zeiten waren allerdings vorbei, lange vorbei, weshalb diese Party ihr viel mehr bedeutete, den Stellenwert einer Krönung hatte, die gespenstische Verzweiflung des D-Day verströmte.

Megan Abbott – El Dorado Drive, S. 18 f.

Der Ex-Mann hat die gemeinsamen Ersparnisse geplündert, glänzt mit Abwesenheit und ist in halbseidene Geschäfte verstrickt, immer nebulöser werden seine geschäftlichen Aktivitäten, denen er aber unverdrossen nachgeht. Pam steht derweil vor der Frage, wie sie die Studiengebühren für ihren Sohn berappen soll, als die Lösung aller Probleme durch eine andere Frau, das Paradebeispiel einer Soccer Mom, in greifbare Nähe rückt.

Willkommen im Club

Megan Abbott - El Dorado Drive (Cover)

Wie auch ihre Schwester Harper werden die Frauen Teil des sogenannten „Rads“, einem Club, den die Frauen rund um die selbstsichere Sue Fox aufgezogen haben. Es ist das bekannte Schneeballsystem, auf dem die Funktionsweise des Rads beruht.
Jede Frau zahlt als Eintrittsgebühr in den Club 5000 Dollar in bar, die dann die Frau an der Spitze erhält, die die anderen Frauen geworben hat. Dann rücken die Neumitglieder langsam nach an die Spitze der Pyramide, während die nun von der Spitze gestoßenen Frauen derweil neue Rad-Gruppen gründen können, um so ihr Geld zu mehren.

Die Folge sind Partys, die auch vom aktuellen US-amerikanischen Präsidenten inspiriert sein könnten. Wenig Stil und Klasse, dafür viel Bling Bling herrscht auf den Partys, auf denen sich die Frauen gegenseitig mit dem neu generierten Bargeld überhäufen und sich gegenseitig mit den Inszenierungen des neu gewonnenen Reichtums ausstechen möchten.

Den Ängsten des sozialen Abstiegs begegnet man mit einer umso offensiveren Feier dessen, was man dem Untergang entgegensetzt. Doch auch die Instabilität jedes Schneeballsystems lernen die Frauen kennen. Denn was als Beschreibung des sozialen Abstiegs und deren umso verzweifelteren Inszenierung einer heilen Welt begann, kippt in einen Krimi, als eine der drei Bishop-Schwestern ermordet in ihrem Mietshaus aufgefunden wird.

Plötzlich bricht Panik unter den Frauen aus und die zuvor gefeierte Schwesternschaft der Vorstadt-Damen erweist sich als höchst brüchiges Miteinander. Rasch entwickelt das System des „Rads“ unerwartete Fliehkräfte, die den geheimen Club und auch die Bishop-Schwestern selbst zur Implosion bringen könnte….

Mit ihren Romanen umkreist Megan Abbott immer wieder amerikanische Kultur und die Geschlechterverhältnisse kriminalliterarisch. So widmete sie sich in ihrem letzten Buch Wage es nur dem Cheerleadersport und wagt sich nun an ein in der Breite noch viel dominierendes Thema, wenngleich man es nicht so ausstellt wie den Cheerleadersport: die Angst vor sozialen Abstieg und die Mittel, die die schwindende amerikanische Mittelschicht dem entgegensetzt.

Money, Money, Money

In Zeiten, in denen in den USA Elon Musk durch Börsengänge zum ersten Billionär der Geschichte wird, die Superreichen Zugewinne ihres Vermögens feiern, während die breite Masse von Inflationssorgen und wirtschaftlichem Abstieg gepeinigt wird, liefert El Dorado Drive einen diagnostischen Blick auf diese fragile Mittelschicht im Kleinen.

Obgleich der Roman erst spät durch einen Mord und der nebenbei behandelten Frage nach Täter und Motiv im Genre des Kriminalromans zu verorten ist, ist Megan Abbotts von Peter Hammanns aus dem amerikanischen Englisch übersetzter Roman doch vor allem einer, der dem Geld, seiner Faszination und seiner lebensprägenden Möglichkeiten nachspürt.

Auf den Club kam es nicht an, sagte sie sich. Hier ging es um Mord, nicht um Geld. Aber wenn Doug tatsächlich dafür verantwortlich war, ging es dann nicht auch um Geld?
Und er wusste von dem Club, wenigstens so ungefähr. Und von dem Geld.
Es ging immer ums Geld. Immer ums Geld.

Megan Abbott – El Dorado Drive, S. 276

So funktioniert Abbotts Buch als eine Art Finanz-Gesellschaftsroman im Kleinen, der einem Thema Raum gibt, das zwar als Gefühl breite Schichten nicht nur in der US-amerikanischen Gesellschaft umtreiben dürfte, für das die Literatur aber noch keine adäquaten Umgangsformen gefunden hat. Abbotts Roman adressiert nun dieses Gefühl, macht die materiellen Abstiegssorgen greifbar, inszeniert ihre Geschichte an einem stimmigen Handlungsort und beweist damit ihr feines Sensorium für die Verschiebungen Gegenwart.
Dass das auf (kriminal)literarisch überzeugende Art und Weise so geschieht (ohne an dieser Stelle auch noch Tschechows Drei Schwestern bemühen zu wollen), das macht das Buch zu einer echten Empfehlung.

Wunderbar, das sich der unabhängige Kleinverlag Pulp Master von Frank Nowatzki um die Herausgabe der Königin des Female Noir weiter verdient macht und solche Perlen abseits des Mainstreams auch für deutsches Lesepublikum zugänglich macht.


  • Megan Abbott – El Dorado Drive
  • Aus dem amerikanischen Englisch von Peter Hammans
  • ISBN 978-3-946582-29-8 (Pulp Master)
  • 440 Seiten. Preis: 18,00 €