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Dan Ivan – Meile 23

Er liefert sie wirklich, Geschichten aus dem Donaudelta, wie es der Untertitel zum Buch Meile 23 des rumänischen Autors Dan Ivan verheißt. Darin nimmt er die Leser*innen mit in ein abgelegenes Dorf, in dem er als Landarzt so manches Abenteuer zu erleben hatte, von Schlangen über den Ausbruch der Cholera bis hin zu den Auswirkungen der Diktatur Nicolae Ceaușescus.


Wenn sie heute offiziell startet, dann steht auch diese Ausgabe der Leipziger Buchmesse wieder unter einem Schwerpunktthema. Nachdem man sich in den letzten Jahren auf Länder wie Österreich oder im letzten Jahr auf Norwegen konzentriert hatte, ist das Schwerpunktthema diesmal wieder weitergefasst und greift auf interessante Weise auch die Ost-Ausrichtung der Leipziger Buchmesse auf.

Die Donau und ihre Anrainerstaaten sind diesmal das Gebiet, das mit zahlreichen Veranstaltungen erschlossen werden soll. Folglich hört das Ganze auf das Motto Donau – Unter Strom und zwischen Welten.

Geschichten aus dem Donaudelta

Ganze zehn Länder durchmisst der Fluss, ehe er in Rumänien ins Schwarz Meer mündet. An diesem Endpunkt des immerhin knapp 3000 Kilometer langen Stroms spielt auch das Buch Meile 23 von Dan Ivan (übersetzt von Peter Groth).
Darin erzählt dieser von seiner Zeit im gleichnamigen Ort, an den es ihn nach seinem Medizinstudium im Rumänien unter dem Diktator zeitweise verschlagen hatte.

Spontan erhielt er nach dem einer Leidenszeit als Assistenzarzt ein überraschendes Stellenangebot, das er ohne großes Zögern annahm und das ihm eine turbulente Zeit bescheren sollte.

„Nun, es ist etwas gekommen. Es ist ein Dorf im Delta mit ungefähr hundertdreißig Familien. Ein idyllisches Dorf, der Geburtsort des berühmten Kanuten und Olympiasiegers Ivan Patzaichin: Meile 23. Es gibt da nur ein Problem: Sie müssten morgen Nachmittag dort anfangen.“
„Morgen Nachmittag?“
„Ja. Ich weiß, dass es knapp ist, doch nehmen Sie einfach den Nachtzug, dann die Fähre Pasager bis Crișan, und von dort für eine weitere Viertelstunde die kleine Fähre bis nach Meile 23.“
„Das habe ich mir gemerkt.“
„Dann fahren Sie also?“
„Ich fahre, natürlich, das ist schon in Ordnung. Vielen Dank!“

So hat es angefangen.

Dan Ivan – Meile 23, S. 24 f.

Ohne viel medizinische Erfahrung und erst recht ohne eine nennenswerte Ausstattung vor Ort beginnt Dan Ivan seine Arbeit, die ihn mit vielen Herausforderungen und Überraschungen konfrontieren soll. Nicht nur, dass sich der medizinische Alkohol auf mirakulöse Weise auf seiner Station immer wieder verflüchtigt, auch scheint im Dorf ein erstaunlicher hoher Bedarf an medizinischem Alkohol zur Pflege der Möbel in den Häusern zu bestehen, da diese Flaschen ebenfalls im Handumdrehen verschwinden.

Erinnerungen eines Landarztes

Dan Ivan - Meile 23 (Cover)

Während knapp 900 Kilometer nördlich von Meile 23 in der Ukraine der Kernreaktor von Tschernobyl explodiert, hat Ivan derweil im Donaudelta mit dem Ausbruch von Cholera, mit Ratten in seinem Zuhause oder der zugefrorenen Donau zu kämpfen, die seine Einsätze als Arzt erschwert.

Dennoch ist Meile 23 kein Buch, in dem Negatives viel Platz hätte. Vielmehr ist Dan Ivans Buch eine Hymne auf die Schlitzohrigkeit der Menschen dort im Donaudelta, die sich auch von großteils unter Wasser stehenden Straßen, einer nahezu nonexistenten Infrastruktur und der Ausplünderung der spärlichen Ressourcen ihres Landstrichs nicht unterkriegen lassen. Das Buch feiert das Widerständige im Großen und Kleinen und wirft in schmunzelnden kleinen Schlaglichter einen Blick zurück auf jene Zeit, die Rumänien nun schon lange hinter sich gelassen hat.

Ein Hauch von James Herriots Erinnerungen an seine Zeit als Tierarzt auf dem Land, die unter dem Titel Der Doktor und das liebe Vieh auch hierzulande ihre Anhängerschaft fanden, weht durch dieses Buch. Mal schnurrig, dann wieder genau beobachtend oder vom Kleinen aufs Große zielend, so sind die Beobachtungen und Miniaturen von Dan Ivan, mit dem er eine hierzulande kaum repräsentierte Kulturlandschaft ins Bild setzt.

Fazit

Auch zum diesjährigen Motto der Buchmesse passen Ivans Erinnerungen wunderbar, denn schließlich ist die Fortbewegung auf dem Wasser, das Rudern und Schwimmen oftmals die einzige Möglichkeit, voranzukommen. Alles im Fluss also, wovon der in Bukarest geborene Ivan mit einem Gespür für Skurrilität und die Eigenheiten der Dorfbewohner dort in den swamplands erzählt und so das Leben im Donaudelta rund um den Weiler Meile 23 und Crișan mit dem Blick eines zunehmend abgeklärten Landarztes aufspießt.


  • Dan Ivan – Meile 23
  • Aus dem Rumänischen von Peter Groth
  • ISBN 978-3-912155-60-0 (Dittrich Verlag)
  • 148 Seiten. Preis: 18,00 €