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Safae El Khannoussi – Oroppa

In ihrem Debüt Oroppa denkt die niederländische Autorin Safae El Khannoussi Europa weit und schreibt anhand einer Künstlerinnenbiografie an einer Erweiterung des geografischen Raums bis in den Maghreb hinein. Das ist in ihrer Erzählweise durchaus schlüssig und auf der Höhe der Zeit.


Alles beginnt in Safae El Khannoussis Roman mit dem Tod – denn Salomé Abergel liegt im Sterben. Nur ist das mit dem Sterben so eine Sache, denn der Tod will sich noch nicht wirklich einstellen.

Salomé Abergel wäre anstandslos in den Tod hinübergeglitten, hätte der Tod sie, nachdem er erst unschlüssig auf ihr herumgekaut hatte, nicht doch wieder ausgespuckt – zurück ins Leben. Seltsame Art aufzuwachen, dachte sich Salomé auch wenn es noch seltsamere gab, so wie neulich, als sie in der grellen Sonne auf einmal auf dem Balkon wach geworden war, neben einer Frau, die mit geschlossenen Augen eine Zigarette rauchte.

Safae El Khannoussi – Oroppa, S. 9

Der Frage, wer diese Salomé Abergel ist, die hier zwischen Leben und Tod oszilliert, widmet sich El Khannoussis Text im Folgenden. Dabei wählt die 1994 in Tanger geborene Autorin einen indirekten Erzählansatz, denn hauptsächlich erfahren wir das Leben der Künstlerin nicht über sie selber, sondern über Menschen, die Salomés Lebensspur gekreuzt haben. So wie beispielsweise die Imbissangestellte Hind in Amsterdam, die von ihrem Chef Hbib ein ungewöhnliches Angebot bekommt.

Im Haus der Künstlerin

Statt in ihrem bisherigen Zuhause in einer besseren Besenkammer soll die junge Frau als Haushüterin auf das Anwesen einer Bekannten von Hbib aufpassen.

„Hör zu, du wohnst hundertmal schöner als jetzt und zahlst auch noch keinen müden Cent dafür. Um Salomé brauchst du dir keine Gedanken zu machen, die kommt nicht zurück. Jedenfalls vorerst. Du kriegst den Schlüssel Du sagst der Oma Adieu und ziehst um. Salomé ist eine gute Freundin von mir. Ihr Haus gehört jetzt dir. Du hältst es ein bisschen sauber, räumst auf, gießt die Pflanzen. Anonsten kannst du tun und lassen ,was du willst. Aber aufgepasst. Es ist die Rivierenbuurt. Also mach mir ja keinen Ärger. Und wenn jemand nach Salomé Abergel fragt, sagst du, sie sei verreist.

Safae El Khannoussi – Oroppa, S. 17

Ganz so problemlos, wie es ihr Chef darstellt, ist der Deal aber mitnichten. Denn nicht nur, dass schon bald das Telefon im Haus im Amsterdamer Stadtteil Rivierenbuurt klingelt und eine Dame nach Salomé fragt. Auch finden sich im Keller des Hauses Gemälde, die der kifffreudigen Hind wie aus einer drogeninduzierten Vision erscheinen — keiner guten allerdings. Denn die Werke lassen der jungen Frau einen Schauer über den Rücken laufen. Wer war die Künstlerin, die diese Werke erschaffen hat und aus welchen Erfahrungen speist sich die Kunst der Verschollenen?

Von Amsterdam nach Casablanca und retour

Safae El Khannoussi - Oroppa,

Das klärt der nachfolgende Teil um den schwerkranken ehemaligen Gefängnisaufseher Yousef Slaoui, der mittlerweile ebenfalls in Amsterdam gestrandet ist. Schon früh kreuzten sich seine Pfade mit denen von Salomé „Salma“ Abergel, die im Zuge von Protesten in Casablanca aufgegriffen wurde.
Ihre Rebellion und Widerstand sowie das erlittene Leid, das sie dort in Marokko erfuhr, ehe sie als Künstlerin in Europa reüssierte, das beleuchtet der zweite Teil, dem dann auch noch eine weitere Passage folgt, die sich um die Galeristin Salomés und deren Suche nach ihr dreht, die die Galeristin ebenfalls in den Maghreb führt.

Dabei ist das Leben Salomés ebenso Thema wie die politischen Entwicklungen dort in der Region, etwa dem Arabischen Frühling – und dessen Auswirkungen auch auf Europa, die sich in der Person Salomé Abergel spiegeln. Dazu kommen erzählerische Einschübe wie in Etappen präsentierte Anekdoten, Passagen um ein geheimnisvolles 21. Arondissement, mit dem fast so etwas wie ein kleines Fantasy-Element zwischen Jorge Luis Borges und Carlos Ruiz Zafon in den Roman findet. Und auch die die nachgelagerte sogenannten „Angsthefte“ bilden ein weiteres erzählerisches Mittel in diesem form- wie genresprengenden Romandebüt von Safae El Khanoussi.

Oroppa entzieht sich somit einer genauen Zuordnung, bietet dafür aber einen vielgestaltigen Blick auf ein Frauenschicksal und die Geschichte der Gewalt, die Marokko und die anderen Staaten in der postkolonialen Zeit erfahren haben. Auch fragt ihr Roman nach den künstlerischen, geschichtlichen und biographischen Beziehungen zwischen den Kontinenten Europa und Nordafrika – und bietet damit gerade in dieser Zeit, in der energisch über Abschiebungen und die Sicherung von Außengrenzen debattiert wird, einen lesenswerten Einwurf, der zeigt, dass sich die Regionen doch näher sind und die Einflüsse weiter gedacht werden müssen, als es bei einem streng geografischen Blick auf die Landkarte der Fall ist.

Fazit

Wer sich auf dieses von Stefanie Ochel aus dem Niederländischen übersetzten Buch einlässt, der bekommt ein überbordende Erzählfeuerwerk zwischen Meknes und Amsterdam serviert. Oroppa ist ein Leseerlebnis, das manchmal wie im Delirium, dann wieder schmerzhaft klarsichtig wirkt. El Khannoussis Roman steckt voller Erzähllust und tragischer Schicksale, Kunst und Migrationserfahrung und schlingert auf gute und herausfordernde Art und Weise. Dieses politische und erzählerische wilde Werk macht Lust auf Diskussionen und mehr von der Autorin!


  • Safae El Khannoussi – Oroppa
  • Aus dem Niederländischen von Stefanie Ochel
  • ISBN 978-3-446-28474-6 (Hanser)
  • 350 Seiten. Preis: 26,00 €

Sönke Wortmann – Es gilt das gesprochene Wort

Die Kunst der Rede, sie hat es Sönke Wortmann ganz offensichtlich angetan. Im vergangenen Jahr adaptierte er nach der Komödie „Der Vorname“ im Jahr 2018 nun den nächsten Film aus Frankreich. So wurde aus der französischen Komödie „Le Brio“ der deutsche Film „Kontra“ mit Nilam Farooq und Christoph Maria Herbst. Darin diskriminiert ein Rhetorikprofessor eine Studentin und muss sie zur Wiedergutmachung für einen Debattierwettbewerb vorbereiten.

Offensichtlich war es Sönke Wortmann nicht genug, die Kunst der Rede filmisch einzufangen. So verfasste er mit Es gilt das gesprochene Wort auch noch seinen ersten Roman, der sich mit diesem Thema beschäftigt.

Im Mittelpunkt des Buchs steht Franz-Josef Klenke, der als Redenschreiber des deutschen Außenministers Hans Behring fungiert. Er formuliert die Reden des Ministers, setzt sich im Vorfeld mit den jeweiligen Rahmen der Reden auseinander und wirkt im Schatten, um den Politiker glänzen zu lassen. Eigentlich stammt er aus der Werbebranche, war mit einer Agentur in die Wahlkampagne um Peer Steinbrück im Bundestagswahlkampf 2013 eingebunden und kam danach zu seinem Job im Dienste des Ministers.

Ein Abend in Marokko

Sönke Wortmann - Es gilt das gesprochene Wort (Cover)

Liiert ist er mit Maria, die er bei einem Termin des Außenministers in Krakau kennengelernt hat. Sie leidet unter selektivem Mutismus, das Sprechen unter Druck und mit unbekannten Personen ist ihr kaum möglich. Im Privaten mit Klenke kann sie sprechen, in der Öffentlichkeit hingegen ist sie wie gelähmt und kann sich nicht artikulieren. Das gegensätzliche Paar plant nun einen privaten Urlaub im Anschluss an einen Termin des Außenministers in Marokko.

Dort vor Ort erwartet sie die dritte Hauptfigur, die Sönke Wortmann in den Mittelpunkt stellt. Es handelt sich um den Diplomaten Cornelius von Schröder. Dieser fristet unzufrieden sein Botschaftsleben in Rabat. Von seiner Frau Marysol hat er sich entfremdet und hadert mit seinem Leben. Der Job, sein Einsatzgebiet, sein Familienleben – all das bedeutet ihm nur noch Verdruss, weshalb er sich in Fremdenfeindlichkeit, Verschwörungstheorien und rechten Hass hineinsteigert. Auf einem Delegationsabend treffen alle drei Figuren dann dort in Marokko aufeinander – mit folgenschweren Konsequenzen.

Ein Gefühl der Unentschiedenheit

Was wollte Sönke Wortmann mit seinem Buch sagen? So ganz kann ich es nach der Lektüre von Es gilt das gesprochene Wort nicht sagen. Über dem ganzen Buch schwebt ein Gefühl der Unentschiedenheit. Es mag sich alles nicht so recht fügen. Da ist das Porträt des Redenschreibers Franz Josef-Klenke mit seinem Job im Schatten. Hier wagt Sönke Wortmann einen Blick hinter die Kulissen des politischen Tagesgeschehens. Er erzählt von Menschen mit Idealen mitten im Machtapparat der Politik und stützt sich dabei auch auf wahre Ereignisse, wie etwa den Bundestagswahlkampf 2013, der Klenke zu seinem Job im Auswärtigen Amt brachte.

Dann ist da aber auch die Liebesgeschichte zwischen der nahezu stummen Maria und dem mit Rhetorik befassten Klenke, die von Wortmann reichlich oberflächlich geschildert wird. Wenn Maria Klenke sieht, schlägt hier das Herz schnell (S. 226). Das kann man so formulieren, es ist aber in seiner Gesamtheit weder originell noch überzeugend. Literarisch gesehen ist das ganze Buch doch auch eher einfache Hausmannskost denn elegant formulierte und tiefenscharf herausgearbeitete Prosa.

Vom Fehlen eines überzeugenden Zugriffs

Immer wieder springt Wortmann von Figur zu Figur, fügt währenddessen die Reden ein, die Klenke dem Minister formuliert hat und in denen aktuelle politische Probleme betrachtet werden. Dann will Wortmann aber auch das Abgleiten des Botschaftsmitarbeiter von Schröder in den Radikalismus schildern und aktuelle geopolitische Verwerfungen nachzeichnen. Gegen all das wäre nichts zu sagen, wenn diese Aspekte auch nicht ebenso wie die Liebesgeschichte nur an der Oberfläche der Dinge kratzen würden. Alles hier würde eine vertiefende Behandlung vertragen, stattdessen bleibt Wortmann im Ungefähren und wagt es nicht, den Dingen wirklich auf den Grund zu gehen. Nichts bleibt hier nachhaltig im Kopf, weder die Romanze, noch die Radikalisierung, noch der Clash in Marokko.

Man wünscht sich, Wortmann hätte den Mut gehabt, sich für einen Aspekte seines Romans zu entscheiden, und diesen mit der gebotenen Sorgfalt behandelt. So bleibt das Gefühlt, dass dem Regisseur sein Material entglitten ist und er keinen wirklichen Zugang oder eine überzeugende Formsprache für seinen Plot gefunden hat. Das ist schade, da die behandelten Themen eigentlich hochinteressant sind. Und auch über die Politik und das Geschäft mit ihr gäbe es viel Spannendes zu sagen, wie es etwa Nora Bossong in ihrem Roman Schutzzone gezeigt hat. Hinter diesem Werk bleibt Sönke Wortmann leider mit großen Abstand zurück und vermag es nicht, seinen Stoff in ein überzeugendes Buch zu verwandeln.

Fazit

Trotz vielversprechender Anlagen gelingt es Sönke Wortmann nicht, seine Themen zu einem überzeugenden Roman zu runden. Es gilt das gesprochene Wort ist von einem Gefühl der Unentschiedenheit und literarischen Belanglosigkeit geprägt, das das Buch schnell wieder vergessen lässt.


  • Sönke Wortmann – Es gilt das gesprochene Wort
  • ISBN 978-3-550-20059-5 (Ullstein)
  • 240 Seiten. Preis: 24,00 €